Foto: Erlöserkirche

 

 

Gottesdienst mit Abendmahl
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 9. Jänner 2022
mit Pfr. Johannes Wittich


Klaviervorspiel: Juliane Schleehahn: Auszug Nr. 21 aus “Album für die Jugend” von Robert Schumann (1810 – 1856)
Lied: Evangelisches Gesangbuch, 66, 1-3.5: Jesus ist kommen

1.) Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude;
A und O, Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide;
Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!
Himmel und Erde, erzählet’s den Heiden:
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.

2.) Jesus ist kommen, nun springen die Bande,
Stricke des Todes, die reißen entzwei.
Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden;
er, der Sohn Gottes, der machet recht frei,
bringet zu Ehren aus Sünde und Schande;
Jesus ist kommen, nun springen die Bande
.

3.) Jesus ist kommen, der starke Erlöser,
bricht dem gewappneten Starken ins Haus,
sprenget des Feindes befestigte Schlösser,
führt die Gefangenen siegend heraus.
Fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser?
Jesus ist kommen, der starke Erlöser
.

5.) Jesus ist kommen, der König der Ehren;
Himmel und Erde, rühmt seine Gewalt!
Dieser Beherrscher kann Herzen bekehren;
öffnet ihm Tore und Türen fein bald!
Denkt doch, er will euch die Krone gewähren.
Jesus ist kommen, der König der Ehren
.

Spruch: Jh. 1, 11-12:

11Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

Begrüßung:

Gott als Mensch in die Welt gekommen. Gott als Kind in dieser Welt.
Gott, der durch all das durchgeht, was ein Menschenleben ausmacht – auch die erste Zeit eines Menschenlebens, die Kindheit. So setzt Gott Zeichen in unserer Welt. So, wie er auch heute Zeichen setzt, wenn wir uns ihm öffnen, wenn wir feiern, in seinem Namen, im Namen …

Kollektengebet:

Wunderbarer Gott,
dass du in jener Nacht als Kind geboren wurdest,
das haben wir gefeiert.
Dass du dich unter uns gemischt hast,
ist für uns Grund zum Jubel.
Dass du uns in Jesus Christus zu dir führst,
das ist Anlass zum Danken.
Dass du zwischen uns und dir Versöhnung schaffst,
das ist unsere Rettung.
Dass du dein Reich verwirklichen willst,
das ist uns Quelle der Hoffnung.
Dass du all das für uns tust,
können wir kaum fassen.
Öffne unsere Herzen und Sinne,
dass wir immer wieder neu
dieses Wunder deiner Liebe
zwischen Krippe und Kreuz erfahren dürfen.
Amen.

Lesung: Jes. 11, 1-9

1Und aus dem Baumstumpf Isais wird ein Schössling hervorgehen,
und ein Spross aus seinen Wurzeln wird Frucht tragen.
2Und auf ihm wird der Geist des Herrn ruhen,
der Geist der Weisheit und der Einsicht,
der Geist des Rates und der Kraft,
der Geist des Wissens und der Furcht des Herrn.
3Und er wird die Furcht des Herrn atmen,
und er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen,
und nicht entscheiden nach dem, was seine Ohren hören:
4Den Machtlosen wird er Recht verschaffen in Gerechtigkeit,
und für die Elenden im Land wird er einstehen in Geradheit.
Und mit dem Knüppel seines Mundes wird er das Land schlagen
und mit dem Hauch seiner Lippen den Frevler töten.
5Und Gerechtigkeit wird der Schurz an seinen Hüften sein
und Treue der Gurt um seine Lenden.
6Und der Wolf wird beim Lamm weilen,
und die Raubkatze wird beim Zicklein liegen.
Und Kalb, junger Löwe und Mastvieh sind beieinander,
und ein junger Knabe leitet sie.
7Und Kuh und Bärin werden weiden,
und ihre Jungen werden beieinander liegen,
und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.
8Und der Säugling wird sich vergnügen an der Höhle der Viper,
und zur Höhle der Otter streckt ein Kleinkind die Hand aus.
9Nirgendwo wird man Böses oder Zerstörerisches tun
auf meinem heiligen Berg,
denn das Land ist voll von Erkenntnis des Herrn,
wie von Wasser, das das Becken des Meeres füllt.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 74, 1-4: Du Morgenstern, du Licht vom Licht

1.) Du Morgenstern, du Licht vom Licht,
das durch die Finsternisse bricht,
du gingst vor aller Zeiten Lauf
in unerschaffner Klarheit auf.

2.) Du Lebensquell, wir danken dir,
auf dich, Lebend’ger, hoffen wir;
denn du durchdrangst des Todes Nacht,
hast Sieg und Leben uns gebracht
.

3.) Du ewge Wahrheit, Gottes Bild,
der du den Vater uns enthüllt,
du kamst herab ins Erdental
mit deiner Gotterkenntnis Strahl
.

4.) Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht,
führ uns durch Finsternis zum Licht,
bleib auch am Abend dieser Welt
als Hilf und Hort uns zugesellt
.

Predigt: Mt. 2, 13-18:

13Als sie (die Sterndeuter) aber fortgezogen waren, da erscheint dem Josef ein Engel des Herrn im Traum und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir Bescheid sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es umzubringen. 14Da stand er auf in der Nacht, nahm das Kind und seine Mutter und zog fort nach Ägypten. 15Dort blieb er bis zum Tod des Herodes; so sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. 16Als Herodes nun sah, dass er von den Sterndeutern hintergangen worden war, geriet er in Zorn und liess in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren umbringen, entsprechend der Zeit, die er von den Sterndeutern erfragt hatte.
17Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jeremia gesagt ist:
18Ein Geschrei war zu hören in Rama,
lautes Weinen und Wehklagen,
Rahel weinte um ihre Kinder
und wollte sich nicht trösten lassen,
denn da sind keine mehr.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Jedes Jahr wird es uns wieder klar: Für Josef und Maria waren die Ereignisse um die Geburt ihres Sohnes schon eine ziemliche Zumutung: Zuerst die ganze Sache mit der mehr als außergewöhnlichen Vaterschaft. Josef muss da wirklich Nerven zeigen. Die Reise nach Bethlehem im hochschwangeren Zustand der Maria. Dann die Probleme mit der Unterkunft dort. Schließlich die Geburt unter widrigsten Umständen. Und jetzt: Ein heimtückischer König, der dem Kind nach dem Leben trachtet. Eine dadurch notwendige Flucht in ein fremdes Land. Als ob alles andere nicht schon schlimm genug gewesen wäre.

Gewiss: In den Berichten um die Geburt Jesu herum stecken viele wunderbare, tröstliche und aufbauende Details: Das Loblied der Maria, die Treue des Josef, die Hirten, die Engel, der Stern, die Sterndeuter. Die Freude all der Menschen, so wenige es zunächst einmal noch sind, über dieses Kind. Die Freude der Menschen, die in ihm den Erlöser Gottes sehen können. Diese Momente machen den Zauber von Weihnachten aus, und wir genießen es immer wieder, sie uns am Heiligen Abend in Erinnerung zu rufen. Nur: Aus der Distanz betrachtet, so einige Tage nach dem Heiligen Abend mit seinen besonderen Emotionen, da kommen wir an den harten und erschreckenden Aspekten der Geschichte nicht vorbei.

Nicht zuletzt auch deswegen, weil die weiteren Ereignisse, schon kurze Zeit nach der Geburt so schockierend und eigentlich verstörend sind. Da sollte man glauben, dass mit der Geburt des Erlösers schon alles anderes, besser, neu geworden ist. Nichts davon ist zu spüren. Ganz im Gegenteil: Kaum ist der erste Zauber dieses Ereignisses verblasst, schlägt die Machtgier und die Herzlosigkeit eines brutalen Herrschers wieder voll zu. König Herodes fürchtet um seinen Thron. Und ist bereit, ein grausames Massaker zu veranstalten, nur um ganz sicher nicht irgendwo einen Konkurrenten zu haben. Und wenn dabei Kinder draufgehen – egal.

Ich versuche, mir vorzustellen, wie sich die Hirten in diesem Augenblick gefühlt haben. Sie waren ja wohl Augenzeugen auch dieser grauenvollen Ereignisse, als Bewohner des Umlandes von Betlehem. Gerade noch waren sie Zeugen eines unglaublich schönen Moments gewesen. Die jahrhundertlange Sehnsucht nach einem Erlöser, nach dem Messias, endlich war sie erfüllt worden. Sie hatten es mit eigenen Augen gesehen. Vom „Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ hatten die Engel gesungen. Alles würde nun anders sein, wo doch der Heiland geboren wurde.

Und dann das: Ein Massaker an unschuldigen Kindern in Bethlehem. Man mag sich gar nicht vorstellen, wir grauslich das gewesen sein mag. Was das bedeutet haben muss, für die Mütter, die Väter, die Geschwister, die Familien. Trauer, Schmerz, Leid, Klagen in der Stadt Bethlehem. Ein, so würde man heute sagen, traumatisches Ereignis für die, die es erleben mussten. Und ich denke mir, dass da der eine oder andere von den Hirten so seine Zweifel bekommen hat, ob das wohl wirklich wahr war, mit der Geburt des Erlösers. Oder was das wohl bringen soll, wenn Gott Mensch wird und so gar nichts dagegen tun kann, um so eine fürchterliche Katastrophe für die Familien in Bethlehem zu verhindern.

Aber auch Maria und Josef: Was hatten sie bis zu diesem Moment schon alles mitgemacht! Und jetzt das: Fliehen müssen. Bei Nacht und Nebel sich davon machen. Die Heimat verlassen, alles aufgeben, was da an Sicherheit gewesen ist: Familie, Freunde, Haus, Beruf, ja auch: Verankert sein in den Feiern und Traditionen des Glaubens, der Religion.

Kaum geboren wird der Messias zum Flüchtlingskind. Zum Vertriebenen, zum politisch Verfolgten, zum Asylwerber. Erschreckend aktuell: Wie wird wohl diese Flüchtlingsfamilie in Ägypten aufgenommen worden sein? Wo war wohl das „Erstaufnahmezentrum“? Wie haben die Behörden in Ägypten wohl reagiert? Gleich in Josef einen potentiellen Kriminellen gesehen? Wer fliehen muss, hat ja sicher was angestellt, nicht wahr. Und: Waren die alteingesessenen Ägypter wohl bereit, der Flüchtlingsfamilie zu helfen? Sie mit dem Wichtigsten zu versorgen? Hat Josef wohl gleich eine Arbeit angeboten bekommen? Oder musste er damit warten, bis sein Asylverfahren abgeschlossen war und sich und seine Familie mit Almosen durchbringen?

Was uns das Matthäusevangelium jetzt berichtet, ist ein schmerzhafter Kontrast zu dem, was wir an Weihnachten so schätzen. Obwohl: Die Weihnachtsgeschichte bekommt Tiefgang. Gott ist nicht in eine künstlich schön und idyllisch gemachte Welt gekommen. Er ist in die Welt gekommen, so wie sie ist. Damals wie heute. Gott ist sich nicht zu gut, sich dieser unserer Welt auszusetzen.

Das Leben des Messias ist bedroht – praktisch von der ersten Minute an. Wäre nicht Josef gewesen und seine Entschlossenheit – wer weiß, wie sich dann die Geschichte entwickelt hätte. Gott traut uns Menschen offensichtlich einiges zu, an Verantwortung, an Fähigkeit, sich richtig zu entscheiden und das richtige zu tun. Er vertraut Menschen das Leben seines Sohnes an und rechnet mit ihnen. Was für ein Gott, der uns Menschen so viel zutraut. Ich finde das sehr ermutigend.

Ich hoffe, ich wünsche, dass die ziemlich sicher zutiefst verstörten Hirten das auch so sehen konnten. Als Gegenwart eines Gottes, der sich ganz den Menschen ausliefert. Sie in die Verantwortung ruft, aber auch in den Glauben.

Was eigentlich gar nicht so schwer ist: Die dunklen Seiten dieser Welt kennen wir. Wie gut, zu wissen, dass Gott auch da mitten drin bei uns ist. Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 229, 1-3: Kommt mit Gaben und Lobgesang
Abendmahl:

Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35)

Wir feiern Abendmahl miteinander, zusammengeführt durch den Geist Gottes an den Tisch Jesu Christi. So wollen wir daran denken, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, und was wir heute mit ihm erleben können, wenn wir in seinem Namen essen und trinken.

Einsetzungsworte:

Jesus Christus,
in der Nacht, in der er verraten wurde,
nahm er das Brot, dankte, brach es und sprach:
Nehmt, esst, das ist mein Leib,
der für euch gegeben wird;
Das tut zu meinem Gedächtnis.

Ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl
und sprach:
Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.
Das tut, sooft ihr daraus trinkt,
zu meinem Gedächtnis.

Denn sooft ihr dieses Brot esst
und aus diesem Kelch trinkt,
verkündigt ihr den Tod Jesu Christi,
bis dass er kommt.

Gebet: 

Deinen Tisch, Gott, hast du für uns gedeckt.
Es ist dein Heiliger Geist, der im Essen und Trinken uns stärkt .
Es ist dein Geist, der Vergebung und Versöhnung ermöglicht.
Es ist dein Geist, der uns hier an deinem Tisch
zu einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern versammelt,
der Christus gegenwärtig werden lässt.
So kommen wir dankbar zu dir, Gott,
bewegt durch deinen lebensspendenden Geist,
hoffen ganz auf dich,
vertrauen dir.
Amen.

Einladung: Wir sind eingeladen zum Tisch Jesu Christi. Kommt, es ist alles bereit; seht und schmeckt, wie freundlich Gott ist.

Austeilung:

Gebet:

Jesus Christus,
wir waren Gäste an deinem Tisch.
Dafür danken wir dir.

Gott, viele können das nicht nachempfinden.
Sie haben Schlimmes erlitten,
sind ohne Hoffnung und finden nicht zum Glauben,
dass du diese Welt
durchdringen, tragen und bewahren willst.

Für sie wollen wir bitten:
Komm zu ihnen in ihrer Not,
als Hoffnung und Kraft,
als Trost und Zutrauen,
als Gemeinschaft und Beistand.

Wir bitten dich für deine Kirche,
für unsere Gemeinden,
dass sie Orte sind und Orte bleiben,
an denen deine Freundlichkeit erfahrbar wird,
an denen frohe Botschaft glaubhaft gelebt wird,
und dass sie Gemeinschaften bleiben,
die von deinem Geist bestimmt werden.

Und gemeinsam beten wir:

Unser Vater im Himmel …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 170, 1.3: Komm, Herr, segne uns

Klaviernachspiel: Juliane Schleehahn

Foto: Franz Radner

 

 

Gottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 2. Jänner 2022
mit Pfr. Johannes Wittich


Orgelvorspiel: Juliane Schleehahn
Lied: Evangelisches Gesangbuch, 39, 1-3: Kommt und lasst uns Christus ehren

1.) Kommt und lasst uns Christum ehren,
Herz und Sinnen zu ihm kehren;
singet fröhlich, lasst euch hören,
wertes Volk der Christenheit.

2.) Sünd und Hölle mag sich grämen,
Tod und Teufel mag sich schämen;
wir, die unser Heil annehmen,
werfen allen Kummer hin
.

3.) Sehet, was hat Gott gegeben:
seinen Sohn zum ewgen Leben.
Dieser kann und will uns heben
aus dem Leid ins Himmels Freud
.

Spruch: Jh. 1,16:

Aus seiner Fülle haben wir ja alle empfangen, Gnade um Gnade.

Begrüßung:

Wir stehen noch im Beginn eines neuen Jahres. Die vielen Jahresrückblicke stehen noch vor unserem inneren Auge, Rückblicke auf Gutes und weniger Gutes. Motiviert und voller Hoffnung gilt jetzt unser Blick dem, was vor uns steht.

Der Satz aus dem Johannesevangelium ist auch so etwas wie ein Rückblick, der nach vorne schaut. Eine Erkenntnis: unser Leben ist voll von der Gnade Gottes, von seinem guten Handeln an uns. Und wenn das so ist, so war, dann wird es auch weiter so sein. So beginnen wir diesen Gottesdienst, wie auch das neue Jahr, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gebet:

Geheimnisvoller Gott!
Deine Größe erschreckt uns –
deshalb machen wir dich gerne klein,
damit du in unser Weltbild passt.
Du bist uns entzogen,
deshalb versuchen wir,
dich an uns zu ziehen,
Wenn wir dann merken,
dass du viel größer bist,
als wir uns vorstellen können,
dann fällt es uns schwer zu glauben,
dass du ausgerechnet mit uns etwas im Sinn hast.
Du hast dich uns zugewandt:
Als der Vater, der uns das Leben gibt,
als der Sohn, der uns mit seinem ganzen Leben liebt,
Du hast uns geschaffen,
du rufst uns zu neuem Leben durch deinen guten Geist.
Wir danken dir dafür.
Amen.

Lesung: Jes. 49, 13-18

13Frohlocke, Himmel, und juble, Erde!
Ihr Berge, brecht in Jubel aus,
denn der Herr tröstet sein Volk,
und seiner Elenden erbarmt er sich.
14Zion aber hat gesagt: Der Herr hat mich verlassen,
und vergessen hat mich der Herr.
15Würde eine Frau ihren Säugling vergessen,
ohne Erbarmen mit dem Kind ihres Leibs?
selbst wenn diese es vergessen würden,
werde doch ich dich nicht vergessen!
16Sieh, ich habe dich in die Handflächen geritzt,
stets sind deine Mauern mir vor Augen.
17Deine Söhne sind herbeigeeilt.
Die dich niedergerissen und verwüstet haben, ziehen weg von dir.
18Blicke auf, ringsum, und sieh:
Sie alle haben sich versammelt, zu dir sind sie gekommen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 64, 1.2.6: Der du die Zeit in Händen hast
Predigt zu Jh. 3, 1-8

Es war aber einer unter den Pharisäern, sein Name war Nikodemus, einer vom Hohen Rat der Juden. 2Dieser kam zu ihm in der Nacht und sagte: Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist. 3Jesus entgegnete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen. 4Nikodemus sagt zu ihm: Wie kann denn ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht ein zweites Mal in den Schoss der Mutter gelangen und geboren werden? 5Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes gelangen. 6Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. 7Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von oben geboren werden. 8Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Liebe Gemeinde,

eine eigentümliche Stimmung liegt über dieser Geschichte. Es ist die Begegnung zweier Menschen in der Dunkelheit, in der Nacht. Nikodemus, ein Pharisäer, ein religiöser Führer des Judentums zur Zeit Jesu, will diesen Jesus kennen lernen, mit ihm ins Gespräch kommen. Er spricht ihn als Rabbi an, als Lehrer im Glauben, und erwartet, selbst gebildet und fromm, von diesem Jesus etwas lernen zu können.

Mit gutem Grund kommt Nikodemus in der Nacht. Niemand soll ihn sehen, niemand soll die Peinlichkeit mitbekommen, dass er, der Gelehrte, den Zimmermann aus Nazareth um seine Meinung fragt. Eigentlich ziemlich feige, diese Einstellung, finde ich. Denn schließlich hat Nikodemus bereits eine sehr ausgeprägte Meinung von diesem Jesus, ist sich sicher, dass er von Gott gekommen ist, kann die Zeichen und Wunder, die Jesus schon getan hat ganz einfach nicht anders interpretieren als als Beweise, dass da wirklich ein Mensch von Gott befähigt und beauftragt ist, uns neue Einsichten zu bringen. Ja, als Gesandten Gottes sieht er Jesus. Und trotzdem: Er denkt nicht im Traum daran, diese Erkenntnis anderen mitzuteilen. Zu groß ist der Druck, der auf ihm lastet, die Verantwortung. Es geht um Erhaltung der Tradition, um das Sichern der bewährten Ordnung.

Aber: Für sich selbst, unabhängig von seiner Funktion, für seinen persönlichen Glauben, sucht er Jesus. Und führt mit ihm ein Gespräch, ein Lehrgespräch, wie es in der jüdischen Tradition gerne gepflegt wird. Gelehrte kommen zusammen und schauen, wie viel ihr Standpunkt wert ist, wenn er sich am Wissen und Können eines anderen reibt. Diese Tradition der angstfreien religiösen Debatte hat uns das Judentum eindeutig voraus. Ich sage deswegen „angstfrei“, weil in der Geschichte des Christentums eher die Tendenz vorherrschte, den religiösen Gegner mit dem Scheiterhaufen zu bedrohen. Die Debatten innerhalb des Christentums waren selten fair, weil der abweichlerische Diskussionspartner in der Regel Kopf und Kragen riskierte. Menschen wie Franz von Assisi, Johannes Hus, Martin Luther, Johannes Calvin, Galileo Galilei wussten ein Lied davon zu singen, wie wenig locker es sich debattiert, wenn im Hintergrund schon das Holz aufgestapelt wird.

So ein Lehrgespräch über den Glauben mit Jesus muss faszinierend gewesen sein. Allein: Es ist uns heute nicht mehr möglich, weil er uns so als Ansprechpartner nicht mehr zur Verfügung steht. Dennoch: Wir pflegen ja diese Tradition des Gespräches über den Glauben auch: Im Religions- und Konfirmandenunterricht, in Bibelgesprächen. Wo das geschieht, so denke ich, wird deutlich, dass wir voneinander profitieren können, von unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und –zugängen, von unterschiedlichen Standpunkten und Perspektiven. Wir können das tun, weil Gott eben so viel an menschlichem Geist und Verstand und an Erkenntnis in diese Schöpfung hineingepackt hat, dass sich endlos daraus schöpfen lässt. Das heißt jetzt nicht, dass alles, was wir sagen, immer von göttlicher Intelligenz ist – ich denke, das wissen wir alle. Aber wie viel sich in einem ernsthaften aufeinander Hören entwickeln kann, das, denke ich, haben wir alle schon gemerkt.

