Gottesdienst mit Abendmahl
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 9. Jänner 2022
mit Pfr. Johannes Wittich
Klaviervorspiel: Juliane Schleehahn: Auszug Nr. 21 aus “Album für die Jugend” von Robert Schumann (1810 – 1856)Lied: Evangelisches Gesangbuch, 66, 1-3.5: Jesus ist kommen1.) Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude; 2.) Jesus ist kommen, nun springen die Bande, 3.) Jesus ist kommen, der starke Erlöser, 5.) Jesus ist kommen, der König der Ehren; Spruch: Jh. 1, 11-12:11Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben. Begrüßung:Gott als Mensch in die Welt gekommen. Gott als Kind in dieser Welt. Kollektengebet:Wunderbarer Gott, Lesung: Jes. 11, 1-91Und aus dem Baumstumpf Isais wird ein Schössling hervorgehen, Lied: Evangelisches Gesangbuch, 74, 1-4: Du Morgenstern, du Licht vom Licht1.) Du Morgenstern, du Licht vom Licht, 2.) Du Lebensquell, wir danken dir, 3.) Du ewge Wahrheit, Gottes Bild, 4.) Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, Predigt: Mt. 2, 13-18:13Als sie (die Sterndeuter) aber fortgezogen waren, da erscheint dem Josef ein Engel des Herrn im Traum und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir Bescheid sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es umzubringen. 14Da stand er auf in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und zog fort nach Ägypten. 15Dort blieb er bis zum Tod des Herodes; so sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. 16Als Herodes nun sah, dass er von den Sterndeutern hintergangen worden war, geriet er in Zorn und liess in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren umbringen, entsprechend der Zeit, die er von den Sterndeutern erfragt hatte. Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder! Jedes Jahr wird es uns wieder klar: Für Josef und Maria waren die Ereignisse um die Geburt ihres Sohnes schon eine ziemliche Zumutung: Zuerst die ganze Sache mit der mehr als außergewöhnlichen Vaterschaft. Josef muss da wirklich Nerven zeigen. Die Reise nach Bethlehem im hochschwangeren Zustand der Maria. Dann die Probleme mit der Unterkunft dort. Schließlich die Geburt unter widrigsten Umständen. Und jetzt: Ein heimtückischer König, der dem Kind nach dem Leben trachtet. Eine dadurch notwendige Flucht in ein fremdes Land. Als ob alles andere nicht schon schlimm genug gewesen wäre. Gewiss: In den Berichten um die Geburt Jesu herum stecken viele wunderbare, tröstliche und aufbauende Details: Das Loblied der Maria, die Treue des Josef, die Hirten, die Engel, der Stern, die Sterndeuter. Die Freude all der Menschen, so wenige es zunächst einmal noch sind, über dieses Kind. Die Freude der Menschen, die in ihm den Erlöser Gottes sehen können. Diese Momente machen den Zauber von Weihnachten aus, und wir genießen es immer wieder, sie uns am Heiligen Abend in Erinnerung zu rufen. Nur: Aus der Distanz betrachtet, so einige Tage nach dem Heiligen Abend mit seinen besonderen Emotionen, da kommen wir an den harten und erschreckenden Aspekten der Geschichte nicht vorbei. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die weiteren Ereignisse, schon kurze Zeit nach der Geburt so schockierend und eigentlich verstörend sind. Da sollte man glauben, dass mit der Geburt des Erlösers schon alles anderes, besser, neu geworden ist. Nichts davon ist zu spüren. Ganz im Gegenteil: Kaum ist der erste Zauber dieses Ereignisses verblasst, schlägt die Machtgier und die Herzlosigkeit eines brutalen Herrschers wieder voll zu. König Herodes fürchtet um seinen Thron. Und ist bereit, ein grausames Massaker zu veranstalten, nur um ganz sicher nicht irgendwo einen Konkurrenten zu haben. Und wenn dabei Kinder draufgehen – egal. Ich versuche, mir vorzustellen, wie sich die Hirten in diesem Augenblick gefühlt haben. Sie waren ja wohl Augenzeugen auch dieser grauenvollen Ereignisse, als Bewohner des Umlandes von Betlehem. Gerade noch waren sie Zeugen eines unglaublich schönen Moments gewesen. Die jahrhundertlange Sehnsucht nach einem Erlöser, nach dem Messias, endlich war sie erfüllt worden. Sie hatten es mit eigenen Augen gesehen. Vom „Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ hatten die Engel gesungen. Alles würde nun anders sein, wo doch der Heiland geboren wurde. Und dann das: Ein Massaker an unschuldigen Kindern in Bethlehem. Man mag sich gar nicht vorstellen, wir grauslich das gewesen sein mag. Was das bedeutet haben muss, für die Mütter, die Väter, die Geschwister, die Familien. Trauer, Schmerz, Leid, Klagen in der Stadt Bethlehem. Ein, so würde man heute sagen, traumatisches Ereignis für die, die es erleben mussten. Und ich denke mir, dass da der eine oder andere von den Hirten so seine Zweifel bekommen hat, ob das wohl wirklich wahr war, mit der Geburt des Erlösers. Oder was das wohl bringen soll, wenn Gott Mensch wird und so gar nichts dagegen tun kann, um so eine fürchterliche Katastrophe für die Familien in Bethlehem zu verhindern. Aber auch Maria und Josef: Was hatten sie bis zu diesem Moment schon alles mitgemacht! Und jetzt das: Fliehen müssen. Bei Nacht und Nebel sich davon machen. Die Heimat verlassen, alles aufgeben, was da an Sicherheit gewesen ist: Familie, Freunde, Haus, Beruf, ja auch: Verankert sein in den Feiern und Traditionen des Glaubens, der Religion. Kaum geboren wird der Messias zum Flüchtlingskind. Zum Vertriebenen, zum politisch Verfolgten, zum Asylwerber. Erschreckend aktuell: Wie wird wohl diese Flüchtlingsfamilie in Ägypten aufgenommen worden sein? Wo war wohl das „Erstaufnahmezentrum“? Wie haben die Behörden in Ägypten wohl reagiert? Gleich in Josef einen potentiellen Kriminellen gesehen? Wer fliehen muss, hat ja sicher was angestellt, nicht wahr. Und: Waren die alteingesessenen Ägypter wohl bereit, der Flüchtlingsfamilie zu helfen? Sie mit dem Wichtigsten zu versorgen? Hat Josef wohl gleich eine Arbeit angeboten bekommen? Oder musste er damit warten, bis sein Asylverfahren abgeschlossen war und sich und seine Familie mit Almosen durchbringen? Was uns das Matthäusevangelium jetzt berichtet, ist ein schmerzhafter Kontrast zu dem, was wir an Weihnachten so schätzen. Obwohl: Die Weihnachtsgeschichte bekommt Tiefgang. Gott ist nicht in eine künstlich schön und idyllisch gemachte Welt gekommen. Er ist in die Welt gekommen, so wie sie ist. Damals wie heute. Gott ist sich nicht zu gut, sich dieser unserer Welt auszusetzen. Das Leben des Messias ist bedroht – praktisch von der ersten Minute an. Wäre nicht Josef gewesen und seine Entschlossenheit – wer weiß, wie sich dann die Geschichte entwickelt hätte. Gott traut uns Menschen offensichtlich einiges zu, an Verantwortung, an Fähigkeit, sich richtig zu entscheiden und das richtige zu tun. Er vertraut Menschen das Leben seines Sohnes an und rechnet mit ihnen. Was für ein Gott, der uns Menschen so viel zutraut. Ich finde das sehr ermutigend. Ich hoffe, ich wünsche, dass die ziemlich sicher zutiefst verstörten Hirten das auch so sehen konnten. Als Gegenwart eines Gottes, der sich ganz den Menschen ausliefert. Sie in die Verantwortung ruft, aber auch in den Glauben. Was eigentlich gar nicht so schwer ist: Die dunklen Seiten dieser Welt kennen wir. Wie gut, zu wissen, dass Gott auch da mitten drin bei uns ist. Amen. Lied: Evangelisches Gesangbuch, 229, 1-3: Kommt mit Gaben und LobgesangAbendmahl:Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35) Wir feiern Abendmahl miteinander, zusammengeführt durch den Geist Gottes an den Tisch Jesu Christi. So wollen wir daran denken, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, und was wir heute mit ihm erleben können, wenn wir in seinem Namen essen und trinken. Einsetzungsworte: Jesus Christus, Ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl Denn sooft ihr dieses Brot esst Gebet:Deinen Tisch, Gott, hast du für uns gedeckt. Einladung: Wir sind eingeladen zum Tisch Jesu Christi. Kommt, es ist alles bereit; seht und schmeckt, wie freundlich Gott ist. Austeilung: Gebet:Jesus Christus, Gott, viele können das nicht nachempfinden. Für sie wollen wir bitten: Wir bitten dich für deine Kirche, Und gemeinsam beten wir: Unser Vater im Himmel … Segen:Der Herr segne dich und behüte dich, Lied: Evangelisches Gesangbuch, 170, 1.3: Komm, Herr, segne unsKlaviernachspiel: Juliane Schleehahn |
Gottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 2. Jänner 2022
mit Pfr. Johannes Wittich
Orgelvorspiel: Juliane SchleehahnLied: Evangelisches Gesangbuch, 39, 1-3: Kommt und lasst uns Christus ehren1.) Kommt und lasst uns Christum ehren, 2.) Sünd und Hölle mag sich grämen, 3.) Sehet, was hat Gott gegeben: Spruch: Jh. 1,16:Aus seiner Fülle haben wir ja alle empfangen, Gnade um Gnade. Begrüßung:Wir stehen noch im Beginn eines neuen Jahres. Die vielen Jahresrückblicke stehen noch vor unserem inneren Auge, Rückblicke auf Gutes und weniger Gutes. Motiviert und voller Hoffnung gilt jetzt unser Blick dem, was vor uns steht. Der Satz aus dem Johannesevangelium ist auch so etwas wie ein Rückblick, der nach vorne schaut. Eine Erkenntnis: unser Leben ist voll von der Gnade Gottes, von seinem guten Handeln an uns. Und wenn das so ist, so war, dann wird es auch weiter so sein. So beginnen wir diesen Gottesdienst, wie auch das neue Jahr, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gebet:Geheimnisvoller Gott! Lesung: Jes. 49, 13-1813Frohlocke, Himmel, und juble, Erde! Lied: Evangelisches Gesangbuch, 64, 1.2.6: Der du die Zeit in Händen hastPredigt zu Jh. 3, 1-8Es war aber einer unter den Pharisäern, sein Name war Nikodemus, einer vom Hohen Rat der Juden. 2Dieser kam zu ihm in der Nacht und sagte: Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. 3Jesus entgegnete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen. 4Nikodemus sagt zu ihm: Wie kann denn ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht ein zweites Mal in den Schoss der Mutter gelangen und geboren werden? 5Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes gelangen. 6Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. 7Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von oben geboren werden. 8Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist. Liebe Gemeinde, eine eigentümliche Stimmung liegt über dieser Geschichte. Es ist die Begegnung zweier Menschen in der Dunkelheit, in der Nacht. Nikodemus, ein Pharisäer, ein religiöser Führer des Judentums zur Zeit Jesu, will diesen Jesus kennen lernen, mit ihm ins Gespräch kommen. Er spricht ihn als Rabbi an, als Lehrer im Glauben, und erwartet, selbst gebildet und fromm, von diesem Jesus etwas lernen zu können. Mit gutem Grund kommt Nikodemus in der Nacht. Niemand soll ihn sehen, niemand soll die Peinlichkeit mitbekommen, dass er, der Gelehrte, den Zimmermann aus Nazareth um seine Meinung fragt. Eigentlich ziemlich feige, diese Einstellung, finde ich. Denn schließlich hat Nikodemus bereits eine sehr ausgeprägte Meinung von diesem Jesus, ist sich sicher, dass er von Gott gekommen ist, kann die Zeichen und Wunder, die Jesus schon getan hat ganz einfach nicht anders interpretieren als als Beweise, dass da wirklich ein Mensch von Gott befähigt und beauftragt ist, uns neue Einsichten zu bringen. Ja, als Gesandten Gottes sieht er Jesus. Und trotzdem: Er denkt nicht im Traum daran, diese Erkenntnis anderen mitzuteilen. Zu groß ist der Druck, der auf ihm lastet, die Verantwortung. Es geht um Erhaltung der Tradition, um das Sichern der bewährten Ordnung. Aber: Für sich selbst, unabhängig von seiner Funktion, für seinen persönlichen Glauben, sucht er Jesus. Und führt mit ihm ein Gespräch, ein Lehrgespräch, wie es in der jüdischen Tradition gerne gepflegt wird. Gelehrte kommen zusammen und schauen, wie viel ihr Standpunkt wert ist, wenn er sich am Wissen und Können eines anderen reibt. Diese Tradition der angstfreien religiösen Debatte hat uns das Judentum eindeutig voraus. Ich sage deswegen „angstfrei“, weil in der Geschichte des Christentums eher die Tendenz vorherrschte, den religiösen Gegner mit dem Scheiterhaufen zu bedrohen. Die Debatten innerhalb des Christentums waren selten fair, weil der abweichlerische Diskussionspartner in der Regel Kopf und Kragen riskierte. Menschen wie Franz von Assisi, Johannes Hus, Martin Luther, Johannes Calvin, Galileo Galilei wussten ein Lied davon zu singen, wie wenig locker es sich debattiert, wenn im Hintergrund schon das Holz aufgestapelt wird. So ein Lehrgespräch über den Glauben mit Jesus muss faszinierend gewesen sein. Allein: Es ist uns heute nicht mehr möglich, weil er uns so als Ansprechpartner nicht mehr zur Verfügung steht. Dennoch: Wir pflegen ja diese Tradition des Gespräches über den Glauben auch: Im Religions- und Konfirmandenunterricht, in Bibelgesprächen. Wo das geschieht, so denke ich, wird deutlich, dass wir voneinander profitieren können, von unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und –zugängen, von unterschiedlichen Standpunkten und Perspektiven. Wir können das tun, weil Gott eben so viel an menschlichem Geist und Verstand und an Erkenntnis in diese Schöpfung hineingepackt hat, dass sich endlos daraus schöpfen lässt. Das heißt jetzt nicht, dass alles, was wir sagen, immer von göttlicher Intelligenz ist – ich denke, das wissen wir alle. Aber wie viel sich in einem ernsthaften aufeinander Hören entwickeln kann, das, denke ich, haben wir alle schon gemerkt. So auch bei Nikodemus: Es geht um ein Eintauchen in neue Erkenntnisse, die mehr sind als nur Wissenserweiterung. Er möchte Eintauchen in Erkenntnisse, die ihn wirklich weiterbringen, die ihm helfen, sich selbst neu zu sehen und zu verstehen. Er ist bereit, auch zu Erkenntnissen zu kommen, die ihn erschüttern, ihn in Frage stellen, ihm möglicherweise für einen Augenblick den Boden unter den Füßen wegreißen. Wie gesagt, Nikodemus ist Pharisäer, gehört also zu einer Gruppe, die ein ganz klares, um nicht zu sagen, starres Glaubenssystem vertritt. Und so einer riskiert bei Jesus wirklich viel. Bei