Foto: Martin-Luther-Kirche Hainburg

 

 

 

 

Gottesdienst aus der Martin-Luther-Kirche Hainburg,
26. Februar 2023 (Sonntag Invokavit)
mit Pfr. Johannes Wittich


Orgelvorspiel:
Lied: Evangelisches Gesangbuch 444, 1-3: Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne

1) Die güldene Sonne
bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht.
Der Morgen sich zeiget,
die Röte aufsteiget,
der Monde verbleicht.

2) Nun sollen wir loben
den Höchsten dort oben,
dass er uns die Nacht
hat wollen behüten
vor Schrecken und Wüten
der höllischen Macht.

3) Kommt, lasset uns singen,
die Stimmen erschwingen,
zu danken dem Herrn.
Ei bittet und flehet,
dass er uns beistehet
und weiche nicht fern.

Biblisches Votum:

Ruft er zu mir, erhöre ich ihn, ich bin bei ihm in der Not, ich befreie ihn
und bringe ihn zu Ehren. (Psalm 91,15)

Begrüßung:

Gott hört uns, wenn wir zu ihm rufen, und das hat eine Auswirkung auf unser Leben: Lasten werden uns genommen, wir werden wieder frei, können Aufatmen und Durchatmen. Darum kommen wir zusammen, in einem Gottesdienst lassen uns beschenken, von Gott, in einer Gemeinschaft, die heute eine besondere ist: ich bin als der reformierte (H.B.) Ortspfarrer bei Ihnen zu Gast, zusammen mit einigen Mitgliedern der evangelischen Pfarrgemeinde H.B. Wien-Süd. „Ortspfarrer“ deshalb, weil tatsächlich auch die Reformieren in Hainburg und Umgebung zu unserer Gemeinde gehören.
Eine besondere Gemeinschaft, gefeiert nach der reformierten Liturgie, den einen vertraut, für die meisten von Ihnen wohl fremd, aber vielleicht auch einmal eine Abwechslung und dadurch interessant.
Das Alles steht unter Zusage Gottes, uns zu hören, wenn wir zusammenkommen in seiner Gegenwart, im Namen … 

Psalm: Psalm 104 (EG 743)
Gebet:

Barmherziger Gott,
immer wieder ist uns vor Augen,
dass wir nicht so leben,
wie wir aus Deinem Geist heraus leben sollten.
Obwohl wir lieben sollen,
sind wir gleichgültig.
Anstatt zu helfen,
kümmern wir uns oft nur um uns selbst.
Guter Gott, Du weißt, woran wir leiden.
Wir bekennen Dir unsere Lieblosigkeit und unseren Egoismus –
und bitten um Dein Erbarmen.
Nimm uns das ab,
an dem wir schwer zu tragen haben.
Guter Gott, Deine Nähe gibt Kraft.
Wir danken Dir dafür,
dass Du unsere Schuld nicht zurechnest.
Dein Sohn ist den Weg ins Leiden gegangen,
ohne nach dem Warum zu fragen.
So bitten wir Dich:
Stärke uns in diesem Gottesdienst mit Deinem Wort
und sende uns Deinen Heiligen Geist.
Durch Jesus Christus, der mit Dir lebt und Leben schafft
in Ewigkeit.
Amen.

(nach Detlef Albrecht)

Lesung: Mt. 4, 1-11

1Danach wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden. 2Vierzig Tage und vierzig Nächte fastete er, danach hungerte ihn. 3Da trat der Versucher an ihn heran und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, dann sag diesen Steinen da, sie sollen zu Brot werden.
4Er entgegnete: Es steht geschrieben: Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.
5Dann nahm ihn der Teufel mit in die heilige Stadt, und er stellte ihn auf die Zinne des Tempels. 6Und er sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürze dich hinab. Denn es steht geschrieben:
Seine Engel ruft er für dich herbei,
und sie werden dich auf Händen tragen,
damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse.
7Da sagte Jesus zu ihm: Wiederum steht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.
8Wieder nimmt ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Königreiche der Welt und ihre Pracht. 9Und er sagt zu ihm: Dies alles werde ich dir geben, wenn du dich niederwirfst und mich anbetest.
10Da sagt Jesus zu ihm: Fort mit dir, Satan. Denn es steht geschrieben: Zum Herrn, deinem Gott, sollst du beten und ihm allein dienen.
11Da lässt der Teufel von ihm ab. Und es kamen Engel und dienten ihm.

Predigtlied: 643, 1-3: Wo ein Mensch Vertrauen gibt
Predigttext: Jesaja 58, 3-8:

3Warum haben wir gefastet, und du hast es nicht gesehen,
haben wir uns gedemütigt, und du weisst nichts davon?

Seht, an eurem Fastentag geht ihr anderen Dingen nach,
und alle eure Arbeiter treibt ihr an.
4Seht, ihr fastet so, dass es zu Streit kommt und zu Zank
und dass man zuschlägt mit der Faust des Unrechts.
Ihr fastet heute nicht so,
dass ihr eure Stimme in der Höhe zu Gehör bringt.
5Soll das ein Fasten sein, wie ich es will:
Ein Tag, an dem der Mensch sich demütigt?
Soll man seinen Kopf hängen lassen wie die Binse
und sich in Sack und Asche betten?
Soll man das ein Fasten nennen
und einen Tag, dem Herrn wohlgefällig?
6Ist nicht dies ein Fasten, wie ich es will:
Ungerechte Fesseln öffnen,
die Stricke der Jochstange lösen
und Misshandelte freilassen
und dass ihr jedes Joch zerbrecht?
7Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen
und dass du Arme, Obdachlose ins Haus bringst?
Wenn du einen Nackten siehst, dann bedeck ihn,
und deinen Brüdern sollst du dich nicht entziehen!
8Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot,
und rasch wird deine Heilung gedeihen,
vor dir her zieht deine Gerechtigkeit,
und deine Nachhut ist die Herrlichkeit des Herrn.

Liebe Gemeinde!

Der heutige Sonntag trägt in der alten kirchlichen Festordnung den Namen „Invokavit“. Dieses lateinische Wort bezieht sich auf den Psalmvers zu Beginn unseres Gottesdienstes: „Invocavit“, zu deutsch: Wenn er zu mir ruft. Wenn er zu mir ruft, dann erhöre ich ihn – die große Zusage Gottes an uns alle.

Aber was erzähle ich Ihnen das? Bestimmt wissen sie das eh. Die kirchliche Festordnung oder auch Messordnung stammt aus der Zeit lange vor der Reformation. Die katholische Kirche hält sich bis heute daran, und die lutherische Kirche hat sie übernommen, nur die reformierte Kirche, ja, die kennt diese Einteilung des Kirchenjahres nicht.

Aber auch wenn wir Reformierten heute nicht einen Sonntag mit dem Namen und Thema „Invokavit“ feiern, er hat trotzdem eine Bedeutung, und zwar eine verbindende Bedeutung für uns als Lutherische oder Reformierte, als Evangelische A.B. oder Evangelische H.B.: der Invokavit-Tag des Jahres 1522 war für beide unsere Reformatoren, für Martin Luther wie auch für Ulrich Zwingli, ein Wendepunkt. Martin Luther hat da mit einer Predigtreihe in Wittenberg begonnen, die man später als „Invokavit-Predigten“ bezeichnen wird. Predigten gegen die Radikalisierung der Reformationsbewegung, die während seiner Abwesenheit auf der Wartburg sich zu entwickeln begonnen hat, also ein klares Statement: Reformation: ja, Revolution: nein.

Und in Zürich hat am Invokavit-Tag 1522 ein Wurstessen im Haus des Druckers Christoph Froschauer stattgefunden, eine bewusste Provokation gegen die Regeln der Fastenzeit. Die Anzeige gegen die, die daran teilgenommen haben, veranlasst Ulrich Zwingli, eine theologische Verteidigungsschrift zu verfassen. Zum ersten Mal wird in Zürich im mit Fokus auf die Bibel, und zwar allein auf die Bibel argumentiert. Damit beginnt dort die Reformation.

Zwei wichtige, einschneidende Ereignisse. Beide am genau selben Tag. Und das, bevor es Telefon, eMail oder gar Social Media gegeben hat …

Der Tag ist in beiden Fällen bewusst gewählt. Invokavit ist der erste Sonntag nach dem Aschermittwoch, der erste Sonntag der Passionszeit, oder, bis heute in der katholischen Kirche: der Fastenzeit. Eine Zeit des Runterfahrens, des Nachdenkens, der Selbstreflexion, der Buße: also genau der richtige Zeitpunkt für Martin Luther, denen, die seine Ideen missbraucht haben und zu weit gegangen sind, die Leviten zu lesen, sie zur Mäßigung aufzurufen.

In Zürich, zur selben Zeit, ist das „Setting“ ein wenig anders: hier geht es darum, diese Zeit des bewussten Verzichts kritisch zu betrachten. Weil der ursprüngliche Sinn und die eigentliche Bedeutung des Fastens in der Kirche des Mittelalters verloren gegangen war: es war nicht mehr Selbstverzicht, um sich mal wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es war von oben verordnete Einschränkung, streng kontrolliert und gemaßregelt, wenn sich mal wer nicht daran halten wollte. Und: wer das nötige Geld hatte, konnte sich von der Verpflichtung zum Fasten freikaufen, was von den „Oberen“ in Kirche und Politik gerne in Anspruch genommen wurde.

Weil eine bewusste Provokation gegen (ein so verstandenes) Fastengebot sozusagen an der Wiege unserer reformierten Kirche gestanden hat, könnte man annehmen, dass wir auch bis heute nichts mit dem Thema anfangen können. Dem ist nicht so. Zum einen gibt es auch heute viele gute Initiativen, die die Grundidee, die hinter dem Fasten steht, in unsere Zeit übertragen: bewusster Verzicht, um über sich selbst nachzudenken, aber auch über das, was wir mit unserem verschwenderischen Lebenswandel anderen Menschen und der Natur antun. So gibt es die Aktion „7 Wochen ohne“ der (unierten) Evangelischen Kirche in Deutschland, wo es nicht nur darum geht, einmal auf das eine oder andere zu verzichten, wie Alkohol oder Süßigkeiten, sondern besonders darum, diese Wochen der Vorbereitung auf Karfreitag und Ostern bewusst zu begehen, mit täglichen Impulsen und Gedanken. Verzicht, ja, aber Verzicht auf Ablenkung vom Wesentlichen. Oder die Aktion Autofasten, bewusster Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad. In meiner Kindheit gab es auch noch den Familienfasttag der Aktion Brot für Hungernde, der für meine Eltern jedes Jahr einen festen Platz im Kalender gehabt hat Da haben wir alle, Kinder wie Erwachsene, einmal zum Mittagessen nur eine Suppe bekommen. Das dadurch ersparte Geld ging dann an ein Projekt der Evangelischen Frauenarbeit. Familienfasttag – Tradition bei uns, einer durch und durch reformierten Familie.

Und nicht zuletzt war auch Ulrich Zwingli klar: selbst Jesus hat gefastet, wie im Evangelium zu hören war, in der Wüste, vierzig Tage und Nächte lang. So lange, bis ihm niemand Geringerer als der Teufel entgegentritt. Und versucht, seine Grenzen auszuloten, wie weit Jesus bereit ist, gegen seine eigenen Prinzipien zu verstoßen, für den schnellen, oberflächlichen Vorteil und Gewinn. Nach vierzig Tagen und Nächten Verzicht, Nachdenken, wohl auch Beten, wird uns berichtet, weiß Jesus dann, wohin es für ihn gehen wird, welchen Auftrag er hat und vor allem, wo und wie seine besonderen Fähigkeiten einzusetzen sein werden. Das kann ihm dann nicht einmal mehr der Teufel selbst ausreden. Aus dem Verzicht, aus dem Reduzieren der Bedürfnisse entsteht Erkenntnis. Selbsterkenntnis …

Vor Kurzem hat sich bei uns im 10. Bezirk, wo unsere Kirche steht, wieder einmal eine interreligiöse Dialogrunde von evangelischen (A.B. und H.B.), katholischen und muslimischen Menschen getroffen. Das geschieht ungefähr einmal im Monat und ist in unserem „Grätzl“, wie das in Wien so schön heißt, fest etabliert. Konkret ging es da um die Suche Themen, die wir uns vielleicht für die nächste Zeit zum Besprechen und Diskutieren vornehmen könnten, zum. Und da habe ich den Vorschlag gemacht, wir könnten einmal über das Fasten reden. Schließlich komme ich ja aus einer Kirche, die aus der Kritik am Fasten heraus entstanden ist. Das hat bei unseren muslimischen Nachbarn zunächst einmal für Irritationen geführt, und ich hatte, wie das so schön heißt, „Erklärungsbedarf“.

Ich habe dann im Prinzip das gesagt, was heute schon in der Predigt vorgekommen ist: dass einerseits die Ablehnung des Fastens bei Zwingli eine Ablehnung des Missbrauchs des Fasten ist. Und dass selbst in meiner reformierten Familientradition mit dem Suppentag gefastet wurde, aber eben freiwillig, dann, wann es für einen passt und richtig ist und vor allem: so, dass auch andere etwas davon haben.

Ein Fastenverständnis, dass seinen Ursprung im Prophetenbuch Jesaja hat. Denn was sagt da Gott durch den Mund des Propheten:

6Ist nicht dies ein Fasten, wie ich es will:
Ungerechte Fesseln öffnen,
die Stricke der Jochstange lösen
und Misshandelte freilassen
und dass ihr jedes Joch zerbrecht?
7Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen
und dass du Arme, Obdachlose ins Haus bringst?
Wenn du einen Nackten siehst, dann bedeck ihn,
und deinen Brüdern sollst du dich nicht entziehen!

Der Prophet spricht über Gottes Meinung und Haltung zum Fasten, provoziert durch eine kritische Rückfragen von fastenden Menschen: da geben wir uns so eine Mühe, richtig und anständig zu fasten, aber du, Gott siehst es gar nicht! Wir können nicht erkennen, dass du das in irgendeiner Weise anerkennst! Die Antwort Gottes darauf: ich sehe sehr wohl, was ihr tut. Nur: ihr macht es falsch. Wie ihr fastet, das bringt nichts. Ihr fastet für euch, in eurer kleinen spirituellen Welt, hofft auf einen Mehrwert und Vorteil für euch selbst, wollt, dass ihr euch durch Fasten besser fühlt und näher bei Gott.

Und macht so ziemlich alles falsch: Fasten muss Auswirkungen über euren jeweiligen kleinen privaten Bereich hinaus haben. Fasten ist nicht nur innere Einkehr, so gut und wichtig das auch immer wieder einmal ist. Fasten geschieht auch ohne dass man einmal weniger oder gar nichts isst. Fasten ist Verzicht, aber Verzicht auf das, was ich als mein Recht und mein Eigentum ansehe, in Wirklichkeit aber Geschenk Gottes ist. Geschenk Gottes mit Auftrag und Verantwortung. Auf das zu verzichten, was ich habe, was mir zusteht, heißt andere davon profitieren lassen. Meine Freiheit, meine Ressourcen, meine Möglichkeiten sind dazu da, damit andere wieder frei werden, bekommen, was sie brauchen, ihr Leben wieder selbstbestimmt in die Hand nehmen können. Indem wir etwas gegen Ungerechtigkeit und Benachteiligung tun, hier bei uns und über Andere auch an Orten der weiten Welt, „fasten“ wir so, wie Gott es will. Wir geben etwas her, an Zeit, an materiellen Gütern, an Gedanken und Gebeten – so schaut biblisches Fasten aus.

Und das alles mit Freude! Den wir sagt Gott durch Jesaja?

5Soll das ein Fasten sein, wie ich es will:
Ein Tag, an dem der Mensch sich demütigt?
Soll man seinen Kopf hängen lassen wie die Binse
und sich in Sack und Asche betten?

Verzicht macht frei, Verzicht macht Freude, Teilen kann man auch genießen, und sich verbunden fühlen mit Menschen, denen ich etwas geben kann, das macht Freude. Teilen ist keine Pflicht, kein Zwang. Es ist Auftrag und Verantwortung. Macht Freude und schenkt Freude. So sieht echtes „Fasten“ aus.  Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 268, 1-5: Strahlen brechen viele
Fürbittegebet:

Barmherziger Gott,
in allem Schweren
ist Deine Nähe ein Zeichen der Hoffnung.
So bitten wir Dich für die Menschen,
die in unserer Welt schwer zu tragen haben,
dass Du ihnen nahe bist.

Wir nennen Dir die Menschen,
die unter Krieg und seinen Folgen leiden.
Diejenigen, die auf der Flucht sind
und aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Wir denken an die, die unter den Folgen von Krieg
bis heute leiden.

Wir nennen Dir die Menschen,
die arm sind und nicht genug zum Leben haben.
Diejenigen, die in unhygienischen Zuständen leben müssen
und kein sauberes Wasser haben,
ganz besonders an die Opfer der Erdbebenkatastrophe
in Syrien und der Türkei.
Wir denken an die, denen wegen des Klimawandels
die Grundlage zum Leben genommen wird.