So auch bei Nikodemus: Es geht um ein Eintauchen in neue Erkenntnisse, die mehr sind als nur Wissenserweiterung. Er möchte Eintauchen in Erkenntnisse, die ihn wirklich weiterbringen, die ihm helfen, sich selbst neu zu sehen und zu verstehen. Er ist bereit, auch zu Erkenntnissen zu kommen, die ihn erschüttern, ihn in Frage stellen, ihm möglicherweise für einen Augenblick den Boden unter den Füßen wegreißen. Wie gesagt, Nikodemus ist Pharisäer, gehört also zu einer Gruppe, die ein ganz klares, um nicht zu sagen, starres Glaubenssystem vertritt. Und so einer riskiert bei Jesus wirklich viel. Bei Jesus, der ja bekannt dafür ist, radikal Dinge in Frage zu stellen um dann ebenso radikal Gottes- und Menschenliebe zu fordern.

Mehr noch: Jesus spricht Dinge an, die mit dem menschlichen Verstand letztlich nicht zu fassen sind: Die neue Geburt, die dem Glaubenden von oben geschenkt wird. Unlogisch das Ganze. Wir werden nur einmal geboren und das ist es dann auch. So meint ja dann auch Nikodemus gleich: Wie kann ein Mensch noch einmal geboren werden? Das geht nicht, ein erwachsener Mensch kann nicht mehr in den Bauch seiner Mutter zurück. Und hat damit recht, zeigt sich als Meister der Logik, wischt alles Irrationale vom Tisch und fordert Jesus heraus.

Er fordert Jesus heraus, ihm, dem Logiker, die Logik richtiggehend zu zerlegen. Denn Nikodemus ist nicht auf der Suche nach logischer Erkenntnis. Er ist auf der Suche nach Sicherheit im Glauben, auf der Suche nach Stütze für das Leben, auf der Suche nach Nähe und Beziehung zu Gott. Mit der Widergeburt, die Jesus meint, wird er nicht gescheiter werden. Aber: Er wird trotzdem ein neuer Mensch sein. Weil Gott ihn dazu machen wird. Eine neue Existenz, das ist, was Jesus verspricht. Durch die Taufe.

Interessant ist ja schon: Es wird uns in der Bibel nicht berichtet, wie Nikodemus auf die Sätze Jesu reagiert hat. Nikodemus fragt, Jesus antwortet – mehr nicht. Angenommen wird, dass Nikodemus kein Jünger geworden ist; er taucht später zwei mal noch auf, ganz kurz, einmal, als er einen fairen Prozess für Jesus fordert und ein anderes Mal später dann, als er ein Spende macht, um den Leichnam Jesu einbalsamieren zu lassen. Man geht davon aus, dass er Sympathisant Jesu war und geblieben ist, niemals aber seine Position riskiert hat, die er zweifelsohne verloren hätte, wenn er sich offen als Anhänger Jesu deklariert hätte. Jesus macht nicht mehr, als ihm das Wagnis des Glaubens anzubieten, vorzustellen, ihm diese Möglichkeit zu eröffnen. Und ein Wagnis ist es, wenn, so wie Jesus sagt, der Geist Gottes wie der Wind bläst, mal da ist, mal dort, und wohl auch uns als Gläubige hin und her wehen kann.

Was aber immer da ist, ist dieses neu sein durch die Taufe. Im Geist Gottes wird diese Welt immer wieder neu belebt und wir mit ihr. Reich Gottes entsteht unter Menschen, die vom Geist Gottes berührt sind und seinen Willen tun. Was uns die Wiedergeburt durch die Taufe noch bringt: Sie nimmt uns die Angst. Selbst vor dem, was uns am meisten beängstigt, dem Tod. Gewiss: Mit unserer Sterblichkeit umgehen zu können, mit der Vergänglichkeit von Beziehungen und Freundschaften, die durch den Tod ein Ende finden, das gelingt uns nie vollkommen. Aber gerade wenn die Angst da ist, die Trauer können wir wissen: wir sind getauft. Wir tragen ein Zeichen Gottes an uns. Wir sind wiedergeboren, neu geboren, in einer Geburt, die menschliches Geboren-Sein übersteigt. Das erste, irdische Leben, kann uns genommen werden, wird uns genommen werden. Das zweite, neue, wiedergeborene Leben hat Bestand, für immer. Das kann uns niemand mehr nehmen. Dafür verbürgt sich Gott. Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 636, 1-4: Selig seid ihr
Gebet:

Guter Gott,
Geheimnis des Lebens,
unser Woher und unser Wohin,
unser Ursprung und unser Ziel.
Du hast die Welt erschaffen – und alles, was lebt.
Du hast uns deine Schöpfung anvertraut.
Wir bitten dich: lass uns verantwortlich mit deiner Welt umgehen,
sodass auch Generationen nach uns sie als deine Schöpfung feiern können.
Durch deinen Sohn Jesus Christus hast du dich uns gezeigt.
Er verweist uns an unsere Mitmenschen
und ist darin unser Bruder geworden.
Lass uns diejenigen nicht vergessen,
die Unrecht und Gewalt erleiden.
Lass uns an den Armen – bei uns und in der Welt – nicht vorbei sehen.
Lass uns den Kranken und Trauernden nahe sein.
In der Taufe hast du uns deinen Geist gegeben.
Wir bitten dich: Schenke uns Erfahrungen deiner Nähe.
Gib uns Geistesgegenwart,
damit wir sehen, was andere nicht sehen können:
Gott, du Quelle allen Lebens,
Belebe unsere Gemeinschaft mit deinem Geist,
dass wir dir vertrauen.

Und gemeinsam beten wir …

Unser Vater im Himmel …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, EG: 171, 1.4: Bewahre, uns, Gott

Orgelnachspiel: Juliane Schleehahn: Praeludium in F-Dur von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst zu den Weihnachtsfeiertagen
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten,
mit Gerti Rohrmoser und Johannes Wittich

Orgelvorspiel: Johannes Wolfram: Improvisation

Mit freundlicher Genehmigung des Komponisten.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 27, 1.2.5.6: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich

1) Lobt Gott, ihr Christen alle gleich,
in seinem höchsten Thron,
der heut schließt auf sein Himmelreich
und schenkt uns seinen Sohn,
und schenkt uns seinen Sohn.

2) Er kommt aus seines Vaters Schoß
und wird ein Kindlein klein,
er liegt dort elend, nackt und bloß
in einem Krippelein,
in einem Krippelein.

5) Er wird ein Knecht und ich ein Herr;
das mag ein Wechsel sein!
Wie könnt es doch sein freundlicher,
das herze Jesulein,
das herze Jesulein!

6) Heut schließt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis;
der Cherub steht nicht mehr dafür.
Gott sei Lob, Ehr und Preis,
Gott sei Lob, Ehr und Preis!

Spruch: Jh. 1, 14a:

Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit.

Begrüßung:

Auch wenn eigentlich der 25. Dezember als Geburtstag von Jesus gefeiert wird – das eigentliche Weihnachtsfest findet für viele bereits in der „Heiligen Nacht“ davor statt. Das ist auch gut so; sind doch viele Emotionen und Stimmungen mit diesem Fest verbunden. Das bringt es aber auch mit sich, dass wir uns am ersten und zweiten Weihnachtstag schon fast ein bisschen in „nachfestlicher“ Stimmung befinden, weil eben das große Feiern schon gewesen ist.

Auch das Johannesevangelium spricht vom Kommen Gottes in die Welt zunächst einmal in der Vergangenheitsform: „das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit.“ Ja, mit der Menschwerdung Gottes ist etwas Einzigartiges geschehen. Es ist aber nicht ein Ereignis, dass einmal geschehen und damit bereits wieder vorbei ist. Es ist ein Ereignis, das bis heute nachwirkt: Gott ist mitten unter uns.

Das machen wir uns wieder bewusst, wenn wir heute feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet:

Guter Gott,
die Zeit des Wartens auf Deine Ankunft ist vorüber,
die heilige Nacht vorbei.
Ein Tag noch oder zwei,
dann steht der Alltag wieder in unserer Tür,
der Glanz verblasst, die Sehnsucht
verkriecht sich wieder in den geheimen Winkeln unserer Seele.
Die Freude weicht wieder der Unrast,
was wir noch im Blick haben,
ist lediglich der Kalenderwechsel.
Erinnere uns an Deine Zeitrechnung, guter Gott,
Nach all dem Warten,
und all den Vorbereitungen
gib inmitten unserer Gewohnheiten
und trotz allem,
was immer schon so war,
Deiner Weihnachtsbotschaft in uns eine Chance.
Amen.

Weihnachtsgeschichte für Kinder:

Hallo ihr Lieben, ich bin es wieder Fieps!
Ich glaube ich habe euch noch gar nicht erzählt, woher ich meinen schönen Namen habe! Ich bin nach einem Urururururururururu-Onkel benannt worden. Naja, eigentlich hieß er Fiepianus. Meinen Eltern war das aber zu lang und sie nannten mich dann nur Fieps. Jedenfalls war dieser Fiepianus eine ganz besondere Maus. Er war nämlich die Hausmaus eines gelehrten Sterndeuters. Sterndeuter waren ganz kluge Menschen, die aus den Sternen verschiedenes herauslesen konnten. Jedenfalls bekam mein Ururururururur-Onkel mit, wie dieser Sterndeuter zu seiner Frau sagte, dass er sich auf eine Reise machen müsste, denn die Sterne zeigten etwas Außergewöhnliches und er brauchte ein ganz kostbares Geschenk. Da wurde Fiepianus natürlich hellhörig, er wollte wissen was da vorging. Also packte auch er paar Sachen zusammen- eine Maus braucht ja nicht so viel Gepäck und sagte zu meiner Urururururururur-Tante, dass er unbedingt mit auf diese Reise gehen muss. Er war halt eine sehr neugierige Maus. Fiepianus versteckte sich einfach in der Kiste wo das Geschenk aufbewahrt wurde. Es war Myrrhe, das ist ein sehr intensiv riechendes Harz, das damals sehr wertvoll war. Fiepianus störte der Geruch nicht – zum Glück, denn die Reise war wirklich sehr lange. Am Weg gesellten sich dann noch weitere Sterndeuter aus anderen Ländern dazu. Auch sie hatten Geschenke mit. Fiepianus hatte in seiner Neugier natürlich sofort die anderen kostbaren Geschenke inspizieren müssen. Das eine war Weihrauch–auch ein kostbares intensiv riechendes Harz und das andere war Gold. Fiepianus bekam auch mit wie sich die Männer unterhielten. Es ging um einen Stern dem sie folgten. Sie waren überzeugt, dass dieser Stern sie zu einem gerade geborenen Kind führen wird. Und dieses Kind sollte einmal ein König werden. Natürlich war der damals regierende König Herodes nicht so begeistert, als er von den Sterndeutern erfuhr dass sie einen neugeborenen König suchten. Mein Ururururururur-Onkel hat das alles mitbekommen, da er als kleine Maus sich überall gut verstecken konnte. Er hörte wie Herodes seine gelehrten Männer rief und sie ausfragte. Diese bestätigten ihm, dass es schon vor sehr langer Zeit von einem Propheten Namens Micha vorhergesagt wurde, dass in Bethlehem, im Land Juda ein König geboren wird der das Volk Israel führen soll. Dann rief Herodes die Sterndeuter zu sich und sagte sie sollen sofort zu ihm zurückkommen, wenn sie das Kind gefunden hätten, denn auch er wolle den neuen König sehen. Fiepianus bekam es richtig mit der Angst zu tun, denn er war auch ein guter Menschenkenner und wusste sofort, dass Herodes sicher nichts Gutes vorhatte. Jedenfalls folgten sie dem Stern weiter und plötzlich blieb er stehen. Da freuten sich alle, denn jetzt waren sie am Ziel. Denn dort wo der Stern stehen blieb gab es wirklich ein Kind. Es wurde gerade von Maria der Mutter in den Armen gehalten. Die Sterndeuter warfen sich vor dem Kind auf die Knie und übergaben die Geschenke. Mein Ururururururur-Onkel musste schnell unauffällig aus der Kiste huschen, denn er wusste das Mäuse nicht ganz so bliebt bei Menschen waren. Warum weiß ich bis heute nicht, wo wir doch so süß sind…aber das ist jetzt eine andere Geschichte. Jedenfalls haben die Männer am nächsten Morgen beschlossen nicht wieder zu Herodes zu gehen und einen anderen Weg nach Hause zu nehmen. Sie hatten in der Nacht alle einen Traum gehabt, wo Gott ihnen das gesagt hatte. Fiepianus viel ein Stern vom Herzen…hihi ich meinte natürlich ein Stein…aber Stern passt da jetzt irgendwie auch gut-oder!? Er hatte ja sofort gewusst, dass man diesem Herodes nicht trauen konnte. Jedenfalls reiste mein Ururururururur-onkel dann mit dem Sterndeuter wieder nach Hause und konnte alles seiner Familie berichten. Meine Ururururururur-Tante freute sich besonders, denn Fiepianus duftete so gut. Naja, er hat ja die ganze Reise bis nach Jerusalem in der Kiste mit der Myrrhe verbracht und so hat sein Fell natürlich den Geruch angenommen.
So, jetzt kennt ihr auch die Geschichte meines Ururururururuur-Onkel nachdem ich benannt worden bin. Immerhin war er der erste, der den kleinen Jesus-das war nämlich das Baby- gesehen hatte.

(Ariane Simml)

Lied: Es ist für uns eine Zeit angekommen

1) Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es ist für uns eine große Gnad‘.
Unser Heiland Jesu Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

2) In der Krippe muss er liegen,
und wenn’s der härteste Felsen wär’:
Zwischen Ochs’ und Eselein
liegest du, liegest du,
liegest du, armes Jesulein.

3) Drei König’ kamen, ihn zu suchen,
der Stern führt’ sie nach Bethlehem.
Kron’ und Zepter legten sie ab,
brachten ihm, brachten ihm,
brachten ihm ihre reiche Gab’.

Predig:

Liebe Gemeinde!

Als Mose sein Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten herausgeführt hatte, war es, wenn wir dem biblischen Bericht folgen, viele Jahre unterwegs, bis man nach vielen Um- und Irrwegen endlich an der Grenze des verheißenen Landes stand. – In vielen Schlachten hatte der unbändige Überlebenswille des Volkes Israel zum Erfolg geführt, seine Kampfkraft war berühmt und berüchtigt. Nun endlich lagerten die Israeliten in der Ebene am Jordan, ihrem Ziel, dem von Gott gelobten Land, schon zum Greifen nah. Dummerweise flossen aber in diesem Land nicht nur Milch und Honig, sondern es war bewohnt vom Volk Moab. Und, wie es bis heute so ist, die Einwohner des Landes hatten keine Lust, das, was sie ihre Heimat nannten mit den Israeliten zu teilen. Der König der Moabiter setzte seine Truppen in Alarmbereitschaft, man stellte bis an die Zähne bewaffnete Grenzposten auf. Aber Balak, so hieß der König, vergaß auch die psychologische Kriegsführung nicht. Er schickte Boten aus nach Petor am Euphrat um den weithin bekannten Seher und Propheten Bileam um Hilfe zu bitten. Er sollte kommen und die Israeliten verfluchen. Der Bericht legt nahe, dass Bileam im Verfluchen einschlägige Erfahrung hatte. Aber diesmal lehnt er ab. Er, der kein Israelit war, ließ Balak ausrichten, Gott habe ihm verboten mit den Boten mitzugehen. Balak war wütend, enttäuscht und sehr besorgt. Aber er war auch schlau und entnahm offenbar der Botschaft Bileams, dass seine Absage ein wenig halbherzig war. Jeder Mensch hat seinen Preis, dachte er und schickte die Boten noch einmal los, diesmal mit dem Versprechen auf reichlich Belohnung. Zunächst winkt Bileam wieder ab, aber nach einer nächtlichen Unterredung mit Gott, in der Gott dem Bileam befiehlt, mit den Männern zu gehen, jedoch nur das zu tun, was er, nämlich Gott, ihm eingibt macht, man sich in aller Frühe zum Aufbruch bereit:

Predigtext: 4. Mose 22, 22-35:

22Da entbrannte der Zorn Gottes, weil er ging, und der Bote des Herrn trat ihm als Widersacher in den Weg, während er auf seiner Eselin ritt und seine zwei Diener ihn begleiteten. 23Und die Eselin sah, wie der Bote des Herrn auf dem Weg stand, mit gezücktem Schwert in der Hand. Da wich die Eselin ab vom Weg und lief über das Feld. Bileam aber schlug die Eselin, um sie auf den Weg zurückzulenken.
24Da trat der Bote des Herrn in den Hohlweg zwischen den Weinbergen, wo auf beiden Seiten Mauern waren. 25Und die Eselin sah den Boten des Herrn und zwängte sich an die Wand und drückte Bileams Fuss gegen die Wand. Da schlug er sie wieder. 26Der Bote des Herrn aber ging weiter voraus und trat an eine enge Stelle, wo man weder nach rechts noch nach links ausweichen konnte. 27Und die Eselin sah den Boten des Herrn und ging unter Bileam in die Knie. Da entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Eselin mit dem Stock. 28Der Herr aber öffnete der Eselin den Mund, und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, dass du mich dreimal geschlagen hast?
29Da sprach Bileam zu der Eselin: Weil du deinen Mutwillen mit mir getrieben hast. Wäre ein Schwert in meiner Hand, so würde ich dich jetzt töten. 30Die Eselin aber sprach zu Bileam: Bin ich nicht deine Eselin, auf der du zeitlebens geritten bist bis zum heutigen Tag? War es je meine Art, es so mit dir zu treiben? Und er sprach: Nein. 31Da öffnete der Herr Bileam die Augen, und er sah, wie der Bote des Herrn auf dem Weg stand, mit gezücktem Schwert in der Hand. Und er verneigte sich und warf sich nieder auf sein Angesicht.
32Der Bote des Herrn aber sprach zu ihm: Warum hast du deine Eselin dreimal geschlagen? Sieh, ich bin als dein Widersacher ausgezogen, denn dein Weg ist verkehrt in meinen Augen.
33Die Eselin aber hat mich gesehen, und dreimal ist sie mir ausgewichen. Wäre sie mir nicht ausgewichen, so hätte ich dich jetzt umgebracht, sie aber am Leben gelassen. 34Da sprach Bileam zum Boten des Herrn: Ich habe gesündigt, denn ich habe nicht erkannt, dass du mir auf dem Weg entgegengetreten bist. Wenn dir nun aber die Sache missfällt, will ich umkehren. 35Der Bote des Herrn aber sprach zu Bileam: Geh mit den Männern, doch sollst du nur das reden, was ich dir sagen werde. So ging Bileam mit den Fürsten Balaks.

Ich kann mir gut vorstellen, wie genervt der Seher Bileam gewesen sein muss. Dieses ständige Hin und Her. Erst der penetrante König Balak, der ihn, den Promi unter den Sehern, für seine Zwecke einsetzen möchte, ja ihn versucht zu kaufen. Mühsam, dem König klar zu machen, dass das nicht geht. Aber noch mühsamer ist das Verhalten Gottes. Bileam hat einen sichtlich guten Draht zu Gott. Auf der einen Seite weiß er, was Gott will: niemals würde er zulassen, dass irgendwer sein auserwähltes Volk, die Israeliten, verflucht. Das weiß er, Bileam, der selbst kein Israelit ist. Allerdings ist auch für ihn Gott der Gott schlechthin. Auf der anderen Seite ist an diesem einzigen Gott auch einiges rätselhaft, und zwar mühsamst rätselhaft: Gottes Volk verfluchen, das geht nicht. Aber trotzdem soll Bileam mit den Vertretern des Königs von Moab mitgehen. Sozusagen in geheimer Mission. Gott wird ihm sagen, was er zu tun haben wird. Aber kaum tut er das, ist Gott sauer. Was Bileam allerdings zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht weiß. Die Reise wird zum Desaster, weil seine Eselin plötzlich ihren eigenen Kopf durchsetzen muss: zuerst kommt sie von der Straße ab und hoppelt über ein Feld. Dann quetscht sie Bileam in einem Hohlweg zwischen zwei Mauern ein. Und dann haut sie sich auch noch auf den Boden. Einfach so, scheint es. Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit als treues und verlässliches Tier.

Was Bileam empfindet, können wir nur zu gut verstehen. Seine Geschichte ist, so finde ich zumindest, eine passende Geschichte für den Morgen nach dem Heiligen Abend. Wie schön und harmonisch doch gerade noch alles gewesen ist, gestern, vor dem Christbaum, in der „Heiligen Nacht“. Alles war so, wie es sein sollte, wie es immer ist, wie es sein muss, damit der Heilige Abend seinen besonderen Zauber entfalten kann. Auch die biblische Spezies „Esel“ war noch dort, wo sie hingehört: in die Krippe, als stummer, treuer, ergriffener Zeuge der Geburt des Erlösers. Aber am Morgen danach beginnt dieses Bild zu bröckeln. Das Leben mit all seinen verwirrenden, herausfordernden, Sorgen machenden Aspekten beginnt sich wieder in den Vordergrund zu drängen. Und Esel beginnen wieder ihr angeblich typisches störrisches Eigenleben zu entwickeln …

Allerdings: wenn Bileam genervt war – wie genervt muss dann die Eselin gewesen sein!! Über Jahre hatte sie ihn, den berühmten Seher über jedes unwegsame Gelände getragen, ihm alle Lasten geschleppt und jetzt? Der berühmte Seher! Nicht nur blind wie ein Maulwurf gegenüber der Gefahr, die sich vor ihm aufbaut, nein, auch noch so hochmütig zu glauben, die Eselin würde ganz ohne Grund, aus purer Launenhaftigkeit den Gehorsam verweigern und ausbrechen. Als ob sie das jemals getan hätte! – Und unser spätes, westliches Denken glaubt das auch noch ganz leicht. Denn es ist geprägt von dem Bild des Esels, der in der griechisch/römischen Antike vorherrschte und ihn als träge, dumm und störrisch beschreibt. In der biblischen Überlieferung sind Esel eigentlich sehr geachtete Tiere. Aber Bileam versteht gar nichts. Der berühmte Seher – zu sehr von sich eingenommen kommt er gar nicht auf die Idee ein Tier – noch dazu ein weibliches! – könne eine Situation besser überschauen und beurteilen als er. Und er reagiert, wie Menschen dann gern reagieren, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen können: mit Gewalt. Er prügelt die Eselin derartig, dass Gott einschreitet und ihr vorübergehend die Gabe der menschlichen Sprache verleiht. – Stellen sie sich vor, das würde heutzutage passieren, wenn Tiere schlecht behandelt werden –da könnten wir uns ganz schön was anhören!