Jesus, der ja bekannt dafür ist, radikal Dinge in Frage zu stellen um dann ebenso radikal Gottes- und Menschenliebe zu fordern. Mehr noch: Jesus spricht Dinge an, die mit dem menschlichen Verstand letztlich nicht zu fassen sind: Die neue Geburt, die dem Glaubenden von oben geschenkt wird. Unlogisch das Ganze. Wir werden nur einmal geboren und das ist es dann auch. So meint ja dann auch Nikodemus gleich: Wie kann ein Mensch noch einmal geboren werden? Das geht nicht, ein erwachsener Mensch kann nicht mehr in den Bauch seiner Mutter zurück. Und hat damit recht, zeigt sich als Meister der Logik, wischt alles Irrationale vom Tisch und fordert Jesus heraus. Er fordert Jesus heraus, ihm, dem Logiker, die Logik richtiggehend zu zerlegen. Denn Nikodemus ist nicht auf der Suche nach logischer Erkenntnis. Er ist auf der Suche nach Sicherheit im Glauben, auf der Suche nach Stütze für das Leben, auf der Suche nach Nähe und Beziehung zu Gott. Mit der Widergeburt, die Jesus meint, wird er nicht gescheiter werden. Aber: Er wird trotzdem ein neuer Mensch sein. Weil Gott ihn dazu machen wird. Eine neue Existenz, das ist, was Jesus verspricht. Durch die Taufe. Interessant ist ja schon: Es wird uns in der Bibel nicht berichtet, wie Nikodemus auf die Sätze Jesu reagiert hat. Nikodemus fragt, Jesus antwortet – mehr nicht. Angenommen wird, dass Nikodemus kein Jünger geworden ist; er taucht später zwei mal noch auf, ganz kurz, einmal, als er einen fairen Prozess für Jesus fordert und ein anderes Mal später dann, als er ein Spende macht, um den Leichnam Jesu einbalsamieren zu lassen. Man geht davon aus, dass er Sympathisant Jesu war und geblieben ist, niemals aber seine Position riskiert hat, die er zweifelsohne verloren hätte, wenn er sich offen als Anhänger Jesu deklariert hätte. Jesus macht nicht mehr, als ihm das Wagnis des Glaubens anzubieten, vorzustellen, ihm diese Möglichkeit zu eröffnen. Und ein Wagnis ist es, wenn, so wie Jesus sagt, der Geist Gottes wie der Wind bläst, mal da ist, mal dort, und wohl auch uns als Gläubige hin und her wehen kann. Was aber immer da ist, ist dieses neu sein durch die Taufe. Im Geist Gottes wird diese Welt immer wieder neu belebt und wir mit ihr. Reich Gottes entsteht unter Menschen, die vom Geist Gottes berührt sind und seinen Willen tun. Was uns die Wiedergeburt durch die Taufe noch bringt: Sie nimmt uns die Angst. Selbst vor dem, was uns am meisten beängstigt, dem Tod. Gewiss: Mit unserer Sterblichkeit umgehen zu können, mit der Vergänglichkeit von Beziehungen und Freundschaften, die durch den Tod ein Ende finden, das gelingt uns nie vollkommen. Aber gerade wenn die Angst da ist, die Trauer können wir wissen: wir sind getauft. Wir tragen ein Zeichen Gottes an uns. Wir sind wiedergeboren, neu geboren, in einer Geburt, die menschliches Geboren-Sein übersteigt. Das erste, irdische Leben, kann uns genommen werden, wird uns genommen werden. Das zweite, neue, wiedergeborene Leben hat Bestand, für immer. Das kann uns niemand mehr nehmen. Dafür verbürgt sich Gott. Amen. Lied: Evangelisches Gesangbuch, 636, 1-4: Selig seid ihrGebet:Guter Gott, Unser Vater im Himmel … Segen:Der Herr segne dich und behüte dich, Lied: Evangelisches Gesangbuch, EG: 171, 1.4: Bewahre, uns, GottOrgelnachspiel: Juliane Schleehahn: Praeludium in F-Dur von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) |
Gottesdienst zu den Weihnachtsfeiertagen
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten,
mit Gerti Rohrmoser und Johannes Wittich
Orgelvorspiel: Johannes Wolfram: ImprovisationMit freundlicher Genehmigung des Komponisten. Lied: Evangelisches Gesangbuch 27, 1.2.5.6: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich1) Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, 2) Er kommt aus seines Vaters Schoß 5) Er wird ein Knecht und ich ein Herr; 6) Heut schließt er wieder auf die Tür Spruch: Jh. 1, 14a:Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit. Begrüßung:Auch wenn eigentlich der 25. Dezember als Geburtstag von Jesus gefeiert wird – das eigentliche Weihnachtsfest findet für viele bereits in der „Heiligen Nacht“ davor statt. Das ist auch gut so; sind doch viele Emotionen und Stimmungen mit diesem Fest verbunden. Das bringt es aber auch mit sich, dass wir uns am ersten und zweiten Weihnachtstag schon fast ein bisschen in „nachfestlicher“ Stimmung befinden, weil eben das große Feiern schon gewesen ist. Auch das Johannesevangelium spricht vom Kommen Gottes in die Welt zunächst einmal in der Vergangenheitsform: „das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit.“ Ja, mit der Menschwerdung Gottes ist etwas Einzigartiges geschehen. Es ist aber nicht ein Ereignis, dass einmal geschehen und damit bereits wieder vorbei ist. Es ist ein Ereignis, das bis heute nachwirkt: Gott ist mitten unter uns. Das machen wir uns wieder bewusst, wenn wir heute feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Gebet:Guter Gott, Weihnachtsgeschichte für Kinder:Hallo ihr Lieben, ich bin es wieder Fieps! (Ariane Simml) Lied: Es ist für uns eine Zeit angekommen1) Es ist für uns eine Zeit angekommen, 2) In der Krippe muss er liegen, 3) Drei König’ kamen, ihn zu suchen, Predig:
|
Gottesdienst zum 4. Advent
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 19. Dezember 2021
mit Dr. Ulrich Körtner
Orgelvorspiel: Juliane Schleehahn: Allegro moderato maestoso – gekürzte Version von Felix Mendelsson Bartholdy (1809 – 1847)Lied: Evangelisches Gesangbuch, 8, 1-6: Es kommt ein Schiff geladenBegrüßung mit dem Wochenspruch aus Phil 4,4:Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet Euch! Der Herr ist nahe! Der vierte Advent steht im Zeichen der Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest und der Hoffnung auf Jesus Christus, der unsere Freude ist. Vielleicht geht es uns aber so wie vielen Menschen während des zweiten Corona-Winters, denen gar nicht fröhlich zumute ist. Vielleicht sind auch wir bedrückt, dünnhäutig und von Sorgen erfüllt, wie es mit uns und der Welt weitergehen mag. Manche unter uns quälen vielleicht ganz persönliche Nöte, Krankheit und Zukunftsängste. Mit all dem kommen wir vor Gott zusammen. Auf sein Wort wollen wir hören und daraus neue Kraft und neuen Mut schöpfen. In seinem Wort kommt er uns nahe und will uns auch in allem Schweren zur Quelle des Lebens und der Freude werden. Darauf dürfen wir vertrauens. Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes. Psalm: Ps 102,13-14.16-18.20-23Du, HERR, bleibst ewiglich und dein Name für und für. Gebet:Advent. Du willst zu uns kommen, Herr, Klaviermusik von Martin Pauliny:Lesung: Jes 52,7-10Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte, und ein Licht auf unserem Wege. Lied: Evangelisches Gesangbuch, 19,1-3 O komm, o komm, du MorgensternPredigt über Lk 1,26-28Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr. (Lutherbibel 2017) Zu einer besinnlichen Adventsfeier gehören nicht nur Weihnachtslieder, sondern auch eine gute Geschichte. Viele Geschichten zur Weihnachtszeit sind Legenden. Von Legenden geht eine starke Faszination aus, obwohl wir wissen, dass das, was sie erzählen, nur eine erdichtete Geschichte ist. Legenden sprechen tiefere Schichten unserer Seele an als die täglichen Fernsehnachrichten. Sie bringen etwas tief in uns zum Schwingen, das weiter reicht als unsere kühler Verstand, Auch bei der Geschichte, die uns Lukas über die Ankündigung der wundersamen Geburt Jesu erzählt, handelt es sich um eine Legende, wie überhaupt die biblischen Erzählungen über Jesu Geburt und Kindheit über weite Strecken legendarische Züge tragen. Als Tatsachenbericht gelesen, wird diese Geschichte wohl bei den meisten Menschen nur ungläubiges Kopfschütteln auslösen. Der Glaube an Engel oder spirituelle Begleiter ist allerdings in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen. Kugelförmige Engelsrufer, die als Schmuckstücke um den Hals getragen werden, verkaufen sich ebenso gut wie Bücher über Engel, himmlische Mächte oder unsere vermeintliche eigene Engelsnatur. Aber trotz Esoterikboom werden heutzutage wohl nur die wenigsten Menschen die Jungfrauengeburt Jesu als biologische Tatsache akzeptieren. Muss man das, wenn man ein gläubiger Christ sein will? Ich glaube nicht. Das Evangelium, die gute Nachricht von der Menschwerdung Gottes, spricht von einer anderen Wahrheit als es die Naturwissenschaften und die moderne Medizin tun. Die gute Nachricht von Jesus aus Nazareth behauptet keine alternative Faktenlage und verbreitet keine Fake-News wie moderne Verschwörungstheoretiker, Coronaleugner, Rechtspopulisten und Demagogen. Sie weist den Weg zum wahren Leben, nach dem wir uns sehnen. Sie spricht vom richtigen Leben im falschen, nämlich von einem Leben in Glaube, Liebe und Hoffnung, das Gott uns schenkt. Das tut sie bisweilen in Bildern und Gleichnissen, aber auch in legendarischen Geschichten, die keine historischen Tatsachen berichten und dennoch in einem tieferen Sinne wahr sind. Diese Geschichten wollen nicht wörtlich, wohl aber beim Wort genommen werden. Manche tun solche Geschichte ab: „Das sind ja nur Legenden“. Wienerisch gesagt: „Des san halt bloß G’schichterln“. Wer so denkt, bringt sich freilich um die existentielle Wahrheit dieser Geschichten. Ihre Wahrheit kann unser Leben verändern und bereichern. Ohne sie bleibt unser Leben arm. Mit seiner Legende von der Ankündigung der wundersamen Geburt Jesu will Lukas die Wahrheit über Jesus von Nazareth veranschaulichen. Er will uns in Form einer Geschichte verständlich machen, was damit gemeint ist, dass Jesus von denen, die an ihn glauben, als Sohn Gottes bezeichnet wird. Vielleicht kommt die Wahrheit über Jesus überhaupt nur dann richtig zur Geltung, wenn man von ihm erzählt. Vielleicht gilt auch von der Wahrheit des Glaubens, dass man von ihr erzählen muss. Legenden laden zur Besinnung ein. Wenn wir solch eine meditative Geschichte hören, können wir uns fragen, was sie uns angeht und ob wir vielleicht sogar selbst in ihr vorkommen. In der Geschichte von Jeu wundersamer Geburt kommen wir nicht direkt vor; was nicht heißt, dass sie uns nichts anginge. Wir sind vom Geschehen betroffen, aber nicht aktiv beteiligt. Es geht um uns. Aber wir sind nicht die Akteure. Wir können zunächst nur zuhören oder zuschauen. Dazu laden uns die zahlreichen Darstellungen der Verkündigung Mariens in der bildenden Kunst ein. Auch Maria ist nicht die Hauptakteurin. Sie sagt am Ende: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Es ist Gott, der an ihr handelt und sie für sein Heilshandeln gebrauchen will. Maria ist keine Miterlöserin. Es ist allein Gott, der das Heil schafft. Das ist ein Grundmotiv des Erlösungsgeschehens, auch wenn es um uns geht. Unser Leben wird allein durch Gott zurecht gebracht und neu, ohne dass wir von uns aus irgendetwas dazu tun könnten. Gott kommt uns zuvor, Wenn es um unsere Erlösung geht, sind wir ausschließlich Empfangende, ganz so wie Maria. Das Kind, das in ihr heranreifen soll, ist die Frucht des Heiligen Geistes. So erzählt es Lukas. Was als biologische Behauptung aller Vernunft widerspricht, ist ein Sinnbild des Glaubens. Wie in Maria will Christus auch in uns Wohnung nehmen, nämlich im Glauben an ihn. Paulus drückt es im Galaterbrief folgendermaßen aus: „Ich lebe, doch nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Auch wir werden durch den Glauben zu einem neuen Menschen, befreit von der Sünde, von allem, was uns von Gott trennt. Dass Christus in uns Wohnung nimmt und lebt, ist aber die Frucht des göttlichen Geistes und nicht unser Werk. Glauben zu können ist ein Gottesgeschenk. Martin Luther sagt es so: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch sein Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“ So wird Christus auch in uns geboren, damit wir in einem neuen Leben wandeln. Doch zurück zu unserer Geschichte. Maria erfährt von ihrer bevorstehenden Schwangerschaft. Von einem Augenblick zum anderen ist ihr Leben nicht mehr dasselbe. Das Kind, das da kommen soll, verändert schlagartig ihr Leben, noch bevor es geboren ist. Jedes Kind verändert das Leben seiner Mutter, seiner Eltern. Aber von diesem Kind ist noch mehr zu sagen: Das Kind der Maria wird die Welt verändern. Das dieses Kind tatsächlich die Welt verändert hat, findet in der Geschichte des Lukas seinen Niederschlag. Er berichtet von Jesu Geburt nicht als Augenzeuge, sondern im Abstand von 70 oder 80 Jahren. Tatsächlich ist das Christentum zur Weltreligion geworden. Es hat das römische Reich und später das Abendland tief geprägt und geformt. Es hat sich über alle Kontinente ausgebreitet. Lukas versteht sich durchaus als Historiker. Es geht ihm aber nicht nur darum, die Wirkungsgeschichte eines jüdischen Wanderpredigers zu Beginn unserer Zeitrechnung oder die Geburt eines bedeutsamen Religionsstifters zu schildern. Worauf es ihm ankommt ist, dass in Jesus von Nazareth Gott selbst in die Welt eingetreten ist. Jesu Geburt ist der Einbruch Gottes in unsere Welt. Durch Gottes Kommen verändert sich die Welt in anderer Weise als durch sonstige epochale Ereignisse der Vergangenheit. Fortan ist diese Welt nicht länger ein gottverlassener Ort, ein in sich geschlossener und für uns auswegloser Unheilszusammenhang. Und das gilt auch hier und heute, in der Corona-Pandemie, in der uns schon so oft das Licht am Ende des Tunnels versprochen wurde und unsere Hoffnung ein um das andere Mal enttäuscht wurde; in der bereits mehr als 13.000 Menschen, derer heute abend mit einem Lichtermeer auf der Ringstraße gedacht wird, in unserem Land an oder mit dem Corona-Virus gestorben sind. So gottlos sich die Welt auch gebärden mag, so gottverlassen sich Menschen fühlen mögen: Die Welt ist um Christi willen nicht gottlos und heillos. Wir Menschen sind nicht gottverlassen, weil Gott und mit ihm das Heil in der Welt erschienen ist. Wo Unheil herrscht, soll es keineswegs geleugnet oder kleingeredet werden. Aber es gibt eben nicht nur Unheil, Schuld, Tod