Wir nennen Dir die Menschen,
die krank sind und nicht wissen,
ob sie wieder gesund werden können.
Diejenigen, die sich Sorgen
um einen kranken Menschen machen.
Wir denken an die,
die keinen Zugang zu moderner Medizin oder zu Ärzten haben.

Guter Gott, stärke uns.
Sei du da, wo immer Leiden ist.
Zeige uns und der ganzen Welt,
wie Leiden gelindert werden kann.
Richte immer wieder unseren Blick auf Deinen Sohn,
der im Leiden an Seite deiner Menschen ist.

(Detlef Albrecht)

Und gemeinsam beten wir …

Unser Vater …

Lied: Evangelisches Gesangbuch 300, 1-2: Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit

1) Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit,
ihr seine Knechte, steht geweiht
zu seinem Dienste Tag und Nacht;
lobsinget seiner Ehr und Macht
.

2) Hebt eure Hände auf und geht
zum Throne seiner Majestät
in eures Gottes Heiligtum,
bringt seinem Namen Preis und Ruhm
.

Abkündigungen:
Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Schlusslied: Evangelisches Gesangbuch 300, 3: Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit

3) Gott heilge dich in seinem Haus
und segne dich von Zion aus,
der Himmel schuf und Erd und Meer.
Jauchzt, er ist aller Herren Herr!

Orgelnachspiel

Foto: Ulrike Wittich

 

 

 

Gottesdienst aus der ref. Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 13. November 2022,
mit Dr. Ulrich Körtner


 

 

Präludium : Juliane Schleehahn: Allegro moderato maestro von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847)

Die Geburtsstunde der Diakonie
Predigt über Apostelgeschichte 6,1-
7

Liebe Gemeinde!

Das Diakonium ist seit etlichen Jahren ein fester Bestandteil unserer Gemeindearbeit. Die Gründung dieses Gremiums in unserer Gemeinde ist sogar die Geburtsstunde des in unserer Evangelischen Kirche H.B. erneuerten Diakonenamtes. Auf Initiative unserer Gemeinde, genauer gesagt, auf Initiative unseres Pfarrers Johannes Wittich, hat unsere Kirche mit dem Kirchengesetz vom 28.Dezember 2009 hat das Amt des Diakons neu eingeführt. Sie knüpft damit an die Lehre Calvins an, wonach vier Ämter nach neutestamentlichem Zeugnis für die christliche Gemeinde wesentlich sind: das Predigtamt, das Lehramt, das Amt der Gemeindeleitung und das diakonische Amt. So sah es auch die Gemeindeordnung in Genf vor.

Predigtamt und Amt des Lehrers sind im Laufe der Zeit miteinander verschmolzen. Die Aufgabe der Gemeindeleitung obliegt dem Presbyterium und auf überregionaler Ebene der Synode. So kennen wir es seit Generationen. Dass es aber neben Pfarramt und Presbyteramt auch noch ein eigenes Diakonenamt geben soll, ist bei uns für längere Zeit in Vergessenheit geraten. Nicht, dass es nicht immer schon diakonische Aktivitäten in unserer Gemeinde und in unserer Kirche gegeben hätte. Ich denke beispielsweise an den Besuchskreis, der schon seit vielen Jahren besteht. Aber im Zuge der Professionalisierung der Diakonie, unter der die soziale Arbeit der Kirche zu verstehen ist, hat sich die Diakonie streckenweise von den Ortsgemeinden gelöst und dem ehrenamtlichen Engagement an der Basis gelöst. Dabei heißt es doch ganz zu Recht, dass die Diakonie eine Wesens- und Lebensäußerung der Kirche ist – und zwar auf allen Ebenen. Also nicht nur in Gestalt der großen Werke und Verbände. Dass die Diakonie aber aus dem Leben der Ortsgemeinden nicht wegzudenken ist, lernen wir schon aus dem Neuen Testament, und hier besonders bei Evangelisten Lukas. Im 6. Kapitel seiner Apostelgeschichte erzählt er:

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

(Luther 2017)

Was Lukas hier berichtet, ist gewissermaßen die Geburtsstunde der Diakonie. Das ist ganz wörtlich zu nehmen. Denn wo Luther in seiner Übersetzung vom Tischdienst spricht, steht im griechischen Urtext „diakonein“. „Diakonie“ heißt im Griechischen der Tischdienst oder auch ganz allgemein die Dienstleistung. Ein Diakon ist im Griechischen soviel wie ein Tischdiener oder Helfer. Wie es aber dazu kam, daß ausgerechnet diese Ausdrücke zur Gesamtbezeichnung für das Handeln aufsteigen konnten, das wir heute – jedenfalls in der evangelischen Kirche – als Diakonie bezeichnen, versteht man, wenn man die Vorgeschichte aus der Apostelgeschichte kennt.

Wie auch in der späteren Geschichte der Diakonie steht an ihrem Beginn in der Jerusalemer Urgemeinde ein konkreter Anlaßfall, eine ganz konkrete Not, mehr noch: sogar ein innergemeindlicher Konflikt. Seit Pfingsten war die erste Christengemeinde rasch angewachsen. Nicht nur Juden aus Jerusalem ließen sich taufen, sondern auch solche aus jüdischen Diasporagemeinden, die es im ganzen römischen Reich gab. Diese Diasporajuden sprachen überwiegend Griechisch – gewissermaßen das Englisch der Antike, die internationale Verkehrssprache. Aus diesem Grund nannte man sie auch „Hellenisten“, so wie man die in Palästina ansässigen oder mit Palästina besonders verbundenen Juden, die aramäisch sprachen, als „Hebräer“ bezeichnete.

Wenn man der Apostelgeschichte glauben darf, wurden Menschen aus allen Winkeln des römischen Reiches Zeugen des Pfingstwunders. Viele von ihnen ließen sich nach der Predigt des Petrus spontan taufen. Anfangs, so weiß Lukas zu berichten, waren die ersten Christen in Jerusalem ein Herz und eine Seele. Sie bildeten eine Gemeinschaft, in der aller Besitz miteinander geteilt wurde. Die Gemeindeglieder verkauften ihren Grundbesitz und ihr bewegliches Hab und Gut und verteilten den Erlös unter allen, jeden nach persönlicher Bedürftigkeit. Gelegentlich hat man dieses Lebensmodell auch als urchristlichen Liebeskommunismus bezeichnet.

Immer wieder hat es in der Geschichte des Christentums Versuche gegeben, ein Gemeinschaftsleben nach diesem Modell aus der Apostelgeschichte aufzubauen. Nicht nur das traditionelle Mönchtum, sondern auch andere christliche Kommunitäten haben sich die Jerusalemer Urgemeinde zum Vorbild genommen. In einer Welt, die nur Egoismus und materielles Besitzstreben kennt, sind solche Lebensmodelle als kritische Anfrage zu verstehen. Zeichenhaft soll das Reich Gottes erkennbar werden, in dem eine neue Gerechtigkeit herrscht und in dem nicht länger das Recht des Stärkeren gilt, der die Schwachen unterdrückt und ausbeutet.

Diakonie hat darum immer auch eine politische Dimension, ohne sich parteipolitisch festzulegen. Sie praktiziert eben nicht nur Barmherzigkeit und fordert nicht nur Almosen für die Armen und Notleidenden, sondern Gerechtigkeit. Freilich eine Gerechtigkeit, die sich nach Gottes Maßstäben richtet und den Armen und Hilfsbedürftigen Vorrang gibt.

Sinnfällig wurde und wird die Gottesherrschaft, die Jesus verkündigt hat, in der Tischgemeinschaft. Jesus aß mit Zöllnern, mit Sündern und Ausgestoßenen. In seinen Gleichnissen hat er das Reich Gottes mit einem großen Fest verglichen, zu dem ein König die Menschen von den Hecken und Zäunen einlädt. An der Festtafel Gottes gibt es keine Rangunterschiede, sondern vor ihm sind alle Menschen gleich. Alle sind sie in gleicher Weise Sünder, die auf seine Gnade angewiesen sind. Ihnen allen gilt seine Liebe und sein Verzeihen, ohne daß sie es sich als ihr Verdienst zurechnen dürften.

Sinnbildlich erfahrbar wird die Tischgemeinschaft Gottes im Abendmahl, in welchem sich die Tischgemeinschaft des irdischen Jesus fortsetzt. Jedes Abendmahl ist ein Vorschein der Gottesherrschaft, in der alle sozialen Unterschiede aufgehoben und alle menschliche Not überwunden ist.

Darum darf das Abendmahl nicht spiritualisiert werden, so als ginge es dem christlichen Glauben nur um die religiöse Innerlichkeit des Menschen. Das Abendmahl läßt uns schmecken und fühlen, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von der Liebe und Zuwendung Gottes. Aber Gottes Sorge für seine Geschöpfe schließt die Sorge um das tägliche Brot ein, ganz so, wie im Vaterunser neben der Bitte um das Kommen des Gottesreiches und der Bitte um die Vergebung unserer Schuld die Bitte um das tägliche Brot steht. Die Gemeinschaft der Christen beim Abendmahl wäre daher unglaubwürdig, wenn sie nicht in der Sorge um die Bedürftigen und ihre leiblichen Nöte ihre Fortsetzung im Alltag fände. Christliches Zeugnis, Liturgie und Diakonie gehören darum unauflöslich zusammen.

Konkret zeigt sich das in unserer Gemeinde daran, dass das Diakonium nicht nur den Abendmahlstisch herrichtet, sondern auch das Projekt der Caritas Le+O (Lebensmittel und Orientierung) fördert. Hier finden die Ausgabe von Lebensmitteln und kostenlose Beratungsgespräche für Armutsbetroffene statt. Benachteiligten Menschen vor allem in den Regionen Afrika, Asien, sowie Lateinamerika und Karibik wird mit Oikocredit ein Weg aus der Armut geboten. Oikocredit ist ein Verein für ethische Geldanlagen.

Was die innere Verbindung von Gottesdienstfeier und Diakonie betrifft, stand freilich schon bald in der Jerusalemer Urgemeinde nicht mehr alles zum Besten. Zwar hatte man eine gemeinsame Armen- und Witwenfürsorge aufgebaut. Bald kam es jedoch offenkundig zu Spannungen zwischen den einheimischen Gemeindegliedern und den sogenannten Hellenisten, also jenen Griechisch sprechenden Judenchristen aus der Diaspora, von denen ich bereits gesprochen habe. Deren Witwen wurden bei der täglichen Speisung regelmäßig übersehen. Darüber kam es schließlich zwischen Hellenisten und Hebräern, zwischen Zugereisten und Einheimischen, zum offenen Streit.

Wie Lukas berichtet, beriefen die zwölf Apostel daraufhin eine Vollversammlung der Gemeinde ein und unterbreiteten den Vorschlag, sieben Armenpfleger zu wählen, die den Tischdienst bei der täglichen Speisung organisieren und für Gerechtigkeit bei der Versorgung der Bedürftigen sorgen sollten.

Der Vorschlag findet die Zustimmung der Gemeinde. Die sieben für den Dienst der täglichen Speisung Gewählten – sämtlich sogenannte Hellenisten – werden durch die Apostel unter Auflegung der Hände und unter Gebet in ihr neues Amt eingeführt, also gewissermaßen ordiniert. Der Konflikt scheint damit beigelegt.

Drei Dinge sind an der Schilderung des Lukas bemerkenswert. Erstens fällt auf, daß Menschen für den Tischdienst – wir können auch sagen: für eine diakonische Aufgabe – regelrecht ordiniert werden. Das besagt doch, daß nicht nur der Dienst der Verkündigung oder das Pfarramt, sondern daß auch das diakonische Handeln ein geistliches Amt ist. Dazu paßt, daß nach Paulus der Geist Gottes in ganz unterschiedlichen Gaben und Begabungen wirksam wird. Das Leben und Gedeihen der christlichen Gemeinde braucht die Vielfalt unserer Gaben und Talente. Jede und jeder von uns kann auf seine Weise zum Gemeindeleben und auch zum diakonischen Auftrag der Kirche beitragen. Um gleich beim Tischdienst zu bleiben: Auch der gemeinsame Kirchenkaffee im Anschluß an den Gottesdienst ist ein durchaus geistliches Amt, fördert doch auch diese Tischgemeinschaft den Zusammenhalt. Und auch darin dürfen wir ein Zeichen der verheißenen Gottesherrschaft sehen.

Schon die Reformatoren, auch Luther, haben von Anfang an betont, daß die verschiedenen Ämter in der Kirche ihre Begründung im Priestertum aller Gläubigen haben. Zu diesem Priestertum werden wir durch die Taufe berufen. So sollen wir alle uns immer wieder auf unsere Taufe und unser allgemeines Priestertum besinnen und fragen, was wir zum Leben und Zeugnis der Kirche in unserer Welt beitragen können. Welche Begabungen habe ich? Wo ist mein Engagement gefragt?

Das führt mich zu einer zweiten Beobachtung. Die sieben Diakone werden zwar durch die Apostel in ihr neues Amt eingeführt. Die Schilderung des Lukas ist aber nicht so zu verstehen, als solle eine kirchliche Hierarchie begründet werden, wie sie z.B. die römisch-katholische Kirche kennt. Weil alle Christinnen und Christen durch die Taufe zum Priestertum berufen sind, gibt es keine Unterscheidung zwischen Geweihten und sogenannten Laien und keine Ämterhierarchie. Es ist ja die ganze Gemeinde, welche die zum Tischdienst bestellten Diakone wählt, und diese Wahl wird von den Aposteln durch Handauflegung und Gebet feierlich bestätigt.

Damit komme ich schließlich zu einer dritten Beobachtung. Das griechische Wort „diakonein“ wir von Lukas sowohl für den Tischdienst, also die Armenpflege, als auch für den Verkündigungsdienst der Apostel gebraucht. Der griechische Text spricht einerseits von der „Diakonie“ am Tisch und andererseits von der „Diakonie“ am Wort. Auch Paulus kann von der Diakonie, vom Dienst am Evangelium sprechen. Mit gleichem Recht, mit dem wir vom Priestertum aller Gläubigen sprechen, können und müssen wir auch vom Diakonat oder vom diakonischen Auftrag aller Gläubigen sprechen.

Das meinte wohl Johann Hinrich Wichern, einer der Begründer der modernen evangelischen Diakonie im 19. Jahrhundert, als er seine Rede auf dem Wittenberger Kirchentag 1848 in dem Aufruf gipfeln ließ: „Die Liebe gehört mir ebenso wie der Glaube.“ Das war die Geburtsstunde der Inneren Mission, die später in „Diakonisches Werk“ umbenannt wurde.

Der Glaube genügt nicht sich selbst, sondern er soll in der Nächstenliebe praktisch werden. Diakonie aber ist nichts anderes als organisierte Nächstenliebe. Den sozialen Herausforderungen von heute können wir nicht allein mit spontanen Akten der Nächstenliebe wirksam begegnen. Sie verlangen vielmehr nach strukturellen Antworten. Diakonie ist darum heute nicht nur ein Teil der Zivilgesellschaft. Sie hat sich auch zu modernen Dienstleistungsunternehmen entwickelt.

Der erste Diakon aber, gewissermaßen das Urbild aller Diakone, ist Jesus selbst, der die Mühseligen und Beladenen an seinen Tisch lud, mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl vor seiner Verhaftung und Hinrichtung feierte und ihnen diente. Weil er auch uns dient und in seinen Dienst ruft, sollen auch wir das Diakonat aller Gläubigen in unserem Alltag praktizieren, jede und jeder auf seine Weise und an seinem Ort. Das kann konkret die Spende für ein bestimmtes diakonisches Projekt, für Menschen in Not sein. Das kann aber auch der Besuch bei einer kranken Nachbarin sein oder eine Aufgabe, die ich jemandem abnehme, der Hilfe braucht.

Am Ende unserer Geschichte aus der Apostelgeschichte heißt es: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.“ Jesus hat die anbrechende Gottesherrschaft einmal mit einem unscheinbaren Senfkorn verglichen, aus dem ein großer Baum wird. Auch der Dienst am Nächsten und der Einsatz für Gottes Gerechtigkeit beginnen im Kleinen und haben doch eine große Verheißung.

Postludium: Juliane Schleehahn: Johann Sebastian Bach: Präludium in e-Moll (1685 – 1750)

Foto: Ulrike Wittich

 

 

 

Online-Gottesdienst zum Feiern zu Hause
aus der reformierten Erlöserkirche am 30. Oktober 2022
mit Pfr. Johannes Wittich


Präludium: Martin A. Seidl: Aus meines Herzens Grunde von Johann Christoph Bach (1642 – 1703)
Lied: Evangelisches Gesangbuch 447, 1-3.7: Lobe den Herren

1) Lobet den Herren alle, die ihn ehren;
lasst uns mit Freuden seinem Namen singen
und Preis und Dank zu seinem Altar bringen.
Lobet den Herren!

2) Der unser Leben, das er uns gegeben,
in dieser Nacht so väterlich bedecket
und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket:
Lobet den Herren!

3) Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können
und Händ und Füße, Zung und Lippen regen,
das haben wir zu danken seinem Segen.
Lobet den Herren!

7) Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite
auf unsern Wegen unverhindert gehen
und überall in deiner Gnade stehen.
Lobet den Herren!

Spruch: Jeremia 17,14:

Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

Begrüßung:

Gut, dass wir gemeinsam Gottesdienst feiern können, selbst wenn einmal nicht zusammen in der Kirche sitzen. Im Lesen, Nachdenken, Hören und Beten sind wir miteinander verbunden, feiern gemeinsam im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Gebet:

Mein Gott, wenn man mich fragt, wie ‘s mir geht –
ach ja, sage ich dann, es geht; oder:
Ich kann mich nicht beklagen.

Lass mich wenigstens vor mir selbst nicht verschweigen, wie ‘s mir geht:
Mein Leben stellt mir mehr Fragen, als es Antworten gibt.
Ich möchte klagen können – mindestens vor dir.

Mein Gott, mir mein Leben ehrlich anzuschauen:
Dazu komme ich nicht so oft.
Ich bin beschäftigt – oder auch: abgelenkt.
Und um richtig zu schauen, müsste ich ja wissen, worum es geht im Leben.
Ich weiß, dass ich das wissen müsste:
Sag es mir bitte trotzdem noch einmal!

Mein Gott, richtig zu schauen, macht mir auch Angst.
Was ist, wenn ich mein normales Leben nicht mehr leben kann?
Was ist, wenn mir der Boden unter den Füßen wankt?
Was fängt mich denn auf, außer Alltag und Geschäftigkeit?
Mein Gott, ich weiß ja, wer mich auffängt.

Hilf mir, mich auf dich zu verlassen!
Gib mir Menschen zur Seite, die ehrlich mit mir sind.
Sie erinnern mich an dich, wie du mich stützt und infrage stellst – gleichzeitig.

Gott, deine Nähe tut uns gut.
Wenn du bei uns bist, können wir spüren und sagen,
was unser Leben reich macht und was uns fehlt.
Gott, öffne uns nicht nur dir, sondern auch den Menschen um uns herum.
Lass uns miteinander reden und aufeinander hören.
Bring uns zusammen unter deinem Wort und Segen.
Amen
.

Predigttext: Jakobus 5,13-16:

13 Geht es jemandem unter euch schlecht, so bete er; hat jemand Grund zur Freude, so singe er Gott ein Loblied! 14 Ist jemand unter euch krank, so rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich. Die sollen ihn im Namen des Herrn mit Öl salben und über ihm beten. 15 Und das Gebet des Glaubens wird den Ermatteten retten, und der Herr wird ihn aufrichten. Und wenn er Sünden begangen hat: Es wird ihm vergeben werden. 16 Bekennt einander also die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet! Viel vermag die Fürbitte eines Gerechten, wenn sie inständig vorgebracht wird.

Predigt:

Liebe Gemeinde!

Was finden Sie besser – Geben oder Nehmen? Wenn man dem Sprichwort glauben darf, dann ist Geben ja seliger (also besser) als Nehmen. Auch wenn es im ersten Moment seltsam klingt: Meiner Beobachtung nach leben nicht wenige Menschen auch so. Sie fühlen sich wohler, wenn sie die Stärkeren sind, wenn sie geben können, wenn andere dankbar zu ihnen aufschauen – und sind dann auch großzügig.

Nur haben wir als Gemeinde (Besuchskreis, Gemeindeschwester, Diakonium, Pfarrer, auch Presbyterium und Sekretärin), eigentlich mehr mit Menschen in Situationen zu tun, in denen sie aufs “Nehmen” angewiesen sind: Kranke, Leidende, Menschen, denen jemand gestorben ist. Und die haben dann schon zu erzählen, dass z.B. eine Nachbarin gesagt hat: “Wenn ich Ihnen helfen kann, sagen Sie doch Bescheid! Und wenn Sie was brauchen, müssen Sie sich nur melden!” Wunderbar, denke ich dann, es gibt so viel Wärme und Menschlichkeit. Und was ist wohl der nächste Satz des hilfsbedürftigen Menschen? “Ja, schon nett. Aber: Man will ja auch niemandem zur Last fallen. Wer kann mir schon wirklich helfen. Ich muss ja doch mit allem allein fertig werden.” Immer wieder hören wir das. „Ich will niemanden zur Last fallen. Ich muss mein Elend selbst bewältigen.“

Dabei ist es doch möglicherweise gerade umgekehrt. Vielleicht würde die Nachbarin wirklich gerne etwas tun! Es hat wahrscheinlich sogar Überwindung gebraucht, etwas anzubieten! Vielleicht hilft ein bedürftiger Mensch sogar dem Starken und Gesunden. Gibt ihm eine Aufgabe, etwas Sinnvolles oder Praktisches zu tun. Daran denken allerdings die Wenigsten. Abkapseln im Leid scheint einfacher zu sein.

Das Nehmen scheint nicht nur unseliger zu sein, sondern wird möglichst ganz vermieden. Die wirkliche Armut ist bei uns hinter Wohnungstüren versteckt. Das Leiden in Krankenhäuser und Pflegeheime abgeschoben. Und unser Umgang mit dem Tod ist oft auch von Verdrängungsmechanismen geprägt. Nur keine Beileidskundgebungen. So schlecht geht’s mir ja auch wieder nicht!

Unser heutiger Predigttext sieht große Möglichkeiten darin, Hilfe anzunehmen, wenn wir in Leid und Krankheit nicht alleine bleiben wollen. Er stammt von einem sonst unbekannten Briefschreiber, der sich selbst Jakobus nennt. Ungefähr an der Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt schreibt er seiner Gemeinde. Sie scheint überwiegend aus einfachen Leuten zu bestehen, aus armen, teilweise verängstigten Menschen. Sie leben im christlichen Glauben, aber ihre Lebensprobleme unterscheiden sich nicht von denen anderer Leute: Armut, Leid und Krankheit.

Ich finde, dieser Abschnitt aus dem Jakobusbrief hat eine ganz große Stärke: Sein Autor weiß immer etwas zu tun. Leidet jemand, der bete. Ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Es gibt immer eine Handlung, eine Form für die Gefühle und Empfindungen. Man kann sich äußern – weil man eine Form dafür hat. Nichts muss im Innern verschüttet bleiben. Man kann anderen zeigen, was los ist.

Vielleicht müssen wir gerade dann zu Helfern und Helferinnen werden, wenn wir selbst am Hilflosesten sind. Eine Form für unsere Wünsche finden: Was möchte ich denn, dass der Mitmensch für mich tut? Je konkreter, je banaler, desto besser: Konkrete Bitten, banale Wünsche. Vielleicht macht das mein gegenüber wirklich froh, nicht mit hilflosen, leeren Händen zu kommen, sondern klar mitgeteilt zu bekommen, was jetzt nötig ist. Und macht dann gern das, worum ich gebeten habe.

Denn wovon Jakobus vor zweitausend Jahren so selbstverständlich ausging, das stimmt doch noch immer: dass wir in einem Gemeinwesen und mehr noch in einer Kirchengemeinde miteinander verbunden sind. Dass es uns natürlich wichtig ist, wie es den anderen geht. Sonst hätte die Frage: “Und wie geht es Ihnen, wie geht es dir heute?” vor dem Gottesdienst doch keinen Sinn. Oder dass wir Grüße im Gottesdienst abkündigen. Oder sagen, wer getauft wurde, wer geheiratet hat, wer gestorben ist. Wir tun es, weil wir uns umeinander kümmern. Und daher schließlich – hoffentlich nicht nur im Gottesdienst – auch füreinander beten.

Ich lese unseren Predigttext daher auch als Aufforderung, Hilfe anzunehmen; Nehmen seliger zu finden als Geben. Dass wir die nächste Situation, in der wir ratlos sind, nicht mit uns allein abmachen. Nicht nur mit unserer engsten Umgebung. Auch nicht nur mit Gott. Er hat uns Brüder und Schwestern gegeben, wen können wir also bitten? Wenn Jakobus Recht hat, wird das uns mit anderen Gemeindemitgliedern näher zusammenbringen. Uns wird deutlich werden, warum Gott uns immer als Erstes in eine Gemeinde steckt – bei der Taufe, bevor wir überhaupt nur die geringste Chance hatten, etwas selbst zu schaffen. Gott will uns als Menschen in Beziehungen, nicht als heldenhafte Einzelkämpfer und Einzelkämpferinnen. Und wir und unsere Helfer werden erleben, wie viel Kraft und Hilfe wir einander geben können. Unser Gebet füreinander wird viel vermögen.

Und schließlich machen wir dann eine Erfahrung, die wir mit Gott eigentlich immer wieder machen sollten: dass wir angewiesen sind aufeinander. Wir werden erleben: Dass man uns beschenkt, macht uns nicht kleiner, sondern größer. Wir sind Menschen, für die andere beten. Wir sind Menschen, die nicht vergessen sind. Wir sind Menschen, die sich Gott zuwenden und von dort Kraft bekommen. Kann man Größeres von Menschen sagen?

Amen.

Interludium: Martin A. Seidl: Nun lob, mein Seel, den Herren von Johann Gottfried Walther (1684 – 1748)
Gebet:

Gott, unser Helfer, lass uns Menschen sein,
die um Hilfe und Vergebung bitten können.
Hilf uns, dass wir uns nicht größer machen müssen, als wir sind.
Groß ist, wem geholfen und vergeben wird – lass uns das erfahren.

Gott, unser Helfer, lass uns Menschen sein, die anderen helfen.
So viele um uns sind einsam, krank oder traurig.
Hilf uns zum passenden Wort und zur hilfreichen Tat.
Zu helfen macht uns reich – lass uns das erfahren.

Gott, unser Helfer, oft leben wir in großen Abständen voneinander.
Wir wissen nicht, was der andere braucht.
Wir trauen uns nicht, unsere Hilfe anzubieten, vieles scheint so banal.
Zu helfen kann schlicht sein und gar nicht schwer – lass uns das erfahren.

Gott, unser Helfer, du führst uns zusammen in einer Gemeinde.
Wir sind aufeinander angewiesen in der Christenheit, in der ganzen Welt.
Wenn wir einander helfen und uns helfen lassen, sind wir dir nah – lass uns das erfahren. Amen

Unser Vater

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und schenke dir Frieden
.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 347, 1-4

1) Ach bleib mit deiner Gnade
bei uns, Herr Jesu Christ,
dass uns hinfort nicht schade
des bösen Feindes List.

2) Ach bleib mit deinem Worte
bei uns, Erlöser wert,
dass uns sei hier und dorte
dein Güt und Heil beschert.

3) Ach bleib mit deinem Glanze
bei uns, du wertes Licht;
dein Wahrheit uns umschanze,
damit wir irren nicht.

4) Ach bleib mit deinem Segen
bei uns, du reicher Herr;
dein Gnad und all’s Vermögen
in uns reichlich vermehr.

Postludium: Martin A. Seidl: Praeludium et Fuga in g von Nikolaus Bruhns (1665 – 1697)

 

 

 

Predigtslam – “Es werde Licht”
aus der reformierten Erlöserkirche
Wien-Favoriten, am 25. September 2022,
von Ayleen Werner


Licht.
Was ist das eigentlich?

Die Frage scheint einfach.
Die Antwort aber nicht.

Das sind elektromagnetische Strahlen,
würde ein Physiker wohl sagen.

Ohne Gottes Licht,
gäbe es das Leben nicht,
da sind sich auch Theologen einig.

Wir alle bekommen unser Lebenslicht,
wie wir sind, interessiert dabei nicht.
Bei der Geburt entzündet und gegeben.
Beim Tod erloschen und ergeben.

Aber was passiert, wenn unser Licht bricht?
Denn jede Farbe erweitert unsere Sicht.

ROSA

“Warum suchst du dir das aus? Statt auf die “richtige Art” zu lieben. Du machst es dir ja selber schwer. Wir kriegen das schon ausgetrieben. Es ist falsch so wie du bist.”

Man sagt wer wen zu lieben hat.
Woher nimmt man dieses Recht?
Gefühle werden immer siegen.
Rosarote Liebe, sie kennt kein Geschlecht.
Niemand sollte sich verbiegen.

ORANGE

“Du kannst das nicht allein. Komm streng dich doch mal an. Was willst du denn schon sein?
Du bist dazu nicht fähig.”

Der Wert eines Menschen.
Auf einem orange-grünen Schein,
darf nicht Definition eines Menschen sein.
Die Behinderung, das einzige was wir sehen,
ohne die Person dahinter zu verstehen.

LILA

“Du bist selbst Schuld. Einen Job zu finden – ist nicht schwer. Du bettelst bloß vor jedem Haus und gibst das lila Geld für Drogen aus. Reiß dich mal zusammen.”

Ein armer Mann am Straßenrand,
auf ihn schaut man herab.
Ein reicher Mann sieht ihn kaum an,
seine Zeit ist ihm zu knapp.
Doch haben beide den gleichen Wert – egal ob arm, ob reich.

GRÜN

“Du bist zu dick, zu dünn, zu dumm. Deine Lippen zu schmal, die Nase zu krumm. Du bist so hässlich.”

Schönheit lässt sich nicht definieren,
doch tun wir es Tag für Tag.
Wir sind grün vor Neid.
anstatt jeden Körper zu akzeptieren.
Schönheit ist, was sich nicht in Worte fassen mag.

GRAU

“Du kannst dich nicht ändern, du bist ein schlechter Mensch mit gewalttätiger Tendenz. Du wirst doch eh wieder rückfällig.”

Egal wie sonst dein Leben war,
den Fehler verzeiht man nie.
Für mich bist du graue Gefahr.
Man zwingt dich in die Knie.
Jeder Menschen kann sich ändern, denn man hat eine zweite Chance verdient.

GELB

“Schau dich bloß an, so schlimm ist es nicht, wenn du doch noch lachen kannst. Anderen geht es viel schlechter als dir.”

Im Innersten da ist es dunkel,
außen scheint das gelbe Licht.
Doch deine Psyche sieht man nicht.
Alleine trägt man das Gewicht,
wenn das Innerste zerbricht.

SCHWARZ UND WEIß

“Du bist zu anders. Du siehst nicht aus wie wir. Aus Angst vor allem Fremden, weigern wir uns zu akzeptieren. Ich will dich hier nicht.”

Bei einem Blick auf unsre Welt,
sieht man viele Formen und auch Farben,
ob schwarz oder weiß,
egal welches Aussehen man erhält,
man sieht tausend Schwächen doch hat millionen Gaben.

ROT

“Das kannst, das weißt, das hast du nicht. Dein Wert ist dein Gesicht. Pass dich an deine Rolle an, die Rolle heißt Verzicht. Schließlich bist du eine Frau.”

Als Frau hast du schön auszusehen,
rote Lippen, langes Bein.
Woher kommt dieses Rollenbild?
Ich passe da nicht rein.
Alleine werde ich bestimmen, was sich für mich erfüllt.

BLAU

Christen? Da werden Kinder missbraucht. Juden? Die sind sowieso nicht koscher. Muslime?
Da werden Terroristen gebraucht. All diese Vorurteile kennt ihr doch auch.

Voreingenommen – das sind wir,
man könne nicht zusammensein,
zu viel Distanz zwischen dir und mir.
Weg von Zwietracht, Neid und Streit,
unterm blauen Himmel in Frieden und Gelassenheit.

____

Denn wo Licht ist, ist auch Schatten.
Wo wir denken, dass Menschen nicht reinpassen.

Wo wir verurteilen und nicht akzeptieren.
Wo wir hassen und nicht lieben.
Wo wir wegsehen und nicht helfen.

Du bist wunderbar auf deine eigene Art und Weise.
Dein Leben ist eine selbstbestimmte Reise.

Ich glaube,
dass dir manchmal nicht bewusst ist,
wie wertvoll du in Gottes Augen bist.
Wie einzigartig er dich geschaffen hat,
in der Welt zu finden deinen Platz.

Doch nur wenn wir zusammenkommen,
können wir hell scheinen, uns verein’.
Gegen die Finsternis gewonnen,
gemeinsam in Liebe verbunden sein.

Und was ich damit sagen will, ist:
Es werde Licht,
denn Gottes Licht ist bunt.

(Ayleen Werner)

Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche
am 18. September 2022
mit Annamarie Reining


Eingangsgebet:

Der Psalm 146. begleitet uns diese Woche:
Er singt ein Lob – und Danklied auf Gottes Treue.
Wenn wir uns nun zum Gebet sammeln,
folgen wir den Spuren des Psalmdichters.
Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele!
Ich will den Herrn loben, solange ich lebe,
und meinem Gott lobsingen, so lange ich bin.
Verlasst euch nicht auf Fürsten,
sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.
Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist,
der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott,
der Himmel und Erde gemacht hat, der Treue hält ewiglich.