Aber wundert sich Bileam vielleicht, dass das Tier plötzlich spricht? Ist er einsichtig? Nein, erst einmal nicht. Er bedroht die Eselin sogar noch mit dem Tod. Sie muss ihn sehr deutlich drauf hinweisen, was sie bisher alles für ihn ohne alles Murren geleistet hat, bevor er endlich zur Besinnung kommt und sieht, was sie schon lang gesehen hat. Wer von den beiden ist also die wahre Seherin und wer der Esel?

Vielleicht ist der Esel ja deshalb in die Weihnachtsgeschichte hineingeraten. Denn in der ursprünglichen Erzählung des Lukas kommt er nicht vor, dort ist der Stall von Betlehem leer. Aber schon Hieronymus, 300 Jahre später, stellt Ochs und Esel als erste Gefährten an die Krippe des neugeborenen Jesuskindes. Mit Hinweis auf eine Textstelle beim Propheten Jesaja, wonach der Ochse seinen Besitzer kenne und der Esel seine Krippe und diese Tiere mehr Einsicht hätten als das Volk Israel …

Hieronymus verlagert diese Erkenntnis in den Stall von Betlehem: Herodes und die Schriftgelehrten haben nichts verstanden und während die Bewohner von Betlehem die Fremden an den Rand, aus der Stadt und der Gemeinschaft hinaus drängen und keinen Platz für sie haben, wissen Ochs und Esel wer da zu ihnen kommt und schätzen es. Na ja, Esel sind halt hochsensible Tiere mit großen, langen Ohren. Sie sind ganz Ohr, sozusagen …

Die Eselin ist also gescheiter als ein Mensch, noch dazu als einer, der angeblich die Gabe des besonderen Durchblicks hat. Der Esel im Stall von Betlehem, gemeinsam mit dem Ochsen, der weiß, wo er dazu gehört, hingehört, für wen er arbeitet und sich abmüht, aber auch wer für ihn sorgt, dass die Futterkrippe immer voll und das Stalldach dicht ist. Diese biblischen Eselvorstellungen gefallen mir. Denn: sie sind durch und durch weihnachtlich. Und in weihnachtlicher Stimmung sind wir doch gerade.

Denn was macht Weihnachten aus? Dass plötzlich die Dinge nicht mehr so sind, wie man sich immer eingebildet hat, dass sie sein müssen. Hier Gott, weit oben in einem fernen Himmel – dort die Menschen, ganz unten und einem erbarmungslosen Schicksal ausgeliefert. Wer das geglaubt hat, quasi für ein unveränderliches Naturgesetz gehalten hat, kann sich nur noch wundern.

Denn im Stall von Betlehem ist das alles anders. Und wenn, wie schon gesagt, in den biblischen Erzählungen der Stall zunächst einmal leer ist, so können wir ihn gut mit unserer Phantasie füllen. Da sehe ich einen gemütlichen, schwerfälligen, starken und treuen Ochsen. Der Tag war hart und anstrengen, aber jetzt passt es so, wie es ist. Da sehe ich einen Esel, oder vielleicht eine Eselin. Ein quirliges, energiegeladenes, intelligentes Tier. Mit ausgeprägten Instinkten. Gefahren werden früh erkannt, aber wenn diese „Warnanlage“ einmal nicht anspringt, dann ist auch wirklich keine Gefahr da. Da können die Menschen behaupten, was sie wollen. Das bringt einen Esel oder eine Eselin nicht aus der Ruhe.

Und vielleicht haben diese Tiere im Stall auch die besondere Stimmung und Atmosphäre des Moments aufnehmen können. Vielleicht, ganz instinktiv, besser verstanden und durchschaut als die anwesenden Menschen, was da wirklich los ist: ein Augenblick, in dem, vielleicht auch nur für einen kurzen Zeitraum alles so ist, wie es sein soll: Gott bei den Menschen, die Menschen bei Gott, Friede auf Erden, Ruhe, Geborgenheit bei Gott, tiefste Wünsche ernstgenommen und erfüllt.

Und so kann man wohl sagen: sei ein Esel – dann verstehst du die Weihnachtsbotschaft.
Amen.

Zwischenspiel: Emmerich Gyenge: Präludium Nr. 1 C-Dur, BWV 846 von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Gebet: 

Guter Gott,
seit Du beschlossen hast,
Mensch zu werden
im Stall von Bethlehem
bist du uns so nahe,
wie nur ein Mensch dem anderen nahe sein kann.
Du hast die Welt auf den Kopf gestellt.
An Deinem Geburtstag
Machst du uns große Geschenke
– fernab der Gabentische:
Mut schenkst du uns, wenn wir ganz unten sind;
Hoffnung schenkst du uns, wenn wir nicht weiter wissen,
und Freiheit, wenn wir unheilvolle Bindungen lösen können.
An diesem besonderen Abend erfahren wir:
Du wirkst in unserer Welt,
du machst die Dunkelheit hell – in uns und um uns herum.
Du ebnest Wege und machst krumme Pfade gerade.
Du bewahrst uns vor Abwegen.
Dein Licht führt verkürzt die Umwege, die wir öfter im Leben einschlagen
Und verhindert, dass wir in die Irre oder im Kreis laufen.
Wir spüren stärker, als zu anderen Zeiten des Jahres,
deine Sorge um uns und alle Menschen,
in Gefahren und Krankheit,
in Not und im Wahnsinn der Kriege und Bürgerkriege
an viel zu vielen Orten in dieser Welt.

Mach unser Leben hell!
Dring ein in unser Denken und Hoffen,
unser Fühlen und Handeln
mit deinem Licht, das in der Finsternis gekommen ist
Uns heim zu leuchten.
Schenke unserer Welt Frieden,
den Regierungen Demut und Einsicht
und jedem Einzelnen den guten Willen zu Respekt,
Rücksicht und liebevoller Anteilnahme,
ohne die niemand leben
und keine Generation aufwachsen kann.
Gewähre uns Geborgenheit in deiner Gnade
und leite uns auch weiterhin
unter deinem guten Stern.
Und gemeinsam beten wir:

Unser Vater im Himmel  …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 35, 1-3: Nun singet und seid froh

1) Nun singet und seid froh, jauchzt alle und sagt so:
Unsers Herzens Wonne liegt in der Krippe bloß
und leuchtet als die Sonne in seiner Mutter Schoß.
Du bist A und O, du bist A und O.

2) Sohn Gottes in der Höh, nach dir ist mir so weh.
Tröst mir mein Gemüte, o Kindlein zart und rein,
durch alle deine Güte, o lieber Jesu mein.
Zieh mich hin zu dir, zieh mich hin zu dir.

3) Groß ist des Vaters Huld, der Sohn tilgt unsre Schuld.
Wir warn all verdorben durch Sünd und Eitelkeit;
da hat er uns erworben die ewig Himmelsfreud.
O welch große Gnad, o welch große Gnad.

Orgelnachspiel: Johannes Wolfram: Improvisation

Mit freundlicher Genehmigung des Komponisten.


Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst zum 4. Advent
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 19. Dezember 2021
mit Dr. Ulrich Körtner


Orgelvorspiel: Juliane Schleehahn: Allegro moderato maestoso – gekürzte Version von Felix Mendelsson Bartholdy (1809 – 1847)
Lied: Evangelisches Gesangbuch, 8, 1-6: Es kommt ein Schiff geladen
Begrüßung mit dem Wochenspruch aus Phil 4,4:

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet Euch! Der Herr ist nahe!

Der vierte Advent steht im Zeichen der Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest und der Hoffnung auf Jesus Christus, der unsere Freude ist. Vielleicht geht es uns aber so wie vielen Menschen während des zweiten Corona-Winters, denen gar nicht fröhlich zumute ist. Vielleicht sind auch wir bedrückt, dünnhäutig und von Sorgen erfüllt, wie es mit uns und der Welt weitergehen mag. Manche unter uns quälen vielleicht ganz persönliche Nöte, Krankheit und Zukunftsängste. Mit all dem kommen wir vor Gott zusammen. Auf sein Wort wollen wir hören und daraus neue Kraft und neuen Mut schöpfen. In seinem Wort kommt er uns nahe und will uns auch in allem Schweren zur Quelle des Lebens und der Freude werden. Darauf dürfen wir vertrauens.

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes.

Psalm: Ps 102,13-14.16-18.20-23

Du, HERR, bleibst ewiglich und dein Name für und für.
Du wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen;
denn es ist Zeit, dass du ihm gnädig seist, und die Stunde ist gekommen,
dass die Völker den Namen des HERRN fürchten
und alle Könige auf Erden deine Herrlichkeit,
wenn der HERR Zion wieder baut und erscheint in seiner Herrlichkeit.
Er wendet sich zum Gebet der Verlassenen und verschmäht ihr Gebet nicht.
Denn er schaut von seiner heiligen Höhe, der HERR sieht vom Himmel auf die Erde,
dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes,
dass sie in Zion verkünden den Namen des HERRN und sein Lob in Jerusalem,
wenn die Völker zusammenkommen und die Königreiche, dem HERRN zu dienen.

Gebet:

Advent. Du willst zu uns kommen, Herr,
aber so vieles steht deinem Kommen im Wege:
Die Berge unserer Zukunftsangst,
die Täler unserer Zweifel,
die Mauern unseres Misstrauens,
die Hügel unserer Bequemlichkeit.
Hilf uns zu überwinden, was Dir im Wege steht.
Öffne unser Ohr, dass wir dich hören,
und unser Herz, dass wir dich empfangen.
Erfülle uns mit Hoffnung und Freude.
Amen.

Klaviermusik von Martin Pauliny:
Lesung: Jes 52,7-10

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte, und ein Licht auf unserem Wege.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 19,1-3 O komm, o komm, du Morgenstern
Predigt über Lk 1,26-28

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

(Lutherbibel 2017)

Zu einer besinnlichen Adventsfeier gehören nicht nur Weihnachtslieder, sondern auch eine gute Geschichte. Viele Geschichten zur Weihnachtszeit sind Legenden. Von Legenden geht eine starke Faszination aus, obwohl wir wissen, dass das, was sie erzählen, nur eine erdichtete Geschichte ist. Legenden sprechen tiefere Schichten unserer Seele an als die täglichen Fernsehnachrichten. Sie bringen etwas tief in uns zum Schwingen, das weiter reicht als unsere kühler Verstand,

Auch bei der Geschichte, die uns Lukas über die Ankündigung der wundersamen Geburt Jesu erzählt, handelt es sich um eine Legende, wie überhaupt die biblischen Erzählungen über Jesu Geburt und Kindheit über weite Strecken legendarische Züge tragen. Als Tatsachenbericht gelesen, wird diese Geschichte wohl bei den meisten Menschen nur ungläubiges Kopfschütteln auslösen. Der Glaube an Engel oder spirituelle Begleiter ist allerdings in den letzten Jahren wieder in Mode gekommen. Kugelförmige Engelsrufer, die als Schmuckstücke um den Hals getragen werden, verkaufen sich ebenso gut wie Bücher über Engel, himmlische Mächte oder unsere vermeintliche eigene Engelsnatur. Aber trotz Esoterikboom werden heutzutage wohl nur die wenigsten Menschen die Jungfrauengeburt Jesu als biologische Tatsache akzeptieren.

Muss man das, wenn man ein gläubiger Christ sein will? Ich glaube nicht. Das Evangelium, die gute Nachricht von der Menschwerdung Gottes, spricht von einer anderen Wahrheit als es die Naturwissenschaften und die moderne Medizin tun. Die gute Nachricht von Jesus aus Nazareth behauptet keine alternative Faktenlage und verbreitet keine Fake-News wie moderne Verschwörungstheoretiker, Coronaleugner, Rechtspopulisten und Demagogen. Sie weist den Weg zum wahren Leben, nach dem wir uns sehnen. Sie spricht vom richtigen Leben im falschen, nämlich von einem Leben in Glaube, Liebe und Hoffnung, das Gott uns schenkt. Das tut sie bisweilen in Bildern und Gleichnissen, aber auch in legendarischen Geschichten, die keine historischen Tatsachen berichten und dennoch in einem tieferen Sinne wahr sind. Diese Geschichten wollen nicht wörtlich, wohl aber beim Wort genommen werden.

Manche tun solche Geschichte ab: „Das sind ja nur Legenden“. Wienerisch gesagt: „Des san halt bloß G’schichterln“. Wer so denkt, bringt sich freilich um die existentielle Wahrheit dieser Geschichten. Ihre Wahrheit kann unser Leben verändern und bereichern. Ohne sie bleibt unser Leben arm.

Mit seiner Legende von der Ankündigung der wundersamen Geburt Jesu will Lukas die Wahrheit über Jesus von Nazareth veranschaulichen. Er will uns in Form einer Geschichte verständlich machen, was damit gemeint ist, dass Jesus von denen, die an ihn glauben, als Sohn Gottes bezeichnet wird. Vielleicht kommt die Wahrheit über Jesus überhaupt nur dann richtig zur Geltung, wenn man von ihm erzählt. Vielleicht gilt auch von der Wahrheit des Glaubens, dass man von ihr erzählen muss.

Legenden laden zur Besinnung ein. Wenn wir solch eine meditative Geschichte hören, können wir uns fragen, was sie uns angeht und ob wir vielleicht sogar selbst in ihr vorkommen. In der Geschichte von Jeu wundersamer Geburt kommen wir nicht direkt vor; was nicht heißt, dass sie uns nichts anginge. Wir sind vom Geschehen betroffen, aber nicht aktiv beteiligt. Es geht um uns. Aber wir sind nicht die Akteure. Wir können zunächst nur zuhören oder zuschauen. Dazu laden uns die zahlreichen Darstellungen der Verkündigung Mariens in der bildenden Kunst ein.

Auch Maria ist nicht die Hauptakteurin. Sie sagt am Ende: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Es ist Gott, der an ihr handelt und sie für sein Heilshandeln gebrauchen will. Maria ist keine Miterlöserin. Es ist allein Gott, der das Heil schafft. Das ist ein Grundmotiv des Erlösungsgeschehens, auch wenn es um uns geht. Unser Leben wird allein durch Gott zurecht gebracht und neu, ohne dass wir von uns aus irgendetwas dazu tun könnten. Gott kommt uns zuvor, Wenn es um unsere Erlösung geht, sind wir ausschließlich Empfangende, ganz so wie Maria.

Das Kind, das in ihr heranreifen soll, ist die Frucht des Heiligen Geistes. So erzählt es Lukas. Was als biologische Behauptung aller Vernunft widerspricht, ist ein Sinnbild des Glaubens. Wie in Maria will Christus auch in uns Wohnung nehmen, nämlich im Glauben an ihn. Paulus drückt es im Galaterbrief folgendermaßen aus: „Ich lebe, doch nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Auch wir werden durch den Glauben zu einem neuen Menschen, befreit von der Sünde, von allem, was uns von Gott trennt. Dass Christus in uns Wohnung nimmt und lebt, ist aber die Frucht des göttlichen Geistes und nicht unser Werk. Glauben zu können ist ein Gottesgeschenk. Martin Luther sagt es so: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch sein Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“ So wird Christus auch in uns geboren, damit wir in einem neuen Leben wandeln.

Doch zurück zu unserer Geschichte. Maria erfährt von ihrer bevorstehenden Schwangerschaft. Von einem Augenblick zum anderen ist ihr Leben nicht mehr dasselbe. Das Kind, das da kommen soll, verändert schlagartig ihr Leben, noch bevor es geboren ist. Jedes Kind verändert das Leben seiner Mutter, seiner Eltern. Aber von diesem Kind ist noch mehr zu sagen: Das Kind der Maria wird die Welt verändern.

Das dieses Kind tatsächlich die Welt verändert hat, findet in der Geschichte des Lukas seinen Niederschlag. Er berichtet von Jesu Geburt nicht als Augenzeuge, sondern im Abstand von 70 oder 80 Jahren. Tatsächlich ist das Christentum zur Weltreligion geworden. Es hat das römische Reich und später das Abendland tief geprägt und geformt. Es hat sich über alle Kontinente ausgebreitet.

Lukas versteht sich durchaus als Historiker. Es geht ihm aber nicht nur darum, die Wirkungsgeschichte eines jüdischen Wanderpredigers zu Beginn unserer Zeitrechnung oder die Geburt eines bedeutsamen Religionsstifters zu schildern. Worauf es ihm ankommt ist, dass in Jesus von Nazareth Gott selbst in die Welt eingetreten ist. Jesu Geburt ist der Einbruch Gottes in unsere Welt.

Durch Gottes Kommen verändert sich die Welt in anderer Weise als durch sonstige epochale Ereignisse der Vergangenheit. Fortan ist diese Welt nicht länger ein gottverlassener Ort, ein in sich geschlossener und für uns auswegloser Unheilszusammenhang. Und das gilt auch hier und heute, in der Corona-Pandemie, in der uns schon so oft das Licht am Ende des Tunnels versprochen wurde und unsere Hoffnung ein um das andere Mal enttäuscht wurde; in der bereits mehr als 13.000 Menschen, derer heute abend mit einem Lichtermeer auf der Ringstraße gedacht wird, in unserem Land an oder mit dem Corona-Virus gestorben sind. So gottlos sich die Welt auch gebärden mag, so gottverlassen sich Menschen fühlen mögen: Die Welt ist um Christi willen nicht gottlos und heillos. Wir Menschen sind nicht gottverlassen, weil Gott und mit ihm das Heil in der Welt erschienen ist. Wo Unheil herrscht, soll es keineswegs geleugnet oder kleingeredet werden. Aber es gibt eben nicht nur Unheil, Schuld, Tod und Verderben, sondern auch Heil, Vergebung und Leben.

Wie die Welt, so sollen auch wir durch das Kind der Maria verändert werden. Auch unser Leben soll und kann neu werden durch dieses Kind. Es ist eine Frucht der Liebe Gottes, der Liebe Gottes zu uns Menschen. Unser Leben, wir selbst sollen verändert und neu werden durch die Kraft dieser Liebe.

Aber kehren wir nochmals zur Erzählung des Lukas zurück. Maria erfährt von den bevorstehenden Ereignissen durch einen Engel, also einen Boten Gottes. Bevor Gott selbst in der Welt erscheint, schickt er seinen Vorboten. Er tritt so unvermutet bei Maria ein, wie Gottes Ankunft bei uns Menschen völlig überraschend ist. Viele Darstellungen der Verkündigung an Maria sind auf Goldgrund gemalt. Das goldene Licht, das der Engel Gabriel auf diesen Bildern verbreitet, ist ein Vorschein des göttlichen Lichtes.

Die Weise, in welcher der Engel zu Maria spricht, zeigt die Veränderung der Welt durch Gott an. Schon der Gruß des Engels ist ganz besonders. Dass eine Frau so wertschätzend gegrüßt wurde, war zu Zeit Jesu ganz ungewöhnlich. Darum erschrickt Maria auch, als der Engel sie anspricht. Zu den ersten Anhängern Jesu sollten später nicht wenige Frauen gehören. Es waren Frauen und Kinder, Zöllner und Sünder, mit denen Jesus verkehrte. Rechtlose und Außenseiter waren es, denen er die Liebe Gottes bezeugte.

Der Engel kündigt an, das Kind, das Maria zur Welt bringen soll, werde Sohn Gottes genannt werden. Viele Eltern hegen den Wunsch, aus ihren Kindern solle einmal etwas ganz Besonderes werden. Sie träumen vielleicht davon, dass ihr Kind beruflich Karriere macht, vielleicht ein Ausnahmesportler oder ein großer Bühnenstar wird. Geht es darum auch bei Maria? Ist das, was der Engel ihr sagt, vielleicht ihr eigener geheimer Wunschtraum?

Lukas geht es um etwas anderes. Er spekuliert nicht über Marias Wünsche und Sehnsüchte, sondern er will die einzigartige Bedeutung zum Ausdruck bringen, die Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene für die Welt und uns Menschen hat. Gott war in Christus, so sagt es Paulus, und versöhnte die Welt mit sich selbst. Darum wird er im Neuen Testament Sohn Gottes genannt. Vielen Menschen erscheint diese Ehrenbezeichnung zu hoch gegriffen. Ein außergewöhnlicher Mensch, vielleicht sogar ein Prophet, das mag ja sein. Aber Sohn Gottes? Soll hier ein Mensch zum Gott gemacht werden? Ist das nicht geradezu lästerlich?

Versetzen wir uns in die Zeit und Umwelt des Lukas zurück. In seiner heidnischen Umwelt kannte man die Vorstellung von der wunderbaren Zeugung oder Geburt außergewöhnlicher Menschen. Ihre Einzigartigkeit sollte bereits an ihrer wunderbaren Geburt abzulesen gewesen sein. Man legte ihnen deshalb auch gelegentliche den Titel Sohn Gottes bei. Lukas hat diese Vorstellung aufgegriffen, um mit ihrer Hilfe die einzigartige Bedeutung Jesu begreiflich zu machen, die darin besteht, dass Gott in ihm ganz gegenwärtig ist.