und Verderben, sondern auch Heil, Vergebung und Leben. Wie die Welt, so sollen auch wir durch das Kind der Maria verändert werden. Auch unser Leben soll und kann neu werden durch dieses Kind. Es ist eine Frucht der Liebe Gottes, der Liebe Gottes zu uns Menschen. Unser Leben, wir selbst sollen verändert und neu werden durch die Kraft dieser Liebe. Aber kehren wir nochmals zur Erzählung des Lukas zurück. Maria erfährt von den bevorstehenden Ereignissen durch einen Engel, also einen Boten Gottes. Bevor Gott selbst in der Welt erscheint, schickt er seinen Vorboten. Er tritt so unvermutet bei Maria ein, wie Gottes Ankunft bei uns Menschen völlig überraschend ist. Viele Darstellungen der Verkündigung an Maria sind auf Goldgrund gemalt. Das goldene Licht, das der Engel Gabriel auf diesen Bildern verbreitet, ist ein Vorschein des göttlichen Lichtes. Die Weise, in welcher der Engel zu Maria spricht, zeigt die Veränderung der Welt durch Gott an. Schon der Gruß des Engels ist ganz besonders. Dass eine Frau so wertschätzend gegrüßt wurde, war zu Zeit Jesu ganz ungewöhnlich. Darum erschrickt Maria auch, als der Engel sie anspricht. Zu den ersten Anhängern Jesu sollten später nicht wenige Frauen gehören. Es waren Frauen und Kinder, Zöllner und Sünder, mit denen Jesus verkehrte. Rechtlose und Außenseiter waren es, denen er die Liebe Gottes bezeugte. Der Engel kündigt an, das Kind, das Maria zur Welt bringen soll, werde Sohn Gottes genannt werden. Viele Eltern hegen den Wunsch, aus ihren Kindern solle einmal etwas ganz Besonderes werden. Sie träumen vielleicht davon, dass ihr Kind beruflich Karriere macht, vielleicht ein Ausnahmesportler oder ein großer Bühnenstar wird. Geht es darum auch bei Maria? Ist das, was der Engel ihr sagt, vielleicht ihr eigener geheimer Wunschtraum? Lukas geht es um etwas anderes. Er spekuliert nicht über Marias Wünsche und Sehnsüchte, sondern er will die einzigartige Bedeutung zum Ausdruck bringen, die Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene für die Welt und uns Menschen hat. Gott war in Christus, so sagt es Paulus, und versöhnte die Welt mit sich selbst. Darum wird er im Neuen Testament Sohn Gottes genannt. Vielen Menschen erscheint diese Ehrenbezeichnung zu hoch gegriffen. Ein außergewöhnlicher Mensch, vielleicht sogar ein Prophet, das mag ja sein. Aber Sohn Gottes? Soll hier ein Mensch zum Gott gemacht werden? Ist das nicht geradezu lästerlich? Versetzen wir uns in die Zeit und Umwelt des Lukas zurück. In seiner heidnischen Umwelt kannte man die Vorstellung von der wunderbaren Zeugung oder Geburt außergewöhnlicher Menschen. Ihre Einzigartigkeit sollte bereits an ihrer wunderbaren Geburt abzulesen gewesen sein. Man legte ihnen deshalb auch gelegentliche den Titel Sohn Gottes bei. Lukas hat diese Vorstellung aufgegriffen, um mit ihrer Hilfe die einzigartige Bedeutung Jesu begreiflich zu machen, die darin besteht, dass Gott in ihm ganz gegenwärtig ist. Zu jeder Zeit stehen wir vor der schwierigen Aufgabe, die Botschaft von Jesus Christus und seiner Bedeutung für uns so weiterzusagen, dass die Zeitgenossen sie verstehen. Dazu bedarf es des Mutes. Lukas hatte zweifellos diesen Mut. Aber wie jeder Versuch einer Übersetzung oder Deutung steht auch sein gewagter Versuch in der Gefahr, vom Zentrum der Glaubensbotschaft abzulenken. Eben weil Jesus auf wundersame Weise gezeugt wurde, deshalb, so lässt Lukas den Engel Gabriel der Maria erklären, werde Jesus Sohn Gottes genannt werden. Lukas steht in der Gefahr, Jesu einzigartiges Gottesverhältnis zu einem biologischen Mirakel herabzuwürdigen. Und mit der naturwissenschaftlichen Unannehmbarkeit der Vorstellung von einer Jungfrauengeburt wäre dann für viele Menschen auch der Glaube an Jesus als den Sohn Gottes erledigt. Feministisch engagierte Theologinnen entdecken die Jungfrauengeburt heute für sich als Symbol für die Absage Gottes an den männlichen Machbarkeitswahn und seine zerstörerischen Folgen in Natur und Gesellschaft. Freilich wird man sagen müssen, dass bei dieser Deutung die Gefahr besteht, in der Gestalt der Maria das Weibliche zu verklären. Auch Maria ist ja passiv, während alle Aktion bei der Geburt Jesu von Gott ausgeht. So können wir das Symbol der Jungfrauengeburt wohl besser als Absage an jeden Gedanken menschlicher Selbsterlösung verstehen. Es ist Gott, der in Jesus auf einzigartige Weise handelt, um unsere zerrissene Welt und unser zerrissenes Leben heil werden zu lassen. Wir können uns Gottes Wirken nur gefallen lassen, so wie Maria es sich gefallen lässt. Von Gott sagt der Engel zu Maria, dass bei ihm kein Ding unmöglich ist. Das ist ja nicht nur auf die wunderbare Geburt Jesu gemünzt, sondern es wird auch uns gesagt: Wo wir mit unseren Möglichkeiten am Ende sind, ist Gott es noch lange nicht. Wo wir alle Hoffnung fahren lassen wollen, da schenkt uns Gott neuen Mut und Zuversicht. Wo wir nur Dunkel und Tod sehen, schafft Gott neues Leben. Zu Maria sagt der Engel, sie werde schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sie den Namen Jesus geben solle. Jesus oder hebräisch Joshua heißt: Gott rettet. Dieser Mensch, sein Leiden, sein Sterben und seine Auferstehung sind unsere Rettung. Er ist unsere Hoffnung und unsere Stärke. Maria gibt dem Engel Gabriel zur Antwort: Mir geschehe, wie du gesagt hast. Auch wir dürfen Gott auf solche Weise vertrauen. Und unsere adventliche Antwort? Vielleicht können wir sie so geben, dass wir in das bekannte Taizé-Lied einstimmen: „Meine Hoffnung und meine Freude, / meine Stärke, mein Licht: / Christus, meine Zuversicht, / auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, / auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“ (EG 641) Lied: Evangelisches Gesangbuch, 641 Meine Hoffnung und meine FreudeGebet:Herr, mache uns zu einem Werkzeug deines Friedens,
– Gebetsstille – Gemeinsam beten wir: Unser Vater im Himmel. Lied: Evangelisches Gesangbuch, 398,1-2 In dir ist FreudeAbkündigungen:Segen:Der HERR segne dich und behüte dich. Lied: Evangelisches Gesangbuch, 13,1-3 Tochter ZionOrgelnachspiel von Juliane Schleehahn |
Gottesdienst mit AM zum 3. Advent
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 12. Dezember 2021
mit Pfr. Johannes Wittich
Orgelvorspiel: Martin A. Seidl: Praeludium in F-dur von Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656-1746)Lied: Evangelisches Gesangbuch, 9, 1.2.4, Melodie 443: Nun jauchzet, all ihr Frommen1.) Nun jauchzet, all ihr Frommen, 2.) Er kommt zu uns geritten 4.) Ihr Mächtigen auf Erden, Spruch: Jesaja 40, 3.10:Horch, ein Rufer: Bahnt den Weg des Herrn in der Wüste; Sieh, Gott der Herr, er kommt als ein Starker. Begrüßung:Gott kommt in unsere Welt, immer wieder. Und wir gehen ihm entgegen, im gerade gesungenen Lied sogar (quasi) im Walzertakt. Denn das ist die Freude des Advents: Gott kommt als ein „Starker“. Gott kommt, das ist sicher, unaufhaltbar, egal, wie es bei uns aussieht. Gott kommt aber gleichzeitig auch als „Schwacher“, einfühlsam und verständnisvoll, hinein in unsere Ängste und Sorgen. Weil er Gott ist, ist er alles. Vor allem immer der, den wir gerade brauchen. Einer, der stark genug ist, den Starken ihre Grenzen aufzuzeigen. Einer der so schwach ist, ein kleines Kind, dass es ganz einer von uns ist, niemand sich vor ihm fürchten muss. So gehen wir auf das Weihnachtsfest zu, gemeinsam, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Gebet:So vieles, (nach Haike Gleede) Lesung: Mk. 11, 1-101Und als sie in die Nähe von Jerusalem kommen, nach Betfage und Betanien an den Ölberg, sendet er zwei seiner Jünger aus 2und sagt zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt es her! Lied: Evangelisches Gesangbuch, 15, 1-3: Tröstet, tröstet, sprich der HerrPredigt zu Sacharja 9,9Liebe Gemeinde! Hat da gerade nicht etwas gefehlt, in der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem? Nachdem die Jünger Jesus das Eselsfüllen bringen, um es „reisefertig machen? Wird da nicht an diesem Punkt der Erzählung auf eine Prophezeiung aus dem Alten Testament hingewiesen? Auf die mit der „Tochter Zion“, die sich freuen soll, weil ihr König zu ihr kommt. Sanft, und auf einem Esel reitend, auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres? Ohne diesen Rückgriff auf das alte Prophetenwort ist die Geschichte doch gar nicht zu verstehen. Warum hätte Jesus sonst einen jungen Esel gebraucht, wenn es nicht darum gegangen wäre, genau diesen Bezug zu einem Bild aus der Prophetie herzustellen. Habe ich da gerade beim Lesen etwas ausgelassen? Vielleicht kam dieses prophetische Wort eh vor, aber die Erinnerung daran ist durch das Lied dazwischen schon wieder verblasst. Oder es kam nicht vor, aber wir haben es trotzdem gehört, weil das Vertraute unbewusst mitgeschwungen ist. Wer weiß … So ist es mir beim Vorbereiten dieser Predigt gegangen. Ich habe die Bibel aufgeschlagen, die Geschichte im Markusevangelium gesucht und munter und motiviert begonnen, etwas über die Prophezeiung vom König, der auf einem Eselsjungen reitet, zu schreiben und eben auch darüber, wie sich diese Prophezeiung erfüllt hat in dem Augenblick, als Jesus triumphal in Jerusalem einzieht. Ich war schon recht weit mit meinen Gedanken, wollte eigentlich eine Predigt über dieses Eseljunge halten, bis ich dann doch noch einmal in den Bericht des Markus hineingeschaut habe und feststellen musste: nix mit Tochter Zion. Nichts mit Sanftmut und Eselsfüllen. Kommt einfach nicht vor! Habe ich mir da jahrelang etwas eingebildet und mit mir viele andere? Die Lösung ist einfach: die Geschichte gibt es vier Mal in der Bibel, in jedem der vier Evangelien. Markus, Lukas, und Johannes erzählen einfach nur das, was passiert ist: Esel geholt, aufgestiegen, jubelnder Empfang. Nur bei Matthäus dürfte es beim Aufschreiben der Geschichte „klick“ gemacht haben. Ihm dürfte plötzlich eingefallen sein: Da war doch was in den alten Schriften, vom sanften Retter auf einem Esel … Ach ja, Prophet Sacharja, Kapitel 9, Vers 9:. 9Juble laut, Tochter Zion, Diese Erkenntnis wollte Matthäus unbedingt mit uns teilen. Sein Rückverweis, seine Interpretation der Geschichte hat sich dann im Bewusstsein der Christinnen und Christen durchgesetzt: die Ereignisse beim Einzug Jesu in Jerusalem, die waren nicht neu, und auch nicht zufällig. Die hat ein Propheten Generationen davor schon erahntn. Und der Erkenntnis des Matthäus verdanken wir es auch, dass wir heute das Weihnachtslied „Tochter Zion“ singen. Dort geschieht gerade diese Verbindung zwischen der Zusage Gottes vor langer, langer Zeit und der Erfüllung durch die Ankunft Jesu in Jerusalem. Genau hinschauen, genau lesen, genau hinhören, das lohnt sich. Das habe ich wieder gemerkt. So vieles im Advent und zu Weihnachten ist ja so vertraut, dass wir uns gar nicht mehr fragen, ob unsere Wahrnehmung und Interpretation überhaupt stimmen. Manche vertraute Bibelstelle „plätschert“ einfach so an mir vorbei, wie es mir bei der Predigtvorbereitung gegangen ist, und auch manch ein Lieder singe ich, ohne genau auf die Bedeutung zu achten. Kinder machen uns das vor, wenn sie fröhlich Weihnachtslieder singen, deren Bedeutung sie nicht verstehen, bzw. deren Bedeutung sie sich selbst zurecht legen müssen. Ich denke, wir kennen die schönen Beispiele, wo dann über „Doktor Zion“ gesungen wird oder, im Falle von „Ihr Kinderlein kommet“, über die „rötlichen Hirten“ oder „o kommet und sehet in Beethovens Stall.“ Das Gottes Sohn „Owie“ heißt, wissen wir auch aus „Stille Nacht“: „Gottes Sohn, Owie, lacht“. Oder „Holger, Knabe im lockigen Haar.“ Selbst entdeckte Zusammenhänge im zunächst Unverständlichen. Wobei diese Perlen ja dadurch entstehen, dass man Kinder Dinge singen lässt, die man ihnen nicht erklärt hat. Aber diesen Forscherdrang, einen neuen Sinn und eine neue Bedeutung in etwas zu entdecken, was zunächst einmal vertraut zu sein scheint, aber dann doch mehr zu bieten hat, den können wir ruhig kopieren. Denn es immer noch so viel zu entdecken. Dass Matthäus aus der Reihe tanzt, war mir bis gestern gar nicht so bewusst. Und plötzlich kann ich ihn mir vorstellen, wie er in seiner Schreibstube sitzt, an seinem Evangelium arbeitet, alte Berichte durchschaut, (er selbst war ja kein Augenzeuge gewesen), Berichte, die seinen Kollegen auch vorgelegen haben. Aber er macht plötzlich eine neue Entdeckung. Er merkt: Gott spricht zu mir, er will mir etwas sagen, und das in einer Geschichte, die ich schon x-mal gehört und gelesen habe. Nicht nur in den Ereignissen selbst ist Gott am Werk, sondern auch beim Aufschreiben und Zusammenstellen hilft er zu Geistesblitzen, spricht er zu Matthäus, der beim Schreiben eine Glaubenserkenntnis hat, die bisher so noch kein anderer hatte. Und das Jahrzehnte, nachdem das alles passiert ist, und, wie gesagt, ohne dass er dabei sein musste. Die Erkenntnis des Matthäus, den Zusammenhang, den er erkannt hat, ist heute eine theologische Selbstverständlichkeit. Wer sagt, dass nicht auch wir im Vertrauten plötzlich ganz Neues entdecken können, auch im ach so Vertrauten von Advent und Weihnachten. Ich bin ganz sicher, dass da geht. Also: schauen, hören, fühlen wir ganz genau hin, wenn wir Advent und bald Weihnachten feiern. Gott will uns auch heuer etwas sagen. Amen. Lied: Evangelisches Gesangbuch, 221, 1-3: Das sollt ihr, Jesu Jünger, nicht vergessen1.) Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: 2.) Wenn wir in Frieden bei einander wohnten, 3.) Ach dazu müsse seine Lieb uns dringen! Abendmahl:Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35) Wir feiern Abendmahl miteinander, zusammengeführt durch den Geist Gottes an den Tisch Jesu Christi. So wollen wir daran denken, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, und was wir heute mit ihm erleben können, wenn wir in seinem Namen essen und trinken. Einsetzungsworte: Jesus Christus, Ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl Denn sooft ihr dieses Brot esst Gebet:Deinen Tisch, Gott, hast du für uns gedeckt. Frage: So frage ich euch: Ist das auch euer Wunsch und euer Gebet, so antwortet „Ja.“ Absolution: Im Buch Jesaja (Kapitel 42, Vers 3) heißt es: Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, Einladung: Wir sind eingeladen zum Tisch Jesu Christi. Kommt, es ist alles bereit; seht und schmeckt, wie freundlich Gott ist. Austeilung: „Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ Zum Abendmahl: Martin A. Seidl: Nun komm der Heiden Heiland von Johann Sebastian Bach (1685-1750) Gebet:Jesus Christus, (nach Roland Sievers) Unser Vater im Himmel … Abkündigungen:Segen:Der Herr segne dich und behüte dich, Lied: Evangelisches Gesangbuch, 170, 1.3: Komm, Herr, segne unsOrgelnachspiel: Martin A. Seidl: Concerto von Johann Ernst von Sachsen-Weimar (1696-1715) arrangiert von Johann Sebastian Bach (1685-1750) |