Ja, unser Gott, Jahr für Jahr erleben wir, dass Pläne durchkreuzt, unsere Vorhaben zunichte werden.
Dennoch war und ist Deine Treue zu spüren.
Wir danken Dir für freundliche Worte und schöne Begegnungen.
Wir danken Dir für Gesundheit, für Heilung und Bewahrung.
Gott, unser Vater, unser Land, die ganze Welt steckt in großen Sorgen und Problemen.
Du allein kannst Herzen wenden und die Richtung für gangbare Wege auftun, schenke Einsicht auf allen Seiten. Auch bei uns. Wir bitten Dich: Stärke den Willen zum Frieden.
Mach uns hellhörig für Dein Wort und für die Bedürfnisse Deiner Schöpfung und mach uns empfänglich für Deinen Geist.
Gib, dass wir Jesus, Dein Abbild nicht aus den Augen verlieren.

Gnade sei mit uns von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Predigttext: Jesaja 12

Liebe Gemeinde!

Gegen Ende des 2. Weltkriegs war ich zwischen 4 und 5 Jahren alt. In der Gegend unserer Siedlungshäuser wurde immer wieder bombardiert. Warum gerade in unsrer direkten Nähe, habe ich erst als Erwachsene begriffen: Kaum 3 km von unserem Haus entfernt wurden von Zwangsarbeitern in den Höhlen des Muraunberges Munition erzeugt und gelagert. Darüber wurde aber nicht geredet.

Es gab eben wieder Fliegeralarm. Meine Mutter nahm mich und die Tasche mit Wasser und Decken und lief mit mir die Stiegen hinunter in den Luftschutzkeller. Da waren schon einige Menschen, vor allem Frauen und Kinder. Wir waren damals kaum unten, begann das bekannte zischende Geräusch von einschlagenden Granaten und dann fiel eine Bomben in unserer Nähe. Das Krachen und Bersten habe ich noch heute im Ohr, der gestampfte Boden des Kellers zitterte. Die Menschen um uns begannen zu schreien. Eine Nachbarin, die mit ihren Kindern unter uns gewohnt hat, geriet in Panik. Da legte sich meine Mutter mit mir an einer Seite des Kellers auf den Boden. Ich hatte meinen Kopf auf ihren Unterarm. Sie betete „Der Herr ist mein Hirte…“ Da wurde es für mich ganz still. Ich hörte weder das Beten meiner Mutter noch das Schreien der Menschen, noch das Krachen des Angriffs. Warm durchflutete mich der Gedanke: Was jetzt auch kommt, es wird gut sein‘. Damit bricht meine Erinnerung ab.

Dem Danklied aus dem Buch Jesaja dürfte eine ähnliche, wohl viel krassere Erfahrung vorangegangen sein. Ich will sie kurz erzählen.

Jesaja lebte am Ende es 8. Jhdts vor unserer Zeitrechnung. Der kleine Staat Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem war vom assyrischen Großreich besetzt. Als Vasallenstaat musste jährlich eine hohe Summe an Tributzahlung nach Ninive abgeliefert werden. Das schmerzte.

Jesaja, ein angesehener Bürger und Dichter und wusste sich von Gott zum Propheten berufen. In dieser Funktion kämpfte er um Gerechtigkeit und Fürsorge für die verarmten Schichten der Bevölkerung. Er trat vor der Elite in Juda genauso auf wie auf Plätzen und Weinschenken. Seine Worte waren meist scharf: z. B. den Staatsbeamten gegenüber:‘ Wir warteten auf Rechtsspruch, aber es kam Rechtsbruch!‘. Da die Schere zwischen arm und reich immer weiter aufgegangen war, hatte er im Auftrag Gottes die Randgruppen im Blick: nicht Arbeitsfähige, Witwen und Waisen und Fremde. Die einflussreichen Bürger aber steckten das, wegen der Tributzahlungen schmale Budget, lieber in den Aufbau von Wehranlagen und Rüstung.

Um das Jahr 700 v.Chr. hatten die Eliten von Jerusalem den sonst besonnenen König Hiskia so weit, die Tributzahlungen einzustellen. Man hatte Gerüchte von Aufstände im Inneren des assyrischen Reiches gehört und die Fühler um Beistand nach Ägypten ausgestreckt.

Den Assyrern aber galt Juda als Bollwerk gegen das mächtige Pharaonenreich Ägypten. Im 10. Kapitel des Jesaja – Buches lesen wir in der prägnanten dichterischen Sprache Jesajas den erschreckend schnellen Anmarsch des assyrischen Königs Sanherib mit seinem Heer.

Die Soldaten kommen nicht die normale Straße, sondern gleichsam von allen Seiten über Berge und Täler. Das Heer plündert die kleineren Städte und Dörfer Judas, zerstört sie und verschleppt die Menschen. Dann belagern die Assyrer die Stadt Jerusalem. Jesaja schweigt. Wir erfahren nichts über die Zustände in der Stadt. Für Angst und Verzweiflung gab und gibt es eben keine angemessenen Worte.

Das 11. Kapitel des Jesaja-Buches mit seinem wunderbaren Bildern vom Ende aller Gewalt dürfte erst aus späterer Zeit stammen, aber es trifft tröstliche Gotteserfahrungen in großer Gefahr sehr genau. Wie viele solcher Momente hat das jüdische Volk in seiner Geschichte durchlebt?!!

Beinahe über Nacht musste der assyrische König einer Seuche wegen die Belagerung aufgeben. So erzählt das 2. Buch der Könige in der Bibel.

Jerusalem war frei. Und den Jubel darüber haben wir im 12. Kapitel des Jesajabuches als Predigttext gelesen. Ich danke Dir.. Ich danke Dir…lesen 1-2 Und mitten drin hören wir Jesajas Worte:

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils

In der Sprache der Bibel heißt das: Jetzt werdet ihr mit Freuden aus den Weisungen Gottes für verantwortliches Zusammenleben schöpfen! Ein Neuanfang in Solidarität zwischen Arm und Reich, Einheimisch und Fremd. Das schafft Heil! Das bringt Frieden. Auf Gottes gute Weisungen zu hören und danach zu handeln bedeutet für den Propheten: Schöpfen aus den Heils- Brunnen. Und das galt zu allen Zeiten und Orten.

Sind wir damit nicht an die unmittelbare Zeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs erinnert? Gründung der Vereinten Nationen schon im Oktober 1945, Die Einrichtung der Weltgesundheits – und der Welternährungs – Organisation 3 Jahre danach. Die Erklärung der Menschenrechte, Gründung des Weltrates der Kirchen beides 1948. Am kommenden Sonntag sind die Kinder Wiens eingeladen im Donaupark die nachhaltigen Ziele der Vereinten Nationen zu erleben und zu feiern. 77 Jahre nach Gründung der UNO.

Ein Schöpfen aus den Heilsbrunnen Gottes für ein ‚gutes Leben aller Menschen‘!

Tief erlebter Dank Gott gegenüber hat mit dem Beginn von etwa Neuem zu tun. Davon erzählt die Bibel immer wieder. Gott danken ist dem Wesen nach mehr als eine Geste. – es ist ein dankbares Eintauchen in Gottes Gegenwart, die ins Leben übersetzt werden will.

Davon erzählt die Bibel in vielen Bildern und Erzählungen. Einige starke Bilder davon sind dem heutigen Sonntag zugeordnet. Eines davon ist die bekannte Geschichte: Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Von einem Aufgang zwischen der Menschenwelt und der Gotteswelt ist im Text die Rede. Jakob ist bekanntlich auf der Flucht vor dem Bruder Esau und dessen Morddrohung. Im Freien, auf Steinen schlafend träumt er von der Güte und Treue Gottes, die ihn begleiten wird. Ein so starker Traum, den Jakob nie vergessen wird. Am Morgen geht er als veränderter Mensch seinen Weg weiter.. Jakob, der Vater und Bruder belogen und betrogen hatte, und nun einsam auf einem Steinhaufen übernachtet, wird mit einem Traum – Bild der Gegenwart Gottes überrascht und das verändert ihn. Er, der listige Machtmensch wird kurze Zeit später um der Liebe zu einer Frau willen 14 Jahre lang als Knecht dienen.

Auch In der Lesung des heutigen Sonntags aus dem Lukasevangelium die wir gehört haben, ist von großem Dank die Rede.

Da befindet sich Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Von Ferne rufen 10 aussätzige Männer: „ Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!“

Mit schwerem Ausschlag behaftete Menschen mussten damals Familie und Dorfgemeinschaft verlassen und in völliger Isolation von gesunden Menschen leben, besser vegetieren. Sie wurden von den eigenen Familien meist mit Lebensmitteln versorgt, sonst waren sie sich selbst überlassen. Nur wenn der Ausschlag verschwunden war, und ein Priester das bestätigt hatte, durften sie in ihre Familien zurückkehren.

Jesus ruft den 10 Kranken zu: Zeigt euch den Priestern! Auf dem Weg zu einem Priester merken sie das Verschwinden des Ausschlags. Aber nur einer von den 10 Männern lobt Gott laut für seine Heilung und sucht Jesus. Und – das überlesen wir meist – er fällt vor Jesus auf sein Angesicht und so dankt er ihm.

Er legt sich vor Jesus auf den Weg und berührt mit der Stirn den Erdboden. Für uns Heutige wirkt es fremd, sich aus Dankbarkeit auf die Erde zu legen.

Wohl, weil eine solche Geste von den Herrschern früherer Jahrhunderte gröblichst missbraucht worden war. Damit ist auch völlig verloren gegangen, was die Berührung des Bodes mit dem Gesicht bedeuten kann.

Bleiben wir bei dem geheilten Mann. Er liegt vor Jesus auf dem Boden und dankt ihm. Dabei begegnet er im Angesicht Jesu Gott, seinem Schöpfer. Eine tiefe Erfahrung!! Denn so am Boden liegend und Gott dankend ordnen sich die Gedanken neu. Mit der Stirn auf der Erde wird einem bewusst, wie sehr wir zur Erde gehören. – Im Werden und Vergehen –

Zugleich erwacht in uns die Gewissheit, dass wir von unserem Schöpfer gewollt sind.

Und — wieder im Bild der Schöpfungsgeschichte gesprochen –
erinnern wir uns, dass uns Gott mit seinem Geist angeblasen und begabt hat. Wir tragen Gottes Geist in uns und das macht Mut aus den Heilsbrunnen von Gottes guten Weisungen zu schöpfen. Und mag unser Beitrag noch so klein sein.

‚Ihr werdet mit Freuden aus den Brunnen des Heils schöpfen‘ ruft uns der Prophet Jesaja zu. 2700 Jahre später hören wir seine Worte als globalen Auftrag und tasten uns suchend voran.

Gerade das gibt unserem Leben Sinn und macht glücklich.
Amen.

Fürbitten:

Gott unser Vater

Deine Güte erfahren wir wie ein tiefes Einatmen in Deine Gegenwart und ein dankbares Ausatmen in unser kleines Leben hinein.

Dazwischen wird unser Herz weit und bewegt sich zu den Menschen, die wir lieben und zu allen, für die wir uns verantwortlich wissen.

In der Stille legen wir sie in Deine Hand.

Menschen, die mit Schmerzen beladen an ihrer Krankheit verzagen bringen wir vor Dich.

Menschen, die unter Ängsten und Depressionen leiden.

Wir denken an die Flüchtlinge aus der Ukraine und die Alten u. Gebrechlichen in der Ukraine, denen die Kraft zur Flucht fehlt.

Unser Gott, wir denken an Hungernde in Ostafrika an Menschen, die der Wassermangel aus ihrer Heimat vertreibt.

Der viele Regen in Pakistan bringt die Menschen dort um Ernte, Hab und Gut. Sie sitzen verzweifelt auf Resten ihrer Häuser.

Gott, unser aller Vater gib, dass die Hilfsorganisationen genug Personal und Lebensmittel bekommen, damit die Hoffnung dort wieder wachsen kann.

Wir bitten Dich, stärke alle Kräfte, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung Deiner Schöpfung einsetzen.

Die Vollversammlung des Weltkirchenrates ist zu Ende gegangen. Lass die guten Gedanken gedeihen und Früchte tragen.

Das alles legen wir in das Gebet, das uns Jesus gelehrt hat:

Unser Vater im Himmel

Foto: Franz Radner

 

 

 

Online-Gottesdienst zum Feiern zu Hause
aus der reformierten Erlöserkirche am 28. August 2022
mit Pfr. Johannes Wittich


Präludium: Juliane Schleehahn: “Album für die Jugend” p68 von Robert Schumann (1810 – 1856)
Lied: Evangelisches Gesangbuch 133, 1.4.5: Zieh ein zu deinen Toren

1) Zieh ein zu deinen Toren,
sei meines Herzens Gast,
der du, da ich verloren,
mich neugeboren hast,
o hochgeliebter Geist
des Vaters und des Sohnes,
mit beiden gleichen Thrones,
mit beiden gleich gepreist.

4) Du bist ein Geist, der lehret
wie man recht beten soll,
dein Beten wird erhöret,
dein Singen klinget wohl;
es steigt zum Himmel an,
es steigt und lässt nicht abe,
bis der geholfen habe
der allen helfen kann.

5) Du bist ein Geist der Freuden,
vom Trauern hältst du nicht,
erleuchtest uns im Leiden
mit deines Trostes Licht.
Ach ja, wie manches Mal
hast du mit süßen Worten
mir aufgetan die Pforten
zum güldnen Freudensaa!

Spruch: Gal 6,2:

Tragt einer des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Begrüßung:

Wie gut, dass wir einander haben, unsere Familie, unsere Freundinnen und Freunde, unsere Gemeinde. Denn so können wir einander begleiten, stützen, Orientierung sein und Trost. Was so selbstverständlich, und so selbstverständlich gut ist, ist das „Gesetz Christi“, meint der Galaterbrief. An Jesus Christus orientieren wir uns, wenn wir uns einen Moment der Ruhe und des Nachdenkens gönnen, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes …

Gebet:

Gott, du siehst uns, wie wir sind.
Du siehst, was wir anrichten.
Du siehst, wo wir mit Fingern auf andere zeigen.
Beides sind wir: Schuldig und selbstgerecht.
Aus diesem Widerspruch finden wir nicht selbst heraus
Du hörst uns in deiner grenzenlosen Barmherzigkeit,
wenn wir klagen.
Vor dir können wir leben,
mit dir können wir neu anfangen.
Barmherziger Gott,
wo sollen wir denn hin, wenn nicht zu dir?
Wo sollten wir denn hin,
wenn es nur Verurteilungen gäbe oder Gleichgültigkeit?
Zu dir können wir kommen
und eintauchen in deine grundlose Barmherzigkeit.
Und lass uns großzügig miteinander sein,
wie du großzügig bist in deiner Liebe.
Amen
.

Predigttext: Lukasevangelium 6,36-42:

36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist! 37 Richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet. Verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt. Lasst frei, und ihr werdet freigelassen werden! 38 Gebt, und es wird euch gegeben werden: ein gutes, festgedrücktes, gerütteltes und übervolles Mass wird man euch in den Schoss schütten. Denn mit dem Mass, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden. 39 Er gab ihnen auch ein Gleichnis: Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden sie nicht beide in die Grube fallen? 40 Kein Jünger steht über dem Meister. Jeder aber wird, wenn er ausgebildet ist, sein wie sein Meister. 41 Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken im eigenen Auge aber nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, komm, ich will den Splitter in deinem Auge herausziehen, während du den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann wirst du klar genug sehen, um den Splitter im Auge deines Bruders herauszuziehen.

Predigtgedanken:

Liebe Gemeinde!

„Also – des is nimma christlich.“ Wir alle kennen diesen Satz. Was immer es ist, das Wetter, das Verhalten bestimmter Mitmenschen, die Belastungen des Lebens. Wenn etwas zu viel wird, dann ist es, gut wienerisch, „nimma christlich“. Womit sich für mich die Frage stellt. Wenn der Wiener Volksmund so genau weiß, was „nimma christlich“ ist, was ist dann im Gegenzug – nach diesem Verständnis – eigentlich oder wirklich christlich. Wenn ich mich über das, was „nimma christlich“ ist an das heranpirsche, was wohl dann „wirklich christlich“ ist, dann drängt sich mir ein Verdacht auf. Christlich, nach allgemeinem Verständnis, ist dann etwas, was nett, nicht weiter störend, friedlich ist. „Christlich“ also als Summe aller Dinge, die angenehm sind: Nettes Wetter, nicht zu viel von irgendwas, aber auch nicht zu wenig, höfliche Mitmenschen, nicht zu viel Aufregung im Leben.

Ich glaube ich brauche gar nicht viel weiter zu philosophieren über die Verwendung des Wortes „christlich“ im allgemeinen Sprachgebrauch. Sie ist schlicht und ergreifend falsch, außer, wir gehen davon aus, dass mit „christlich“ immer der Weg des geringsten Widerstands und des faulsten Kompromisses gemeint ist. Dem ist aber nicht so, wie wir alle wissen. Christlicher Glaube hat seine Ecken und Kanten, auch ganz und gar nicht angenehme. Nehmen wir nur das radikale Gebot der Feindesliebe. Liebe deine Feinde. Ich kann mir manch einen Zeitgenossen vorstellen, der, wenn man ihn dazu auffordert, die Leute zu lieben, die ihm besonders auf den Wecker gehen, antworten wird: „Heast, was du da da von mir verlangst, des is oba nimma christlich.“

Doch: „Des is christlich.“ Auch wenn’s manche nicht glauben wollen. Feindesliebe, ist wahres christliches Verhalten. Und, wir merken es schon: Da geht es um mehr als nur gefälliges „nett-miteinander-sein.“ Das ist harte Überwindung, eine Provokation in einer Welt von „Wie du mir, so ich dir“.