Zu jeder Zeit stehen wir vor der schwierigen Aufgabe, die Botschaft von Jesus Christus und seiner Bedeutung für uns so weiterzusagen, dass die Zeitgenossen sie verstehen. Dazu bedarf es des Mutes. Lukas hatte zweifellos diesen Mut. Aber wie jeder Versuch einer Übersetzung oder Deutung steht auch sein gewagter Versuch in der Gefahr, vom Zentrum der Glaubensbotschaft abzulenken. Eben weil Jesus auf wundersame Weise gezeugt wurde, deshalb, so lässt Lukas den Engel Gabriel der Maria erklären, werde Jesus Sohn Gottes genannt werden. Lukas steht in der Gefahr, Jesu einzigartiges Gottesverhältnis zu einem biologischen Mirakel herabzuwürdigen. Und mit der naturwissenschaftlichen Unannehmbarkeit der Vorstellung von einer Jungfrauengeburt wäre dann für viele Menschen auch der Glaube an Jesus als den Sohn Gottes erledigt.

Feministisch engagierte Theologinnen entdecken die Jungfrauengeburt heute für sich als Symbol für die Absage Gottes an den männlichen Machbarkeitswahn und seine zerstörerischen Folgen in Natur und Gesellschaft. Freilich wird man sagen müssen, dass bei dieser Deutung die Gefahr besteht, in der Gestalt der Maria das Weibliche zu verklären. Auch Maria ist ja passiv, während alle Aktion bei der Geburt Jesu von Gott ausgeht. So können wir das Symbol der Jungfrauengeburt wohl besser als Absage an jeden Gedanken menschlicher Selbsterlösung verstehen. Es ist Gott, der in Jesus auf einzigartige Weise handelt, um unsere zerrissene Welt und unser zerrissenes Leben heil werden zu lassen. Wir können uns Gottes Wirken nur gefallen lassen, so wie Maria es sich gefallen lässt.

Von Gott sagt der Engel zu Maria, dass bei ihm kein Ding unmöglich ist. Das ist ja nicht nur auf die wunderbare Geburt Jesu gemünzt, sondern es wird auch uns gesagt: Wo wir mit unseren Möglichkeiten am Ende sind, ist Gott es noch lange nicht. Wo wir alle Hoffnung fahren lassen wollen, da schenkt uns Gott neuen Mut und Zuversicht. Wo wir nur Dunkel und Tod sehen, schafft Gott neues Leben.

Zu Maria sagt der Engel, sie werde schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sie den Namen Jesus geben solle. Jesus oder hebräisch Joshua heißt: Gott rettet. Dieser Mensch, sein Leiden, sein Sterben und seine Auferstehung sind unsere Rettung. Er ist unsere Hoffnung und unsere Stärke.

Maria gibt dem Engel Gabriel zur Antwort: Mir geschehe, wie du gesagt hast. Auch wir dürfen Gott auf solche Weise vertrauen. Und unsere adventliche Antwort? Vielleicht können wir sie so geben, dass wir in das bekannte Taizé-Lied einstimmen: „Meine Hoffnung und meine Freude, / meine Stärke, mein Licht: / Christus, meine Zuversicht, / auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, / auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“ (EG 641)

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 641 Meine Hoffnung und meine Freude
Gebet: 

Herr, mache uns zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass wir Liebe üben, wo man sich hasst,
dass wir verzeihen, wo man sich beleidigt,
dass wir verbinden, wo Streit ist,
dass wir Hoffnung erwecken, wo die Verzweiflung quält,
dass wir ein Licht anzünden, wo die Finsternis regiert,
dass wir Freude bringen, wo der Kummer wohnt.
Ach Herr, lass du uns trachten,
nicht dass wir getröstet werden, sondern dass wir trösten,
nicht dass wir verstanden werden, sondern dass wir verstehen,
nicht dass wir geliebt werden, sondern dass wir lieben.
Denn wer da hingibt, der empfängt,
wer sich nicht selbst sucht, der findet,
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer da stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.


Was jeder von uns besonders auf dem Herzen hat,
tragen wir Gott in der Stille vor.

– Gebetsstille –

Gemeinsam beten wir:

Unser Vater im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 398,1-2 In dir ist Freude
Abkündigungen:
Segen:

Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der HERR erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 13,1-3 Tochter Zion

Orgelnachspiel von Juliane Schleehahn

Foto: Ulrike Wittich

 

 

 

Gottesdienst mit AM zum 3. Advent
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 12. Dezember 2021
mit Pfr. Johannes Wittich


Orgelvorspiel: Martin A. Seidl: Praeludium in F-dur von Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656-1746)
Lied: Evangelisches Gesangbuch, 9, 1.2.4, Melodie 443: Nun jauchzet, all ihr Frommen

1.) Nun jauchzet, all ihr Frommen,
zu dieser Gnadenzeit,
weil unser Heil ist kommen,
der Herr der Herrlichkeit,
zwar ohne stolze Pracht,
doch mächtig, zu verheeren
und gänzlich zu zerstören
des Teufels Reich und Macht.

2.) Er kommt zu uns geritten
auf einem Eselein
und stellt sich in die Mitten
für uns zum Opfer ein.
Er bringt kein zeitlich Gut,
er will allein erwerben
durch seinen Tod und Sterben,
was ewig währen tut
.

4.) Ihr Mächtigen auf Erden,
nehmt diesen König an,
wollt ihr beraten werden
und gehn die rechte Bahn,
die zu dem Himmel führt;
sonst, wo ihr ihn verachtet
und nur nach Hoheit trachtet,
des Höchsten Zorn euch rührt
.

Spruch: Jesaja 40, 3.10:

Horch, ein Rufer: Bahnt den Weg des Herrn in der Wüste; Sieh, Gott der Herr, er kommt als ein Starker.

Begrüßung:

Gott kommt in unsere Welt, immer wieder. Und wir gehen ihm entgegen, im gerade gesungenen Lied sogar (quasi) im Walzertakt. Denn das ist die Freude des Advents: Gott kommt als ein „Starker“. Gott kommt, das ist sicher, unaufhaltbar, egal, wie es bei uns aussieht. Gott kommt aber gleichzeitig auch als „Schwacher“, einfühlsam und verständnisvoll, hinein in unsere Ängste und Sorgen. Weil er Gott ist, ist er alles. Vor allem immer der, den wir gerade brauchen. Einer, der stark genug ist, den Starken ihre Grenzen aufzuzeigen. Einer der so schwach ist, ein kleines Kind, dass es ganz einer von uns ist, niemand sich vor ihm fürchten muss.

So gehen wir auf das Weihnachtsfest zu, gemeinsam, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet:

So vieles,
ewiger Gott,
liegt im Argen in dieser Welt.
Und wir gehören dazu,
stellen uns über andere und verurteilen sie.
Unser enger Blick macht uns blind für unseren Nächsten.
Du bist auf dem Weg zu uns.
So bitten dich:
Sieh uns an, erfülle uns mit deinem Geist.
Wandle unsere Selbstbezogenheit in Verständnis.
Öffne unseren Blick für unseren Nächsten
und unser Herz für dich.
Du kommst zu uns, Gott, wirst Mensch.
Deine Botschaft rührt unser Herz an.
Öffne unsere Herzen.
Kehre ein bei uns.
Beruhige unsere aufgeschreckten Seelen.
Rette die zerrissene Welt und schaffe Frieden.
Hilf uns, dass wir deine Weisheit
und deine Wahrheit erkennen.
Bringe dein Licht in unser Leben,
dass wir tiefer blicken und weiter sehen.
Amen.

(nach Haike Gleede)

Lesung: Mk. 11, 1-10

1Und als sie in die Nähe von Jerusalem kommen, nach Betfage und Betanien an den Ölberg, sendet er zwei seiner Jünger aus 2und sagt zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt es her!
3Und wenn jemand zu euch sagt: Was tut ihr da?, so sagt: Der Herr braucht es und schickt es sogleich wieder zurück.
4Da gingen sie und fanden ein Füllen, angebunden an einer Tür draussen an der Strasse, und sie banden es los. 5Und einige von denen, die dort standen, sagten zu ihnen: Was führt euch dazu, das Füllen loszubinden? 6Sie aber gaben zur Antwort, was Jesus ihnen gesagt hatte, und man liess sie gewähren. 7Und sie bringen das Füllen zu Jesus und legen ihre Kleider darüber, und er setzte sich darauf.
8Und viele breiteten auf dem Weg ihre Kleider aus, andere streuten Zweige, die sie auf den Feldern abgeschnitten hatten.
9Und die vorausgingen und die hinterhergingen, riefen:
Hosanna,
gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!
10Gepriesen sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt,
Hosanna in der Höhe!

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 15, 1-3: Tröstet, tröstet, sprich der Herr
Predigt zu Sacharja 9,9

Liebe Gemeinde!

Hat da gerade nicht etwas gefehlt, in der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem? Nachdem die Jünger Jesus das Eselsfüllen bringen, um es „reisefertig machen? Wird da nicht an diesem Punkt der Erzählung auf eine Prophezeiung aus dem Alten Testament hingewiesen? Auf die mit der „Tochter Zion“, die sich freuen soll, weil ihr König zu ihr kommt. Sanft, und auf einem Esel reitend, auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres? Ohne diesen Rückgriff auf das alte Prophetenwort ist die Geschichte doch gar nicht zu verstehen. Warum hätte Jesus sonst einen jungen Esel gebraucht, wenn es nicht darum gegangen wäre, genau diesen Bezug zu einem Bild aus der Prophetie herzustellen. Habe ich da gerade beim Lesen etwas ausgelassen?

Vielleicht kam dieses prophetische Wort eh vor, aber die Erinnerung daran ist durch das Lied dazwischen schon wieder verblasst. Oder es kam nicht vor, aber wir haben es trotzdem gehört, weil das Vertraute unbewusst mitgeschwungen ist. Wer weiß …

So ist es mir beim Vorbereiten dieser Predigt gegangen. Ich habe die Bibel aufgeschlagen, die Geschichte im Markusevangelium gesucht und munter und motiviert begonnen, etwas über die Prophezeiung vom König, der auf einem Eselsjungen reitet, zu schreiben und eben auch darüber, wie sich diese Prophezeiung erfüllt hat in dem Augenblick, als Jesus triumphal in Jerusalem einzieht. Ich war schon recht weit mit meinen Gedanken, wollte eigentlich eine Predigt über dieses Eseljunge halten, bis ich dann doch noch einmal in den Bericht des Markus hineingeschaut habe und feststellen musste: nix mit Tochter Zion. Nichts mit Sanftmut und Eselsfüllen. Kommt einfach nicht vor!

Habe ich mir da jahrelang etwas eingebildet und mit mir viele andere? Die Lösung ist einfach: die Geschichte gibt es vier Mal in der Bibel, in jedem der vier Evangelien. Markus, Lukas, und Johannes erzählen einfach nur das, was passiert ist: Esel geholt, aufgestiegen, jubelnder Empfang. Nur bei Matthäus dürfte es beim Aufschreiben der Geschichte „klick“ gemacht haben. Ihm dürfte plötzlich eingefallen sein: Da war doch was in den alten Schriften, vom sanften Retter auf einem Esel … Ach ja, Prophet Sacharja, Kapitel 9, Vers 9:.

9Juble laut, Tochter Zion,
jauchze, Tochter Jerusalem,
sieh, dein König kommt zu dir,
gerecht und siegreich ist er,
demütig und auf einem Esel reitend,
auf einem Fohlen, einem Eselsfohlen.

Diese Erkenntnis wollte Matthäus unbedingt mit uns teilen. Sein Rückverweis, seine Interpretation der Geschichte hat sich dann im Bewusstsein der Christinnen und Christen durchgesetzt: die Ereignisse beim Einzug Jesu in Jerusalem, die waren nicht neu, und auch nicht zufällig. Die hat ein Propheten Generationen davor schon erahntn.

Und der Erkenntnis des Matthäus verdanken wir es auch, dass wir heute das Weihnachtslied „Tochter Zion“ singen. Dort geschieht gerade diese Verbindung zwischen der Zusage Gottes vor langer, langer Zeit und der Erfüllung durch die Ankunft Jesu in Jerusalem.

Genau hinschauen, genau lesen, genau hinhören, das lohnt sich. Das habe ich wieder gemerkt. So vieles im Advent und zu Weihnachten ist ja so vertraut, dass wir uns gar nicht mehr fragen, ob unsere Wahrnehmung und Interpretation überhaupt stimmen. Manche vertraute Bibelstelle „plätschert“ einfach so an mir vorbei, wie es mir bei der Predigtvorbereitung gegangen ist, und auch manch ein Lieder singe ich, ohne genau auf die Bedeutung zu achten.

Kinder machen uns das vor, wenn sie fröhlich Weihnachtslieder singen, deren Bedeutung sie nicht verstehen, bzw. deren Bedeutung sie sich selbst zurecht legen müssen. Ich denke, wir kennen die schönen Beispiele, wo dann über „Doktor Zion“ gesungen wird oder, im Falle von „Ihr Kinderlein kommet“, über die „rötlichen Hirten“ oder „o kommet und sehet in Beethovens Stall.“ Das Gottes Sohn „Owie“ heißt, wissen wir auch aus „Stille Nacht“: „Gottes Sohn, Owie, lacht“. Oder „Holger, Knabe im lockigen Haar.“ Selbst entdeckte Zusammenhänge im zunächst Unverständlichen.

Wobei diese Perlen ja dadurch entstehen, dass man Kinder Dinge singen lässt, die man ihnen nicht erklärt hat. Aber diesen Forscherdrang, einen neuen Sinn und eine neue Bedeutung in etwas zu entdecken, was zunächst einmal vertraut zu sein scheint, aber dann doch mehr zu bieten hat, den können wir ruhig kopieren.

Denn es immer noch so viel zu entdecken. Dass Matthäus aus der Reihe tanzt, war mir bis gestern gar nicht so bewusst. Und plötzlich kann ich ihn mir vorstellen, wie er in seiner Schreibstube sitzt, an seinem Evangelium arbeitet, alte Berichte durchschaut, (er selbst war ja kein Augenzeuge gewesen), Berichte, die seinen Kollegen auch vorgelegen haben. Aber er macht plötzlich eine neue Entdeckung. Er merkt: Gott spricht zu mir, er will mir etwas sagen, und das in einer Geschichte, die ich schon x-mal gehört und gelesen habe. Nicht nur in den Ereignissen selbst ist Gott am Werk, sondern auch beim Aufschreiben und Zusammenstellen hilft er zu Geistesblitzen, spricht er zu Matthäus, der beim Schreiben eine Glaubenserkenntnis hat, die bisher so noch kein anderer hatte. Und das Jahrzehnte, nachdem das alles passiert ist, und, wie gesagt, ohne dass er dabei sein musste. Die Erkenntnis des Matthäus, den Zusammenhang, den er erkannt hat, ist heute eine theologische Selbstverständlichkeit. Wer sagt, dass nicht auch wir im Vertrauten plötzlich ganz Neues entdecken können, auch im ach so Vertrauten von Advent und Weihnachten.

Ich bin ganz sicher, dass da geht. Also: schauen, hören, fühlen wir ganz genau hin, wenn wir Advent und bald Weihnachten feiern. Gott will uns auch heuer etwas sagen.

Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 221, 1-3: Das sollt ihr, Jesu Jünger, nicht vergessen

1.) Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen:
wir sind, die wir von einem Brote essen,
aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2.) Wenn wir in Frieden bei einander wohnten,
Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten,
dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen
.

3.) Ach dazu müsse seine Lieb uns dringen!
Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen,
dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde
.

Abendmahl:

Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35)

Wir feiern Abendmahl miteinander, zusammengeführt durch den Geist Gottes an den Tisch Jesu Christi. So wollen wir daran denken, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, und was wir heute mit ihm erleben können, wenn wir in seinem Namen essen und trinken.

Einsetzungsworte:

Jesus Christus,
in der Nacht, in der er verraten wurde,
nahm er das Brot, dankte, brach es und sprach:
Nehmt, esst, das ist mein Leib,
der für euch gegeben wird;
Das tut zu meinem Gedächtnis.

Ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl
und sprach:
Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.
Das tut, sooft ihr daraus trinkt,
zu meinem Gedächtnis.

Denn sooft ihr dieses Brot esst
und aus diesem Kelch trinkt,
verkündigt ihr den Tod Jesu Christi,
bis dass er kommt.

Gebet: 

Deinen Tisch, Gott, hast du für uns gedeckt.
Es ist dein Heiliger Geist, der im Essen und Trinken uns stärkt .
Es ist dein Geist, der Vergebung und Versöhnung ermöglicht.
Es ist dein Geist, der uns hier an deinem Tisch
zu einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern versammelt,
der Christus gegenwärtig werden lässt.
So kommen wir dankbar zu dir, Gott,
bewegt durch deinen lebensspendenden Geist,
hoffen ganz auf dich,
vertrauen dir.
Amen.

Frage: So frage ich euch: Ist das auch euer Wunsch und euer Gebet, so antwortet „Ja.“

Absolution:

Im Buch Jesaja (Kapitel 42, Vers 3) heißt es:

Das geknickte Rohr zerbricht er nicht,
und den verglimmenden Docht löscht er nicht aus,
treu trägt er das Recht hinaus.

Einladung: Wir sind eingeladen zum Tisch Jesu Christi. Kommt, es ist alles bereit; seht und schmeckt, wie freundlich Gott ist.

Austeilung:

„Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“

Zum Abendmahl: Martin A. Seidl: Nun komm der Heiden Heiland von Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Gebet:

Jesus Christus,
wir haben den Weg an deinen Tisch gefunden.
In diesem Mahl hat deine Liebe freie Bahn, uns zu erfüllen.
Dafür danken wir dir.
Komm, du verheißener Friedensbringer.
Wir warten auf dich.
Breite deinen Frieden aus.
In uns und aller Welt.
Wehre allen Kräften, die Unfrieden säen.
Die mit dem Krieg Geschäfte machen.
Die die Achtung für ein Menschenleben verloren haben.
Zeige den Weg zum Frieden, der weiter ist als des Menschen Sinn.
Wehre allem Hass.
Hindere die Gewalttäter, Unrecht zu tun.
Sei bei allen, die bedroht werden und verängstigt sind.
Bringe neues Leben.
In uns und alle Welt.
Wir warten auf dich.
Mache Licht.
In uns und aller Welt.
Den Unsicheren leuchte ihre Wege aus.
Den Kranken mache ihre Hoffnung heller als ihre Verzweiflung.
Die Sterbenden berge bei dir.
Den Trauernden weise den Weg zur Freude.
Zeige den Weg ins Licht, das heller strahlt als des Menschen Sinn.
Und gemeinsam beten wir …
.

(nach Roland Sievers)

Unser Vater im Himmel …

Abkündigungen:
Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 170, 1.3: Komm, Herr, segne uns

Orgelnachspiel: Martin A. Seidl: Concerto von Johann Ernst von Sachsen-Weimar (1696-1715) arrangiert von Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Foto: Franz Radner

 

 

Gottesdienst zum 2. Advent
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten am 5. Dezember 2021,
mit Ulrike Wittich

Orgelvorspiel: Juliane Schleehahn
Lied: Evangelisches Gesangbuch 11, 1,4,5,7: Wie soll ich dich empfangen

1) Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn’ ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze
mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze,
mir kund und wissend sei.

4) Ich lag in schweren Banden,
du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht lässt verzehren,
wie irdisch Reichtum tut.

5) Nichts, nichts hat dich getrieben
zu mir vom Himmelszelt
als das geliebte Lieben,
damit du alle Welt
in ihren tausend Plagen
und großen Jammerlast,
die kein Mund kann aussagen,
so fest umfangen hast.

7) Ihr dürft euch nicht bemühen
noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen
mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen,
ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen,
die ihm an euch bewusst.

Begrüßung und Spruch:

Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Mit diesem Vers aus dem Lukas-Evangelium (21,28) begrüße ich Sie und euch alle hier jetzt zum Gottesdienst. Ein passender Vers zum 2. Advent, ein passender Vers in unsere trübe, bedrückte Zeit hinein. Nein, es ist nicht einfach, den Kopf über Wasser zu halten und positiv in die Welt zu schauen. Die Pandemie zehrt an uns allen und wen macht sie nicht zuweilen trübsinnig und grantig? Wann nimmt das alles ein Ende, was wird die Zukunft bringen? Auf unseren Schultern liegt eine Last. Die macht es schwer, das Haupt zu erheben. Unsere Erlösung naht? Wann denn bitte?

Manchmal muss einfach geraunzt werden, gejammert und geklagt. Unter uns und vor Gott. Das darf man. Das tun die Menschen der Bibel auch. Aber nicht nur. Denn der Monatsspruch für Dezember verspricht:
Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht Gott (bei Sacharja 2, 14) Was für ein schönes Bild: Gott will zu uns nach Hause kommen, als Untermieter, als Mitbewohner, in unsere schönen und warmen Wohnungen. Ganz nah zu uns. Dorthin, wo auch unser Ärger und unsere Sorgen wohnen: Damit es besser wird.

Gott kommt zu uns. Was wir ihm sagen wollen, beten wir mit Worten nach dem

69. Psalm: (Gute Nachricht)

Hilf mir, Gott! Die Flut geht mir bis an die Kehle!
Ich versinke im brodelnden Schlamm
Meine Füße finden keinen Halt.
Ich treibe ab in tiefes Wasser, die Strömung reißt mich mit sich fort.
Bis zur Erschöpfung habe ich geschrien,
meine Kehle ist davon ganz entzündet.
Meine Augen sind müde geworden
vom Ausschauen nach dir, meinem Gott! (…)
Doch ich bete zu dir. Hilf mit in der Stunde, die du bestimmst!
Du bist so reich an Güte, darum erhöre mich.
Du bist doch der Retter, auf den Verlass ist.
Lass mich nicht im Schlamm versinken, zieh mich heraus!
Erhöre meine Bitte, Gott, denn deine Güte tut mir wohl;
Wende dich zu mir in deinem Erbarmen!