Gottesdienst zum 2. Advent
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten am 5. Dezember 2021,
mit Ulrike Wittich
Orgelvorspiel: Juliane SchleehahnLied: Evangelisches Gesangbuch 11, 1,4,5,7: Wie soll ich dich empfangen1) Wie soll ich dich empfangen 4) Ich lag in schweren Banden, 5) Nichts, nichts hat dich getrieben 7) Ihr dürft euch nicht bemühen Begrüßung und Spruch:Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Mit diesem Vers aus dem Lukas-Evangelium (21,28) begrüße ich Sie und euch alle hier jetzt zum Gottesdienst. Ein passender Vers zum 2. Advent, ein passender Vers in unsere trübe, bedrückte Zeit hinein. Nein, es ist nicht einfach, den Kopf über Wasser zu halten und positiv in die Welt zu schauen. Die Pandemie zehrt an uns allen und wen macht sie nicht zuweilen trübsinnig und grantig? Wann nimmt das alles ein Ende, was wird die Zukunft bringen? Auf unseren Schultern liegt eine Last. Die macht es schwer, das Haupt zu erheben. Unsere Erlösung naht? Wann denn bitte? Manchmal muss einfach geraunzt werden, gejammert und geklagt. Unter uns und vor Gott. Das darf man. Das tun die Menschen der Bibel auch. Aber nicht nur. Denn der Monatsspruch für Dezember verspricht: Gott kommt zu uns. Was wir ihm sagen wollen, beten wir mit Worten nach dem 69. Psalm: (Gute Nachricht) Hilf mir, Gott! Die Flut geht mir bis an die Kehle! Lesung: Jak 5, 7-11 (Auswahl) aus dem Neuen Testament:Jakobus erinnert hier die auf die Wiederkunft Jesu Wartenden an die Sehnsucht der alttestamentlichen Propheten auf Erlösung: Liebe Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus, bis der Herr kommt. Seht, wie der Bauer voller Geduld auf die kostbare Frucht der Erde wartet. Er weiß, dass sie zum Wachsen den Regen braucht. Auch Ihr müsst geduldig ausharren. Fasst Mut, denn der Tag, an dem der Herr kommt, ist nahe. Klagt nicht übereinander, (…). Sondern nehmt euch ein Beispiel an den Propheten, die im Auftrag Gottes geredet haben. Nehmt euch ein Beispiel daran, wie standhaft sie alles ertrugen, was man ihnen antat. Sie alle, die durchgehalten haben, preisen wir glücklich. (…) Denn Gott ist voller Liebe und Erbarmen. Lied: Evangelisches Gesangbuch 7, 1,4-6: O Heiland reiß den Himmel auf1) O Heiland, reiß die Himmel auf, 4) Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, 5) O klare Sonn, du schöner Stern, 6) Hier leiden wir die größte Not, Predigttext: Jes. 63,15 – 64,3 (Lutherbibel):15So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. 17Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 641wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! 3Von alters her hat man es nicht vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren. Predigt:Gnade sei mit uns von dem, der da war, der da ist und der wieder kommt. Was für ein Text! Gar nicht erbaulich. Keine warme, hoffnungsvolle Adventsstimmung. Letzten Sonntag hatte Jesaja noch eine tröstliche Botschaft für uns: Finsternis bedeckt die Erde und Dunkelheit die Völker. Aber dein Licht kommt!. Heute ganz das Gegenteil: Was für ein Aufschrei! Jesaja hat offenbar gründlich genug. Gründlich genug von der Situation, der Krise, in der er lebt. Er ist in einem Elend, in dem er den Überblick verliert über alles. Ein Rundumschlag aus Verzweiflung, Schmerz, Wut über Gott und die Welt. Das muss raus! Wie auch immer! Da ist nur noch der eine Wunsch: dass es endlich aufhört, das Elend und er wütet: „Schau vom Himmel, Gott, komm herab, zerreiß den Himmel! Zeig doch endlich deine Stärke und Macht! Wie Feuer und Erdbeben, das die Feinde zittern macht. Tu Furchtbares! Mach Angst denen, die uns bedrohen.“ Zerreißen, entzünden, zerfließen lassen: was für Gewaltphantasien! Und sowas steht in der Bibel. Befremdlich, vielleicht auch abstoßend. Wie redet der mit Gott? Den Schrei nach Gott, den kann man ja noch gut nachfühlen, aber den Ruf nach Rache und Vergeltung …? Wie war das noch mit dem ‚Selig sind die Frieden stiften‘ …? Ja, ich fand den Text auch erst sehr befremdlich, besonders das Gottesbild: diese Vorstellung vom gewalttätigen, rächenden Gott. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann sind mir Strafphantasien und Rachegelüste auch manchmal gar nicht so fern. Kommt halt auf die Situation an. Die Situation: Bei Jesaja war es die Erfahrung von Fremdherrschaft, Vernichtung, Verbannung. Er schreib diesen Text zwischen 520 und 510 vor Christus. Im Jahr 586 vor Christus hatte der babylonische König Nebukadnezar das Land überfallen, Jerusalem und den Tempel zerstört und Teile des Volkes nach Babylon verschleppt. Vorbei das gewohnte, normale Leben. Der Himmel war finster, die Zukunft wolkenverhangen. Wie sollte es weitergehen, auch mit dem Glauben? Würde es jemals wieder so sein wie früher? Und dann stellten sie fest: Wir können auch ohne Tempel glauben. Was uns trägt sind die Geschichten von Gott und seine Gebote. Später wurde dann doch der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut. War jetzt alles wieder so wie früher? Oder hatte die Erfahrung des Exils irgendwelche Eindrücke hinterlassen? Offenbar meinte Jesaja dass man in puncto Glauben nichts dazugelernt hatte, das Bestand hatte. Alte Missstände und soziale Ungerechtigkeit hatten sich wieder eingeschlichen. Und da platzt ihm der Kragen. Soweit zur Situation damals. Strafphantasien und Rachegelüste sind auch mir manchmal nicht soo fern. Kommt auf die Situation an: Vielleicht gibt es auch bei uns manchmal, Situationen, die der des Jesaja ein bisschen ähnlich ist. Manchmal? Oder vielleicht gerade jetzt? Spüren wir ein bisschen in uns hinein. Schon viel zu lange leben wir in der Verbannung, die Krise, die Pandemie ist noch immer nicht vorbei. Immer neue Wellen. Kein Ende in Sicht. Kein Licht am Ende des Tunnels. Am Anfang, damals vor 1 ½ Jahren da waren wir optimistisch und geduldig. Wir waren kreativ, hilfsbereit und einander zugewandt. Wir hatten ein starkes Gefühl von Verbundenheit: „Auch, wenn es gerade unbequem ist und der Alltag beschwerlich: Gemeinsam schaffen wir das. Diese Durststrecke werden wir hinter uns bringen und das Leben wieder genießen.“ Wie hoffnungsvoll wir da noch waren! Das war ein sehr, sehr gutes Gefühl. Und jetzt? Jetzt ist es anders. Es nimmt kein Ende. Und nicht nur das. Vielleicht wird es sogar noch schlimmer. Auf was werden wir uns noch alles einstellen müssen? Wird es jemals wieder wie früher sein? Wir sind es leid. Wir sind genervt. Es zehrt. Auch an unserer Menschenfreundlichkeit. Ein Gefühl von Spaltung verdrängt die Verbundenheit. Die Aggression wird mehr. Das liest man sogar in den Medien. Aggression, nicht nur auf Demonstrationen. Auf beiden Seiten. Schreiduelle statt sachlicher, respektvoller Diskussion. Protestreiche Tumulte vor Spitälern. Es geht um die Sache, ja, aber nicht um die gemeinsame Suche nach Auswegen, sondern– so kommt es mir vor – um’s Rechthaben, um Kampf. Mitunter auf allen Seiten. Und ganz heimlich, ohne dass wir es gern laut sagen würden, kommen da auch manchmal diese kleinen Rachegelüste, die wir nicht wirklich zugeben und wir uns öffentlich natürlich sofort verbieten (und natürlich rede ich jetzt nur von mir): Eine kleine heimliche Schadenfreude, wenn es einen vehementen Leugner erwischt, Ärger und Wut auf Maßnahmenverweigerer, Sorge und Angst, wenn die Zuteilung von Intensivbetten abgewägt werden muss, und so etwas wie gehässige Ironie gegenüber selbsternannten Virologen und der von ihnen empfohlenen Medikation. Wütende Hilflosigkeit gegenüber zur Schau gestellter Selbstbezogenheit. Ja, auch die Witze sind böser geworden. Wie ich. Ich werde auch böser. Und ich will das nicht. Es nützt nichts und tut mir und anderen nicht gut. Und Gott auch nicht. Es trennt, uns voneinander und von Gott. Ist es das, was Jesaja als Abirrung von Gott und Verstockung beschreibt? Als Sünde also? Ich kenne das Gefühl des Jesaja, auch aus anderen herausfordernden Situationen: Es reicht! Reiß den Himmel auf! Mach End, oh Herr, mach Ende… wo steht das nochmal? Manchmal muss man es einfach – sorry! – rauskotzen. Wut, Sorge, Rachephantasien. Heimlich für sich selbst und auch offen gegenüber Gott. So, wie Jesaja. Sein Ausbruch ist, so denke ich, kein Wunsch nach einem gewalttätigen, rächenden Gott, sondern der Ausdruck einer tiefen Verzweiflung. Jesaja hadert nicht mit Gott, sondern wirft ihm sozusagen alles vor die Füße. Er tobt und klagt, mit dem Blick zu Gott hin. Auch im Bewusstsein eigener Sünden und der Entfernung von Gott. Trotzdem hält Jesaja an Gott fest, so wie so viele klagende Psalmbeter. Denn da stehen ja nicht nur Wutsätze. ‚Unser Erlöser, das ist von alters her dein Name.‘ (V.16 b), ‚der so wohltut denen, die auf ihn harren.‘ (V. 3b). Auch im weiteren Text geht es noch ein bisschen hin und her zwischen Klage und Hoffnung. Und immer mischen sich vertrauensvolle Sätze ins Hadern. Vers 4: ‚Du begegnest denen, die Gerechtigkeit üben und auf deinen Wegen deiner gedenken.‘- Denen, die ihren Ärger und ihre Strafphantasien eben nicht ausleben – möchte ich ergänzen. Vers 7: ‚Du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk.‘ Es ist, als ob Jesaja in all seinen Klagen die Grundfesten seines Glaubens heraufbeschwört. Daran hält er sich fest. Das hilft. Auch uns. Nein, nichts ändert sich dadurch an der Situation. Aber vielleicht klärt sich so der Blick und die Seele wird sanfter und Menschenfreundlichkeit zieht ein. Also steht auf und erhebt eure Häupter! Denn Gott will bei uns wohnen! Amen. Lied: Evangelisches Gesangbuch 16, 1; 4-5: Die Nacht ist vorgedrungen1) Die Nacht ist vorgedrungen, 4) Noch manche Nacht wird fallen 5) Gott will im Dunkel wohnen Gebet:Guter Gott, Unser Vater im Himmel … Lied: Evangelisches Gesangbuch 361, 1-3: Befiehl du deine Wegen1) BEFIEHL du deine Wege 2) DEM HERREN musst du trauen, 3) DEIN ewge Treu und Gnade, Abkündigungen:Segen:Gott sei vor uns, um uns den Weg zu zeigen, Lied: Evangelisches Gesangbuch 361, 6 + 12: Befiehl du deine Wege6) HOFF, o du arme Seele, 12) MACH END, o Herr, mach Ende Orgelnachspiel: Juliane Schleehahn: Praeludium in g-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) |
Gottesdienst zum 1. Advent
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten am 28. November 2021,
mit Pfr. Johannes Wittich
Orgelvorspiel: Martin A. Seidl: Nun komm, der Heiden Heiland von Dieterich Buxtehude (1637 – 1707)Spruch: Sacharja 9,9:Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem, sieh, dein König kommt zu dir, Lied (Gemeinde und Erlöserkirche Gospel Choir Quartet): Evangelisches Gesangbuch 13, 1-3: Tochter Zion1) Tochter Zion, freue dich! 2) Hosianna, Davids Sohn, 3) Hosianna, Davids Sohn, Begrüßung:Der ganz andere „König“ der einmal kommen wird, ist voller Das wird uns gerade wieder am Beginn des Advents klar, auf dem Weg hin zum Weihnachtsfest, wenn wir gemeinsam feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen Gebet:Gott, (Michael Tillmann) Lesung: Jh. 3, 17-21:17Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. 19Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. 21Wer aber tut, was der Wahrheit entspricht, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott gewirkt sind. Erlöserkirche Gospel Choir Quartet: Longing for LightPredigttext: Jesaja 60, 1-5:1Mach dich auf, werde licht! Liebe Gemeinde! Es wird kommen, hat es in den letzten Tagen geheißen. Und jetzt ist es anscheinend auch schon da: das Coronavirus in einer neuen Variante: Omikron. Eine Botschaft in den Advent hinein, auf die gerne verzichten könnten. Ein Warten und Erwarten, das ganz anders ist als das adventliche: Angst, Sorge, die beklemmende Frage: wird jetzt alles wieder schlimmer, noch schlimmer, als es schon ist? Mehr Infektionen, mehr Kranke, mehr Tote, noch mehr Belastung für die in Krankenhäusern und auf der Intensivstation Beschäftigten? Noch strengere Schutzmaßnahmen, und dadurch vielleicht auch noch mehr an irrationalen und wissenschaftsleugnenden Protesten. Schwierig, ja schlimm genug, wie es bereits ist. Schlimmer darf es nichtmehr werden, schon gar nicht für die, die an vorderster Front gegen das Virus und seine Folgen kämpfen. Die Botschaft von Advent ist klassischer Weise eine vom Licht, gegen die gerade existierenden Dunkelheiten. Eine Botschaft von Hoffnung, von Veränderung zum Guten, vom Ende der Dunkelheit, von einer Zukunft, die herbeigesehnt wird, die aber im Glauben und Hoffen zur Realität wird. So auch beim Propheten Jesaja: zuerst die Zustandsanalyse: „Finsternis bedeckt die Erde und Wolkendunkel die Völker.“ So ist es. Unerfreulich genug. Aber, und das ist das große, unüberseh- und unüberhörbare „Aber“: das Licht kommt, über uns strahlt Gott auf, und dadurch werden wir licht, wird es hell in uns und durch uns. Und dann zeichnet der Prophet eindrucksvolle Bilder, wie diese neue Zeit aussehen wird. Keine erhoffte neue Zeit, sondern eine, die schon angefangen hat, weil deren Vorzeichen unübersehbar sind. Berührt von diesem neuen Licht, neugierig gemacht auf das, was durch dieses Licht entstehen kommen, ja laufen Menschen zusammen, Völker, Nationen versammeln sich, Könige und Herrscher stehen nicht mehr in Konkurrenz zueinander, sondern werden plötzlich auch zu Empfangenden. „Dann wirst du es sehen und strahlen, und dein Herz wird beben und sich öffnen.