Ja, wirklich christlicher Umgang miteinander ist nicht einfach. Das merken wir in den Sätzen Jesu, die wir gerade gehört haben. Da geht es um einen anderen Aspekt, aber wieder um ein großes, hehres, ja, unerreichbar wirkendes Ziel: Nicht übereinander Urteilen. Nicht einander verurteilen, das, z.B., sollen wir.

Das wohl stärkste Bild in diesen Sätzen ist das vom Splitter und vom Balken. Diese Formulierung springt einem buchstäblich ins Auge. Nur zu verständlich, dass dieses Jesuszitat ein Sprichwort geworden ist; und dennoch: Stimmt das so für uns, was da gesagt wird?

Es ist schon so, dass es angenehmer ist, den Splitter aus dem Auge des Bruders, der Schwester, zu entfernen. An den eigenen Balken zu rühren, würde ja wehtun. Und so beschäftigen wir uns alle, glaube ich, ganz gern mit den Problemen anderer Leute. Die Familie X. kommt mit ihren Kindern nicht zurecht – natürlich, die sind ja immer schon unglaublich verwöhnt worden. Frau Y. findet keine neue Stelle – ja, merkt sie denn nicht, wie schlecht sie sich präsentiert? Der Herr Z. hat einen Herzinfarkt – kein Wunder, so wie der vorher gelebt hat.

“Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet”, sagt Jesus, und da hat er Recht. Es gibt so ein Richten, so ein vorschnelles Aburteilen, das ist lieblos. Und gefährlich: Wie schnell entwickelt sich Aburteilen zum Schuss nach hinten. Plötzlich werden wir selbst Opfer unserer Fehler, obwohl wir es bei den anderen ja immer viel besser gewusst haben. Nur: Vor lauter Angst, selber einmal abgeurteilt zu werden, nichts zu sagen – ist das christliches Verhalten?

Aus Verantwortung sich mit den Schwächen des Mitmenschen beschäftigen – das ist durchaus christlich. Versuchen, ihn oder sie vor dem Schlimmsten zu bewahren, macht Sinn. Im vollen Bewusstsein: Ich weiß es nicht wirklich besser. Und schon gar nicht bin ich besser. Ich habe nur den anderen Blickwinkel eines Außenstehenden, oder Kraftreserven, die dem anderen schon ausgegangen sind, die ich aber anbieten kann. Mehr nicht. Denn die Grenze dann hin zum selbstgefälligen Aburteilen ist einen ganz eine dünne.

“Richtet nicht!” heißt dann für mich “Richtet nicht lieblos! Verurteilt nicht!” Aber wohltätig aufdecken können und müssen Christen schon. Jesus hat sich auch kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es nötig war. Was wir mit dem Mantel christlicher Liebe zudecken, das gärt darunter und bricht dann irgendwann höchst unangenehm durch. Richtet das Unrecht, richtet mit liebevollem Herzen, aber richtet im Interesse unserer Welt!

Nun hat Jesus all das übers Richten und über Splitter und Balken mit einem Vorwort versehen. Dies Vorwort heißt: “Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.” Unsere Kritik an uns und anderen stellt er so in einen Raum hinein, in den Raum von Gottes Barmherzigkeit. Das ist es, was oft fehlt: Gott schaut uns barmherzig an, das heißt mit liebevollen Augen. Seine Augen sehen wohl unser Unrecht und unsere mühsam darum errichtete Hülle. Aber Gott ist barmherzig, er reißt nicht ein, was wir gebaut haben. Gott ist barmherzig und eröffnet uns Chancen; er beurteilt, um Zukunft und Hoffnung zu ermöglichen, nicht um uns fertig zu machen. Selbst in den härtesten Angriffen, z.B. der Propheten, klingt die Verzweiflung eines lebenden Gottes durch: Seid doch nicht so schreckliche Menschen. Ändert euch, dann geht’s euch ja auch besser. Ich habe nicht gewollt, dass ihr so seid.

Also: Wenn Gott mir den Balken in meinem Auge deutlich und schmerzhaft erkennen lässt, dann gibt er mir auch Kraft, etwas Neues auszuprobieren. Indem er immer wieder sagt: Ich verurteile dich nicht. Vor mir brauchst du dich nicht zu verstecken. Du kannst zunächst einmal dazu stehen, dass du so bist, wie du bist. Stell dich deiner Selbsterkenntnis. Und setze damit einen Anfang, den wichtigsten Anfang zu Veränderung und dann auch Verbesserung.

Noch einmal: Bei Gott beginnt die Veränderung an uns nicht mit der Kritik, sondern mit der Barmherzigkeit. Gott macht sich kein Bild von uns, dem wir dann entsprechen müssten und in dem wir gefangen wären. Vielleicht ist das seine größte Barmherzigkeit. Gott sieht uns, wie wir sind – und liebt uns trotzdem. Und so können wir uns auch selber sehen, wie wir sind – und können das ertragen, weil wir uns von Gottes liebevollem Blick eingehüllt wissen. Gott resigniert niemals. Und so können wir dann doch etwas tun an uns selbst, etwas tun gegen den Balken in unserem Auge. Ich kann ein anderer werden unter Gottes barmherzigen Augen.

Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 436: Herr, gib uns deinen Frieden

Herr, gib uns deinen Frieden,
gib uns deinen Frieden,
Frieden, gib uns deinen Frieden, Herr,
gib uns deinen Frieden.

Gebet:

Unser Gott,
durch den Balken in unserem Auge
sehen wir unsere Mitmenschen oft nicht.
Wir sind blind für das, was sie brauchen.
So tritt du für uns ein.
Zeige deine Barmherzigkeit allen Menschen,
die auf dich warten.
Die Kranken und die Einsamen,
die Flüchtlinge und die Obdachlosen,
die Ausgegrenzten und die zu Unrecht verfolgten.
Und zeige deine Barmherzigkeit denen,
die eingesperrt sind in das Bild,
das sich andere von ihnen gemacht haben.
Zeige ihnen Wege hinaus.
Und, Gott, wenn du uns verwandelst,
wenn wir mit deiner Hilfe
den Balken aus unserem Auge entfernen können,
dann lass uns auch den oder die sehen, die unsere Hilfe brauchen.
Lass uns barmherzig sein, wie du barmherzig bist.

Gemeinsam bitten wir dich: Unser Vater

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und schenke dir Frieden
.
Amen.

Postludium: Juliane Schleehahn: Präludium a-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

Foto: Franz Radner

 

 

Online-Gottesdienst zum Feiern zu Hause
aus der reformierten Erlöserkirche am 17. Juli 2022
mit Pfr. Johannes Wittich


Präludium: Martin A. Seidl: Sarabande aus Partita in B von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Lied: Evangelisches Gesangbuch 447, 1.2: Lobet den Herren

1) Lobet den Herren alle, die ihn ehren;
lasst uns mit Freuden seinem Namen singen
und Preis und Dank zu seinem Altar bringen.
Lobet den Herren!

2) Der unser Leben, das er uns gegeben,
in dieser Nacht so väterlich bedecket
und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket:
Lobet den Herren
!

Spruch: Epheser 2,8:

Denn durch die Gnade seid ihr gerettet aufgrund des Glaubens, und zwar nicht aus euch selbst, nein, Gottes Gabe ist es.

Begrüßung:

Gottes Geschenk an uns immer wieder neu zu entdecken,
darum geht es in einem Gottesdienst.
Das Geschenk des Lebens,
aber auch das Geschenk,
dieses Leben nicht kontrollieren oder im Griff haben zu müssen,
sondern es sich immer wieder neu aus der Hand Gottes geben lassen können.
Immer wieder neu entdecken zu dürfen,
wer wirklich unser Leben in der Hand hält;
und daraus Ruhe und Gelassenheit zu schöpfen,
im Wissen: Gott sorgt für uns,
kümmert sich um uns.
Neu das Vertraute entdecken,
das ist das Geschenk,
das Gott uns in jedem Gottesdienst macht.
Wenn wir feiern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes …

Psalmgebet:

Das ist ein köstlich Ding,
dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster –
des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.
Denn Herr, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken
und ich rühme die Taten deiner Hände.
Großer Gott, ich will dir danken mit lauter Stimme
und verkündigen alle deine Wunder
.

Jemand hat mit mir gesprochen
und nicht an mir vorbei.

Jemand hat sich mit mir eingelassen
und nicht das Risiko gescheut.
Jemand hat mir zugehört
und nicht auf die Uhr gesehen.
Jemand hat sich mir zugewandt
und nicht ungeduldige Augen gemacht.
Jemand hat mich mitgenommen.
und mich nicht sitzen lassen.
Jemand hat sich helfen lassen
und nicht stolz abgelehnt.
Jemand hat sich als Christ bewährt!

Großer Gott, ich danke dir für die vielen Freunde,
die mich in Gedanken, Worten und Werken begleiten und unterstützen.
Ich kann nur dankbar AMEN sagen!

Predigttext: Röm 3, 21-28:

21 Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes erschienen – bezeugt durch das Gesetz und die Propheten -, 22 die Gerechtigkeit Gottes, die durch den Glauben an Jesus Christus für alle da ist, die glauben. Denn da ist kein Unterschied: 23 Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verspielt. 24 Gerecht gemacht werden sie ohne Verdienst aus seiner Gnade durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. 25 Ihn hat Gott dazu bestellt, Sühne zu schaffen – die durch den Glauben wirksam wird – durch die Hingabe seines Lebens. Darin erweist er seine Gerechtigkeit, dass er auf diese Weise die früheren Verfehlungen vergibt, 26 die Gott ertragen hat in seiner Langmut, ja, er zeigt seine Gerechtigkeit jetzt, in dieser Zeit: Er ist gerecht und macht gerecht den, der aus dem Glauben an Jesus lebt. 27 Wo bleibt da noch das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch was für ein Prinzip? Das der Leistung? Nein, durch das Prinzip des Glaubens! 28 Denn wir halten fest: Gerecht wird ein Mensch durch den Glauben, unabhängig von den Taten, die das Gesetz fordert.

Predigtgedanken:

Liebe Gemeinde!

Die Ferienzeit, so hören wir immer wieder, ja so sagen wir selbst, ist eine Zeit „zum Abschalten“.

Wer oder was wird eigentlich „abgeschaltet.“ Sicherlich nicht grundsätzlich unser Denken und unser Verstand. Aber bestimmte Gedankengänge, bestimmte Themen, die uns beschäftigen, zu denen versuchen wir, um im Bild zu bleiben, die Leitung zu unterbrechen. Berufliches soll uns, so weit wie möglich, im Urlaub nicht beschäftigen, schon gar nicht gedanklich verfolgen. Was uns sonst auf Trab hält, an Verpflichtungen, an Verantwortung, das schieben wir im Urlaub einmal ein wenig auf die Seite. Ein ganzer Wirtschaftszweig, die Tourismusindustrie, lebt ja davon, dass andere für uns Dinge organisieren, um die wir uns sonst selbst kümmern müssen. Am Urlaubsort kochen andere für uns, putzen für uns, räumen für uns alles weg, und, wenn wir ein fixes Angebot gebucht haben – in einer geführten Gruppenreise – planen und denken sie sogar für uns, sagen uns, was am nächsten Tag auf dem Programm steht, wir tun oder anschauen sollen, nehmen uns sozusagen an der Hand und sagen: Das wäre jetzt gut oder interessant für dich.

Im Urlaub abzuschalten heißt also: Das, was uns sonst Stress macht, einfach mal auf die Seite zu schieben oder, gegen gutes Geld, andere machen zu lassen. Dadurch entsteht für uns Entlastung, aber auch: neue Freiräume. Wir haben mehr Zeit, können die Dinge ruhiger und gelassener angehen, wissen uns gut betreut und versorgt. Was machen wir dann mit diesem „Freiraum auf Zeit?“ Einfach nichts? Oder ist das vielleicht doch eine Zeit, in denen wir uns den Luxus von Gedanken leisten können, die uns im Alltagsstress nie kommen würden?

Ich denke, wir kennen das alle: die freie Zeit im Urlaub bietet eine gute Gelegenheit, einmal über die wirklich wichtigen Dinge nachzudenken. Eine Gelegenheit, das vergangene Arbeitsjahr vorbeiziehen zu lassen. Darüber nachzudenken, was gut gelaufen ist, was gelungen ist, aber auch, was daneben gegangen ist, was uns nach wie vor ärgert, was belastend war. Diese Zeit zum Nachdenken ist nicht unbedingt immer nur angenehm. Manchmal kann es durchaus sein, dass Ereignisse der Vergangenheit wieder in einem hochsteigen, noch einmal mit allen damit verbundenen Gefühlen erlebt werden. Andererseits: wenn genug Zeit da ist, Zeit genommen wird, dann können wir auch gedanklich an Lösungen zu arbeiten versuchen. Vielleicht kommt gerade im Freiraum der Urlaubszeit der eine oder andere Gedanke, der einen dann wirklich weiterbringt. Im Freiraum der Urlaubszeit die Pläne, Ideen, Strategien entwickeln, die dann später helfen, das alltägliche Leben wieder besser zu bewältigen – das ist doch ein feine Idee, ein gutes gedankliches „Urlaubsziel“.

Ist dieser Freiraum im Urlaub auch dazu da, sich im Glauben neue, befreiende, erleichternde Ideen schenken zu lassen? Wie schaut es überhaupt so aus mit geistlicher Selbstbesinnung im Urlaub? Sind Gedanken über unsere Beziehung mit Gott eher solche, die wir lieber auch einmal ein wenig auf die Seite schieben wollen? Oder können wir gerade im Urlaub besonders gut über unsere Beziehung mit Gott nachdenken?

Egal, ob sie gerade jetzt schon die Freiheit der Ferien genießen oder erst noch ein bisserl durchhalten müssen – ich denke, es lohnt sich, sich die Zeit nehmen, um eben über unser Verhältnis zu Gott nachzudenken. Nicht unbedingt alltägliche Gedanken. Aber vielleicht ist ja an sich schon jeder Gottesdienst ein Urlaub vom Alltag.

So kann eine Frage sein: Nimmst du, Gott, mich ernst? Bin ich dir auch wirklich etwas wert? Und: Bist du auch bereit, mir eine Zukunft zu schenken, mir zu helfen, dass ich weiterkomme, dass ich mich getragen fühlen kann von meinem Glauben?

Solche Fragen gehen unter die Haut. Und sie können auch dazu verleiten, die Antwort in einer völlig falschen Richtung zu suchen. Auch dazu gibt es in der Geschichte des Glaubens ausreichend tragische Beispiele: nämlich da, wo Menschen versucht haben, aus eigener Kraft sich um Gottes Liebe und Zuwendung zu bemühen. Durch Verzicht, Leistung, selbstquälerische Auflagen, die sie sich selbst gemacht haben. Da ist es schon gut, sich wie es in einem Kirchenlied (Evangelisches Gesangbuch, 382) heißt, daran zu erinnern: „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.“ Denn: wir dürfen mit völlig leeren Händen dastehen. Wir müssen nichts vorzuweisen haben, um vor Gott gut dazustehen.

Wenn die Hände leer sind, dann ist mehr Platz da, um sie von Gott füllen zu lassen. In diesem Sinne ist es wirklich gut, möglichst viel an Fragen und Wünschen und Zweifeln, ja vielleicht auch Ärger, bei Gott abzulassen. Damit wird der Boden bereitet, um sich beschenken zu lassen. Da erkennen wir, was wir wirklich brauchen: einen Gott, der uns ein Gegenüber ist. Der uns auf Augenhöhe begegnet. Der uns versteht und ernst nimmt.

Immer wieder haben Menschen genau so eine Vorstellung von Gott als große Erleichterung und Befreiung erlebt. Gemerkt, dass Fragen, auch drängende, kritische, verärgerte, Gott einem nicht fremder machen, sondern näher bringen. Solange man darauf vertrauen kann, dass Gott genau diese Fragen wichtig sind.

Denn diese Fragen sind nicht nur Fragen, sie sind ein Appell. So wie jedes ernste Gebet auch ein Appell ist: Tu, was, Gott. Versteckt dich nicht. Lass uns mitbekommen, worum es dir geht. Lass uns mitbekommen, wer du bist. Sprich uns an, lass uns merken, dass wir von dir angesprochen werden.