Lesung: Jak 5, 7-11 (Auswahl) aus dem Neuen Testament:

Jakobus erinnert hier die auf die Wiederkunft Jesu Wartenden an die Sehnsucht der alttestamentlichen Propheten auf Erlösung: Liebe Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus, bis der Herr kommt. Seht, wie der Bauer voller Geduld auf die kostbare Frucht der Erde wartet. Er weiß, dass sie zum Wachsen den Regen braucht. Auch Ihr müsst geduldig ausharren. Fasst Mut, denn der Tag, an dem der Herr kommt, ist nahe. Klagt nicht übereinander, (…). Sondern nehmt euch ein Beispiel an den Propheten, die im Auftrag Gottes geredet haben. Nehmt euch ein Beispiel daran, wie standhaft sie alles ertrugen, was man ihnen antat. Sie alle, die durchgehalten haben, preisen wir glücklich. (…) Denn Gott ist voller Liebe und Erbarmen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 7, 1,4-6: O Heiland reiß den Himmel auf

1) O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf;
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

4) Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

5) O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.

6) Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

Predigttext: Jes. 63,15 – 64,3 (Lutherbibel):

15So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. 17Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 641wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! 3Von alters her hat man es nicht vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Predigt:

Gnade sei mit uns von dem, der da war, der da ist und der wieder kommt.

Was für ein Text! Gar nicht erbaulich. Keine warme, hoffnungsvolle Adventsstimmung. Letzten Sonntag hatte Jesaja noch eine tröstliche Botschaft für uns: Finsternis bedeckt die Erde und Dunkelheit die Völker. Aber dein Licht kommt!.

Heute ganz das Gegenteil: Was für ein Aufschrei!

Jesaja hat offenbar gründlich genug. Gründlich genug von der Situation, der Krise, in der er lebt. Er ist in einem Elend, in dem er den Überblick verliert über alles. Ein Rundumschlag aus Verzweiflung, Schmerz, Wut über Gott und die Welt. Das muss raus! Wie auch immer! Da ist nur noch der eine Wunsch: dass es endlich aufhört, das Elend und er wütet: „Schau vom Himmel, Gott, komm herab, zerreiß den Himmel! Zeig doch endlich deine Stärke und Macht! Wie Feuer und Erdbeben, das die Feinde zittern macht. Tu Furchtbares! Mach Angst denen, die uns bedrohen.“ Zerreißen, entzünden, zerfließen lassen: was für Gewaltphantasien!

Und sowas steht in der Bibel. Befremdlich, vielleicht auch abstoßend. Wie redet der mit Gott?

Den Schrei nach Gott, den kann man ja noch gut nachfühlen, aber den Ruf nach Rache und Vergeltung …? Wie war das noch mit dem ‚Selig sind die Frieden stiften‘ …?

Ja, ich fand den Text auch erst sehr befremdlich, besonders das Gottesbild: diese Vorstellung vom gewalttätigen, rächenden Gott.

Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann sind mir Strafphantasien und Rachegelüste auch manchmal gar nicht so fern. Kommt halt auf die Situation an.

Die Situation: Bei Jesaja war es die Erfahrung von Fremdherrschaft, Vernichtung, Verbannung.

Er schreib diesen Text zwischen 520 und 510 vor Christus. Im Jahr 586 vor Christus hatte der babylonische König Nebukadnezar das Land überfallen, Jerusalem und den Tempel zerstört und Teile des Volkes nach Babylon verschleppt. Vorbei das gewohnte, normale Leben. Der Himmel war finster, die Zukunft wolkenverhangen. Wie sollte es weitergehen, auch mit dem Glauben? Würde es jemals wieder so sein wie früher?

Und dann stellten sie fest: Wir können auch ohne Tempel glauben. Was uns trägt sind die Geschichten von Gott und seine Gebote.

Später wurde dann doch der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut. War jetzt alles wieder so wie früher? Oder hatte die Erfahrung des Exils irgendwelche Eindrücke hinterlassen?

Offenbar meinte Jesaja dass man in puncto Glauben nichts dazugelernt hatte, das Bestand hatte. Alte Missstände und soziale Ungerechtigkeit hatten sich wieder eingeschlichen. Und da platzt ihm der Kragen.

Soweit zur Situation damals.

Strafphantasien und Rachegelüste sind auch mir manchmal nicht soo fern. Kommt auf die Situation an:

Vielleicht gibt es auch bei uns manchmal, Situationen, die der des Jesaja ein bisschen ähnlich ist. Manchmal? Oder vielleicht gerade jetzt? Spüren wir ein bisschen in uns hinein.

Schon viel zu lange leben wir in der Verbannung, die Krise, die Pandemie ist noch immer nicht vorbei. Immer neue Wellen. Kein Ende in Sicht. Kein Licht am Ende des Tunnels.

Am Anfang, damals vor 1 ½ Jahren da waren wir optimistisch und geduldig. Wir waren kreativ, hilfsbereit und einander zugewandt. Wir hatten ein starkes Gefühl von Verbundenheit: „Auch, wenn es gerade unbequem ist und der Alltag beschwerlich: Gemeinsam schaffen wir das. Diese Durststrecke werden wir hinter uns bringen und das Leben wieder genießen.“ Wie hoffnungsvoll wir da noch waren! Das war ein sehr, sehr gutes Gefühl.

Und jetzt? Jetzt ist es anders. Es nimmt kein Ende. Und nicht nur das. Vielleicht wird es sogar noch schlimmer. Auf was werden wir uns noch alles einstellen müssen? Wird es jemals wieder wie früher sein?

Wir sind es leid. Wir sind genervt. Es zehrt. Auch an unserer Menschenfreundlichkeit. Ein Gefühl von Spaltung verdrängt die Verbundenheit.

Die Aggression wird mehr. Das liest man sogar in den Medien. Aggression, nicht nur auf Demonstrationen. Auf beiden Seiten. Schreiduelle statt sachlicher, respektvoller Diskussion. Protestreiche Tumulte vor Spitälern. Es geht um die Sache, ja, aber nicht um die gemeinsame Suche nach Auswegen, sondern– so kommt es mir vor – um’s Rechthaben, um Kampf. Mitunter auf allen Seiten.

Und ganz heimlich, ohne dass wir es gern laut sagen würden, kommen da auch manchmal diese kleinen Rachegelüste, die wir nicht wirklich zugeben und wir uns öffentlich natürlich sofort verbieten (und natürlich rede ich jetzt nur von mir): Eine kleine heimliche Schadenfreude, wenn es einen vehementen Leugner erwischt, Ärger und Wut auf Maßnahmenverweigerer, Sorge und Angst, wenn die Zuteilung von Intensivbetten abgewägt werden muss, und so etwas wie gehässige Ironie gegenüber selbsternannten Virologen und der von ihnen empfohlenen Medikation. Wütende Hilflosigkeit gegenüber zur Schau gestellter Selbstbezogenheit.

Ja, auch die Witze sind böser geworden. Wie ich. Ich werde auch böser. Und ich will das nicht. Es nützt nichts und tut mir und anderen nicht gut. Und Gott auch nicht. Es trennt, uns voneinander und von Gott. Ist es das, was Jesaja als Abirrung von Gott und Verstockung beschreibt? Als Sünde also?

Ich kenne das Gefühl des Jesaja, auch aus anderen herausfordernden Situationen: Es reicht! Reiß den Himmel auf! Mach End, oh Herr, mach Ende… wo steht das nochmal?

Manchmal muss man es einfach – sorry! – rauskotzen. Wut, Sorge, Rachephantasien. Heimlich für sich selbst und auch offen gegenüber Gott. So, wie Jesaja. Sein Ausbruch ist, so denke ich, kein Wunsch nach einem gewalttätigen, rächenden Gott, sondern der Ausdruck einer tiefen Verzweiflung. Jesaja hadert nicht mit Gott, sondern wirft ihm sozusagen alles vor die Füße. Er tobt und klagt, mit dem Blick zu Gott hin.

Auch im Bewusstsein eigener Sünden und der Entfernung von Gott.

Trotzdem hält Jesaja an Gott fest, so wie so viele klagende Psalmbeter. Denn da stehen ja nicht nur Wutsätze. ‚Unser Erlöser, das ist von alters her dein Name.‘ (V.16 b), ‚der so wohltut denen, die auf ihn harren.‘ (V. 3b). Auch im weiteren Text geht es noch ein bisschen hin und her zwischen Klage und Hoffnung. Und immer mischen sich vertrauensvolle Sätze ins Hadern.

Vers 4: ‚Du begegnest denen, die Gerechtigkeit üben und auf deinen Wegen deiner gedenken.‘- Denen, die ihren Ärger und ihre Strafphantasien eben nicht ausleben – möchte ich ergänzen.

Vers 7: ‚Du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk.‘

Es ist, als ob Jesaja in all seinen Klagen die Grundfesten seines Glaubens heraufbeschwört. Daran hält er sich fest. Das hilft. Auch uns.

Nein, nichts ändert sich dadurch an der Situation. Aber vielleicht klärt sich so der Blick und die Seele wird sanfter und Menschenfreundlichkeit zieht ein.

Also steht auf und erhebt eure Häupter! Denn Gott will bei uns wohnen!

Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 16, 1; 4-5: Die Nacht ist vorgedrungen

1) Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

4) Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

5) Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

Gebet: 

Guter Gott,
du bist da, in dieser Zeit der Verunsicherung und Ungewissheit.
Du bist unser fester Bodenunter den Füßen.
Du gibst uns Geduld, wenn uns Trübsal umschleicht und Sorge und Ärger.
Bei dir können wir Hoffnung schöpfen und wieder fröhlich werden
Du verbindest uns, auch wenn wir Abstand halten,
Lass uns einander sehen und die Verbundenheit aller Menschen spüren.
Wir bitten dich, dass wir das Miteinander sehen und Achtsamkeit füreinander nicht vergessen, und die Dankbarkeit, auch wenn wir manchmal nur klagen wollen.
Für alle Menschen bitten wir: um Kraft, um Zuversicht, um Phantasie, um Menschenfreundlichkeit.
Wie für uns selbst.
In der Stille nennen wir dir die Menschen,
die uns in diesen Tagen besonders am Herzen liegen
und beten.

Unser Vater im Himmel  …

Lied: Evangelisches Gesangbuch 361, 1-3: Befiehl du deine Wegen

1) BEFIEHL du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.

2) DEM HERREN musst du trauen,
wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen:
es muss erbeten sein.

3) DEIN ewge Treu und Gnade,
o Vater, weiß und sieht,
was gut sei oder schade
dem sterblichen Geblüt;
und was du dann erlesen,
das treibst du, starker Held,
und bringst zum Stand und Wesen,
was deinem Rat gefällt.

Abkündigungen:
Segen:

Gott sei vor uns, um uns den Weg zu zeigen,
und neben uns, um uns zu schützen.
Gott sei hinter uns, um uns zu bewahren,
und unter uns, um uns aufzufangen.
Gott sei in uns, um uns zu trösten,
und um uns herum, um uns zu beleben
durch seinen Geist der Geduld und der Zuversicht.
So segnet uns der gütige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist,
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 361, 6 + 12: Befiehl du deine Wege

6) HOFF, o du arme Seele,
hoff und sei unverzagt!
Gott wird dich aus der Höhle,
da dich der Kummer plagt,
mit großen Gnaden rücken;
erwarte nur die Zeit,
so wirst du schon erblicken
die Sonn der schönsten Freud.

12) MACH END, o Herr, mach Ende
mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände
und lass bis in den Tod
und allzeit deiner Pflege
und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege
gewiss zum Himmel ein.

Orgelnachspiel: Juliane Schleehahn: Praeludium in g-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)


Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst zum 1. Advent
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten am 28. November 2021,
mit Pfr. Johannes Wittich

Orgelvorspiel: Martin A. Seidl: Nun komm, der Heiden Heiland von Dieterich Buxtehude (1637 – 1707)
Spruch: Sacharja 9,9:

Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem, sieh, dein König kommt zu dir,
gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, auf einem Fohlen, einem Eselsfohlen.

Lied (Gemeinde und Erlöserkirche Gospel Choir Quartet): Evangelisches Gesangbuch 13, 1-3: Tochter Zion

1) Tochter Zion, freue dich!
Jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir!
Ja, er kommt, der Friedensfürst.
Tochter Zion, freue dich!
Jauchze laut, Jerusalem!

2) Hosianna, Davids Sohn,
sei gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ew’ges Reich.
Hosianna in der Höh’.
Hosianna, Davids Sohn,
sei gesegnet deinem Volk!

3) Hosianna, Davids Sohn,
sei gegrüßet, König mild!
Ewig steht dein Friedensthron,
du, des ew’gen Vaters Kind.
Hosianna, Davids Sohn,
sei gegrüßet, König mild!

Begrüßung:

Der ganz andere „König“ der einmal kommen wird, ist voller
Widersprüche. Das ist gut so. Erst so passt er wirklich ganz hinein in die Widersprüchlichkeiten unseres Lebens, in die Widersprüchlichkeiten dieser Welt. Er ist stark und schwach gleichzeitig. Er ist mächtig – und reitet auf einem kleinen Esel. Er braucht kein Statussymbol – und hat doch Macht. Und ist vor allem eines: gerecht. Es geht ihm um die Menschen. Es geht ihm um uns.

Das wird uns gerade wieder am Beginn des Advents klar, auf dem Weg hin zum Weihnachtsfest, wenn wir gemeinsam feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Gebet:

Gott,
was gibt uns Halt und Orientierung?
Was macht den Boden unter unseren Füßen fest?
Wichtige Fragen sind das.
Wir suchen nach Antworten und wissen sie bei dir.
Richte unsere Herzen neu aus auf dich und dein Wort.
Im Vertrauen darauf,
dass dein Licht alle Dunkelheit zu erhellen vermag,
wenden wir uns an dich
und bringen vor dich,
was unser Leben und unsere Welt verschattet und verdunkelt.
Lass dein Wort in unserer Dunkelheit aufgehen
wie der Morgenstern, der den Nachthimmel hell macht.
Dann merken wir, dass vor uns ein Licht leuchtet,
dein Licht, das uns den Weg weist.
Dein Licht macht alle Finsternis hell.
Dein Wort vertreibt Angst, Sorge, Kleinmut und Verzagtheit.
Dies lass uns heute Morgen erfahren,
wenn wir zu dir beten, dir singen und dein Wort hören.
Dies bitten wir durch Jesus Christus kraft des Heiligen Geistest.
Amen.

(Michael Tillmann)

Lesung: Jh. 3, 17-21:

17Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. 19Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. 21Wer aber tut, was der Wahrheit entspricht, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott gewirkt sind.

Erlöserkirche Gospel Choir Quartet: Longing for Light
Predigttext: Jesaja 60, 1-5:

1Mach dich auf, werde licht!
Denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des Herrn ist aufgestrahlt über dir.
2Denn sieh, Finsternis bedeckt die Erde
und Wolkendunkel die Völker,
über dir aber wird der Herr aufstrahlen,
und seine Herrlichkeit wird erscheinen über dir.
3Und Nationen werden zu deinem Licht gehen
und Könige zu deinem strahlenden Lichtglanz.
4Blicke auf, ringsum, und sieh:
Alle haben sie sich versammelt,
sind zu dir gekommen.
Von ferne kommen deine Söhne,
und deine Töchter werden auf der Hüfte getragen.
5Dann wirst du es sehen und strahlen,
und dein Herz wird beben und sich öffnen,
denn die Schätze des Meeres wenden sich dir zu,
die Reichtümer der Nationen kommen zu dir.

Liebe Gemeinde!

Es wird kommen, hat es in den letzten Tagen geheißen. Und jetzt ist es anscheinend auch schon da: das Coronavirus in einer neuen Variante: Omikron.

Eine Botschaft in den Advent hinein, auf die gerne verzichten könnten. Ein Warten und Erwarten, das ganz anders ist als das adventliche: Angst, Sorge, die beklemmende Frage: wird jetzt alles wieder schlimmer, noch schlimmer, als es schon ist? Mehr Infektionen, mehr Kranke, mehr Tote, noch mehr Belastung für die in Krankenhäusern und auf der Intensivstation Beschäftigten? Noch strengere Schutzmaßnahmen, und dadurch vielleicht auch noch mehr an irrationalen und wissenschaftsleugnenden Protesten.

Schwierig, ja schlimm genug, wie es bereits ist. Schlimmer darf es nichtmehr werden, schon gar nicht für die, die an vorderster Front gegen das Virus und seine Folgen kämpfen.

Die Botschaft von Advent ist klassischer Weise eine vom Licht, gegen die gerade existierenden Dunkelheiten. Eine Botschaft von Hoffnung, von Veränderung zum Guten, vom Ende der Dunkelheit, von einer Zukunft, die herbeigesehnt wird, die aber im Glauben und Hoffen zur Realität wird. So auch beim Propheten Jesaja: zuerst die Zustandsanalyse: „Finsternis bedeckt die Erde und Wolkendunkel die Völker.“ So ist es. Unerfreulich genug. Aber, und das ist das große, unüberseh- und unüberhörbare „Aber“: das Licht kommt, über uns strahlt Gott auf, und dadurch werden wir licht, wird es hell in uns und durch uns.

Und dann zeichnet der Prophet eindrucksvolle Bilder, wie diese neue Zeit aussehen wird. Keine erhoffte neue Zeit, sondern eine, die schon angefangen hat, weil deren Vorzeichen unübersehbar sind. Berührt von diesem neuen Licht, neugierig gemacht auf das, was durch dieses Licht entstehen kommen, ja laufen Menschen zusammen, Völker, Nationen versammeln sich, Könige und Herrscher stehen nicht mehr in Konkurrenz zueinander, sondern werden plötzlich auch zu Empfangenden. „Dann wirst du es sehen und strahlen, und dein Herz wird beben und sich öffnen.“

Ein Bild aus der Zukunft, das in die Gegenwärt hineinreicht. Denn wenn Vieles von dem Gesagten erst kommen wird – allein dieses Bild vor Augen zu haben, macht die Gegenwart bereits zu einer anderen. Noch viel muss kommen, sich ändern, anders werden. Aber jetzt schon sind die Vorzeichen erkennbar. Das zeigt auch jetzt schon der Dunkelheit ihre Grenzen auf.

Auf dem Weg hin zum Licht, der Finsternis zum Trotz – das sind wir wieder und wieder im Advent. Dazu ist der Advent da, um uns wieder aufzubauen und zu stärken, und sensibel zu machen und offen, für alles, was von der Zukunft Gottes heute schon passiert.

Aber, wie schon gesagt: dieser Advent ist besonders. Nicht allein die Finsternis, die da ist, bedrückt uns. Sondern mehr noch, dass es in diesen schweren Zeiten noch dunkler werden könnte.

Was die Propheten unserer Bibel auszeichnet: sie sind keine Weltuntergangspropheten. Sie beschönigen aber auch nichts. Auch Jesaja kennt nicht nur lichte, tröstliche Bilder, sozusagen Stimmungsaufheller. Viele seiner Reden haben einen ganz anderen Tonfall: Unglück, Zerstörung, Vernichtung wird vorausgesagt. Als Konsequenz von irregeleitetem und falschem menschlichen Handeln. Nicht als unaufhaltbares Schicksal.

Aber auch in diesen Ankündigungen mach Jesaja immer wieder klar: Gott entgleitet nichts. Letztlich hält er die Zügel in der Hand, und wirklich auch nur er. Selbst wenn es also so ausschaut, als würde alles nur noch schlimmer und schlimmer werden: Gott weiß, wohin es geht. Auch wenn wir es nicht durchblicken. Auch wenn wir es schon gar nicht verstehen.

Trotzdem: Auch wenn wir gerade einmal das Gefühl haben, der Weg, den wir gehen, ist einer, auf dem es dunkler wird: auch über einer abendlich dunklen Straße hängen Straßenlaternen. Das Licht ist über uns aufgegangen. Gott ist da, bleibt da und geht mit.

So sieht unser Vertrauen aus. Und so wirken auch weiter die lichten Bilder und Vorstellungen, die wir uns jetzt wieder im Advent vor Augen halten. Die sind ein göttliches Geschenk. Und die kann uns niemand wegnehmen.
Amen.

Lied (Gemeinde und Erlöserkirche Gospel Choir Quartet): Evangelisches Gesangbuch 432, 1-3: Gott gab uns Atem
Gebet: 

Gott, Licht der Welt,
alle Dunkelheit unserer Welt bringen wir vor dich,
alle Dunkelheit in uns und um uns.
Alle Dunkelheiten, die wir in der Zukunft sehen.
Du allein hast die Macht, sie zu erleuchten und zu vertreiben.

Wir bringen vor dich,
was unsere Seele, unser Herz und unseren Verstand verdunkelt.

Wir bringen vor dich die dunklen Ecken unserer Erde,
wo Menschen gedemütigt, erniedrigt und gefoltert werden.

Wir bringen vor dich die Kinder
aus den Kriegsgebieten, aus den Flüchtlingslagern, aus den Slums.

Wir bringen vor dich die Völker,
die über Jahrzehnte keine Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben haben.

Wir bringen vor dich die Landstriche und Gewässer dieser Erde,
die wir Menschen verunreinigt und zerstört haben.

Wir bringen vor dich die Tiere,
die unter dem Lebensstil der Menschen leiden.

Wir vertrauen darauf, dass durch dich eine Zukunft kommt,
in der alle Dunkelheit, alle Angst und alle Todesfurcht vergangen ist.

Bis dahin lass uns Menschen begegnen, die leuchten,
und lass uns Menschen werden, die anderen leuchten.

Unser Vater im Himmel  …

Abkündigungen:
Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 12, 1-4: Gott sei Dank durch alle Welt

1) Gott sei Dank durch alle Welt,
der sein Wort beständig hält
und der Sünder Trost und Rat
zu uns hergesendet hat.

2) Was der alten Väter Schar
höchster Wunsch und Sehnen war
und was sie geprophezeit,
ist erfüllt in Herrlichkeit.

3) Zions Hilf und Abrams Lohn,
Jakobs Heil, der Jungfrau Sohn,
Wunderbar, Rat, Kraft und Held
hat sich treulich eingestellt.

4) Sei willkommen o mein Heil!
Hosianna, o mein Teil!
Richte du auch eine Bahn
dir in meinem Herzen an.