“ Ein Bild aus der Zukunft, das in die Gegenwärt hineinreicht. Denn wenn Vieles von dem Gesagten erst kommen wird – allein dieses Bild vor Augen zu haben, macht die Gegenwart bereits zu einer anderen. Noch viel muss kommen, sich ändern, anders werden. Aber jetzt schon sind die Vorzeichen erkennbar. Das zeigt auch jetzt schon der Dunkelheit ihre Grenzen auf. Auf dem Weg hin zum Licht, der Finsternis zum Trotz – das sind wir wieder und wieder im Advent. Dazu ist der Advent da, um uns wieder aufzubauen und zu stärken, und sensibel zu machen und offen, für alles, was von der Zukunft Gottes heute schon passiert. Aber, wie schon gesagt: dieser Advent ist besonders. Nicht allein die Finsternis, die da ist, bedrückt uns. Sondern mehr noch, dass es in diesen schweren Zeiten noch dunkler werden könnte. Was die Propheten unserer Bibel auszeichnet: sie sind keine Weltuntergangspropheten. Sie beschönigen aber auch nichts. Auch Jesaja kennt nicht nur lichte, tröstliche Bilder, sozusagen Stimmungsaufheller. Viele seiner Reden haben einen ganz anderen Tonfall: Unglück, Zerstörung, Vernichtung wird vorausgesagt. Als Konsequenz von irregeleitetem und falschem menschlichen Handeln. Nicht als unaufhaltbares Schicksal. Aber auch in diesen Ankündigungen mach Jesaja immer wieder klar: Gott entgleitet nichts. Letztlich hält er die Zügel in der Hand, und wirklich auch nur er. Selbst wenn es also so ausschaut, als würde alles nur noch schlimmer und schlimmer werden: Gott weiß, wohin es geht. Auch wenn wir es nicht durchblicken. Auch wenn wir es schon gar nicht verstehen. Trotzdem: Auch wenn wir gerade einmal das Gefühl haben, der Weg, den wir gehen, ist einer, auf dem es dunkler wird: auch über einer abendlich dunklen Straße hängen Straßenlaternen. Das Licht ist über uns aufgegangen. Gott ist da, bleibt da und geht mit. So sieht unser Vertrauen aus. Und so wirken auch weiter die lichten Bilder und Vorstellungen, die wir uns jetzt wieder im Advent vor Augen halten. Die sind ein göttliches Geschenk. Und die kann uns niemand wegnehmen. Lied (Gemeinde und Erlöserkirche Gospel Choir Quartet): Evangelisches Gesangbuch 432, 1-3: Gott gab uns AtemGebet:Gott, Licht der Welt, Wir bringen vor dich, Wir bringen vor dich die dunklen Ecken unserer Erde, Wir bringen vor dich die Kinder Wir bringen vor dich die Völker, Wir bringen vor dich die Landstriche und Gewässer dieser Erde, Wir bringen vor dich die Tiere, Wir vertrauen darauf, dass durch dich eine Zukunft kommt, Bis dahin lass uns Menschen begegnen, die leuchten, Unser Vater im Himmel … Abkündigungen:Segen:Der Herr segne dich und behüte dich, Lied: Evangelisches Gesangbuch 12, 1-4: Gott sei Dank durch alle Welt1) Gott sei Dank durch alle Welt, 2) Was der alten Väter Schar 3) Zions Hilf und Abrams Lohn, 4) Sei willkommen o mein Heil! Orgelnachspiel: Martin A. Seidl: |
Gottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 21. November 2021,
Ewigkeitssonntag (Gedenken an die Verstorbenen)
mit Pfr. Johannes Wittich
Klaviervorspiel: Juliane Schleehahn: Auszug Nr. 21 aus “Album für die Jugend” von Robert Schumann (1810 – 1856)Lied: Evangelisches Gesangbuch 450, 1.2.5: Morgenglanz der Ewigkeit1) Morgenglanz der Ewigkeit, 2) Deiner Güte Morgentau 5) Leucht uns selbst in jener Welt, Spruch: Psalm 68,21:Gott ist uns ein Gott der Rettung, Gott der Herr kann herausführen aus dem Tod. Begrüßung:Die Grenzen unseres Lebens sind uns heute ganz besonders bewusst, am Ewigkeitssonntag, bevor nächste Woche mit dem 1. Advent wieder eine neue Zeit des Hoffens und Erwartens beginnt. Die Grenze des Lebens ist uns bewusst, aber wir bleiben nicht in dieser Erkenntnis stecken. Wir vertrauen einem Gott, für den es diese Grenze nicht gibt. Er kann aus dem Tod ins Leben führen, wie er es mit den Menschen gemacht hat, um die wir heute trauern. Und er kann uns aus unserer Trauer wieder in die Lebendigkeit zurück führen. Das wollen wir uns heute wieder bewusst machen, uns dessen vergewissern, wenn wir gemeinsam feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen Gebet:Guter Gott, Psalm 90, 1-12:1Ein Gebet des Mose, des Gottesmanns. Gedenken an die Verstorbenen:Heute wollen wir uns an alle erinnern, von denen wir in diesem Kirchenjahr in unserer Gemeinde, oder von denen Mitglieder unserer Gemeinde Abschied nehmen mussten. Für jede Verstorbene, für jeden Verstorbenen zünden wir eine Kerze zur Erinnerung an und denken in der Stille an ihn oder sie. (Stille) Im letzten Kirchenjahr sind auch Mitglieder unserer Gemeinde verstorben, die nicht kirchlich verabschiedet oder beigesetzt worden. Diesen Wunsch respektieren wir. Sie sind aber auch ein Teil unserer Gemeinschaft gewesen. Deshalb zünden wir jetzt für sie eine Kerze an. (Stille) Wir alle haben schon einmal einen uns nahestehenden Menschen verloren. Manchmal schon vor lange Zeit, manchmal erst vor kurzem. Vielleicht sind ihre Namen schon einmal in unserer Kirche genannt worden, vielleicht auch nicht. Heute soll es die Gelegenheit geben, auch an diese Menschen zu denken und in der Erinnerung an sie eine Kerze zu entzünden. Wer immer das jetzt tun möchte, ist herzlich dazu eingeladen, dies in Stille zu tun. (Stille) Zwischenspiel von Juliane SchleehahnSpruch: 1. Kor. 13, 12:Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Gebet:Ewiger Gott, Lied: Evangelisches Gesangbuch 380, 1-4: Ja, ich will euch tragen1) Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin. 2) Ihr sollt nicht grauen, ohne dass ich’s weiß, 3) Ist mein Wort gegeben, will ich es auch tun, 4) Stets will ich euch tragen recht nach Retterart. Predigttext: 1. Korinther 15, 51-5551Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Nicht alle werden wir entschlafen, alle aber werden wir verwandelt werden, 52im Nu, in einem Augenblick, beim Ton der letzten Posaune; denn die Posaune wird ertönen, und die Toten werden auferweckt werden, unverweslich, und wir werden verwandelt werden. 53Denn was jetzt vergänglich ist, muss mit Unvergänglichkeit bekleidet werden, und was jetzt sterblich ist, muss mit Unsterblichkeit bekleidet werden. 54Wenn aber mit Unvergänglichkeit bekleidet wird, was jetzt vergänglich ist, und mit Unsterblichkeit, was jetzt sterblich ist, dann wird geschehen, was geschrieben steht: Verschlungen ist der Tod in den Sieg. Liebe Gemeinde! „Dem Herrn unserem Gott hat es gefallen, unseren lieben Bruder im Glauben aus diesem Leben abzuberufen.“ Mit diesem Satz hat über lange Zeit manch eine christliche Trauerrede begonnen. Ein Satz, Ausdruck tiefster Einsicht und Erkenntnis: über Leben und Tod entscheidet Gott ganz allein. In altertümlicher Sprache ausgedrückt, in der auch noch Wörter wie „Wohlgefallen“ oder „wohlgefällig“ vorkommen. Aber heute, in unserem heutigen Sprachgebrauch, in unseren Versuchen, die richtigen Worte zu finden, wenn es um den Tod geht: kann man wirklich noch sagen, dass es Gott „gefallen“ hat, dass ein Mensch gestorben ist? Oder, umgekehrt gefragt: müssen wir uns das „gefallen“ lassen, dass Gott Menschen sterben lässt, uns Menschen durch den Tod wegnimmt? Diese Frage hat sich der Schweizer reformierte Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti schon vor einem halben Jahrhundert gestellt, in der kritischen Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre. Und hat für sich eine Antwort gefunden. Unter Aufnahme dieser, für seine Ohren nur zu abgedroschen klingenden Phrase: „Dem Herrn unserem Gott hat es gefallen“, hat er einen Text verfasst, eine poetische (Kurz-)Trauerrede. Es ist ein Nachruf auf einen Verstorbenen namens Gustav E. Lips. Er beginnt mit dem Satz: „Dem Herrn, unserem Gott, hat es ganz und gar nicht gefallen, dass Gustav E. Lips bei einem Verkehrsunfall starb.“ Weiter beschreibt dann Kurt Marti, welche Lücke der Verstorbene hinterlassen hat. Um dann kritisch anzumerken, dass es Gott auch nicht gefällt, wenn manche glauben, es habe ihm gefallen. Das Gedicht endet mit: „Im Namen dessen, der Tote erweckte; im Namen des Toten, der auferstand: wir protestieren gegen den Tod von Gustav E. Lips!“ Eine starke Ansage: nicht nur Kritik an Pfarrern, die die Formel „Dem Herrn, unserem Gott, hat es gefallen …“ in falsch verstandenen Gottergebenheit verwenden. Sondern auch Kritik an denjenigen, die diese Phrase aus dem Mund des Pfarrers einfach so akzeptieren und ihr zustimmen. Wir alle sind an bestimmten Punkten unseres Lebens schon Trauernde gewesen und werden es wohl auch immer wieder sein. In solchen Momenten sind wir besonders sensibel, wenn versucht wird, uns zu trösten. Manch eine Formulierung, so gut sie auch gemeint sein mag, passt da ganz einfach nicht. Mehr noch: der Verlust eines lieben Menschen macht manche auch einfach wütend. Ich denke, dass Kurt Marti gut erkannt hat, dass sich Wut und Schmerz nicht einfach durch fromme Phrasen aus der Welt schaffen lassen. Vielmehr gehört angesprochen, was die Wut und den Schmerz auslöst. Im Fall von Gustav E. Lips ein tödlicher Autounfall, ein Mensch, der mitten aus dem Leben herausgerissen wurde, eine riesige Lücke hinterlässt. Das soll Gott gefallen haben?. Kurt Marti weiß wohl auch, dass sich auf die Frage: „Warum?“ keine Antwort geben lässt. Schon gar nicht auf die Frage, warum Gott das, was passiert ist, zugelassen hat. Aber er erinnert uns daran, wie in der Bibel mit dem Entsetzen über den Tod umgegangen wird, was und wie aus dem Glauben an Jesus Christus geschöpft werden kann. Und kommt zu dem Schluss: der Glaube an die Auferstehung, ist eine Protestbewegung gegen den Tod. „Wir protestieren gegen den Tod von Gustav E. Lips.“ Das klingt zunächst einmal tatsächlich sehr nach 60er Jahre, nach Studentenprotesten, mit den Forderungen nach dem Aufbrechen von überholten und verkrusteten Strukturen in Gesellschaft und auch Kirche. Allerdings: der Idee des „Protests gegen den Tod“ ist noch einmal gute 80 Jahre älter. Sie stammt von dem deutschen Theologen Christoph Blumhardt. Kurt Marti zitiert ihn auch als Inspiration für sein Gedicht: „Wir Christen sind Protestleute gegen den Tod.“ – so heißt es im Original bei Christoph Blumhardt – und das schon Ende des 19. Jahrhundert. Obwohl: eigentlich ist dieser Gedanke schon bald 2000 Jahre alt. Denn wie hat es gerade im 1. Korintherbrief des Apostel Paulus geheißen: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Anders gesagt: Tod, du kannst uns nichts anhaben. Du hast letztlich keine Macht über uns. Glaube und Hoffnung sind stärker. Und selbst dieser Gedanke des Apostel Paulus ist „geklaut“. Er stammt nämlich vom Propheten Hosea, und der hat wieder über 700 Jahre früher gelebt. Womit sich für mich ganz klar zeigt: schon immer haben Menschen dem Tod nicht die Freude machen wollen, das letzte Wort zu haben. Haben geglaubt, gehofft, Zeichen des Lebens gesucht und entdeckt, gerade dann, wenn es besonders hoffnungslos ausgesehen hat. Haben Zeichen des Lebens entdeckt in ihrem Vertrauen auf Gott, und in der Gemeinschaft von Menschen, die dieses Vertrauen auf Gott mit ihnen geteilt haben. Ja, als diese Protestbewegung gegen den Tod, die wir Christinnen und Christen nun einmal sind, können wir einander helfen, stärken uns trösten. Können einander aufrichten und beim Weitergehen gute Begleiterinnen und Begleiter sein. In den ersten Monaten meiner Tätigkeit hier in dieser Gemeinde gab es in Favoriten einen Mord an einem Mädchen. Die Familie war zum Teil Mitglied unserer Gemeinde, zum Teil, auch das ermordete Mädchen selbst, gehörte sie zu einer lutherischen Nachbargemeinde. Der Pfarrer dort, genauso so wie ich noch ganz am Anfang seiner Tätigkeit, Jahrgangskollege sogar, hat versucht, dieses völlige Entsetzen über diese schreckliche Tat, den Schock über das brutale Ende eines jungen Lebens in seiner Trauerpredigt aufzunehmen. Und hat dazu genau diesen Text von Kurt Marti verwendet: „Gott dem Herrn hat es ganz und gar nicht gefallen … Wir protestieren gegen den Tod von …“ Nach der Trauerfeier ist er von einem Reporter einer Boulevardzeitung angesprochen worden. Der wollte wissen, gegen wen er protestiert hat. Der Pfarrerkollege hat versucht, ihm zu erklären, dass es um eine grundsätzliche Haltung geht, die nichts, selbst den Tod nicht, als endgültig akzeptiert. Das hat der Journalist nicht und nicht verstanden. Wenn man protestiert, dann protestiert man immer gegen jemand Konkreten, gegen Politiker z.B.. Eine Zeitlang haben Pfarrer und Reporter so aneinander vorbei geredet, bis dem letzteren plötzlich eine Erkenntnis kam: „War es vielleicht Gott, gegen den sie protestiert haben?“ Der Kollege darauf, sichtlich schon der Debatte überdrüssig, meinte darauf: „Ja, kann man auch so sehen.“ Worauf die Antwort kam: „Respekt, Herr Pfarrer! Das ist mutig!“ Ja, so mutig sind wir Christinnen und Christen. Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg? Wir lassen uns das Leben nicht nehmen. Schon gar nicht das ewige Leben. Lied: Evangelisches Gesangbuch 380, 5-7: Ja, ich will euch tragen5) Denkt der vor’gen Zeiten, wie, der Väter Schar 6) Denkt der frühern Jahre, wie auf eurem Pfad 7) Lasst nun euer Fragen, Hilfe ist genug. Gebet:So viele Gedanken und Gefühle, Gott, Unser Vater im Himmel … Segen:Der Herr segne dich und behüte dich, Lied: Evangelisches Gesangbuch 171, 1.4: Bewahre uns, GottKlaviernachspiel: Juliane Schleehahn: Smile Charlie Chaplin (1889 – 1977) |
Reformationsgottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 31. Oktober 2021
mit Pfr. Johannes Wittich mit AM
Präludium: Juliane Schleehahn: Allegro moderato maestoso (in Auszügen) von Felix Mendelsson-Bartholdy (1809 – 1847)
Lied: Evangelisches Gesangbuch 440, 1 – 4: All Morgen ist ganz frisch und neu1) All Morgen ist ganz frisch und neu 2) O Gott, du schöner Morgenstern, 3) Treib aus, o Licht, all Finsternis, 4) zu wandeln als am lichten Tag,
Spruch: 1. Kor 3,11:Denn ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist: Jesus Christus.