Genau darum können wir und wollen wir Gott bitten. Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 382, 1-3: Ich steh vor dir mit leeren Händen
Gebet:

Guter Gott,
mach uns hellhörig für dich,
auch wenn wir deinen Ruf einmal überhören,
wenn uns dein Wort gerade gleichgültig lässt.
Mache uns aufmerksam auf dich,
wenn uns die eigenen Sorgen niederdrücken
und uns der Alltag müde macht.
Mache uns bereit für dich,
auch wenn wir beschämt eingestehen müssen,
dass unsere Liebe oft klein und unsere Schuld groß ist.
Öffne unsere Ohren,
dass wir dein Wort aus den vielen Wörtern des Alltags heraushören.
Schenke uns den Mut,
auch da noch zu glauben, wo alles aussichtslos scheint.
Lass uns die Liebe, die wir empfangen,
mit vollen Händen an andere weitergeben.
Nimm dich der Schwachen an,
tröste die Betrübten,
stärke alle Müden und Verzweifelten.
Guter Gott,
lass uns ein Licht sein, das leuchtet,
wenn andere im Dunklen leben müssen.
Lass den Geist Jesu unter uns lebendig sein,
damit wir danach leben können.
Und gemeinsam beten wir:
Unser Vater im Himmel …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und schenke dir Frieden
.
Amen.

Postludium: Martin A. Seidl: Courante von Georg Friedrich Händel (1685 – 1759)

Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 10. Juli 2022
mit Dr. Markus Lerchi


Präludium: Martin A. Seidl: Praeludium et Fuga ex F-Dur von Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656 – 1746)

 

Jesus unser Freund

Liebe Gemeinde!

Ich liebe die Bibel. Nicht einfach als Buch im Gestell, sondern um darin zu lesen. Es ist schlicht spannend, in Gottes Wort zu lesen. Insbesondere liebe ich die Psalmen. Ich lese und vor allem bete sie regelmässig. Nicht wie die Benediktinermönche ursprünglich einmal in der Woche. Aber doch regelmässig. Und zwar alle Psalmen.

Vor Kurzem ist mir eine wunderbare Übersetzung von einem Teil aus Psalm 119 begegnet. Psalm 119 hat 176 Verse. Er besteht aus 22 Strophen zu je 8 Versen. Das poetisch Besondere daran ist, dass jeder Vers einer Strophe mit jeweils einem der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets beginnt. Es wird damit deutlich, dass es ein umfassender Lobpreis Gottes ist. Umfassender geht es gar nicht, da ja jedem Buchstaben eine Strophe gewidmet ist. Eine grandiose kreative Idee zum Gotteslob.

Um eine solche Strophe geht es also jetzt. Es ist die 19. Strophe, die ungefähr unserem Buchstaben “U” entspricht. Solch ein poetisches Werk in eine andere und erst noch viel modernere Sprache zu übersetzen ist natürlich sehr schwierig und erfordert noch einmal Kreativität – ohne den inhaltlichen Sinn zu verlieren. Der vor ein paar Jahren verstorbene Theologe und Künstler Josua Boesch hat auf Zürichdeutsch übersetzt, und das muss ich jetzt im Original lesen. Keine Angst, nachher wechsle ich gleich wieder auf Hochdeutsch. Hört, wie er diese 19. Strophe des Psalm 119 übersetzt hat, in der alle 8 Verszeilen mit dem Buchstaben “U” beginnen:

145 Uf diich waartet ales i miir. Duu ghöörsch, wän i rüeffe. D spuure vo diir wett i scho nie verlüüre.
146 Und wüür i mi trotzdèm verlauffe, Du, diir rüefft i gaar nie vergäbe, duu laasch dini fründ nie im stich.
147 Und lèèg i diir scho ganz früe i den oore, duu hieltsch mi nöd für e nare, duu gèèbtisch mer antwort.
148 Uf miich töörfsch zele, bevor d sunen uufgaat. Öb ich schlaaff oder wach bin, nu duu bisch mer im sinn.
149 Under alen umschtänd wüürsch duu mi ghööre, barmhèrziger als duu isch niemer. DU, duu suechsch mis läbe und nöd mis verdèèrbe.
150 Und wüüred s mi aaschliiche wie schlange zum mi vergifte, 
duu wüürsch ene weere,
151 und wèèrisch mer nöcher als sii mit diinere waret. DU, duu wüürsch ne de mäischter scho zäige.
152 Und dänn wüsst i s wider emaal tüütli, dass diini fründschaft beschtand hät für imer und eewig.

d Psalme Züritüütsch – Us em Hebrèèische überträit vom Josua Boesch
(Jordan Verlag 1988)

Auf Hochdeutsch haben wir die Version der Zürcher Übersetzung aus dem Jahr 2007 vorhin in der Lesung gehört:

145 Ich rufe von ganzem Herzen, erhöre mich, HERR, ich will deine Satzungen befolgen.
146 Ich rufe zu dir, hilf mir, so will ich deine Vorschriften einhalten.
147 Schon in der Dämmerung stehe ich auf und schreie, auf dein Wort hoffe ich.
148 Meine Augen eilen den Nachtwachen voraus, um über dein Wort zu sinnen.
149 Höre meine Stimme in deiner Gnade, schenke mir Leben, HERR, nach deinen Gesetzen.
150 Niederträchtige Verfolger nahen, sie haben sich entfernt von deiner Weisung.
151 Du bist nahe, HERR, und alle deine Gebote sind Wahrheit.
152 Schon immer weiss ich von deinen Vorschriften, dass du sie für ewig gegründet hast.

(aus Psalm 119; Zürcher Bibel 2007)

Was mir ganz besonders aufgefallen ist, dass in der schweizerdeutschen Übertragung von Josua Boesch von der Freundschaft Gottes die Rede ist: “duu laasch dini fründ nie im stich” – “Du lässt deine Freunde nie im Stich.” (Vers 146) – “Und dänn wüsst i s wider emaal tüütli, dass diini fründschaft beschtand hät für imer und eewig. (Vers 152) Oder auf Hochdeutsch rückübersetzt: “Und dann wüsste ich wieder einmal deutlich, dass deine Freundschaft Bestand hat für immer und ewig.”

Kann man denn so reden, von einer Freundschaft von zu Gott hier zum Dichter und Beter dieses umfassenden Lobpsalms? Und zu mir, der ich heute diese Verse wieder bete? Gehen wir doch diesem Begriff etwas nach.

I Was ist ein Freund?

“Freund” ist heute ein inflationär gebrauchtes Wort geworden, vor allen wenn ich an die englische Form des “friend” denke, wie es etwa auf Facebook üblich ist. Man hat heute so seine viele Dutzend bis einige Hundert Facebook-“Friends”. Oder auf Youtube sind es eher die “Follower”, hm, die “Nachfolger”. Tönt ja ganz christlich. Ist aber wohl nicht so gemeint. Wer das online gut macht, bringt’s als “Influencer” locker auf eine sechs- oder gar siebenstellige Anzahl “Follower”. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: da schaffen es Teenager mit im Grunde genommen minimalem Aufwand, dass eine Million oder mehr andere, unter Umständen täglich in ihr Leben hineinschauen – und sie damit das Leben der Youtuber umgekehrt prägen. Ich muss manchmal lachen, wie ich da zu Beginn eines solchen Filmchens begrüsst werde mit “Hi youtube, what’s on?” – “Hallo Youtube, was läuft so?” – Wie wenn ich eine milliardenschwere Firma wäre. Oder “Hello internet, nice that you are joining again.” – “Hallo Internet, nett, dass Du wieder mit dabei bist.” – Wie wenn ich ein Computernetzwerk wäre. Und der Varianten mehr. All das gaukelt uns vor, dass wir ganz viele und ganz wichtige Freunde haben. Und dass wir zusammengehören. Soziologen, Erziehungswissenschafter und Psychologen heben aber immer deutlicher den Mahnfinger auf, in der Schweiz etwa der Kinderarzt und Buchautor Remo Largo oder der Psychologe Allan Guggenbühl. Kurz gesagt: wir haben heute durch die sogenannten sozialen Online-Medien unglaublich viele Kontakte, aber wenige Beziehungen, wenige Freundschaften. Oder in einem schönen Satz auf die Spitze getrieben: Wir leben im Zeitalter der kontaktreichen Beziehungsarmut. Oder noch kürzer auf neudeutsch: We are oversocializded, but underfriended. Zuviel Sozialkontakte – aber zu wenig Freunde.

Viele Menschen, gerade junge Menschen und viele Männer im Besonderen, haben Mühe, echte Freundschaften aufzubauen und zu pflegen. Ich teile diese Beobachtung und habe mich gefragt, woran das den liegen mag. Schauen wir also mal genauer hin: Was ist ein Freund, eine Freundin? In einem Bedeutungswörterbuch kann man finden: Freund = Person, die mit einem Gegenüber in wechselseitiger Beziehung verbunden ist und ihm nahesteht. Mir sind in diesem Begriffsverständnis drei Dinge aufgefallen: da ist ein Gegenüber, ein wirkliches, echtes Gegenüber. Nicht virtuell. Sondern echt und leibhaftig. Schon Martin Buber hat einmal formuliert: alles wirkliche Leben ist Begegnung. Ein zweiter Aspekt: wechselseitige Beziehung. Freunde stehen in wechselseitiger Beziehung. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass man genau auf die Goldwaage legt, wer wem wie oft angerufen hat oder wer wem wie viele Weihnachtsgeschenke von welchem Euro-Wert gemacht hat. Da kann und darf die Gewichtung verschieden sein. Aber es ist klar, dass zu einer Freundschaft Gegenseitigkeit oder eben Wechselseitigkeit gehört. Und schliesslich als Drittes: diese Wechselseitigkeit bewirkt ein Nahestehen. Innerliche Verbundenheit gehört dazu. Man kann nicht mit hunderten oder gar tausenden von Menschen innerlich verbunden sein und ihnen nahestehen. Soziologen und Historiker sagen, dass wir Menschen fähig sind, mit etwa 40 bis 100 Leuten eine regelmässige Beziehung aufrecht zu erhalten. Das entspricht etwa der frühhistorischen sozialen Gruppengrösse, etwa in einem Tal oder Dorf. Mit diesen wenigen Menschen hatte man es zu tun. Die konnte man kennen – und musste man kennen. Denn Freund und Feind voneinander unterscheiden zu können, war lebensnotwendig oder unter Umständen gar lebensrettend.

Lassen wir es also mal bei diesen drei Aspekten. Zu einer Freundschaft gehören echte Begegnung, Wechselseitigkeit und nahestehende Verbundenheit.

II Gott schliesst Freundschaft

Wenden wir uns nun unserem Psalmabschnitt zu. Kann ich so von Gott reden? Dass er eine Freundschaft mit uns Menschen geschlossen hat? Mit mir? Ist das nicht irgendwie despektierlich? Im grossen Bogen der Geschichte Gottes mit seinen Menschen denken wir hier wohl an den Bundesschluss. Den Bund, den Gott immer mal wieder erneuert hat. Weil er immer wieder -wir hier sagen können- die Freundschaft mit den Menschen gesucht hat. Freund und Freundschaft sind durchaus biblische Begriffe, schon im Alten Testament. Nicht nur im generellen, grossen Bundesgedanken. Auch als ganz persönliche 1:1 Beziehung. Bei Jesaja etwa lesen wir, dass Gott mit Abraham Freundschaft geschlossen hat. Es heisst da: “Du aber, Israel, mein Diener, Jakob, den ich erwählt habe, Nachkomme Abrahams, meines Freundes.” (Jesaja 41,8). Gott sucht immer wieder die Freundschaft. Zu seinen Geschöpfen, zu seinem Volk, zu mir – und zu dir.

III Jesus unser Freund

Nicht zuletzt, oder besser als Höhepunkt, indem er in seinem Sohn Jesus Christus in diese Welt kommt. Eine eindrückliche Rede im Kreis seiner Jünger will ich hier vorlesen. Im 15. Kapitel des Johannesevangeliums heisst es:

12 Das ist mein Gebot: Dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. 13 Niemand hat grössere Liebe als wer sein Leben einsetzt für seine Freunde. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. 15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiss nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich euch alles kundgetan habe, was ich von meinem Vater gehört habe. 16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt, damit euch der Vater gibt, worum ihr ihn in meinem Namen bittet. 17 Dies gebiete ich euch: dass ihr einander liebt.

Einerseits wunderschön. Aber auch ein recht starkes Stück. Jesus nennt hier seine Jünger “Freunde”. Freund wird man durch gegenseitige Liebe. Aber diese Freundschaft, diese Liebe hat auch ihren Preis. Zu jeder Freundschaft gehören auch Dinge, die vielleicht nicht so toll sind. Gehören auch Zeiten, wo es schwierig ist. Jesus redet sogar davon, dass es nicht nur “ans Lebendige gehen kann”, wie man so sagt, wenn’s ganz wichtig wird, sondern einen sogar tatsächlich das Leben kosten kann. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob ich in einer Freundschaft hier auf Erden oder auch in meiner Freundschaft mit Jesus, auf dem Weg der Nachfolge, so weit gehen könnte, dass ich mein Leben auf’s Spiel setzen würde. Glücklicherweise war das bei mir noch nie der Fall, dass so eine Situation aufgetreten ist. Aber wenn ich an meinen Barbier denke, der sich immer mal wieder um meinen grauen Bart kümmert, ein junger 21-jähriger Flüchtling aus Syrien, der könnte vielleicht anderes erzählen.

Es muss ja nicht grad so hart auf hart gehen. Aber ein wichtiger Grund, dass viele Leute Mühe haben, echte Freundschaften aufzubauen, ist schon, dass es heute schwer fällt, auch mal Schwierigkeiten und Krisen durchzustehen. Als Beispiel aus meinem Leben ist mir ein kurzes Gespräch mit einem jungen Mann in den Sinn gekommen. Ich hatte ihm erzählt, dass wenn ich mit einem guten Freund von mir in die Ferien gehe, es fast jedes Mal eine ziemliche Krise gibt. Einen ganz schwierigen Moment. Erstaunt fragte er mich darauf: “Warum seid Ihr dann Freunde?” – Was mich wiederum völlig erstaunt, ja fast entsetzt hat. Das ist doch die völlig falsche Frage. Eine gute Frage wäre doch: “Was macht Ihr, dass so eine Krise nicht mehr, oder wenigstens nicht mehr so oft vorkommt?”

Jesus sagt, dass wir seine Freunde sind, wenn wir tun, was er gebietet. Wir wissen aber, was er gebietet – und warum er das tut. Kurz zusammengefasst im Doppelgebot der Liebe. Und im Missionsauftrag. Also ungefähr so: Liebt Gott über alles und liebt Euren Nächsten wie Euch selbst. Und dann: geht hin und erzählt es den anderen und schaut, dass auch sie Christen werden. Dieser Auftrag ist gewiss nicht einfach. Aber er liegt offen auf dem Tisch. Und drum ist eben Christsein, ist Nachfolge nicht Knechtschaft. Sondern Freundschaft.

Auf geheimnisvolle Weise hat Jesus mit uns allen hier schon einen Anfang gemacht. Mir scheint immer der Anfang schwer, wie schon das Sprichwort sagt. Aber eben: dieser Anfang ist gemacht. Jesus ist schon längst auf uns zugekommen. Sonst wären wir heute Vormittag nicht hier. Jetzt liegt’s an uns, diese Begegnung anzunehmen und weiter zu pflegen. Antwort zu geben auf seinen Ruf. So dass eine wechselseitige Beziehung entsteht. In immer tieferer, immer näherer Verbundenheit.

Und dann wäre es doch schön, wenn wir wie der Psalmbeter sagen könnten: “Uf miich töörfsch zele.” Auf mich darfst Du zählen. Mit mir darfst Du rechnen. Denn die Freundschaft ist wechselseitig. Gott schützt und bewahrt auch.

Darf er auf uns zählen? Beim natürlichen, selbstverständlichen Bekennen am Arbeitsplatz? Wenn wir unspektakulär treu da sind für kranke Nachbarn? Schweigend mit-joggen, wenn unser Freund in einer psychischen Krise ist? Zum Aushalten und Neu-Anfangen wenn’s im Studium, am Arbeitsplatz, in der Familie oder Ehe Krach gegeben hat? Wenn ich mal wieder in der Bibel lesen will, um ihn besser kennenzulernen?

Darf Jesus auf Dich zählen? Ich für mich will diesen Satz ganz bewusst heute neu sagen: Uf miich töörfsch zele, Jesus! Das wünsche mir für mich und für uns alle. Es gibt noch so viele Menschen, die von diesem Freund aller Freunde nichts wissen. Und wie schön wäre es doch, nicht mehr Knecht zu sein, sondern Freund.

Amen.

Postludium: Martin A. Seidl: Praeludium et Fuga ex e-Moll von Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656 – 1746)

Foto: Franz Radner

 

 

Konfirmationsgottesdienst zu Christi Himmelfahrt
mit Abendmahl
aus der Reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 26. Mai 2022,
mit Pfr. Johannes Wittich und den JugendmitarbeiterInnen


Orgelvorspiel: Martin A. Seidl: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes von Joseph Haydn (1732 – 1809)
Einzug der KonfirmandInnen
Lied: Evangelisches Gesangbuch, 455: Morgenlicht leuchtet
Eingangswort: 1. Chr. 29, 12b:

In deiner Hand, Gott, sind Stärke und Macht, und in deiner Hand liegt es, alles gross und stark zu machen.