Orgelnachspiel: Martin A. Seidl:


Foto: Ulrike Wittich

 

 

 

Gottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 21. November 2021,
Ewigkeitssonntag (Gedenken an die Verstorbenen)
mit Pfr. Johannes Wittich

Klaviervorspiel: Juliane Schleehahn: Auszug Nr. 21 aus “Album für die Jugend” von Robert Schumann (1810 – 1856)
Lied: Evangelisches Gesangbuch 450, 1.2.5: Morgenglanz der Ewigkeit

1) Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschöpften Lichte,
schick uns diese Morgenzeit
deine Strahlen zu Gesichte
und vertreib durch deine Macht
unsre Nacht.

2) Deiner Güte Morgentau
fall auf unser matt Gewissen;
lass die dürre Lebens-Au
lauter süßen Trost genießen
und erquick uns, deine Schar,
immerdar.

5) Leucht uns selbst in jener Welt,
du verklärte Gnadensonne;
führ uns durch das Tränenfeld
in das Land der süßen Wonne,
da die Lust, die uns erhöht,
nie vergeht.

Spruch: Psalm 68,21:

Gott ist uns ein Gott der Rettung, Gott der Herr kann herausführen aus dem Tod.

Begrüßung:

Die Grenzen unseres Lebens sind uns heute ganz besonders bewusst, am Ewigkeitssonntag, bevor nächste Woche mit dem 1. Advent wieder eine neue Zeit des Hoffens und Erwartens beginnt. Die Grenze des Lebens ist uns bewusst, aber wir bleiben nicht in dieser Erkenntnis stecken. Wir vertrauen einem Gott, für den es diese Grenze nicht gibt. Er kann aus dem Tod ins Leben führen, wie er es mit den Menschen gemacht hat, um die wir heute trauern. Und er kann uns aus unserer Trauer wieder in die Lebendigkeit zurück führen.

Das wollen wir uns heute wieder bewusst machen, uns dessen vergewissern, wenn wir gemeinsam feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Gebet:

Guter Gott,
du bist der Gott der Lebenden und der Verstorbenen.
In Jesus Christus hast du dem Tod die Macht genommen.
Ewiges Leben willst du uns schenken, das versprichst du uns.
Doch wir sind immer wieder umgeben von der Macht des Todes.
Wir versinken in unserer Trauer.
Sehen nur uns selbst.
Und viel zu oft sehen wir weg,
wenn anderswo Leben sich nicht entfalten kann.
Zu dir kommen wir mit unserer Trauer über Menschen,
die von uns gegangen sind.
Zu dir kommen wir mit unserer Ohnmacht
angesichts von Tod Gewalt und Vergänglichkeit.
Gott, der du Zeit und Ewigkeit in Händen hast,
du hast einen neuen Himmel und eine neue Erde versprochen.
Öffne unsere Herzen und Sinne für dein Wort,
das uns Zuversicht und Hoffnung geben kann.
Gib unserem zerbrechlichen Leben Sinn und Ziel,
der du in Jesus Christus den Tod besiegt hast.
Amen.

Psalm 90, 1-12:

1Ein Gebet des Mose, des Gottesmanns.
Herr, ein Hort
warst du uns
von Generation zu Generation.
2Noch ehe Berge geboren wurden
und Erde und Erdkreis in Wehen lagen,
bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
3Du lässt den Menschen zum Staub zurückkehren
und sprichst: Kehrt zurück, ihr Menschen.
4Denn in deinen Augen sind tausend Jahre
wie der gestrige Tag, wenn er vorüber ist,
und wie eine Wache in der Nacht.
5Du raffst sie dahin,
ein Schlaf am Morgen sind sie
und wie das Gras, das vergeht.
6Am Morgen blüht es, doch es vergeht,
am Abend welkt es und verdorrt.
7Denn wir schwinden dahin durch deinen Zorn,
und durch deinen Grimm werden wir hinweggeschreckt.
8Du hast unsere Sünden vor dich gestellt,
unsere verborgene Schuld ins Licht deines Angesichts.
9All unsere Tage gehen dahin unter deinem Zorn,
unsere Jahre beenden wir wie einen Seufzer.
10Unser Leben währt siebzig Jahre,
und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre.
Und was an ihnen war, ist Mühsal und Trug.
Denn schnell ist es vorüber, im Flug sind wir dahin.
11Wer erkennt die Gewalt deines Zorns
und deinen Grimm, wie es die Furcht vor dir verlangt?
12Unsere Tage zu zählen, lehre uns,
damit wir ein weises Herz gewinnen.

Gedenken an die Verstorbenen:

Heute wollen wir uns an alle erinnern, von denen wir in diesem Kirchenjahr in unserer Gemeinde, oder von denen Mitglieder unserer Gemeinde Abschied nehmen mussten. Für jede Verstorbene, für jeden Verstorbenen zünden wir eine Kerze zur Erinnerung an und denken in der Stille an ihn oder sie.

(Stille)

Im letzten Kirchenjahr sind auch Mitglieder unserer Gemeinde verstorben, die nicht kirchlich verabschiedet oder beigesetzt worden. Diesen Wunsch respektieren wir. Sie sind aber auch ein Teil unserer Gemeinschaft gewesen. Deshalb zünden wir jetzt für sie eine Kerze an.

(Stille)

Wir alle haben schon einmal einen uns nahestehenden Menschen verloren. Manchmal schon vor lange Zeit, manchmal erst vor kurzem. Vielleicht sind ihre Namen schon einmal in unserer Kirche genannt worden, vielleicht auch nicht. Heute soll es die Gelegenheit geben, auch an diese Menschen zu denken und in der Erinnerung an sie eine Kerze zu entzünden. Wer immer das jetzt tun möchte, ist herzlich dazu eingeladen, dies in Stille zu tun.

(Stille)

Zwischenspiel von Juliane Schleehahn
Spruch: 1. Kor. 13, 12:

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Gebet:

Ewiger Gott,
du Trost der Traurigen und Stärke der Schwachen,
du kennst unsere Gedanken und Gefühle und auch unsere Trauer.
Hier, in diesem Gottesdienst,
denken wir zurück an geliebte und uns wichtige Menschen
und bringen vor dich, was uns bewegt.
Tröste uns durch dein Wort.
Mach uns deiner Liebe gewiss,
damit wir getrost die Wege weitergehen können, die du uns führen willst.
Bei dir, Gott, kommen unsere Wege ans Ziel,
du vollendest das Leben nach deiner Güte. Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 380, 1-4: Ja, ich will euch tragen

1) Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin.
Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.

2) Ihr sollt nicht grauen, ohne dass ich’s weiß,
müsst dem Vater trauen, Kinder sein als Greis.

3) Ist mein Wort gegeben, will ich es auch tun,
will euch milde heben: Ihr dürft stille ruhn.

4) Stets will ich euch tragen recht nach Retterart.
Wer sah mich versagen, wo gebetet ward?

Predigttext: 1. Korinther 15, 51-55

51Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Nicht alle werden wir entschlafen, alle aber werden wir verwandelt werden, 52im Nu, in einem Augenblick, beim Ton der letzten Posaune; denn die Posaune wird ertönen, und die Toten werden auferweckt werden, unverweslich, und wir werden verwandelt werden. 53Denn was jetzt vergänglich ist, muss mit Unvergänglichkeit bekleidet werden, und was jetzt sterblich ist, muss mit Unsterblichkeit bekleidet werden. 54Wenn aber mit Unvergänglichkeit bekleidet wird, was jetzt vergänglich ist, und mit Unsterblichkeit, was jetzt sterblich ist, dann wird geschehen, was geschrieben steht:

Verschlungen ist der Tod in den Sieg.
55Tod, wo ist dein Sieg?
Tod, wo ist dein Stachel?.

Liebe Gemeinde!

„Dem Herrn unserem Gott hat es gefallen, unseren lieben Bruder im Glauben aus diesem Leben abzuberufen.“ Mit diesem Satz hat über lange Zeit manch eine christliche Trauerrede begonnen. Ein Satz, Ausdruck tiefster Einsicht und Erkenntnis: über Leben und Tod entscheidet Gott ganz allein. In altertümlicher Sprache ausgedrückt, in der auch noch Wörter wie „Wohlgefallen“ oder „wohlgefällig“ vorkommen.

Aber heute, in unserem heutigen Sprachgebrauch, in unseren Versuchen, die richtigen Worte zu finden, wenn es um den Tod geht: kann man wirklich noch sagen, dass es Gott „gefallen“ hat, dass ein Mensch gestorben ist? Oder, umgekehrt gefragt: müssen wir uns das „gefallen“ lassen, dass Gott Menschen sterben lässt, uns Menschen durch den Tod wegnimmt?

Diese Frage hat sich der Schweizer reformierte Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti schon vor einem halben Jahrhundert gestellt, in der kritischen Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre. Und hat für sich eine Antwort gefunden. Unter Aufnahme dieser, für seine Ohren nur zu abgedroschen klingenden Phrase: „Dem Herrn unserem Gott hat es gefallen“, hat er einen Text verfasst, eine poetische (Kurz-)Trauerrede. Es ist ein Nachruf auf einen Verstorbenen namens Gustav E. Lips. Er beginnt mit dem Satz: „Dem Herrn, unserem Gott, hat es ganz und gar nicht gefallen, dass Gustav E. Lips bei einem Verkehrsunfall starb.“ Weiter beschreibt dann Kurt Marti, welche Lücke der Verstorbene hinterlassen hat. Um dann kritisch anzumerken, dass es Gott auch nicht gefällt, wenn manche glauben, es habe ihm gefallen. Das Gedicht endet mit: „Im Namen dessen, der Tote erweckte; im Namen des Toten, der auferstand: wir protestieren gegen den Tod von Gustav E. Lips!“

Eine starke Ansage: nicht nur Kritik an Pfarrern, die die Formel „Dem Herrn, unserem Gott, hat es gefallen …“ in falsch verstandenen Gottergebenheit verwenden. Sondern auch Kritik an denjenigen, die diese Phrase aus dem Mund des Pfarrers einfach so akzeptieren und ihr zustimmen.

Wir alle sind an bestimmten Punkten unseres Lebens schon Trauernde gewesen und werden es wohl auch immer wieder sein. In solchen Momenten sind wir besonders sensibel, wenn versucht wird, uns zu trösten. Manch eine Formulierung, so gut sie auch gemeint sein mag, passt da ganz einfach nicht. Mehr noch: der Verlust eines lieben Menschen macht manche auch einfach wütend. Ich denke, dass Kurt Marti gut erkannt hat, dass sich Wut und Schmerz nicht einfach durch fromme Phrasen aus der Welt schaffen lassen. Vielmehr gehört angesprochen, was die Wut und den Schmerz auslöst. Im Fall von Gustav E. Lips ein tödlicher Autounfall, ein Mensch, der mitten aus dem Leben herausgerissen wurde, eine riesige Lücke hinterlässt. Das soll Gott gefallen haben?.

Kurt Marti weiß wohl auch, dass sich auf die Frage: „Warum?“ keine Antwort geben lässt. Schon gar nicht auf die Frage, warum Gott das, was passiert ist, zugelassen hat. Aber er erinnert uns daran, wie in der Bibel mit dem Entsetzen über den Tod umgegangen wird, was und wie aus dem Glauben an Jesus Christus geschöpft werden kann. Und kommt zu dem Schluss: der Glaube an die Auferstehung, ist eine Protestbewegung gegen den Tod. „Wir protestieren gegen den Tod von Gustav E. Lips.“

Das klingt zunächst einmal tatsächlich sehr nach 60er Jahre, nach Studentenprotesten, mit den Forderungen nach dem Aufbrechen von überholten und verkrusteten Strukturen in Gesellschaft und auch Kirche. Allerdings: der Idee des „Protests gegen den Tod“ ist noch einmal gute 80 Jahre älter. Sie stammt von dem deutschen Theologen Christoph Blumhardt. Kurt Marti zitiert ihn auch als Inspiration für sein Gedicht: „Wir Christen sind Protestleute gegen den Tod.“ – so heißt es im Original bei Christoph Blumhardt – und das schon Ende des 19. Jahrhundert.

Obwohl: eigentlich ist dieser Gedanke schon bald 2000 Jahre alt. Denn wie hat es gerade im 1. Korintherbrief des Apostel Paulus geheißen: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Anders gesagt: Tod, du kannst uns nichts anhaben. Du hast letztlich keine Macht über uns. Glaube und Hoffnung sind stärker.

Und selbst dieser Gedanke des Apostel Paulus ist „geklaut“. Er stammt nämlich vom Propheten Hosea, und der hat wieder über 700 Jahre früher gelebt.

Womit sich für mich ganz klar zeigt: schon immer haben Menschen dem Tod nicht die Freude machen wollen, das letzte Wort zu haben. Haben geglaubt, gehofft, Zeichen des Lebens gesucht und entdeckt, gerade dann, wenn es besonders hoffnungslos ausgesehen hat. Haben Zeichen des Lebens entdeckt in ihrem Vertrauen auf Gott, und in der Gemeinschaft von Menschen, die dieses Vertrauen auf Gott mit ihnen geteilt haben. Ja, als diese Protestbewegung gegen den Tod, die wir Christinnen und Christen nun einmal sind, können wir einander helfen, stärken uns trösten. Können einander aufrichten und beim Weitergehen gute Begleiterinnen und Begleiter sein.

In den ersten Monaten meiner Tätigkeit hier in dieser Gemeinde gab es in Favoriten einen Mord an einem Mädchen. Die Familie war zum Teil Mitglied unserer Gemeinde, zum Teil, auch das ermordete Mädchen selbst, gehörte sie zu einer lutherischen Nachbargemeinde. Der Pfarrer dort, genauso so wie ich noch ganz am Anfang seiner Tätigkeit, Jahrgangskollege sogar, hat versucht, dieses völlige Entsetzen über diese schreckliche Tat, den Schock über das brutale Ende eines jungen Lebens in seiner Trauerpredigt aufzunehmen. Und hat dazu genau diesen Text von Kurt Marti verwendet: „Gott dem Herrn hat es ganz und gar nicht gefallen … Wir protestieren gegen den Tod von …“

Nach der Trauerfeier ist er von einem Reporter einer Boulevardzeitung angesprochen worden. Der wollte wissen, gegen wen er protestiert hat. Der Pfarrerkollege hat versucht, ihm zu erklären, dass es um eine grundsätzliche Haltung geht, die nichts, selbst den Tod nicht, als endgültig akzeptiert. Das hat der Journalist nicht und nicht verstanden. Wenn man protestiert, dann protestiert man immer gegen jemand Konkreten, gegen Politiker z.B.. Eine Zeitlang haben Pfarrer und Reporter so aneinander vorbei geredet, bis dem letzteren plötzlich eine Erkenntnis kam: „War es vielleicht Gott, gegen den sie protestiert haben?“ Der Kollege darauf, sichtlich schon der Debatte überdrüssig, meinte darauf: „Ja, kann man auch so sehen.“ Worauf die Antwort kam: „Respekt, Herr Pfarrer! Das ist mutig!“

Ja, so mutig sind wir Christinnen und Christen. Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg? Wir lassen uns das Leben nicht nehmen. Schon gar nicht das ewige Leben.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 380, 5-7: Ja, ich will euch tragen

5) Denkt der vor’gen Zeiten, wie, der Väter Schar
voller Huld zu leiten, ich am Werke war.

6) Denkt der frühern Jahre, wie auf eurem Pfad
euch das Wunderbare immer noch genaht.

7) Lasst nun euer Fragen, Hilfe ist genug.
Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.

Gebet: 

So viele Gedanken und Gefühle, Gott,
so viele Erinnerungen bewegen uns.
Was wir auf dem Herzen haben, bringen wir zu dir.
Wir bitten dich für alle, die um einen Menschen trauern,
hier und andernorts.
Sei du nahe in Trauer und Einsamkeit.
Wir bitten dich für die,
deren Herzen beladen sind angesichts eines Sterbens,
beladen vielleicht sogar mit Selbstanklage und Schuldgefühl,
beladen mit Hader und Zorn.
Befreie sie von ihrer Last.
Wir bitten dich für die, die umgetrieben werden
von Fragen des Lebens und des Sterbens.
Zeige du ihnen Wege, die sie gehen können.
Für Kranke und Sterbende bitten wir dich, für die, die Schmerzen leiden.
Heile die Schmerzen, wehre der Angst.
So viele Gedanken und Gefühle, Gott,
so viele Erinnerungen bewegen uns.
Hilf uns festhalten an dir,
an deiner Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde,
alle Tage unseres Lebens. Amen.

Unser Vater im Himmel  …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 171, 1.4: Bewahre uns, Gott

Klaviernachspiel: Juliane Schleehahn: Smile Charlie Chaplin (1889 – 1977)


Foto: Erlöserkirche

 

 

Reformationsgottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 31. Oktober 2021
mit Pfr. Johannes Wittich mit AM

Präludium: Juliane Schleehahn: Allegro moderato maestoso (in Auszügen) von Felix Mendelsson-Bartholdy (1809 – 1847)

Lied: Evangelisches Gesangbuch 440, 1 – 4: All Morgen ist ganz frisch und neu

1) All Morgen ist ganz frisch und neu
des Herren Gnad und große Treu;
sie hat kein End den langen Tag,
drauf jeder sich verlassen mag.

2) O Gott, du schöner Morgenstern,
gib uns, was wir von dir begehrn:
Zünd deine Lichter in uns an,
lass uns an Gnad kein Mangel han.

3) Treib aus, o Licht, all Finsternis,
behüt uns, Herr, vor Ärgernis,
vor Blindheit und vor aller Schand
und reich uns Tag und Nacht dein Hand,

4) zu wandeln als am lichten Tag,
damit, was immer sich zutrag,
wir stehn im Glauben bis ans End
und bleiben von dir ungetrennt.

Spruch: 1. Kor 3,11:

Denn ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist: Jesus Christus.

Begrüßung:

Willkommen zum Gottesdienst am Reformationstag. Vor über 500 Jahren ist die Kirche aufgerüttelt worden durch mutige Menschen. Seitdem gehen die Evangelischen ihren Weg durch die Zeit: Mal voller Hoffnung, mal sorgenvoll, mal im Bewusstsein, dass Vieles noch lange nicht so ist, wie es sein sollte, aber dann aber doch wieder ermutigt durch die Zusage der Vergebung, die Zusage eines ständigen Neuanfangs, einer ständigen Reformation.

Wir haben ein festes Fundament für unseren Glauben, und das kann uns nichts und niemand nehmen. Wann immer diese Sicherheit ins Wanken gerät, und das kann passieren, können wir sie wieder nähren, im gemeinsamen Beten, Hören, Singen, wenn wir miteinander feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Gebet:

Du Gott des Lebens!
Allein durch den Glauben werden wir gerettet.
Es braucht nur Vertrauen, Vertrauen auf dich.
Wie oft fällt es uns schwer,
zu glauben, zu vertrauen, zu hoffen.
Gehst du wirklich mit uns durch unser Leben?
Wir sind doch gefangen in den Ängsten unserer Zeit.
Gib du uns nicht auf,
zeige uns deine Gegenwart,
lass uns frei werden für dich.
Dann spüren wir eine Wärme in uns,
die uns befreit aufatmen lässt.
Du bist da mit deiner Liebe
und füllst unsere Herzen mit Hoffnung und Trost.
Im Wandel der Zeiten bleibst du der,
der uns liebt!
Dafür danken wir dir und bitten dich:
Hilf uns, dich nicht zu übersehen
in der Fülle unserer Tage.
Hilf uns, dich nicht zu überhören
im Lärm unserer Zeit.
Wir brauchen deine Nähe!
Wir brauchen dein Wort!
Rede mit uns!
Sei jetzt da,
in unserer Mitte.
Amen.

(nach Silke Eva Schmidt)

Lied: Evangelisches Gesangbuch 342, 1 – 3: Es ist das Heil uns kommen her

1) Es ist das Heil uns kommen her
von Gnad und lauter Güte;
die Werk, die helfen nimmermehr,
sie können nicht behüten.
Der Glaub sieht Jesus Christus an,
der hat für uns genug getan,
er ist der Mittler worden.

2) Was Gott im G’setz geboten hat,
da man es nicht konnt halten,
erhob sich Zorn und große Not
vor Gott so mannigfalten;
vom Fleisch wollt nicht heraus der Geist,
vom G’setz erfordert allermeist;
es war mit uns verloren.

3) Doch musst das G’setz erfüllet sein,
sonst wärn wir all verdorben.
Drum schickt Gott seinen Sohn herein,
der selber Mensch ist worden;
das ganz Gesetz hat er erfüllt,
damit seins Vaters Zorn gestillt,
der über uns ging alle.

Predigt: Galater 5, 1 – 6

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Steht also fest und lasst euch nicht wieder in das Joch der Knechtschaft einspannen. 2 Seht, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen. 3 Ich bezeuge nochmals jedem Menschen, der sich beschneiden lässt, dass er verpflichtet ist, alles, was das Gesetz verlangt, zu tun. 4 Ihr, die ihr im Gesetz Gerechtigkeit finden wollt, habt euch von Christus losgesagt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen! 5 Denn im Geist und aus Glauben warten wir auf die Erfüllung unserer Hoffnung: die Gerechtigkeit. 6 In Christus Jesus gilt ja weder Beschnittensein noch Unbeschnittensein, sondern allein der Glaube, der sich durch die Liebe als wirksam erweist.

Liebe Gemeinde!

Sechshundertdreizehn. Das ist die Zahl der Gebote und Verbote der jüdischen Tora, die wir in unsere Bibel als „Altes Testament“ übernommen haben. 365 Verbote und 248 Gebote, darunter die uns bekannten zehn wichtigsten, aber auch Speisevorschriften, Verhaltensregeln, Bestimmungen darüber, was „rein“, also koscher ist, dazu Vorgaben für die Feier des Gottesdienstes und vieles mehr.