Begrüßung:Willkommen zum Gottesdienst am Reformationstag. Vor über 500 Jahren ist die Kirche aufgerüttelt worden durch mutige Menschen. Seitdem gehen die Evangelischen ihren Weg durch die Zeit: Mal voller Hoffnung, mal sorgenvoll, mal im Bewusstsein, dass Vieles noch lange nicht so ist, wie es sein sollte, aber dann aber doch wieder ermutigt durch die Zusage der Vergebung, die Zusage eines ständigen Neuanfangs, einer ständigen Reformation. Wir haben ein festes Fundament für unseren Glauben, und das kann uns nichts und niemand nehmen. Wann immer diese Sicherheit ins Wanken gerät, und das kann passieren, können wir sie wieder nähren, im gemeinsamen Beten, Hören, Singen, wenn wir miteinander feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
Gebet:Du Gott des Lebens! (nach Silke Eva Schmidt)
Lied: Evangelisches Gesangbuch 342, 1 – 3: Es ist das Heil uns kommen her1) Es ist das Heil uns kommen her 2) Was Gott im G’setz geboten hat, 3) Doch musst das G’setz erfüllet sein,
Predigt: Galater 5, 1 – 61 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Steht also fest und lasst euch nicht wieder in das Joch der Knechtschaft einspannen. 2 Seht, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen. 3 Ich bezeuge nochmals jedem Menschen, der sich beschneiden lässt, dass er verpflichtet ist, alles, was das Gesetz verlangt, zu tun. 4 Ihr, die ihr im Gesetz Gerechtigkeit finden wollt, habt euch von Christus losgesagt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen! 5 Denn im Geist und aus Glauben warten wir auf die Erfüllung unserer Hoffnung: die Gerechtigkeit. 6 In Christus Jesus gilt ja weder Beschnittensein noch Unbeschnittensein, sondern allein der Glaube, der sich durch die Liebe als wirksam erweist. Liebe Gemeinde! Sechshundertdreizehn. Das ist die Zahl der Gebote und Verbote der jüdischen Tora, die wir in unsere Bibel als „Altes Testament“ übernommen haben. 365 Verbote und 248 Gebote, darunter die uns bekannten zehn wichtigsten, aber auch Speisevorschriften, Verhaltensregeln, Bestimmungen darüber, was „rein“, also koscher ist, dazu Vorgaben für die Feier des Gottesdienstes und vieles mehr. Sechshundertdreizehn. Eine beachtliche Zahl. So viele Gebote einzuhalten, das muss man erst einmal schaffen. Fromme, orthodoxe Jüdinnen und Juden tun das, bis heute. Sie nehmen die Gebote ernst; ihr Alltag richtet sich ganz nach der Thora aus, ist dadurch sozusagen durchdrungen von Gott. „Gott ist immer da“, das ist auch unser Glaube. Wenn aber im jüdischen Alltag ganz bewusst bei jedem Schritt, den man setzt, über das nachgedacht wird, wie es Gott haben möchte, wie sein Wille sich jetzt in diesem Moment erfüllt werden kann, dann entsteht eine ganz besondere Nähe zu Gott. Eine Nähe, die wohl über das hinaus geht, wie wir es praktizieren, also im Nachdenken über Gott in einzelnen, besonderen andächtigen Momenten, aber eben nicht immer und überall. Sechshundertdreizehn. Auch Jesus hat all diese Gebote eingehalten. Eine Selbstverständlichkeit für ihn als Jude. In seiner Bergpredigt, im Matthäus-evangelium, stellt er dann auch unzweideutig klar: die Gebote gelten auch weiterhin. Sie sind für ihn, den Juden, alternativlos. Jesus dazu wörtlich: „Denn, amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, soll vom Gesetz nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen vergehen, bis alles geschieht. 19Wer also auch nur eines dieser Gebote auflöst, und sei es das kleinste, und die Menschen so lehrt, der wird der Geringste sein im Himmelreich. Wer aber tut, was das Gebot verlangt, und so lehrt, der wird gross sein im Himmelreich.“ (Mt. 5, 18-19). Die Gebote gelten. Punktum. Schwer verdauliche Kost für uns, würde ich sagen, gerade am Reformationstag. Denn wie haben wir gerade im Lied gesungen: „Was Gott im G’setz geboten hat, da man es nicht konnt halten, erhob sich Zorn und große Not, vor Gott so manigfalten.“ Eine ganz andere Vorstellung von den Geboten. Allerdings Kernbotschaft der Reformation, Grunderkenntnis Martin Luthers: die Gebote retten uns nicht, können uns nicht retten. Wir erkennen in den Geboten unsere Unvollkommenheit, unsere Erlösungsbedürftigkeit. Das öffnet uns die Augen für die Gnade Gottes. Und im Vertrauen auf die Gnade finden wir Erlösung. Eine wunderbare Erkenntnis, die im 16. Jahrhundert nicht nur die Christenheit herausgefordert, sondern seither die ganze Welt verändert hat. Dadurch, dass Menschen Angst genommen, die Augen für eine neue Freiheit geöffnet wurde. Gottgeschenkte Freiheit, die dann das Wohl der Mitmenschen sucht. Das kennen und wissen wir Alles als Evangelische. Sind dankbar dafür, freuen uns darüber, leben aus diesem Glauben, handeln aus ihm. Achten darauf, nicht wieder in alte, „gesetzliche“ Muster zu verfallen, in Versuche, sich selbst zu erlösen, durch Leistung, Prinzipientreue und Konsequenz. Durch einen sprichwörtlich „gnadenlosen“ Umgang mit sich selbst. Den auch Paulus in seinem Brief an die Galater kritisiert: „Ihr, die ihr im Gesetz Gerechtigkeit finden wollt, habt euch von Christus losgesagt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen!“ (V.4.) Paulus war allerdings auch Jude, ursprünglich sogar ein besonders frommer. Und gerne einmal hat er in der Geschichte der Christenheit als Kronzeuge dafür herhalten müssen, wie überholt das Judentum und wie zukunftsweisend das Christentum ist, einschließlich aller daraus folgenden grauslicher Denk- und Verhaltensweisen Jüdinnen und Juden gegenüber. Ich denke, auch das gehört am Reformationsfest angesprochen. Dass gerade in der Geburtsstunde unserer protestantischen Kirchen der jüdische Glaube gerne einmal als negativer Kontrast herhalten musste, um dann den neuen reformatorischen Glauben besonders zum Leuchten zu bringen. Der jüdische Glaube, oder besser: das, was man sich als „jüdischen Glauben“ zusammengebastelt hat, um selbst dann besser da zu stehen. Das ist ja ein ganz grundsätzlich problematisches Phänomen: wenn ich nur durch Kritik am Judentum erklären kann, was christlich ist. Oder, aktueller, durch Kritik an der katholischen Kirche, was evangelisch ist. Wenn wir nur sagen können, was wir nicht sind, nur auf das verweisen, was unserer Meinung nach bei anderen Glaubensrichtungen falsch ist, dann ist es wohl nicht weit her mit unserem Glauben. So, denke ich, ist es auch mit dem angeblich „alten“ Glauben der Jüdinnen und Juden, wie er vor allem von Luther als Negativbild verwendet worden ist. Luther hat Erlösung gesucht, den gnädigen Gott. Unsere jüdischen Geschwister allerdings halten die 613 Gebote nicht ein, um Gott zu imponieren. Die 613 Gebote sind kein Weg zu dem, was dann im Christentum „Erlösung“ genannt werden wird. Nein, die 613 Gebote sind nach jüdischem Verständnis schlicht und einfach ein Angebot Gottes: lebe danach, und dein Leben ist in Einklang mit Gott. Lebe so, und du merkst: Gott ist da. Lebe danach – und du lebst gut. Dieses Verständnis der Gebote ist ja dann auch unserem Reformator Johannes Calvin wichtig geworden: die jüdischen Gebote sind nicht überholt. Sie gelten nach wie vor, sind Gottes Weisung auch für uns Christinnen und Christen, vor allem im Bemühen um Gerechtigkeit. Ja, ich denke, es ist gut, wenn wir am Reformationsfest ganz bewusst die Vorstellung von „Gesetzlichkeit“ nicht am Judentum, oder besser, nicht an einem bestimmten falschen Bild vom Judentum festmachen. Sondern vielmehr darüber nachdenken, wo wir heute in „Gesetzlichkeiten“ feststecken, gerade als ach so freie Evangelische, mit unserem Herumreiten auf Prinzipien, unserem Leistungsdenken, unserer Angst davor, als Evangelische nicht ernst genommen zu werden oder unsere Identität verlieren. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, hat der Apostel Paulus gesagt. Er hat vor einer Unfreiheit gewarnt, die sozusagen über die Hintertür sich wieder hineinschleicht, wenn zwar der Glaube an Christus grundsätzlich da ist, aber man diesem dann doch nicht so recht trauen will. Wenn aus Unsicherheit dann doch wieder Freiheit aufgegeben wird. Davor musste Paulus damals warnen, und der Reformationstag ist ein guter Anlass, genau hinzuschauen, wo wir vielleicht doch in Denk- und Handlungsmuster zurückfallen, die wir seit der Reformationszeit für überwunden glaubten. Um dann wieder zu erkennen: wir müssen nichts tun. Aber wir können und dürfen es. Orientiert an den Geboten Gottes. An dem Gebot, in dem alles zusammengefasst ist, und das vom ersten Moment an, an dem Gott seine Gebote seinem Volk gegeben hat, da war: orientiert am Gebot der Liebe. Lied: Evangelisches Gesangbuch 225, 1 – 3: Komm, sag es allen weiter
Abendmahl:Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35) Wir feiern Abendmahl miteinander, zusammengeführt durch den Geist Gottes an den Tisch Jesu Christi. So wollen wir daran denken, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, und was wir heute mit ihm erleben können, wenn wir in seinem Namen essen und trinken. Einsetzungsworte: Jesus Christus, Ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl Denn sooft ihr dieses Brot esst Hinführung zum Abendmahl: Worauf können wir uns verlassen. Was stärkt uns, hilft uns, gibt uns Sicherheit? Im Feiern des Abendmahls wird uns wieder versprochen: all das finden wir bei unserem Gott. Wir sind begleitet und getragen. Wir werden gestärkt. Wir werden verbunden – miteinander und mit Gott. Im Abendmahl wird diese Botschaft konkret. Fassbar und greifbar, wir können sie spüren, schmecken, sehen. Gott ist, in seinem Geist, ganz da. Das hilft uns, unser Leben anzunehmen und zu verstehen. So wie es ist. Es ist das Leben, in das Gott uns gestellt hat. So können wir Hoffnung behalten und immer wieder neu geschenkt bekommen. Und zwar gemeinsam. Miteinander feiern wir. Zusammengeführt und verbunden, durch geteilte Zweifel und Fragen, geteilte Hoffnung und geteilte Gewissheit. In Brot und Wein gestärkt und ermutigt. Beschenkt durch das Mitfeiern am Tisch, zu dem Jesus Christus selbst einlädt.