Begrüßung:

Groß und stark zu werden, das sei das Ziel im Leben, wird kleinen Kindern gerne einmal erklärt. Verbunden mit der Aufforderung, sich anzustrengen oder auch nur brav aufzuessen.

Ganz anders ist es mit dem „Groß und stark“ – Werden im Glauben. Dazu muss man nichts tun. Das wird einem einfach geschenkt – von Gott selbst.

Menschen, die „groß und stark“ sind im Glauben, sich ihre eigenen Gedanken machen, ihre eigene Meinung haben, die wollen wir in diesem Gottesdienst „konfirmieren“, also bestärken: ihr seid auf dem richtigen Weg, nämlich auf dem Weg, den euch Gott geschenkt hat und auf dem er euch begleiten will.

Wir, das sind wir alle, Pfarrer, Jugend-MitarbeiterInnen, Eltern, Paten, Familie, Freunde. Gemeinsam feiern wir euch, in einem Gottesdienst, in der Gegenwart Gottes, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet:

Guter Gott,
immer gibt es Momente,
wo etwas Neues anfängt,
wo wir merken,
dass du uns beschenkst.
Heute feiern wir,
freuen wir uns über die Konfirmandinnen und den Konfirmanden,
die zu unserer Gemeinschaft gehören,
und zu dir.
Sei du unter uns in diesem Gottesdienst,
und sei mit den jungen Menschen,
bei diesem wichtigen Schritt
auf ihrem Lebensweg
und mit dir.
Amen.

Lesung: aus Psalm 16:

1Behüte mich, Gott!
Denn bei dir suche ich Zuflucht.

7Ich preise den Herrn, der mich beraten hat.
Selbst in den Nächten denke ich darüber nach.
8Der Herr steht mir immer vor Augen.
Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht.
9Darum ist mein Herz so fröhlich
und meine Seele jubelt vor Freude.
Auch für meinen Leib ist gesorgt.

Ich gehöre doch zu denen, die dir dienen.
11Du zeigst mir den Weg zum Leben.
Große Freude finde ich in deiner Gegenwart
und Glück an deiner Seite für immer.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 643: Wo ein Mensch Vertrauen gibt
Predigt: Jh. 10, 11-16: Jesus sagt zu seinen Jüngern:

11Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt setzt sein Leben ein für die Schafe. 12Der Lohnarbeiter, der nicht Hirt ist, dem die Schafe nicht gehören, der sieht den Wolf kommen und lässt die Schafe im Stich und flieht, und der Wolf reisst und versprengt sie. 13Er ist eben ein Lohnarbeiter, und ihm liegt nichts an den Schafen. 14Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne. Und ich setze mein Leben ein für die Schafe. 16Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Pferch sind; auch die muss ich leiten, und sie werden auf meine Stimme hören. Und sie werden eine Herde werden mit einem Hirten.

Liebe Konfirmandinnen, lieber Konfirmand, liebe Gemeinde!

Kennen Sie, kennt ihr, Etu? Oder Kenai? Oder Tala? Oder Nanuk? Oder vielleicht Una? Die Konfis kennen sie. Die Genannten sind Wölfe aus dem Forschungszentrum in Ernstbrunn, die wir, gemeinsam mit ihren KollegInnen auf der Konfifreizeit kennen gelernt haben. Echte Wölfe, sehr international, aus Kanada bis Russland stammend, jeder und jede mit einem ausgeprägten Charakter, unverwechselbar, und doch, wie bei Wölfen üblich: in Rudeln organisiert.

Wenn man also so will, nehmen wir heute fünf junge Wölfe als Erwachsene in das Rudel der Erlöserkirche auf. Das Welpenalter haben sie schon lange hinter sich gelassen, sie sind auch jeweils eine einzigartige und unverwechselbare Persönlichkeit, und, wie die klugen Wölfe, wissen wir: im Rudel sind wir unschlagbar, wenn jeder und jede seine jeweiligen besondere Talente und Fähigkeiten einbringen kann.

Nun haben Wölfe in der Bibel leider keinen sonderlich guten Ruf. Auch in dem Gleichnis von Jesus, wo er sich mit einem Hirten vergleicht und die Menschen, um die er sich kümmern möchte, mit Schafen. Der Wolf kommt in diesem Bild auch vor, allerdings nur mit seinem ausgeprägten Appetit, der ihn überkommt, wenn er so ein schmackhaftes Schäflein zu Gesicht bekommt.

Am Verhalten gegenüber dem Wolf, so Jesus weiter, zeigt sich dann, ob ein Hirte ein guter ist oder nicht. Daran, ob er vor dem Wolf davonläuft, oder sich schützend vor seine Schafe wirft.

Im Wolfszentrum haben wir Einiges über Wölfe gelernt, auch über die Vorurteile, mit denen sich Wölfe so herumschlagen müssen. Ich weiß, das ist ein heikles Thema, auch in Österreich, die Diskussionen zwischen Naturschützern, die Wölfe wieder bei uns ansiedeln möchten auf der einen und Schafzüchtern auf der anderen Seite, und als Laie ist es da schwer, sich eine Meinung zu bilden. Was mich, und ich glaube, auch einige von den Konfis sehr beeindruckt hat ist, dass Wölfe, wie es so schön heißt, neophobe Tiere sind. Das heißt, sie haben Angst vor Neuem und Ungewohnten. Wenn etwas anders ist als gewohnt, verkraften sie das überhaupt nicht. Diese, wenn man so will, Charakterschwäche des Wolfes wird anscheinend in Polen von Besitzern von Schafherden ausgenützt, du zwar indem bei den Umzäunungen und Gattern immer wieder kleine Veränderungen vornehmen. Kommt dann der Wolf vorbei, merkt er, dass irgendetwas anders ist. Das verunsichert ihn so sehr, dass er lieber wieder geht.

An diesem Punkt, so würde ich sagen, sind Wölfe ganz sicher keine Vorbilder für uns Menschen. Neues Wagen, das ist es doch, was wir Menschen immer wieder tun müssen, damit was weitergeht, damit nicht immer alles so bleibt, wie es ist. So auch unser heuriger Konfi-Jahrgang: sie haben schon letzten Herbst bewiesen, dass sie nicht neophob sind, und sich auf das Wagnis Konfirmation eingelassen. Und heute können wir ihnen nur dazu gratulieren.

Das Bild vom Wolfsrudel als Modell für eine christliche Gemeinde ist also nur bedingt tauglich, so wie alle Bilder und Vergleiche bekanntlich ihre Schwächen haben. Ein Wolfsrudel als Vorbild für ein gutes Zusammenspiel, das passt. Die Angst vor Veränderung, die Wölfe offensichtlich zu eigen ist, macht sie schon weniger vorbildhaft. Und ganz unbrauchbar wird das Wolfs-Gleichnis, wenn es um ein anderes Charakteristikum geht: dass nämlich immer einer der Leitwolf sein muss. Der sich in einem ständigen Konkurrenzkampf mit möglichen Anwärtern auf diese Position befindet.

Da ist das biblische Bild von der Schafherde, die wir miteinander bilden, schon brauchbarer. Gewiss: es hat auch seine Schwächen: Christinnen und Christen als dumme Schafe, ohne eigenen Willen, ohne eigene Meinung, die nur tun, was der Hirte von ihnen verlangt, abgesehen davon, dass es gar nicht sicher ist, ob es diesen Hirten überhaupt gibt.

Die Stärke am Bild von der Herde und von Jesus als Hirt ist, dass es eben kein menschlicher „Boss“ ist, der das Sagen hat. Dass ein für alle Mal geklärt ist: der Einzige, der Autorität über andere für sich in Anspruch nehmen kann, ist Gott selbst. Der darf das auch, schließlich verdanken wir ihm, dass es uns und alles um uns herum gibt.

Wenn es nur diesen einen Hirten gibt, dann müssen wir uns nichts von irgendwelchen selbsternannten menschlichen „Hirten“ vorschreiben lassen. Diesen menschlichen Hirten geht es nur um sich selbst und nicht um die ihnen anvertrauten Menschen. Hat schon Jesus gemeint. Wer sich auf den göttlichen Hirten beruft, muss keinem menschlichen „Hirten“ mehr folgen. Sondern kann frei und selbstbewusst seinen Weg gehen.

Und noch eines zeichnet die Herde des Hirten Jesus aus: Wir können Hirten füreinander sein. Wir können Verantwortung füreinander tragen. Das wird uns zugetraut – und dafür werden wir gestärkt.

Und dass das so ist, das wird heute wieder klar deutlich, wir bestärkt, wird „konfirmiert“. Und Gott gibt seinen Segen dazu. Amen.

Lied: Wir haben Gottes Spuren festgestellt
Glaubensbekenntnis:
Konfirmation:

Liebe Gemeinde!

Wir alle wissen, dass diese Konfirmandinnen sich gut auf diesen Tag vorbereitet haben. Am Sonntag haben sie den Gottesdienst gestaltet, uns aus ihrer Sicht die Botschaft der Bibel gezeigt, mit uns Gedanken geteilt, mit uns gebetet und damit gezeigt, wie sie sich mit unserem Glauben beschäftigt haben und Verantwortung aus diesem Glauben heraus übernehmen wollen.

Darum wollen wir sie ab heute als Gemeindemitglieder ansehen, die mitreden und mitgestalten dürfen und sollen. Denn schließlich wird die Kirche Jesus Christi aus Menschen errichtet, die in seinem Namen und Auftrag zusammengehören wollen. Zugleich bitten wir um Gottes Segen, damit sie ihre Ziele und Wünsche, ihre Träume und Visionen auch erreichen und umsetzen können.

Liebe Konfirmandinnen!

Mit der Konfirmation werdet ihr daran erinnert, dass ihr getauft seid. Bei eurer Taufe wurde ein Zeichen gesetzt, dass Gott auf eurer Seite steht und mit euch durch euer Leben gehen will.

Mit der Konfirmation wird euch gesagt, dass ihr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes sein könnt, die aus dieser Welt und für ihre Menschen etwas machen wollen, etwas hineinbringen könnt an Ideen, Hoffnung, Mitgefühl, Freundlichkeit, Phantasie. Um das auch zu schaffen seid ihr eingeladen, das Abendmahl mit euren Mitchristen zu feiern. Dort stärkt Christus unseren Glauben und macht uns immer wieder neu Mut.

So frage ich euch, liebe Konfirmandinnen:

Wollt ihr zu dieser Gemeinde gehören, die in Jesus Christus ihre Hoffnung, ihre Zukunft, ihre Stärke erkennt und die euch zum Mitmachen und Mitleben einlädt, so antwortet: Ja

Überreichung der Urkunden und Segen

Worte an die KonfirmandInnen

Lied: Evangelisches Gesangbuch 225: Komm, sag es allen weiter
Abendmahl:

Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Jh. 6,35).

Wir feiern Abendmahl miteinander, zusammengeführt durch den Geist Gottes an den Tisch Jesu Christi. So wollen wir daran denken, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, und was wir heute mit ihm erleben können, wenn wir in seinem Namen essen und trinken.

Einsetzungsworte:

Jesus Christus,
in der Nacht, in der er verraten wurde,
nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach:
Nehmt, esst, dies ist mein Leib,
der für euch gegeben wird;
Das tut zu meinem Gedächtnis.

Ebenso nahm er auch den Kelch nach dem Mahl
und sprach:
Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.
Das tut, sooft ihr daraus trinkt,
zu meinem Gedächtnis
.

Denn sooft ihr dieses Brot esst
und aus diesem Kelch trinkt,
verkündigt ihr den Tod Jesu Christi,
bis dass er kommt.

Jesus Christus lädt uns an seinen Tisch ein. Solange er in Palästina lebte, hat er sich oft mit Menschen an einen Tisch gesetzt, hat gefeiert und so beispielhaft gezeigt, was Gemeinschaft bedeutet, Vergebung, Zurückholen von Menschen zu ihren Mitmenschen und zu Gott.

Er hat sich an einen Tisch gesetzt mit Menschen, die ausgestoßen waren. Er hat Hungernde gespeist, ihnen Brot gegeben und so gezeigt, wie sie ihm vertrauen können, ihm, dem Brot des Lebens.

Er hat mit seinen Jüngern gegessen, nach Ostern, am See Genezareth, und hat sich durch das Bereitlegen von Brot und Fischen als der zu erkennen gegeben, der bei seinen Menschen ist, alle Tage, bis an das Ende der Welt.

Und er hat mit seinen Jüngern das Passamahl gefeiert, damals, das letzte Mal vor seinem Tod, und uns einen neuen Anfang zum Mitfeiern geschenkt.

So sind wir sind eingeladen zum Tisch Jesu Christi. Kommt, es ist alles bereit; seht und schmeckt, wie freundlich Gott ist.

Austeilung:

Dank- und Fürbittengebet:

Gott, wir danken dir,
dass du da bist,
in Brot und Wein,
in einem guten Wort und in Gemeinschaft,
in alltäglichen Hoffnungszeichen,
in den unerwarteten Momenten
wenn das Leben sich wieder als stärker erweist.
Wir bitten dich nun,
um Vertrauen, um aus deiner Zuwendung leben zu können,
für uns selbst,
für die Menschen, mit denen wir zu tun haben,
für die Menschen, die uns tragen,
für die Menschen, die uns eine Last sind.
Sei mit deinen Menschen,
stärke uns,
stärke unser Vertrauen.
Amen.

Unser Vater im Himmel …

Lied: Ich singe für die Mutigen, 1-3
Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Ich singe für die Mutigen, 4-6
Orgelnachspiel: Martin A. Seidl: Courante von Georg Friedrich Händel (1685 – 1759)
Auszug der KonfirmandInnen

Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst in ungarischer und deutscher Sprache
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 1. Mai 2022
mit Károly Nágy und Johannes Wittich nach Texten von Richárd Kádas

Orgelvorspiel: Martin A. Seidl: Präludium et fuga I-III in C-Dur von Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656 – 1746)
Lied: Evangelisches Gesangbuch 455, 1-3: Morgenlicht leuchtet
Bibelvers, Begrüßung (Johannes Wittich): Psalm 33,5b

Die Erde ist voll der Güte des Herrn.

Bibelvers, Begrüßung (Károly Nagy):

Köszöntés: az Úr szeretetével tele van a föld.

Gebet (ungarisch, Károly Nagy):
Lesung: (Johannes Wittich): Psalm 23:

1Ein Psalm Davids. Der Herr ist mein Hirt, mir mangelt nichts, 2er weidet mich auf grünen Auen. Zur Ruhe am Wasser führt er mich, 3neues Leben gibt er mir. Er leitet mich auf Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen. 4Wandere ich auch im finstern Tal, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.
5Du deckst mir den Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, übervoll ist mein Becher. 6Güte und Gnade werden mir folgen alle meine Tage, und ich werde zurückkehren ins Haus des Herrn mein Leben lang
.

Lesung: (Károly Nagy): Olvasmány: 23 Zsoltár:

Dávid zsoltára. Az Úr az én pásztorom, nem szűkölködöm. 2 Füves legelőkön terelget, csendes vizekhez vezet engem. 3 Lelkemet felüdíti, igaz ösvényen vezet az ő nevéért. 4 Ha a halál árnyéka völgyében járok is, nem félek semmi bajtól, mert te velem vagy: vessződ és botod megvigasztal engem. 5 Asztalt terítesz nekem ellenségeim szeme láttára. Megkened fejemet olajjal, csordultig van poharam. 6 Bizony, jóságod és szereteted kísér életem minden napján, és az Úr házában lakom egész életemben.

Lied (ungarisch und deutsch): Evangelisches Gesangbuch 316: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, 1-3

1) Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.
Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf,
lasset den Lobgesang hören!

1) Áldjad, én lelkem, a dicsőség erős királyát!
Őnéki menynyei karokkal együtt zengj hálát!
Zúgó harang
Ének és orgonahang,
Mind az ő szent nevét áldják!

2) Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält, wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?

2) Áldjad Őt, mert az Úr mindent oly szépen intézett!
Sasszárnyon hordozott, vezérelt, bajodban védett.
Nagy irgalmát
Naponként tölti ki rád:
Áldását mindenben érzed.

3) Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet.
In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!

3) Áldjad Őt, mert csodaképpen megalkotott téged,
Elkísér utadon, tőle van testi épséged.
Sok baj között
Erőd volt és örömöd:
Szárnyával takarva védett.

Kanzelgruß (Johannes Wittich): Offb. 1,4

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der ist und der war und der kommt.