Sechshundertdreizehn. Eine beachtliche Zahl. So viele Gebote einzuhalten, das muss man erst einmal schaffen. Fromme, orthodoxe Jüdinnen und Juden tun das, bis heute. Sie nehmen die Gebote ernst; ihr Alltag richtet sich ganz nach der Thora aus, ist dadurch sozusagen durchdrungen von Gott. „Gott ist immer da“, das ist auch unser Glaube. Wenn aber im jüdischen Alltag ganz bewusst bei jedem Schritt, den man setzt, über das nachgedacht wird, wie es Gott haben möchte, wie sein Wille sich jetzt in diesem Moment erfüllt werden kann, dann entsteht eine ganz besondere Nähe zu Gott. Eine Nähe, die wohl über das hinaus geht, wie wir es praktizieren, also im Nachdenken über Gott in einzelnen, besonderen andächtigen Momenten, aber eben nicht immer und überall.

Sechshundertdreizehn. Auch Jesus hat all diese Gebote eingehalten. Eine Selbstverständlichkeit für ihn als Jude. In seiner Bergpredigt, im Matthäus-evangelium, stellt er dann auch unzweideutig klar: die Gebote gelten auch weiterhin. Sie sind für ihn, den Juden, alternativlos. Jesus dazu wörtlich: „Denn, amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, soll vom Gesetz nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen vergehen, bis alles geschieht. 19Wer also auch nur eines dieser Gebote auflöst, und sei es das kleinste, und die Menschen so lehrt, der wird der Geringste sein im Himmelreich. Wer aber tut, was das Gebot verlangt, und so lehrt, der wird gross sein im Himmelreich.“ (Mt. 5, 18-19).

Die Gebote gelten. Punktum. Schwer verdauliche Kost für uns, würde ich sagen, gerade am Reformationstag. Denn wie haben wir gerade im Lied gesungen: „Was Gott im G’setz geboten hat, da man es nicht konnt halten, erhob sich Zorn und große Not, vor Gott so manigfalten.“ Eine ganz andere Vorstellung von den Geboten. Allerdings Kernbotschaft der Reformation, Grunderkenntnis Martin Luthers: die Gebote retten uns nicht, können uns nicht retten. Wir erkennen in den Geboten unsere Unvollkommenheit, unsere Erlösungsbedürftigkeit. Das öffnet uns die Augen für die Gnade Gottes. Und im Vertrauen auf die Gnade finden wir Erlösung.

Eine wunderbare Erkenntnis, die im 16. Jahrhundert nicht nur die Christenheit herausgefordert, sondern seither die ganze Welt verändert hat. Dadurch, dass Menschen Angst genommen, die Augen für eine neue Freiheit geöffnet wurde. Gottgeschenkte Freiheit, die dann das Wohl der Mitmenschen sucht.

Das kennen und wissen wir Alles als Evangelische. Sind dankbar dafür, freuen uns darüber, leben aus diesem Glauben, handeln aus ihm. Achten darauf, nicht wieder in alte, „gesetzliche“ Muster zu verfallen, in Versuche, sich selbst zu erlösen, durch Leistung, Prinzipientreue und Konsequenz. Durch einen sprichwörtlich „gnadenlosen“ Umgang mit sich selbst. Den auch Paulus in seinem Brief an die Galater kritisiert: „Ihr, die ihr im Gesetz Gerechtigkeit finden wollt, habt euch von Christus losgesagt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen!“ (V.4.)

Paulus war allerdings auch Jude, ursprünglich sogar ein besonders frommer. Und gerne einmal hat er in der Geschichte der Christenheit als Kronzeuge dafür herhalten müssen, wie überholt das Judentum und wie zukunftsweisend das Christentum ist, einschließlich aller daraus folgenden grauslicher Denk- und Verhaltensweisen Jüdinnen und Juden gegenüber.

Ich denke, auch das gehört am Reformationsfest angesprochen. Dass gerade in der Geburtsstunde unserer protestantischen Kirchen der jüdische Glaube gerne einmal als negativer Kontrast herhalten musste, um dann den neuen reformatorischen Glauben besonders zum Leuchten zu bringen. Der jüdische Glaube, oder besser: das, was man sich als „jüdischen Glauben“ zusammengebastelt hat, um selbst dann besser da zu stehen.

Das ist ja ein ganz grundsätzlich problematisches Phänomen: wenn ich nur durch Kritik am Judentum erklären kann, was christlich ist. Oder, aktueller, durch Kritik an der katholischen Kirche, was evangelisch ist. Wenn wir nur sagen können, was wir nicht sind, nur auf das verweisen, was unserer Meinung nach bei anderen Glaubensrichtungen falsch ist, dann ist es wohl nicht weit her mit unserem Glauben.

So, denke ich, ist es auch mit dem angeblich „alten“ Glauben der Jüdinnen und Juden, wie er vor allem von Luther als Negativbild verwendet worden ist. Luther hat Erlösung gesucht, den gnädigen Gott. Unsere jüdischen Geschwister allerdings halten die 613 Gebote nicht ein, um Gott zu imponieren. Die 613 Gebote sind kein Weg zu dem, was dann im Christentum „Erlösung“ genannt werden wird. Nein, die 613 Gebote sind nach jüdischem Verständnis schlicht und einfach ein Angebot Gottes: lebe danach, und dein Leben ist in Einklang mit Gott. Lebe so, und du merkst: Gott ist da. Lebe danach – und du lebst gut. Dieses Verständnis der Gebote ist ja dann auch unserem Reformator Johannes Calvin wichtig geworden: die jüdischen Gebote sind nicht überholt. Sie gelten nach wie vor, sind Gottes Weisung auch für uns Christinnen und Christen, vor allem im Bemühen um Gerechtigkeit.

Ja, ich denke, es ist gut, wenn wir am Reformationsfest ganz bewusst die Vorstellung von „Gesetzlichkeit“ nicht am Judentum, oder besser, nicht an einem bestimmten falschen Bild vom Judentum festmachen. Sondern vielmehr darüber nachdenken, wo wir heute in „Gesetzlichkeiten“ feststecken, gerade als ach so freie Evangelische, mit unserem Herumreiten auf Prinzipien, unserem Leistungsdenken, unserer Angst davor, als Evangelische nicht ernst genommen zu werden oder unsere Identität verlieren.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, hat der Apostel Paulus gesagt. Er hat vor einer Unfreiheit gewarnt, die sozusagen über die Hintertür sich wieder hineinschleicht, wenn zwar der Glaube an Christus grundsätzlich da ist, aber man diesem dann doch nicht so recht trauen will. Wenn aus Unsicherheit dann doch wieder Freiheit aufgegeben wird.

Davor musste Paulus damals warnen, und der Reformationstag ist ein guter Anlass, genau hinzuschauen, wo wir vielleicht doch in Denk- und Handlungsmuster zurückfallen, die wir seit der Reformationszeit für überwunden glaubten.

Um dann wieder zu erkennen: wir müssen nichts tun. Aber wir können und dürfen es. Orientiert an den Geboten Gottes. An dem Gebot, in dem alles zusammengefasst ist, und das vom ersten Moment an, an dem Gott seine Gebote seinem Volk gegeben hat, da war: orientiert am Gebot der Liebe.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 225, 1 – 3: Komm, sag es allen weiter

Abendmahl: 

Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35)

Wir feiern Abendmahl miteinander, zusammengeführt durch den Geist Gottes an den Tisch Jesu Christi. So wollen wir daran denken, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, und was wir heute mit ihm erleben können, wenn wir in seinem Namen essen und trinken.

Einsetzungsworte:

Jesus Christus,
in der Nacht, in der er verraten wurde,
nahm er das Brot, dankte, brach es und sprach:
Nehmt, esst, das ist mein Leib,
der für euch gegeben wird;
Das tut zu meinem Gedächtnis.

Ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl
und sprach:
Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.
Das tut, sooft ihr daraus trinkt,
zu meinem Gedächtnis.

Denn sooft ihr dieses Brot esst
und aus diesem Kelch trinkt,
verkündigt ihr den Tod Jesu Christi,
bis dass er kommt.

Hinführung zum Abendmahl:

Worauf können wir uns verlassen. Was stärkt uns, hilft uns, gibt uns Sicherheit? Im Feiern des Abendmahls wird uns wieder versprochen: all das finden wir bei unserem Gott.

Wir sind begleitet und getragen. Wir werden gestärkt. Wir werden verbunden – miteinander und mit Gott. Im Abendmahl wird diese Botschaft konkret. Fassbar und greifbar, wir können sie spüren, schmecken, sehen. Gott ist, in seinem Geist, ganz da.

Das hilft uns, unser Leben anzunehmen und zu verstehen. So wie es ist. Es ist das Leben, in das Gott uns gestellt hat. So können wir Hoffnung behalten und immer wieder neu geschenkt bekommen. Und zwar gemeinsam.

Miteinander feiern wir. Zusammengeführt und verbunden, durch geteilte Zweifel und Fragen, geteilte Hoffnung und geteilte Gewissheit. In Brot und Wein gestärkt und ermutigt. Beschenkt durch das Mitfeiern am Tisch, zu dem Jesus Christus selbst einlädt.

Musik zur Austeilung des Abendmahls: Juliane Schleehahn: Improvisation

Gebet: 

Befreiender Gott, liebender Gott!
Du zeigst dich deiner Welt durch deinen Sohn Jesus Christus.
In Brot und Wein haben wir Gemeinschaft mit ihm.
Klar und deutlich sind seine Worte.
Klar und deutlich wollen auch wir sein.

Darum bitten wir dich um deine Nähe,
damit wir in deiner Nachfolge treu sind
und in Gemeinschaft mit den Christinnen und Christen überall auf der Erde
auf deinem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens gehen.

Vergib uns unseren Kleinglauben,
und lehre uns zu teilen
und darauf zu vertrauen,
dass deine Liebe uns stark macht,
frei und aufrecht.

Schenke diese Liebe allen Menschen,
besonders den Kranken und Hungernden,
den Trauernden und Sterbenden,
den Obdachlosen und Heimatlosen
und allen Kindern dieser Erde.

Sei und bleibe auch bei uns,
jetzt und in Ewigkeit!
In Jesu Namen beten wir zu dir:

(nach Silke Eva Schmidt)

Unser Vater im Himmel  …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 170, 1-3: Komm, Herr, segne uns

Postludium: Juliane Schleehahn: Praeludium in a-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)


Foto: Ulrike Wittich

 

 

 

Gottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 12. September 2021
mit Pfr. Johannes Wittich mit AM und Schulanfangssegen


Präludium: Martin A. Seidl: Aus meines Herzens Grunde von Johann Christoph Bach (1642 – 1703)
Lied: Evangelisches Gesangbuch 43, 1 – 2: Aus meines Herzens Grunde

1) Aus meines Herzens Grunde
sag ich dir Lob und Dank
in dieser Morgenstunde,
dazu mein Leben lang,
dir, Gott, in deinem Thron,
zu Lob und Preis und Ehren
durch Christus, unsern Herren,
dein eingebornen Sohn,

2) dass du mich hast aus Gnaden
in der vergangnen Nacht
vor G’fahr und allem Schaden
behütet und bewacht.
Demütig bitt ich dich,
wollst mir mein Sünd vergeben,
womit in diesem Leben
ich hab erzürnet dich.

Spruch: 1. Petr. 5,7:

All eure Sorge werft auf ihn, denn er kümmert sich um euch.

Begrüßung:

Sorgen – davon gibt es im Moment reichlich. Die Infektionszahlen steigen wieder dramatisch an. Wir erleben Ratlosigkeit und auch Angst. Und hören, dass das alles bei Gott seinen Platz hat. Er will sich um uns und um das, was uns beschäftigt, kümmern.

Ein befreiendes Angebot. Doch dazu braucht es eine gehörige Portion Vertrauen. Das dürfen wir tun: Glauben und vertrauen, dass Gott für uns sorgen will.

Darum feiern wir Gottesdienst, gemeinsam, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Gebet:

Guter Gott,
so sind wir,
manchmal beladen und sorgenschwer,
dann wieder leichtsinnig und übermütig.
In guten wie in bösen Zeiten stehst du uns zur Seite
und willst in uns und durch uns wirken.
Dass wir das nicht vergessen
und darauf vertrauen lernen,
dass du über unsere Zweifel erhaben ist,
darum bitten wir.
So können wir Sorgen loslassen,
eine Weile nicht daran denken
weil wir wissen,
dass wir sie nicht alleine tragen müssen –
weil du für deine Schöpfung Sorge trägst!
Hilf uns, dein Angebot nicht zu überhören
Und dir ganz zu vertrauen.
Amen.

(nach Cristina Blázquez)

Lesung: Ps. 127, 1 und 2:

Wenn nicht der Herr das Haus baut,
mühen sich umsonst, die daran bauen;
wenn nicht der Herr die Stadt behütet,
wacht der Hüter umsonst.
2Umsonst ist es, dass ihr früh aufsteht
und spät euch niedersetzt,
dass ihr Brot der Mühsal esst.
Dem Seinen gibt er es im Schlaf.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 636, 1 – 4: Selig seid ihr
Predigt: 1. Buch Mose, 8, 4 – 12

4 Im siebten Monat, am siebzehnten Tag des Monats, setzte die Arche auf den Bergen von Ararat auf. 5 Und das Wasser nahm weiter ab bis zum zehnten Monat. Im zehnten Monat, am ersten des Monats, wurden die Spitzen der Berge sichtbar. 6 Und nach vierzig Tagen öffnete Noah das Fenster der Arche, das er gemacht hatte, 7 und liess einen Raben hinaus. Der flog hin und her, bis das Wasser auf der Erde weggetrocknet war. 8 Dann liess er eine Taube hinaus, um zu sehen, ob sich das Wasser vom Erdboden verlaufen hätte. 9 Aber die Taube fand keinen Ort, wo ihre Füsse ruhen konnten, so kehrte sie zu ihm in die Arche zurück, denn noch war Wasser überall auf der Erde. Da streckte er seine Hand aus, fasste sie und nahm sie zu sich in die Arche. 10 Hierauf wartete er noch weitere sieben Tage, dann liess er die Taube wieder aus der Arche. 11 Und die Taube kam um die Abendzeit zu ihm zurück, und sieh da, sie hatte ein frisches Ölblatt in ihrem Schnabel. Da wusste Noah, dass sich das Wasser von der Erde verlaufen hatte. 12 Hierauf wartete er noch weitere sieben Tage, dann liess er die Taube hinaus, und sie kehrte nicht mehr zu ihm zurück.

Liebe Gemeinde!

Was für eine beklemmende Situation! Die Regengüsse der Sintflut sind vorbei – doch gleichzeitig steht noch überall das Wasser. Die Arche steckt fest auf dem Gipfel des Berges Ararat – aber ob das hält, ist fraglich. Die Luken des riesigen Schiffs können schon wieder geöffnet werden, aber auch nur, um einen Raben und eine Taube als Kundschafter fliegen zu lassen. Selbst wagt Noah sich noch nicht hinaus.

Ich stelle mir das extrem nervenaufreibend vor. Auch wenn offensichtlich das Schlimmste vorbei ist – sicher ist es da draußen, jenseits der Wände der schützenden Arche, noch lange nicht. Wird das Wasser sich zurückziehen, wird das überflutete Land wieder bewohnbar sein? Und wann wird das geschehen? So sitzen Noah und seine Familie fest in dem riesigen Holzkasten. Diese hat ihnen Geborgenheit geschenkt und tut es immer noch. Aber gleichzeitig hat er ihnen auch ihrer Freiheit genommen. Die Arche ist zum Gefängnis geworden. Und niemand weiß, wann die Zeit in ihr vorbei sein wird. Es geht nicht nur darum, wieder raus zu wollen. Es geht um mehr: um den richtigen Zeitpunkt, die Arche zu verlassen. Wann ist er da, dieser richtige Moment, in dem man die enge, aber sichere Arche ohne Gefahr gegen eine neue Freiheit draußen eintauschen lässt?

Denn wie die Welt da draußen ist, weiß Noah nicht. Er will das herausfinden; seine Geduld wird dabei aber ordentlich auf die Probe gestellt. Er weiß um seine Verantwortung, für Menschen, wie für Tiere. Zu früh die Arche zu verlassen, ist lebensgefährlich – zu lange zu warten wiederum eine sinnlose Quälerei aller Betroffenen.

Ich finde, die Situation des Noah ist unserer augenblicklichen sehr ähnlich. Die allerschlimmsten ersten Wellen der Pandemie haben wir hinter uns, es ist viel an Erfahrung gesammelt worden, es gibt Strategien zur Bekämpfung, die uns am Anfang noch gefehlt habe, nicht zuletzt die Impfung. Und gleichzeitig sitzen wir wie Noah in der Arche und wissen: vorbei ist das Ganze noch lange nicht. Und als Gemeinde haben wir uns in den letzten Monaten immer wieder die Frage gestellt: wie weit dürfen wir gehen, hin zur neuen Normalität – und wo ist es eindeutig noch zu früh und somit auch gefährlich. Wo bleiben wir lieber auf der sicheren Seite, auch wenn das bedeutet, dass wir auf Vieles, und auch viel Wichtiges in unserem Gemeindeleben verzichten müssen? Und wo wagen wir doch wieder etwas „Normalität“, weil es wichtig ist für unsere Gemeinschaft, vorsichtig und verantwortungsbewusst, aber auch mit Gottvertrauen.

Seit letzten Sonntag haben wir wieder unser Gemeindekaffee. Eine Gemeinde, gerade eine wie die unsrige, braucht das gemeinsame Essen und Trinken, das Plaudern und Diskutieren, den Austausch, das Zuhören, das gegenseitige Trösten und Unterstützen. Im Gottesdienst selbst, sozusagen als Destillat all dessen, wird das im Feiern des Abendmahls sichtbar, spürbar, schmeckbar. Wir brauchen einander, und wir brauchen gemeinsam Gott – das wird im Abendmahl deutlich.

Wissen Sie, wisst ihr, wann wir das letzte Mal gemeinsam Abendmahl gefeiert haben? Also ich als Pfarrer und die Gemeinde hier in der Kirche? Es war am 13. Oktober 2019, am Sonntag, bevor ich dann auf Kur gefahren bin, also vor fast zwei Jahren. Danach war für den 8. März 2020 ein Abendmahlsgottesdienst geplant – den wir unter Rücksicht auf die Unsicherheit in Hinblick auf die zu erwartende Pandemie mit Gedanken über das Abendmahl, aber ohne Brot und Wein gefeiert haben. Wenige Tage später kam dann der erste Lockdown, oder, um im biblischen Bild zu bleiben, der Rückzug in die verrammelte und verklebte Arche.

In dieser kämpft also Noah gerade mit seinen Ängsten, Sorgen, Unsicherheiten, mit dem nur verschwommen erahnbaren Blick auf die Zukunft. Wo es uns so geht wie ihm, haben wir dank Christus ein starkes Trost- und Hoffnungszeichen im Feiern des Abendmahls.

Vorsichtig und dadurch anders als sonst, wollen wir heute Abendmahl feiern. In unsicheren Zeiten rücken wir zusammen und suchen die Nähe Gottes. Um wieder einmal erstaunt festzustellen: er ist schon da. Er sorgt für uns.

Mehr Sicherheit kann es nicht geben.

Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 585, 1 – 3: Komm, wir teilen das Brot
Abendmahlsfeier: 

Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35)

Gebet: 

Dank sei dir,
ewiger Gott,
dass du uns eingeladen hast zu deinem Mahl.
Du stärkst uns durch Brot und Wein.
Du lässt uns Gemeinschaft erleben und Kraft schöpfen.
Du machst das Unmögliche möglich
und kommst uns nah in Brot und Wein.

So wollen wir darauf vertrauen,
dass dir keine Sorge zu groß
und kein Glaube zu klein ist.

Wir denken an alle,
deren Vertrauen ins Leben so erschüttert ist,
dass Angst den Alltag bestimmt.
So viele Menschen auf Erden sind traumatisiert
durch die Erfahrung von Terror, Flucht oder Krieg.
Wir bitten dich: Hilf ihnen, dass ihre Last leichter werden kann!

Wir denken an Menschen weltweit,
die unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden,
weil sie krank sind, einen lieben Menschen verloren haben,
in Sorge um die Gesundheit Angehöriger sind.
Wir bitten dich: Schenke Zuversicht und lass die Hoffnung nicht erlöschen.

Wir denken an alle,
deren Aufgabe es ist, für Ordnung zu sorgen,
Leben zu schützen und Sicherheit zu gewährleisten.
Hilf du, dass sie ihre Aufgabe verantwortungsvoll ausüben,
Vertrauen und Respekt verdienen und bekommen.
Wir bitten dich: Schenke Anstand und Achtung,
Dankbarkeit und ein gesegnetes Miteinander.

Wir denken an alle,
die den Mut haben,
sich für eine gerechtere und bessere Welt einzusetzen
mit ihrer Fürsprache, ihrer Lebensweise, ihrem Mitdenken.
Wir bitten dich: Stärke sie in ihrem Vertrauen und schenke ihnen Mut.

Bleibe bei uns, guter Gott,
halte uns aus und hilf uns, auszuhalten.

(nach Cristina Blázquez)

Wir beten gemeinsam:

Unser Vater im Himmel  …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 328, 1 – 3: Dir, dir, Höchster will ich singen

1) Dir, dir, o Höchster, will ich singen,
denn wo ist doch ein solcher Gott wie du?
Dir will ich meine Lieder bringen;
ach gib mir deines Geistes Kraft dazu,
dass ich es tu im Namen Jesu Christ,
so wie es dir durch ihn gefällig ist.

2) Zieh mich, o Vater, zu dem Sohne,
damit dein Sohn mich wieder zieh zu dir;
dein Geist in meinem Herzen wohne
und meine Sinne und Verstand regier,
dass ich den Frieden Gottes schmeck und fühl
und dir darob im Herzen sing und spiel.

3) Verleih mir, Höchster, solche Güte,
so wird gewiss mein Singen recht getan;
so klingt es schön in meinem Liede,
und ich bet dich im Geist und Wahrheit an;
so hebt dein Geist mein Herz zu dir empor,
dass ich dir Psalmen sing im höhern Chor.