Musik zur Austeilung des Abendmahls: Juliane Schleehahn: Improvisation
Gebet:Befreiender Gott, liebender Gott! Darum bitten wir dich um deine Nähe, Vergib uns unseren Kleinglauben, Sei und bleibe auch bei uns, (nach Silke Eva Schmidt) Unser Vater im Himmel …
Segen:Der Herr segne dich und behüte dich, Lied: Evangelisches Gesangbuch 170, 1-3: Komm, Herr, segne uns
Postludium: Juliane Schleehahn: Praeludium in a-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) |
Gottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 12. September 2021
mit Pfr. Johannes Wittich mit AM und Schulanfangssegen
Präludium: Martin A. Seidl: Aus meines Herzens Grunde von Johann Christoph Bach (1642 – 1703)Lied: Evangelisches Gesangbuch 43, 1 – 2: Aus meines Herzens Grunde1) Aus meines Herzens Grunde 2) dass du mich hast aus Gnaden Spruch: 1. Petr. 5,7:All eure Sorge werft auf ihn, denn er kümmert sich um euch. Begrüßung:Sorgen – davon gibt es im Moment reichlich. Die Infektionszahlen steigen wieder dramatisch an. Wir erleben Ratlosigkeit und auch Angst. Und hören, dass das alles bei Gott seinen Platz hat. Er will sich um uns und um das, was uns beschäftigt, kümmern. Ein befreiendes Angebot. Doch dazu braucht es eine gehörige Portion Vertrauen. Das dürfen wir tun: Glauben und vertrauen, dass Gott für uns sorgen will. Darum feiern wir Gottesdienst, gemeinsam, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen Gebet:Guter Gott, (nach Cristina Blázquez) Lesung: Ps. 127, 1 und 2: Wenn nicht der Herr das Haus baut, Lied: Evangelisches Gesangbuch 636, 1 – 4: Selig seid ihrPredigt: 1. Buch Mose, 8, 4 – 124 Im siebten Monat, am siebzehnten Tag des Monats, setzte die Arche auf den Bergen von Ararat auf. 5 Und das Wasser nahm weiter ab bis zum zehnten Monat. Im zehnten Monat, am ersten des Monats, wurden die Spitzen der Berge sichtbar. 6 Und nach vierzig Tagen öffnete Noah das Fenster der Arche, das er gemacht hatte, 7 und liess einen Raben hinaus. Der flog hin und her, bis das Wasser auf der Erde weggetrocknet war. 8 Dann liess er eine Taube hinaus, um zu sehen, ob sich das Wasser vom Erdboden verlaufen hätte. 9 Aber die Taube fand keinen Ort, wo ihre Füsse ruhen konnten, so kehrte sie zu ihm in die Arche zurück, denn noch war Wasser überall auf der Erde. Da streckte er seine Hand aus, fasste sie und nahm sie zu sich in die Arche. 10 Hierauf wartete er noch weitere sieben Tage, dann liess er die Taube wieder aus der Arche. 11 Und die Taube kam um die Abendzeit zu ihm zurück, und sieh da, sie hatte ein frisches Ölblatt in ihrem Schnabel. Da wusste Noah, dass sich das Wasser von der Erde verlaufen hatte. 12 Hierauf wartete er noch weitere sieben Tage, dann liess er die Taube hinaus, und sie kehrte nicht mehr zu ihm zurück. Liebe Gemeinde! Was für eine beklemmende Situation! Die Regengüsse der Sintflut sind vorbei – doch gleichzeitig steht noch überall das Wasser. Die Arche steckt fest auf dem Gipfel des Berges Ararat – aber ob das hält, ist fraglich. Die Luken des riesigen Schiffs können schon wieder geöffnet werden, aber auch nur, um einen Raben und eine Taube als Kundschafter fliegen zu lassen. Selbst wagt Noah sich noch nicht hinaus. Ich stelle mir das extrem nervenaufreibend vor. Auch wenn offensichtlich das Schlimmste vorbei ist – sicher ist es da draußen, jenseits der Wände der schützenden Arche, noch lange nicht. Wird das Wasser sich zurückziehen, wird das überflutete Land wieder bewohnbar sein? Und wann wird das geschehen? So sitzen Noah und seine Familie fest in dem riesigen Holzkasten. Diese hat ihnen Geborgenheit geschenkt und tut es immer noch. Aber gleichzeitig hat er ihnen auch ihrer Freiheit genommen. Die Arche ist zum Gefängnis geworden. Und niemand weiß, wann die Zeit in ihr vorbei sein wird. Es geht nicht nur darum, wieder raus zu wollen. Es geht um mehr: um den richtigen Zeitpunkt, die Arche zu verlassen. Wann ist er da, dieser richtige Moment, in dem man die enge, aber sichere Arche ohne Gefahr gegen eine neue Freiheit draußen eintauschen lässt? Denn wie die Welt da draußen ist, weiß Noah nicht. Er will das herausfinden; seine Geduld wird dabei aber ordentlich auf die Probe gestellt. Er weiß um seine Verantwortung, für Menschen, wie für Tiere. Zu früh die Arche zu verlassen, ist lebensgefährlich – zu lange zu warten wiederum eine sinnlose Quälerei aller Betroffenen. Ich finde, die Situation des Noah ist unserer augenblicklichen sehr ähnlich. Die allerschlimmsten ersten Wellen der Pandemie haben wir hinter uns, es ist viel an Erfahrung gesammelt worden, es gibt Strategien zur Bekämpfung, die uns am Anfang noch gefehlt habe, nicht zuletzt die Impfung. Und gleichzeitig sitzen wir wie Noah in der Arche und wissen: vorbei ist das Ganze noch lange nicht. Und als Gemeinde haben wir uns in den letzten Monaten immer wieder die Frage gestellt: wie weit dürfen wir gehen, hin zur neuen Normalität – und wo ist es eindeutig noch zu früh und somit auch gefährlich. Wo bleiben wir lieber auf der sicheren Seite, auch wenn das bedeutet, dass wir auf Vieles, und auch viel Wichtiges in unserem Gemeindeleben verzichten müssen? Und wo wagen wir doch wieder etwas „Normalität“, weil es wichtig ist für unsere Gemeinschaft, vorsichtig und verantwortungsbewusst, aber auch mit Gottvertrauen. Seit letzten Sonntag haben wir wieder unser Gemeindekaffee. Eine Gemeinde, gerade eine wie die unsrige, braucht das gemeinsame Essen und Trinken, das Plaudern und Diskutieren, den Austausch, das Zuhören, das gegenseitige Trösten und Unterstützen. Im Gottesdienst selbst, sozusagen als Destillat all dessen, wird das im Feiern des Abendmahls sichtbar, spürbar, schmeckbar. Wir brauchen einander, und wir brauchen gemeinsam Gott – das wird im Abendmahl deutlich. Wissen Sie, wisst ihr, wann wir das letzte Mal gemeinsam Abendmahl gefeiert haben? Also ich als Pfarrer und die Gemeinde hier in der Kirche? Es war am 13. Oktober 2019, am Sonntag, bevor ich dann auf Kur gefahren bin, also vor fast zwei Jahren. Danach war für den 8. März 2020 ein Abendmahlsgottesdienst geplant – den wir unter Rücksicht auf die Unsicherheit in Hinblick auf die zu erwartende Pandemie mit Gedanken über das Abendmahl, aber ohne Brot und Wein gefeiert haben. Wenige Tage später kam dann der erste Lockdown, oder, um im biblischen Bild zu bleiben, der Rückzug in die verrammelte und verklebte Arche. In dieser kämpft also Noah gerade mit seinen Ängsten, Sorgen, Unsicherheiten, mit dem nur verschwommen erahnbaren Blick auf die Zukunft. Wo es uns so geht wie ihm, haben wir dank Christus ein starkes Trost- und Hoffnungszeichen im Feiern des Abendmahls. Vorsichtig und dadurch anders als sonst, wollen wir heute Abendmahl feiern. In unsicheren Zeiten rücken wir zusammen und suchen die Nähe Gottes. Um wieder einmal erstaunt festzustellen: er ist schon da. Er sorgt für uns. Mehr Sicherheit kann es nicht geben. Amen. Lied: Evangelisches Gesangbuch 585, 1 – 3: Komm, wir teilen das BrotAbendmahlsfeier:Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35) Gebet:Dank sei dir, So wollen wir darauf vertrauen, Wir denken an alle, Wir denken an alle, Wir denken an alle, Bleibe bei uns, guter Gott, (nach Cristina Blázquez) Wir beten gemeinsam: Unser Vater im Himmel … Segen:Der Herr segne dich und behüte dich, Lied: Evangelisches Gesangbuch 328, 1 – 3: Dir, dir, Höchster will ich singen1) Dir, dir, o Höchster, will ich singen, 2) Zieh mich, o Vater, zu dem Sohne, 3) Verleih mir, Höchster, solche Güte, Postludium: Martin A. Seidl, Canzone von J. K. Kerll (1627 – 1693) |
|
|
Online-Gottesdienst zum Feiern zu Hause
aus der reformierten Erlöserkirche am 22. August 2021
mit Pfr. Johannes Wittich
Präludium: Martin A. Seidl: Nun lob, mein Seel, den Herren von Johann Gottfried Walther (1684 – 1748)
Spruch: Mt. 5, 16:
So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Begrüßung:
Wir können etwas weitergeben, als Christinnen und Christen, vom Licht, das uns Gott geschenkt hat. Das spricht Jesus in diesem Satz aus der Bergpredigt an: dort, wo wir trösten, aufbauen, Frieden stiften, Menschen zusammenbringen, helfen und handeln, wird es hell. Es kommt aber auch etwas zurück, wenn wir das alles tun. Das ist gut so, motiviert, weiter auf diesem Weg zu bleiben.
Gleichzeitig verbreiten wir ja nicht unser Licht, sondern geben nur das weiter, was unser uns Glaube gibt. Sind Zeichen Gottes in dieser Welt, nicht mehr oder weniger. Dazu brauchen wir immer wieder die Nähe zu Gott, um Kraft und Inspiration, eben seinen Heiligen Geist, wieder neu in uns zu spüren.
Das kann immer wieder geschehen, ganz besonders, wenn wir uns Zeit zum Feiern vor Gott und mit Gott nehmen, wo auch immer wir gerade sind, wenn wir in Gottes Namen Gottesdienst halten, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Gebet:
Wir wollen miteinander auskommen,
Gott,
ein friedliches Leben leben,
deine Kinder sein.
Manchmal schauen wir dabei zu sehr nach innen,
suchen ein Wohlgefühl,
das die Welt außerhalb der Kirchenmauern ausblendet.
Dein Wort fordert und heraus,
verlangt uns etwas ab
schärft unseren Blick.
Wir kommen zu dir mit Zweifel und Unsicherheit
und suchen deine Weite und dein Angesicht.
Wir kommen zu dir mit Freude und Dank
und wollen diese mit dir teilen
Wir wollen uns mit dir verbinden.
Du lässt uns in einen Spiegel schauen:
So ist die Welt, so ist das Leben, so bist du.
Wir erinnern uns an deine Zusage und bitten:
Komm uns nahe, Gott,
und lass uns deinen Atem spüren.
Amen.
Lied: Evangelisches Gesangbuch 288, 1-5: Nun jauchzt dem Herren, alle Welt
1) Nun jauchzt dem Herren alle Welt!
Kommt her, zu seinem Dienst euch stellt,
kommt mit Frohlocken, säumet nicht,
kommt vor sein heilig Angesicht.
2) Erkennt, dass Gott ist unser Herr,
der uns erschaffen ihm zur Ehr,
und nicht wir selbst: durch Gottes Gnad
ein jeder Mensch sein Leben hat.
3) Wie reich hat uns der Herr bedacht,
der uns zu seinem Volk gemacht;
als guter Hirt ist er bereit,
zu führen uns auf seine Weid.
4) Die ihr nun wollet bei ihm sein,
kommt, geht zu seinen Toren ein
mit Loben durch der Psalmen Klang,
zu seinem Vorhof mit Gesang.
5) Dankt unserm Gott, lobsinget ihm,
rühmt seinen Namen mit lauter Stimm;
lobsingt und danket allesamt.
Gott loben, das ist unser Amt.
Predigttext: Psalm 100:
1 Ein Psalm zum Lobopfer.
Jauchzt dem Herrn, alle Länder.
2 Dient dem Herrn mit Freuden,
kommt vor sein Angesicht mit Jubel.
3 Erkennt, dass der Herr allein Gott ist.
Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst,
sein Volk sind wir und die Schafe seiner Weide.
4 Kommt zu seinen Toren mit Dank,
in seine Vorhöfe mit Lobgesang,
dankt ihm, preist seinen Namen.
5 Denn der Herr ist gut, ewig währt seine Gnade
und seine Treue von Generation zu Generation.
Predigtgedanken:
Liebe Gemeinde!
„Gott loben, das ist unser Amt“ – so heißt es im gerade gesungenen oder gelesenen Lied. Ein schöne Aufgabe, über das zu reden, das zu verkündigen, was Gott uns Gutes tut. Eine Tätigkeit ohne großen Aufwand, aber mit großem Gewinn für uns selbst: wenn wir über das nachdenken, was in unserem Leben gut und gelungen ist, unser Blick auf das Gute unseres Lebens fokussiert, rückt das weniger Gute automatisch in den Hintergrund. Wir fühlen uns dadurch besser und freier.
Das Lied „Nun jauchzt dem Herren, alle Welt“ ist eine Neudichtung des 100. Psalms. Das Lob Gottes, das darin angesprochen wird, der Dank über Alles, womit uns Gott segnet, hat in diesem Gebet seinen ganz bestimmten Ort: den Tempel in Jerusalem. Dorthin ziehen die Israeliten, hinauf auf den Tempelberg, wo Gott versprochen hat, „Wohnung zu nehmen“, seinen Menschen ganz nahe zu sein. Der Dank wird sozusagen Gott gleich vor die Füße gelegt, eingebunden in Gebet und Gesänge, wie eben auch dem Psalm, greifbar, spürbar, ja, riechbar auch durch ein ganz konkretes Ritual, nämlich dem Dankopfer, dem Verbrennen von Gaben auf dem Altar.
Dass Gott sich an einem Ort ganz besonders finden lässt, eben in diesem Tempel, ist ein wichtiges Element des jüdischen Glaubens, bis heute. Gott „versteckt“ sich nicht in einem fernen Himmel, sondern kommt den Menschen nahe, baut eine Verbindung auf zwischen dem Ort, der nur ihm, Gott zusteht und dem Ort der Menschen, der Erde, seiner Schöpfung. Das Gott so menschennah ist, sich so an Menschen bindet, ihnen entgegenkommt, versteht, dass sie hier und jetzt etwas von ihm greifen und begreifen wollen, das zu glauben, ist auch für uns Christinnen und Christen wichtig.
Es gibt Momente der Gottesbegegnung, da spielen bestimmte Orte eine wichtige Rolle. Gerade in Zeiten der Pandemie haben viele von uns auf den Besuch unserer Erlöserkirche verzichten müssen. Es hat sich gezeigt, wie groß die Sehnsucht auch nach diesem „Tempel“ am Wielandplatz sein kann, nach der Gemeinschaft, den Menschen, die diesen Raum füllen und gemeinsam Gottes Nähe suchen.
Gleichzeitig haben wir aber auch gelernt, zu Hause Gottesdienst zu feiern, auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Kirche ist in die Häuser und Wohnungen gekommen. Kirche kann, mehr denn je wissen wir das, überall sein.
In meinem Urlaub gerade in Kärnten habe ich eine besonders schöne Bestätigung dafür erlebt: das Projekt „Kirchenschiff“ der Evangelischen Kirche A.B. vor Ort auf dem Wörthersee. Schülerinnen und Schüler einer HTL haben zum Reformationsjubiläum auf Initiative ihres Religionslehrers ein Boot konstruiert und auch gebaut, das seit Fertigstellung auf dem See unterwegs ist. Im Sinne der Fürsorge für die Schöpfung wird es mit Solarstrom versorgt. Im Sommer legt es an jedem Sonntag an einem anderen Ort an. Klappstühle werden am Ufer aufgestellt, ein Abendmahlstisch steht auf dem Boot selbst, und Gestaltung des Gottesdienstes und Predigt erfolgt vom Boot hin zur Gemeinde auf dem Festland.
Diese Idee hat ein gut biblisches Vorbild. Im 4. Kapitel des Markusevangeliums wird berichtet, das Jesus am See Genezareth von einem Boot aus einer großen Menge gepredigt hat. Das ist sicher auch ein gottesdienstlicher Moment gewesen, selbst fern vom Tempel in Jerusalem, dem Bedürfnis der Menschen geschuldet, die Jesu gute Botschaft hören wollten.
Das Kirchenschiff am Wörthersee ist genau in diesem Sinne auch ein Zeichen dafür, dass Kirche zu den Menschen kommt, genau dort, wo sie sind und wo sie gerade die frohe Botschaft hören wollen. Weil Gottesdienst, unser „Amt“, Gott zu loben, an jedem Ort geschehen kann. Weil auch Gott selbst überall zu finden ist.
Amen.
Gebet:
Großer Gott, du Schöpferkraft,
unaufhörlich bringst du Leben hervor.
Du bist bei uns in jedem Atemzug,
in jedem Pulsschlag,
du bist in unserem Fühlen und Hoffen,
in unserer Kraft und selbst in unserer Müdigkeit.
Sei du da, wenn Menschen vor Freude jubeln,
wenn sie ihr Glück kaum fassen.
Sei du dann da!
Sei du da, wenn Menschen in die Irre gehen.
Wenn Menschen,
maßlos und egoistisch sind.
Wenn sie andere Dinge wertvoller finden,
als das, was dem Leben dient.
Sei bei allen, die Zeit und Ruhe brauchen,
um wieder zu sich selbst zu finden:
die durch Pflichten belasteten Frauen und Männer;
die an ihrem Arbeitsplatz Überforderten;
für alle, die mit ihren Kräften am Ende sind.
Sei du da, wenn Menschen dich vergessen
in einer vermeintlich beherrschbaren Welt,
wenn deine Kirchen und wir Christenleute
den Mächtigen nach dem Mund
oder an den Menschen vorbei reden.
Sei du da, wenn Christen und Christinnen
in ihren Teilen der Welt als Minderheit leben.
Stärke ihre Kraft und Zuversicht
sowie das Gefühl unserer weltweiten Verbundenheit.
Sei du da, wenn wir für das Leben danken:
Kompliziert ist es und großartig,
ganz allein bricht es hervor und eröffnet Freiheit.
Gott, du Schöpferkraft,
unaufhörlich schaffst du das Leben.
Du bist der Raum, in dem wir sind,
und die Zeit, die uns trägt.
In deiner Gegenwart sind wir,
werden wir,
bleiben wir heil.
.
Und gemeinsam beten wir …
Unser Vater im Himmel …
Segen:
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.
Postludium: Martin A. Seidl: Praeludium et Fuga in g von Nikolaus Bruhns (1665 – 1697)
Gottesdienst aus der ref. Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 8. August 2021
mit Robert Colditz
Präludium: Juliane Schleehahn
Lied: Evangelisches Gesangbuch 165, 1,5,8: Gott ist gegenwärtig
1) Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.
5) Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder: ich senk mich in dich hinunter. Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.
8) Herr, komm in mir wohnen, lass mein‘ Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.
Grußwort: Gen 1,27:
„Da schuf Gott Adam, die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen.“ (BigS)
Begrüßung:
Haben Sie heute nach dem Aufstehen in den Spiegel geschaut und sich selbst als Bild Gottes wahrgenommen und einen guten Tag gewünscht? Wenn nicht, probieren Sie es doch mal aus! So wie wir heute gemeinsam den Sonntag und damit die Woche beginnen, indem wir uns unsere Verbundenheit mit Gott bewusst machen, könnten wir das einzeln auch jeden Morgen tun. Als Gemeinschaft spiegeln wir Gott natürlich umfangreicher. Freuen wir uns also auf unseren gemeinsamen Gottesdienst, im Namen Gottes, die uns ins Dasein gebracht hat, der uns mitten unter den Menschen ein von gesellschaftlichen Rollenerwartungen freies, weil göttlich verbundenes Leben vorgelebt hat und jetzt und immer bei uns ist. Amen.
Lasst uns beten:
Gott, danke, dass Du uns so nahe bist, wie nichts und niemand sonst sein kann. Du motivierst uns, zu uns zu stehen und liebevoll mit uns und allen Deinen Menschen und Geschöpfen umzugehen. Wir bekennen Dir, dass wir das leider oft trotzdem nicht gemacht haben. Wir bitten Dich dafür um Vergebung und bitten Dich: erneuere uns, unseren Bund, unsere Verbundenheit mit Dir im Hören und Verstehen Deines Wortes, das Du zu uns gesprochen hast und immer neu zu uns sprichst, indem Du es uns verständlich machst. Amen.
Lesung: So bekennen wir mit den Worten der Lesung aus Deut 32,18:
„An den Fels, der dich gezeugt hat, dachtest du nicht mehr, und den Gott, der dich geboren hat, hast du vergessen.“ (ZB).
Und so danken wir für Gottes Freundlichkeit, Gnade, Güte und Barmherzigkeit im Singen des Psalmliedes EG 294,1:
Nun saget Dank und lobt den Herren, denn groß ist seine Freundlichkeit, und seine Gnad und Güte währen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du, Gottes Volk, sollst es verkünden: Groß ist des Herrn Barmherzigkeit; er will sich selbst mit uns verbünden und wird uns tragen durch die Zeit.
Predigttext:
Gnade sei mit Euch von der, die da war, von dem, der da kommt und von Gottes Anwesenheit, die da ist. Amen. Gal (Brief des Apostel Paulus an die Gemeinden in Galatien) 3,27f: „Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ Soweit die Worte der Heiligen Schrift.
Liebe Gemeinde!
Mit der Realität scheint das wenig zu tun zu haben, dass alle die auf Christus getauft sind, „eins“ wären. Was hat diese Vorstellung der Einheit in Christus Jesus denn dann zu bedeuten? Zum Umgang mit der hier, wie in den anderen heutigen Schriftlesungen, angesprochenen Geschlechtlichkeit gibt es noch dazu Herangehensweisen, die einander ziemlich emotional widersprechen. Kann die Bibel diesbezüglich zum Frieden beitragen?
Was unsere drei Bibeltexte verbindet, sind entscheidende Aussagen über Gott und die Menschen. Die Menschen werden als Gottes Ebenbild bezeichnet – jeder Mensch hat somit einen unverlierbaren Wert und eine unverlierbare Verbindung mit Gott. Das ist durch unser Erschaffen sein so und geht auch nicht verloren, wenn wir die Verbindung mit Gott aufgeben. Die christliche Taufe erinnert uns daran mit Hilfe des Glaubens an Jesus Christus. Wichtig ist dabei vor allem aber auch wie von Gott gesprochen wird und wieso durch den Glauben an Jesus die Verbindung mit Gott bekräftigt werden kann.
Gott wird als gleichzeitig männlich und weiblich beschrieben, z.B. zeugt und gebiert Gott. Aufgrund der Gottebenbildlichkeit bedeutet das, dass auch wir Menschen, so wie Gott, nicht – sozusagen binär – festzulegen sind auf eines von beiden, sondern alle Anteil haben am Männlichen und Weiblichen. Das hat wichtige Auswirkungen: es bringt z.B. nichts sich als „Mann“ beweisen zu wollen, denn ein sogenannter „ganzer“ oder „echter“ Mann ist für Gott kein Kriterium, kein erstrebenswerter Status – die patriarchalen Kriterien dafür stammen nicht von Gott, sondern von Menschen, die sich diesbezüglich von Gott getrennt haben, obwohl sie vielleicht anderes behaupten. Jede Person ist so zu akzeptieren, wie sie ist, da auch Gott jenseits jeder Kategorisierung ist.
Der Respekt vor Gott drückt sich in der Bibel im nicht-kategorisierenden Bilderverbot aus, im Judentum auch im ehrfürchtigen Umgang mit dem Begriff und Namen Gottes, auch in der Form wie geschrieben wird. Wichtig ist es hier auch die biblische Abwechslung von verschiedenen Beschreibungen Gottes in unserem Sprechen von und zu Gott beizubehalten. Der Respekt vor den Menschen drückt sich in der Bibel in der Akzeptanz anderer Geschlechtlichkeiten als Mann oder Frau, auch durch Jesus und im Judentum von nicht nur einem, sondern mehreren weiteren Geschlechtern aus. Die Form wie wir diesbezüglich respektvoll sprechen und schreiben ist in unserer Gesellschaft gerade in Diskussion, da es wichtig ist um eine Sprache ohne Abwertungen zu ringen, weil Normen und damit die perfekte Lösung in dem Bereich eben unmöglich sind.
Ein Ringen in dem auch Fehler mit schweren Folgewirkungen passieren, finden wir auch schon bei Paulus. Einerseits passt er sich den Normen seiner Gesellschaft an, andererseits durchbricht er diese. In seinen Worten zur Taufe gibt er sowohl eine theologische Erkenntnis, als auch gelebte Praxis in urchristlichen Gemeinden wieder. Beide sind gegenüber seiner und unserer Gesellschaft revolutionär und beide folgen direkt aus dem Vorbild Jesu. Jesus hat die damals von einem Mann erwarteten Rollen nicht erfüllt, er ist ohne Beruf, kein Ehemann, Vater, Haushaltsvorstand, durchbricht die sozialen Standards gegenüber seiner Mutter und Familie, wie auch gegenüber allen von der Gesellschaft Abgewerteten, denen er auf Augenhöhe als Gleichwertige begegnet. Herkunft, Geschlechterrollen und soziale Stände jeglicher Art gelten für ihn nicht, weil im Reich Gottes alle diese Rechte und Pflichten nicht gelten. Mit der Taufe begeben sich Menschen, die Jesus glauben, in diese Wirklichkeit des Reiches Gottes – einer Wirklichkeit, der sie mehr vertrauen als der von der Gesellschaft vorgegebenen Realität. Die die glauben in der gesellschaftlichen Realität nach ihren eigenen Regeln erfolgreich zu sein verspotten damals wie heute diese Menschen, ja auch uns, wie Tertullian um das Jahr 200 schreibt: „Und die Menge in der Zirkusarena brüllt: ‘Wo bleibt das dritte Geschlecht?‘“ Damit gemeint war damals die verachtete und verfolgte christliche Minderheit. Die Aufhebung und Unbestimmtheit der Geschlechterrollen in frühchristlichen Gemeinden wurde also gelebt und wahrgenommen.
Der heutige Unfrieden in der Gesellschaft und im Christentum selbst entsteht immer noch durch die Trennung und Ausgrenzung von Verschiedenartigkeiten und das eigenmächtige Durchsetzen von unhinterfragten Überzeugungen. Dabei sollte uns die Bibel doch helfen zu verstehen, dass ursprünglich und letztlich alle eins sind und also wahre Macht die ist, die die Kreativität in der bunten Welt Gottes entfaltet und zum Zusammenwirken von Verschiedenartigkeiten bringt. Wir können froh sein, dass wir in unserer Gemeinde keine Unterschiede machen aufgrund ethnischer oder religiöser Herkunft, Ausbildungsstatus und Geschlechtsstatus, aber vielleicht können wir da ja auch noch etwas verbessern – bleiben wir dazu im Gespräch. Frieden kann es nur geben, wenn wir einander mit dem höchsten Respekt als Teil von Gottes Ebenbild behandeln, wenn wir uns alle als von Gott gezeugt, geboren und selbstverständlich angenommen verstehen und so miteinander statt gegeneinander leben.
Amen.
Lied: Evangelisches Gesangbuch 268, 1,3,5: Strahlen brechen viele aus einem Licht
1) .. Strahlen brechen viele aus einem Licht. Unser Licht heißt Christus. Strahlen brechen viele aus einem Licht – und wir sind eins durch ihn.
3) Gaben gibt es viele, Liebe vereint. Liebe schenkt uns Christus. Gaben gibt es viele, Liebe vereint – und wir sind eins durch ihn.
5) Glieder sind es viele, doch nur ein Leib. Wir sind Glieder Christi. Glieder sind es viele, doch nur ein Leib – und wir sind eins durch ihn.
Lasst uns beten:
Gott, wir lassen uns meistens mehr von der Gesellschaft mit ihren Realitäten, ihren Trennungen, Ausgrenzungen und Ängsten bestimmen, als von Deinem Reich, Deiner Wirklichkeit, die uns durch Leben und Tod trägt, uns mit Dir und allen Deinen verbindet und unser Vertrauen in uns selbst und Dich und Deine verbindende und aufbauende Macht stärkt. Du bist unser Fels, Du gibst uns Ruhe und Gelassenheit, wir wollen Dich nicht mehr vergessen. Unser Christus Jesus, Du hast uns gezeigt, wie es geht, frei und furchtlos durch’s Leben zu gehen und unsere Mitmenschen als Ebenbild Gottes zu achten. Wir sind schockiert, dass Deine Christenheit Dir in der Geschichte und auch heute darin viel zu oft nicht nachfolgt. Menschen, die sich als intergeschlechtlich, transident, bisexuell, lesbisch, schwul oder auf andere Weise quer zur Mehrheit in der Frage ihrer Geschlechtlichkeit wahrnehmen und bezeichnen, bitten wir um Verzeihung. Wir wollen daran arbeiten Diskriminierungen, worauf sie auch immer beruhen, zu beseitigen. Heiliger Geist, Du bist ja die Frau Weisheit, die vor uns Menschen schon von Gott geboren wurde. Du zeigst uns, wie weibliches und männliches Denken und Streben zusammenwirken soll. Wir wollen auf Dich hören, unser Leben partnerschaftlich ordnen und gegen die, die den Frieden nicht wollen Schutz bieten.
Gott, es gibt so vieles was uns beschäftigt – lass uns mit Dir und miteinander reden, damit anfangen, weitermachen und nie aufhören. Alles wofür wir noch keine Worte haben, fassen wir nun in das Gebet, dass uns Jesus gelehrt hat:
Unser Vater im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen
Abkündigungen:
Empfangt den göttlichen Segen:
G*tt segne Dich und behüte Dich,
G*tt lasse ihr Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig,
G*tt erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.
Amen.
Lied: Evangelisches Gesangbuch 430, 1-4: Gib Frieden, Herr, gib Frieden
1) Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf. Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf. Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt. Wir rufen: Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.
2) Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr. Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr. Die Horizonte grollen, der Glaube spinnt sich ein. Hilf, wenn wir weichen wollen, und lass uns nicht allein.
3) Gib Frieden Herr, wir bitten! Du selbst bist, was uns fehlt. Du hast für uns gelitten, hast unsern Streit erwählt, damit wir leben könnten, in Ängsten und doch frei, und jedem Freude gönnten, wie Feind er uns auch sei.
4) Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt! Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt, und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.