Postludium: Martin A. Seidl, Canzone von J. K. Kerll (1627 – 1693)

 

Foto: Ulrike Wittich

 

 

 

Online-Gottesdienst zum Feiern zu Hause
aus der reformierten Erlöserkirche am 22. August 2021
mit Pfr. Johannes Wittich


Präludium: Martin A. Seidl: Nun lob, mein Seel, den Herren von Johann Gottfried Walther (1684 – 1748)
Spruch: Mt. 5, 16:

So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Begrüßung:

Wir können etwas weitergeben, als Christinnen und Christen, vom Licht, das uns Gott geschenkt hat. Das spricht Jesus in diesem Satz aus der Bergpredigt an: dort, wo wir trösten, aufbauen, Frieden stiften, Menschen zusammenbringen, helfen und handeln, wird es hell. Es kommt aber auch etwas zurück, wenn wir das alles tun. Das ist gut so, motiviert, weiter auf diesem Weg zu bleiben.

Gleichzeitig verbreiten wir ja nicht unser Licht, sondern geben nur das weiter, was unser uns Glaube gibt. Sind Zeichen Gottes in dieser Welt, nicht mehr oder weniger. Dazu brauchen wir immer wieder die Nähe zu Gott, um Kraft und Inspiration, eben seinen Heiligen Geist, wieder neu in uns zu spüren.

Das kann immer wieder geschehen, ganz besonders, wenn wir uns Zeit zum Feiern vor Gott und mit Gott nehmen, wo auch immer wir gerade sind, wenn wir in Gottes Namen Gottesdienst halten, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet:

Wir wollen miteinander auskommen,
Gott,
ein friedliches Leben leben,
deine Kinder sein.
Manchmal schauen wir dabei zu sehr nach innen,
suchen ein Wohlgefühl,
das die Welt außerhalb der Kirchenmauern ausblendet.
Dein Wort fordert und heraus,
verlangt uns etwas ab
schärft unseren Blick.
Wir kommen zu dir mit Zweifel und Unsicherheit
und suchen deine Weite und dein Angesicht.
Wir kommen zu dir mit Freude und Dank
und wollen diese mit dir teilen
Wir wollen uns mit dir verbinden.
Du lässt uns in einen Spiegel schauen:
So ist die Welt, so ist das Leben, so bist du.
Wir erinnern uns an deine Zusage und bitten:
Komm uns nahe, Gott,
und lass uns deinen Atem spüren.
Amen
.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 288, 1-5: Nun jauchzt dem Herren, alle Welt

1) Nun jauchzt dem Herren alle Welt!
Kommt her, zu seinem Dienst euch stellt,
kommt mit Frohlocken, säumet nicht,
kommt vor sein heilig Angesicht
.

2) Erkennt, dass Gott ist unser Herr,
der uns erschaffen ihm zur Ehr,
und nicht wir selbst: durch Gottes Gnad
ein jeder Mensch sein Leben hat.

3) Wie reich hat uns der Herr bedacht,
der uns zu seinem Volk gemacht;
als guter Hirt ist er bereit,
zu führen uns auf seine Weid
.

4) Die ihr nun wollet bei ihm sein,
kommt, geht zu seinen Toren ein
mit Loben durch der Psalmen Klang,
zu seinem Vorhof mit Gesang.

5) Dankt unserm Gott, lobsinget ihm,
rühmt seinen Namen mit lauter Stimm;
lobsingt und danket allesamt.
Gott loben, das ist unser Amt
.

Predigttext: Psalm 100:

1 Ein Psalm zum Lobopfer.
Jauchzt dem Herrn, alle Länder.
2 Dient dem Herrn mit Freuden,
kommt vor sein Angesicht mit Jubel.
3 Erkennt, dass der Herr allein Gott ist.
Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst,
sein Volk sind wir und die Schafe seiner Weide.
4 Kommt zu seinen Toren mit Dank,
in seine Vorhöfe mit Lobgesang,
dankt ihm, preist seinen Namen.
5 Denn der Herr ist gut, ewig währt seine Gnade
und seine Treue von Generation zu Generation.

Predigtgedanken:

Liebe Gemeinde!

„Gott loben, das ist unser Amt“ – so heißt es im gerade gesungenen oder gelesenen Lied. Ein schöne Aufgabe, über das zu reden, das zu verkündigen, was Gott uns Gutes tut. Eine Tätigkeit ohne großen Aufwand, aber mit großem Gewinn für uns selbst: wenn wir über das nachdenken, was in unserem Leben gut und gelungen ist, unser Blick auf das Gute unseres Lebens fokussiert, rückt das weniger Gute automatisch in den Hintergrund. Wir fühlen uns dadurch besser und freier.

Das Lied „Nun jauchzt dem Herren, alle Welt“ ist eine Neudichtung des 100. Psalms. Das Lob Gottes, das darin angesprochen wird, der Dank über Alles, womit uns Gott segnet, hat in diesem Gebet seinen ganz bestimmten Ort: den Tempel in Jerusalem. Dorthin ziehen die Israeliten, hinauf auf den Tempelberg, wo Gott versprochen hat, „Wohnung zu nehmen“, seinen Menschen ganz nahe zu sein. Der Dank wird sozusagen Gott gleich vor die Füße gelegt, eingebunden in Gebet und Gesänge, wie eben auch dem Psalm, greifbar, spürbar, ja, riechbar auch durch ein ganz konkretes Ritual, nämlich dem Dankopfer, dem Verbrennen von Gaben auf dem Altar.

Dass Gott sich an einem Ort ganz besonders finden lässt, eben in diesem Tempel, ist ein wichtiges Element des jüdischen Glaubens, bis heute. Gott „versteckt“ sich nicht in einem fernen Himmel, sondern kommt den Menschen nahe, baut eine Verbindung auf zwischen dem Ort, der nur ihm, Gott zusteht und dem Ort der Menschen, der Erde, seiner Schöpfung. Das Gott so menschennah ist, sich so an Menschen bindet, ihnen entgegenkommt, versteht, dass sie hier und jetzt etwas von ihm greifen und begreifen wollen, das zu glauben, ist auch für uns Christinnen und Christen wichtig.

Es gibt Momente der Gottesbegegnung, da spielen bestimmte Orte eine wichtige Rolle. Gerade in Zeiten der Pandemie haben viele von uns auf den Besuch unserer Erlöserkirche verzichten müssen. Es hat sich gezeigt, wie groß die Sehnsucht auch nach diesem „Tempel“ am Wielandplatz sein kann, nach der Gemeinschaft, den Menschen, die diesen Raum füllen und gemeinsam Gottes Nähe suchen.

Gleichzeitig haben wir aber auch gelernt, zu Hause Gottesdienst zu feiern, auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Kirche ist in die Häuser und Wohnungen gekommen. Kirche kann, mehr denn je wissen wir das, überall sein.

In meinem Urlaub gerade in Kärnten habe ich eine besonders schöne Bestätigung dafür erlebt: das Projekt „Kirchenschiff“ der Evangelischen Kirche A.B. vor Ort auf dem Wörthersee. Schülerinnen und Schüler einer HTL haben zum Reformationsjubiläum auf Initiative ihres Religionslehrers ein Boot konstruiert und auch gebaut, das seit Fertigstellung auf dem See unterwegs ist. Im Sinne der Fürsorge für die Schöpfung wird es mit Solarstrom versorgt. Im Sommer legt es an jedem Sonntag an einem anderen Ort an. Klappstühle werden am Ufer aufgestellt, ein Abendmahlstisch steht auf dem Boot selbst, und Gestaltung des Gottesdienstes und Predigt erfolgt vom Boot hin zur Gemeinde auf dem Festland.

Diese Idee hat ein gut biblisches Vorbild. Im 4. Kapitel des Markusevangeliums wird berichtet, das Jesus am See Genezareth von einem Boot aus einer großen Menge gepredigt hat. Das ist sicher auch ein gottesdienstlicher Moment gewesen, selbst fern vom Tempel in Jerusalem, dem Bedürfnis der Menschen geschuldet, die Jesu gute Botschaft hören wollten.

Das Kirchenschiff am Wörthersee ist genau in diesem Sinne auch ein Zeichen dafür, dass Kirche zu den Menschen kommt, genau dort, wo sie sind und wo sie gerade die frohe Botschaft hören wollen. Weil Gottesdienst, unser „Amt“, Gott zu loben, an jedem Ort geschehen kann. Weil auch Gott selbst überall zu finden ist.
Amen.

Gebet:

Großer Gott, du Schöpferkraft,
unaufhörlich bringst du Leben hervor.
Du bist bei uns in jedem Atemzug,
in jedem Pulsschlag,
du bist in unserem Fühlen und Hoffen,
in unserer Kraft und selbst in unserer Müdigkeit.

Sei du da, wenn Menschen vor Freude jubeln,
wenn sie ihr Glück kaum fassen.
Sei du dann da!

Sei du da, wenn Menschen in die Irre gehen.
Wenn Menschen,
maßlos und egoistisch sind.
Wenn sie andere Dinge wertvoller finden,
als das, was dem Leben dient.

Sei bei allen, die Zeit und Ruhe brauchen,
um wieder zu sich selbst zu finden:
die durch Pflichten belasteten Frauen und Männer;
die an ihrem Arbeitsplatz Überforderten;
für alle, die mit ihren Kräften am Ende sind.

Sei du da, wenn Menschen dich vergessen
in einer vermeintlich beherrschbaren Welt,
wenn deine Kirchen und wir Christenleute
den Mächtigen nach dem Mund
oder an den Menschen vorbei reden.

Sei du da, wenn Christen und Christinnen
in ihren Teilen der Welt als Minderheit leben.
Stärke ihre Kraft und Zuversicht
sowie das Gefühl unserer weltweiten Verbundenheit.

Sei du da, wenn wir für das Leben danken:
Kompliziert ist es und großartig,
ganz allein bricht es hervor und eröffnet Freiheit.

Gott, du Schöpferkraft,
unaufhörlich schaffst du das Leben.
Du bist der Raum, in dem wir sind,
und die Zeit, die uns trägt.
In deiner Gegenwart sind wir,
werden wir,
bleiben wir heil.

.
Und gemeinsam beten wir …

Unser Vater im Himmel …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden
.
Amen.

Postludium: Martin A. Seidl: Praeludium et Fuga in g von Nikolaus Bruhns (1665 – 1697)

Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst aus der ref. Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 8. August 2021
mit Robert Colditz


 

Präludium: Juliane Schleehahn
Lied: Evangelisches Gesangbuch 165, 1,5,8: Gott ist gegenwärtig

1) Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.

5) Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder: ich senk mich in dich hinunter. Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.

8) Herr, komm in mir wohnen, lass mein‘ Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.

Grußwort: Gen 1,27:

„Da schuf Gott Adam, die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen.“ (BigS)

Begrüßung:

Haben Sie heute nach dem Aufstehen in den Spiegel geschaut und sich selbst als Bild Gottes wahrgenommen und einen guten Tag gewünscht? Wenn nicht, probieren Sie es doch mal aus! So wie wir heute gemeinsam den Sonntag und damit die Woche beginnen, indem wir uns unsere Verbundenheit mit Gott bewusst machen, könnten wir das einzeln auch jeden Morgen tun. Als Gemeinschaft spiegeln wir Gott natürlich umfangreicher. Freuen wir uns also auf unseren gemeinsamen Gottesdienst, im Namen Gottes, die uns ins Dasein gebracht hat, der uns mitten unter den Menschen ein von gesellschaftlichen Rollenerwartungen freies, weil göttlich verbundenes Leben vorgelebt hat und jetzt und immer bei uns ist. Amen.

Lasst uns beten:

Gott, danke, dass Du uns so nahe bist, wie nichts und niemand sonst sein kann. Du motivierst uns, zu uns zu stehen und liebevoll mit uns und allen Deinen Menschen und Geschöpfen umzugehen. Wir bekennen Dir, dass wir das leider oft trotzdem nicht gemacht haben. Wir bitten Dich dafür um Vergebung und bitten Dich: erneuere uns, unseren Bund, unsere Verbundenheit mit Dir im Hören und Verstehen Deines Wortes, das Du zu uns gesprochen hast und immer neu zu uns sprichst, indem Du es uns verständlich machst. Amen.

Lesung: So bekennen wir mit den Worten der Lesung aus Deut 32,18:

„An den Fels, der dich gezeugt hat, dachtest du nicht mehr, und den Gott, der dich geboren hat, hast du vergessen.“ (ZB).

Und so danken wir für Gottes Freundlichkeit, Gnade, Güte und Barmherzigkeit im Singen des Psalmliedes EG 294,1:

Nun saget Dank und lobt den Herren, denn groß ist seine Freundlichkeit, und seine Gnad und Güte währen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du, Gottes Volk, sollst es verkünden: Groß ist des Herrn Barmherzigkeit; er will sich selbst mit uns verbünden und wird uns tragen durch die Zeit.

Predigttext:

Gnade sei mit Euch von der, die da war, von dem, der da kommt und von Gottes Anwesenheit, die da ist. Amen. Gal (Brief des Apostel Paulus an die Gemeinden in Galatien) 3,27f: „Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ Soweit die Worte der Heiligen Schrift.

Liebe Gemeinde!

Mit der Realität scheint das wenig zu tun zu haben, dass alle die auf Christus getauft sind, „eins“ wären. Was hat diese Vorstellung der Einheit in Christus Jesus denn dann zu bedeuten? Zum Umgang mit der hier, wie in den anderen heutigen Schriftlesungen, angesprochenen Geschlechtlichkeit gibt es noch dazu Herangehensweisen, die einander ziemlich emotional widersprechen. Kann die Bibel diesbezüglich zum Frieden beitragen?

Was unsere drei Bibeltexte verbindet, sind entscheidende Aussagen über Gott und die Menschen. Die Menschen werden als Gottes Ebenbild bezeichnet – jeder Mensch hat somit einen unverlierbaren Wert und eine unverlierbare Verbindung mit Gott. Das ist durch unser Erschaffen sein so und geht auch nicht verloren, wenn wir die Verbindung mit Gott aufgeben. Die christliche Taufe erinnert uns daran mit Hilfe des Glaubens an Jesus Christus. Wichtig ist dabei vor allem aber auch wie von Gott gesprochen wird und wieso durch den Glauben an Jesus die Verbindung mit Gott bekräftigt werden kann.

Gott wird als gleichzeitig männlich und weiblich beschrieben, z.B. zeugt und gebiert Gott. Aufgrund der Gottebenbildlichkeit bedeutet das, dass auch wir Menschen, so wie Gott, nicht – sozusagen binär – festzulegen sind auf eines von beiden, sondern alle Anteil haben am Männlichen und Weiblichen. Das hat wichtige Auswirkungen: es bringt z.B. nichts sich als „Mann“ beweisen zu wollen, denn ein sogenannter „ganzer“ oder „echter“ Mann ist für Gott kein Kriterium, kein erstrebenswerter Status – die patriarchalen Kriterien dafür stammen nicht von Gott, sondern von Menschen, die sich diesbezüglich von Gott getrennt haben, obwohl sie vielleicht anderes behaupten. Jede Person ist so zu akzeptieren, wie sie ist, da auch Gott jenseits jeder Kategorisierung ist.

Der Respekt vor Gott drückt sich in der Bibel im nicht-kategorisierenden Bilderverbot aus, im Judentum auch im ehrfürchtigen Umgang mit dem Begriff und Namen Gottes, auch in der Form wie geschrieben wird. Wichtig ist es hier auch die biblische Abwechslung von verschiedenen Beschreibungen Gottes in unserem Sprechen von und zu Gott beizubehalten. Der Respekt vor den Menschen drückt sich in der Bibel in der Akzeptanz anderer Geschlechtlichkeiten als Mann oder Frau, auch durch Jesus und im Judentum von nicht nur einem, sondern mehreren weiteren Geschlechtern aus. Die Form wie wir diesbezüglich respektvoll sprechen und schreiben ist in unserer Gesellschaft gerade in Diskussion, da es wichtig ist um eine Sprache ohne Abwertungen zu ringen, weil Normen und damit die perfekte Lösung in dem Bereich eben unmöglich sind.

Ein Ringen in dem auch Fehler mit schweren Folgewirkungen passieren, finden wir auch schon bei Paulus. Einerseits passt er sich den Normen seiner Gesellschaft an, andererseits durchbricht er diese. In seinen Worten zur Taufe gibt er sowohl eine theologische Erkenntnis, als auch gelebte Praxis in urchristlichen Gemeinden wieder. Beide sind gegenüber seiner und unserer Gesellschaft revolutionär und beide folgen direkt aus dem Vorbild Jesu. Jesus hat die damals von einem Mann erwarteten Rollen nicht erfüllt, er ist ohne Beruf, kein Ehemann, Vater, Haushaltsvorstand, durchbricht die sozialen Standards gegenüber seiner Mutter und Familie, wie auch gegenüber allen von der Gesellschaft Abgewerteten, denen er auf Augenhöhe als Gleichwertige begegnet. Herkunft, Geschlechterrollen und soziale Stände jeglicher Art gelten für ihn nicht, weil im Reich Gottes alle diese Rechte und Pflichten nicht gelten. Mit der Taufe begeben sich Menschen, die Jesus glauben, in diese Wirklichkeit des Reiches Gottes – einer Wirklichkeit, der sie mehr vertrauen als der von der Gesellschaft vorgegebenen Realität. Die die glauben in der gesellschaftlichen Realität nach ihren eigenen Regeln erfolgreich zu sein verspotten damals wie heute diese Menschen, ja auch uns, wie Tertullian um das Jahr 200 schreibt: „Und die Menge in der Zirkusarena brüllt: ‘Wo bleibt das dritte Geschlecht?‘“ Damit gemeint war damals die verachtete und verfolgte christliche Minderheit. Die Aufhebung und Unbestimmtheit der Geschlechterrollen in frühchristlichen Gemeinden wurde also gelebt und wahrgenommen.

Der heutige Unfrieden in der Gesellschaft und im Christentum selbst entsteht immer noch durch die Trennung und Ausgrenzung von Verschiedenartigkeiten und das eigenmächtige Durchsetzen von unhinterfragten Überzeugungen. Dabei sollte uns die Bibel doch helfen zu verstehen, dass ursprünglich und letztlich alle eins sind und also wahre Macht die ist, die die Kreativität in der bunten Welt Gottes entfaltet und zum Zusammenwirken von Verschiedenartigkeiten bringt. Wir können froh sein, dass wir in unserer Gemeinde keine Unterschiede machen aufgrund ethnischer oder religiöser Herkunft, Ausbildungsstatus und Geschlechtsstatus, aber vielleicht können wir da ja auch noch etwas verbessern – bleiben wir dazu im Gespräch. Frieden kann es nur geben, wenn wir einander mit dem höchsten Respekt als Teil von Gottes Ebenbild behandeln, wenn wir uns alle als von Gott gezeugt, geboren und selbstverständlich angenommen verstehen und so miteinander statt gegeneinander leben.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 268, 1,3,5: Strahlen brechen viele aus einem Licht

1) .. Strahlen brechen viele aus einem Licht. Unser Licht heißt Christus. Strahlen brechen viele aus einem Licht – und wir sind eins durch ihn.

3) Gaben gibt es viele, Liebe vereint. Liebe schenkt uns Christus. Gaben gibt es viele, Liebe vereint – und wir sind eins durch ihn.

5) Glieder sind es viele, doch nur ein Leib. Wir sind Glieder Christi. Glieder sind es viele, doch nur ein Leib – und wir sind eins durch ihn.

Lasst uns beten:

Gott, wir lassen uns meistens mehr von der Gesellschaft mit ihren Realitäten, ihren Trennungen, Ausgrenzungen und Ängsten bestimmen, als von Deinem Reich, Deiner Wirklichkeit, die uns durch Leben und Tod trägt, uns mit Dir und allen Deinen verbindet und unser Vertrauen in uns selbst und Dich und Deine verbindende und aufbauende Macht stärkt. Du bist unser Fels, Du gibst uns Ruhe und Gelassenheit, wir wollen Dich nicht mehr vergessen. Unser Christus Jesus, Du hast uns gezeigt, wie es geht, frei und furchtlos durch’s Leben zu gehen und unsere Mitmenschen als Ebenbild Gottes zu achten. Wir sind schockiert, dass Deine Christenheit Dir in der Geschichte und auch heute darin viel zu oft nicht nachfolgt. Menschen, die sich als intergeschlechtlich, transident, bisexuell, lesbisch, schwul oder auf andere Weise quer zur Mehrheit in der Frage ihrer Geschlechtlichkeit wahrnehmen und bezeichnen, bitten wir um Verzeihung. Wir wollen daran arbeiten Diskriminierungen, worauf sie auch immer beruhen, zu beseitigen. Heiliger Geist, Du bist ja die Frau Weisheit, die vor uns Menschen schon von Gott geboren wurde. Du zeigst uns, wie weibliches und männliches Denken und Streben zusammenwirken soll. Wir wollen auf Dich hören, unser Leben partnerschaftlich ordnen und gegen die, die den Frieden nicht wollen Schutz bieten.

Gott, es gibt so vieles was uns beschäftigt – lass uns mit Dir und miteinander reden, damit anfangen, weitermachen und nie aufhören. Alles wofür wir noch keine Worte haben, fassen wir nun in das Gebet, dass uns Jesus gelehrt hat:

Unser Vater im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

Abkündigungen:
Empfangt den göttlichen Segen:

G*tt segne Dich und behüte Dich,
G*tt lasse ihr Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig,
G*tt erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 430, 1-4: Gib Frieden, Herr, gib Frieden

1) Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf. Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf. Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt. Wir rufen: Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

2) Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr. Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr. Die Horizonte grollen, der Glaube spinnt sich ein. Hilf, wenn wir weichen wollen, und lass uns nicht allein.

3) Gib Frieden Herr, wir bitten! Du selbst bist, was uns fehlt. Du hast für uns gelitten, hast unsern Streit erwählt, damit wir leben könnten, in Ängsten und doch frei, und jedem Freude gönnten, wie Feind er uns auch sei.

4) Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt! Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt, und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

Postludium: Juliane Schleehahn: Präludium a-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)