Kanzelgruß (ungarisch, Károly Nagy)
Predigttext ungarisch (Karoly Nagy): Ján 21, 15-19

15 Miután ettek, így szólt Jézus Simon Péterhez: Simon, Jóna fia, jobban szeretsz-e engem, mint ezek? Ő pedig így felelt: Igen, Uram, te tudod, hogy szeretlek téged! Jézus ezt mondta neki: Legeltesd az én bárányaimat! 16 Másodszor is megkérdezte: Simon, Jóna fia, szeretsz-e engem? Ő ismét így válaszolt: Igen, Uram, te tudod, hogy szeretlek téged. Jézus erre ezt mondta neki: Őrizd az én juhaimat! Harmadszor is szólt hozzá: Simon, Jóna fia, szeretsz-e engem? Péter elszomorodott, hogy harmadszor is megkérdezte tőle: Szeretsz-e engem? Ezért ezt mondta neki: Uram, te mindent tudsz, te tudod, hogy szeretlek téged. Jézus ezt mondta neki: Legeltesd az én juhaimat! 18 Bizony, bizony, mondom neked: amikor fiatalabb voltál, felövezted magadat, és oda mentél, ahova akartál; de amikor megöregszel, kinyújtod a kezedet, más övez fel téged, és oda visz, ahova nem akarod. 19 Ezt azért mondta, hogy jelezze, milyen halállal dicsőíti meg majd Istent. Miután ezt mondta, így szólt hozzá: Kövess engem!

Predigt von Pfr. Kádas (Károly Nagy liest):

Jézus feltámadása után találkozik többször is a tanítványokkal. S a mostani történetünk is a feltámadás után játszódik. Simon Péterhez intézett kérdés talán furcsának és szokatlannak tűnhet. Hogy szereti e Jézust. S mindezt 3 szor kérdezi meg ráadásul. A 3as számon elmerenghetnénk, de sokszor egyfajta megerősítésként használjuk. 3 a magyar igazság. A Szentháromságnak is 3 személye van. S még sorolhatnánk az ókortól kezdve hogy mennyi helyzetben találkozhatunk a fokozásnak ezzel a formájával.

Meghökkentő azonban a kérdés, s nemcsak a fokozás miatt, hanem mert Simon Pétert egy másabb szintre emeli, egy másabb viszonyba helyezi Krisztussal. Hogy ő tudniillik jobban szereti Jézust a többieknél.

Valahogy ide vezethető vissza az, hogy Simon Péter lesz az egyik központi apostol. Pál mellett. Olyannyira, hogy sokan nem is Jézust tartják a keresztyénség megalapítójának, hanem Simon Pétert és Pál apostolt.

Azonban az óegyház tradíciója visszavezet oda, hogy a keresztyénség terjedésében, a misszióban, abban minden apostolnak szerepe volt. Kivétel nélkül mindenki végezte a maga szolgálatát. Még ha nem is olvasunk az összes apostolról. De mint ahogyan egy csapatban, egy közösségben sem ért mindenki mindenhez. Úgy van ez a tanítványok között.

Manapság is. Simon Péternek az a feladat jut, hogy pásztoroljon. Hogy vezesse, terelje Jézus juhait. Ami persze egy olyan kép ami talán ritkán kerül elénk Bécs nagyvárosában.

De mondhatjuk talán úgy is, hogy tartsd egyben a nyájat, tartsd egyben az enyéimet. Gyűjtsd őket össze, óvd őket a gonosztól, a rossztól, hogy ne kallódjanak el.

Nem egy egyszerű feladat. Hiszen az ókortól mind napjainkig látjuk, hogy a keresztyénség folytonosan meg kell küzdjön olyan kihívásokkal, amelyek belülről, s amelyek kívülről is fenyegetik a létét.

S most itt lehetne sorolni, hogy éppen melyik háború, melyik konfliktus, melyik szociális igazságtalanság, melyik ideológia, vagy emberi gyengeség az ami fenyeget. Érdemes figyelemmel lenni és végig gondolni ezeket. S persze mondhatjuk, hogy vannak emberek akiknek csak ez a dolga, hiszen ők a pásztorok. A hivatalos képzett lelkészek, akik kiismerik magukat.

S valóban ennek igazat is adhatunk. Csakhogy létezik egy olyan pásztori szolgálat, amelyet úgy hívunk, hogy egyetemes papság. Azaz hogy bizonyos mértékig mi mindannyian felelősek vagyunk a pásztori szolgálatban való részvételért. De erről a későbbiekben.

Lied (ungarisch und deutsch): Evangelisches Gesangbuch 316: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, 4-5

4) Lobe den Herren, der sichtbar dein Leben gesegnet,
der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran, was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet!

4) Áldjad Őt, mert az Úr megáldja minden munkádat,
Hűsége, mint az ég harmatja, bőven rád árad.
Lásd: mit tehet
Jóságos Lelke veled,
És hited tőle mit várhat.

5) Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen.
Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen.
Er ist dein Licht, Seele, vergiss es ja nicht.
Lob ihn in Ewigkeit! Amen.

5) Áldjad az Úr nevét, Őt áldja minden énbennem!
Őt áldjad, lelkem, és Róla tégy hitvallást, nyelvem!
El ne feledd:
Napfényed Ő teneked!
Őt áldjad örökké! Ámen
.

Predigttext deutsch (Johannes Wittich): Joh. 21,15-19

Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus:
Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

16Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm:

Weide meine Schafe! 17Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

18Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. 19Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Predigt von Pfr. Kádas (Johannes Wittich liest):

Liebe Gemeinde, liebe Schwester und Brüder in Christus!

In unserem Predigttext sehen wir nicht nur den Auferstandenen, sondern auch Simon Petrus in einer zentralen Stellung. Er soll der Hirte sein. Er soll die Lämmer von Jesus weiden. Also als Pastor, als Hirte, soll er sie zusammenführen, von Bösem und Schlechtem beschützten.

Dieses Amt zu erfüllen, war immer eine Herausforderung. Und so ist es auch heute. Aber dieses Amt tragen nicht nur die PfarrerInnen und diejenigen, die offiziell dieses Amt besitzen. Sondern wir alle im Christentum.

Mit einem besonderen Begriff nennt man das: Priestertum aller Gläubigen. Diese Lehre wurde in den Reformbewegungen der Kirche immer wieder aufgenommen. Schon im Altertum und Mittelalter wurde dieser Gedanke wichtig für manche, die die Kirche reformieren wollten, aber grundsätzliche Bedeutung erlangte der Gedanke des Allgemeinen Priestertums erst durch Martin Luther.

Natürlich entstanden später unterschiedliche Meinungen darüber. Sogar sehr radikale, wie bei den Täufern im 16. Jahrhundert, wo dann die theologische Ausbildung und das Pfarramt auch in Frage gestellt wird. Und alles unter der Leitung des Geistes steht.

Wenn wir in die Kirchengeschichte reinschauen, dann merken wir, dass wie viele andere Thesen, auch diese Lehre zu unterschiedlichen Meinungen führte und sogar zu unterschiedlichen Gruppierungen, die dann in Spaltungen endeten.

Meiner Meinung nach spielt das Bedürfnis nach Macht immer eine Rolle. Es klingt vielleicht verblüffend, aber meine bisherigen Erfahrungen haben mir gezeigt, dass auch in den religiösesten, in der Bibel tief verankerten Gemeinschaften Machtspielen auftauchten.

Gedanken wie: mein Glaube ist besser als deiner. Meine Bekehrung ist wahr und gerecht. Hochmut, Überschätzung, aufgeladen mit religiösen Inhalten.

Aber wenn wir über „Priestertum aller Gläubigen“ sprechen, dann sprechen wir über Dienste, die Christinnen und Christen in ihrem eigenen Leben erfüllen. Verantwortung. Wie wir in dieser Welt leben und handeln. In unseren Familien, an unserem Wohnort, in unsere Gemeinde.

Die Beziehung zu Gott, unser Glaube, ermöglicht uns Vieles, gleichwohl sind wir aber dadurch berufen zum Dienst, wo immer wir hingestellt sind. Je nach unseren Begabungen und Fähigkeiten.

Ich kann mich immer noch erinnern wie meine Großeltern es gelebt haben.

Mütterlicherseits waren meine Großeltern ungarisch-griechisch katholisch. Es ist eine Kirche, die den Papst als Oberhaupt anerkennen, aber in der Tradition und in der Theologie sind sie ähnlich der Orthodoxie. Sie lebten in einem Dorf an der rumänischen Grenze in Nordostungarn.

Mein Opa war Kantor in der Kirche für mehr als 70 Jahre. Oma war im Hintergrund, und unterstützte meinen Opa in seinem Dienst auch während des Kommunismus, als sein Dienst nicht so hoch, oder sogar als reaktionär angesehen wurde. Manchmal sollte er an einem Sonntag an 5-8 Messen durchsingen. Er hatte eine herausragende Stimme, und wurde dadurch bekannt in der Region. Sie hatten 5 Kinder, unter anderem meine Mutter, und sie könnten trotz schwieriger Zeiten die Kinder in Würde erziehen.

Jetzt merke ich viel besser, wenn ich zurückblicke, was für einen großen Dienst sie geleistet haben. Nicht nur mein Opa, auch meine Oma. Und zwar aus der Liebe heraus, worüber auch unsere Text spricht.

Überall in unserem Predigttext lesen wir über die Liebe. Jesus fragt Simon Petrus: Liebst du mich? An diesen Stellen wird das Wort „Agape“ verwendet im griechischen Urtext. Also Liebe „umsonst“, so wie uns Gott auch liebt. Bedingungslose Liebe. Als ein grundgebendes Element. Wichtig für dieses Amt, das Simon Petrus erfüllen soll.

Agape, bedingungslose, aber verantwortungsvolle Liebe. Nicht nur für Simon Petrus, auch für uns im allgemeinen Priestertum etwas wichtiges und grundgebendes.

Dass wir nicht aus politischem Kalkül oder nicht von zerstörerischen Ideologien aufgeladen, sondern aus der Liebe Gottes agieren als Christinnen und Christen.

Ich wünsche uns allen, diese Liebe Gottes zu erkennen, und als leitendes Motiv in unserem Leben zu haben.
Amen.

Orgelzwischenspiel: Martin A. Seidl: Ad coenam agni providi von Jean Titelouze (1563 – 1633)
Gebet (Johannes Wittich):

Gott,
du Quelle ungeahnter Möglichkeiten,
wir bringen vor dich, was uns belastet.

Menschen,
die nicht genug zum Leben haben oder ausgegrenzt werden.

Flüchtlinge,
die bei uns Sicherheit und Schutz suchen.

Angehörige und Pflegerinnen,
die sich bei der Betreuung alter und kranker Menschen aufreiben.

Ärzte,
die täglich um Menschenleben kämpfen und oft überlastet sind.

Lehrerinnen und Erzieherinnen,
die Kindern und Jugendlichen einen guten Weg ins Leben zeigen möchten, aber oft an ihre Grenzen kommen.

Schenke uns die Einsicht,
dass es auf jede und jeden von uns ankommt,
um in Gesellschaft und Kirche mitzuarbeiten.
Mache uns bereit, das Gute, das wir empfangen haben, zu teilen;
lass uns zu Botinnen und Boten deiner Liebe werden.
Amen.

(Hannah Hirschberger)

Unser Vater (ungarisch und deutsch gleichzeitig) …

Aaronitischer Segen (deutsch: Johannes Wittich; ungarisch: Károly Nagy):

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Schlusslied: Evangelisches Gesangbuch 300, 1-3, abwechselnd ungarisch und
deutsch

1) Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit,
ihr seine Knechte, steht geweiht
zu seinem Dienste Tag und Nacht;
lobsinget seiner Ehr und Macht.

1) Úrnak szolgái mindnyájan,
Áldjátok az Urat vígan,
Kik az Ő házában éjjel
Vigyázván vagytok hűséggel.

2) Hebt eure Hände auf und geht
zum Throne seiner Majestät
in eures Gottes Heiligtum,
bringt seinem Namen Preis und Ruhm.

2) Felemelvén kezeteket,
Dicsérjétek Istenteket,
Szívből néki hálát adván,
Őt áldjátok minduntalan.

3) Gott heilge dich in seinem Haus
und segne dich von Zion aus,
der Himmel schuf und Erd und Meer.
Jauchzt, er ist aller Herren Herr!

3) Megáldjon téged az Isten,
A Sionról kegyelmesen,
Ki teremtette az eget,
A földet és mindeneket.

Orgelnachspiel: Martin A. Seidl:

Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst mit Abendmahl zum Ostersonntag
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten am 17. April 2022
mit Pfr. Johannes Wittich


Orgelvorspiel: Juliane Schleehahn:
Lied: Evangelisches Gesangbuch, 450, 1-3: Morgenglanz der Ewigkeit

1) Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschöpften Lichte,
schick uns diese Morgenzeit
deine Strahlen zu Gesichte
und vertreib durch deine Macht
unsre Nacht.

2) Deiner Güte Morgentau
fall auf unser matt Gewissen;
lass die dürre Lebensau
lauter süßen Trost genießen
und erquick uns, deine Schar,
immerdar.

3) Gib, dass deiner Liebe Glut
unsre kalten Werke töte,
und erweck uns Herz und Mut
bei entstandner Morgenröte,
dass wir eh wir gar vergehn,
recht aufstehn
.

Spruch: Offb. 1,18:

Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Begrüßung:

Christi Sieg über den Tod ist besonders im Buch der Offenbarung ein Ereignis von kosmischer Dimension. Es stellt die Weltordnung auf den Kopf. Diese Vorstellung will heruntergebrochen sein auf unser Leben, mit der Frage: was bedeutet das für mich persönlich?

Ein Beispiel für so einen erlebten Durchbruch finden wir im 118. Psalm:

Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte Gottes behält den Sieg!
Die Rechte Gottes ist erhöht; die Rechte Gottes behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben,
sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist durch Gott geschehen
und ist ein Wunder vor unseren Augen.
Dies ist der Tag, den Gott macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

In dieser Freude feiern wir Gottesdienst, im Namen des Vaters und des Sohnes …

Gebet:

Gott, wir hören die Botschaft.
Jesus ist aus dem Grab erstanden.
Der Tod hat seine Macht verloren.
Das wollen wir glauben.
Wenn wir die Welt anschauen,
wie sie ist, mit ihren Kriegen und Krisen,
den ungelösten Problemen und Herausforderungen,
wachsen unsere Zweifel.
Vielleicht hat doch der Tod das letzte Wort?
Gott, was Menschen vor uns geglaubt haben,
worauf sie gehofft, wofür sie sich in ihrem Leben eingesetzt haben,
das will auch uns bewegen und antreiben:
Du, Gott, bist unter uns lebendig.
Wir bekennen uns zur Auferstehung des Lebens.
Der Tod hat seine Macht verloren.
Das dürfen wir heute wiederholen.
Schenke uns Mut und Ausdauer
für unser Leben als Christinnen und Christen,
durch das Hören auf dein Wort.
Du bist da.
Amen.

Lesung: Der Prophet Jesaja rühmt die Größe Gottes: Jesaja 40, 26-31:

26Blickt nach oben
und seht: Wer hat dies alles geschaffen?
Er, der ihr Heer hervortreten lässt, abgezählt,
sie alle ruft er mit Namen herbei.
Der Fülle an Kraft wegen, und weil er vor Kraft strotzt,
geht kein Einziger verloren.
27Warum, Jakob, sagst du,
und, Israel, warum sprichst du:
Mein Weg ist dem Herrn verborgen,
und mein Recht entgeht meinem Gott?
28Hast du es nicht erkannt, hast du es nicht gehört:
Ein ewiger Gott ist der Herr,
der die Enden der Erde geschaffen hat!
Er ermattet nicht und wird nicht müde,
seine Einsicht ist unerforschlich.
29Dem Ermatteten gibt er Kraft,
und wo keine Kraft ist, gibt er grosse Stärke.
30Und junge Männer ermatten und werden müde,
Männer straucheln unvermeidlich.
31Die aber, die auf den Herrn hoffen, empfangen neue Kraft,
wie Adlern wachsen ihnen Schwingen,
sie laufen und werden nicht müde,
sie gehen und ermatten nicht.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 116, 1-3: Er ist erstanden, Halleluja
Predigttext: Jh. 20, 24-29:

24Thomas aber, einer der Zwölf, der auch Didymus genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sagte zu ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben. 26Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen, und Thomas war mit ihnen. Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, und er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! 27Dann sagt er zu Thomas: Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29Jesus sagt zu ihm: Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben!

Predigt:

Liebe Gemeinde!

Es gibt einen Cartoon, der diese Szene in unsere Zeit überträgt. Da sieht man die Jünger, wie sie sich online zu einer Videokonferenz versammeln. Und plötzlich erscheint in einem der Fenster auf dem Bildschirm der Name von Jesus und seine Stimme ist zu hören. Allerdings: es ist kein Bild zu sehen. Die Jünger sind erstaunt, aber auch sichtlich erfreut, dass Jesus sich „zugeschaltet“ hat. Bis auf Thomas. Der meint: „Solange Jesus seine Kamera nicht eingeschaltet hat, glaube ich nicht, dass er es wirklich ist.“

Nun wissen wir alle, dass in der virtuellen Welt so ziemlich alles möglich ist, wenn es um Illusionen und Täuschungen geht. Daher taugt der Cartoon nur bedingt als aktuelle Fassung oder Modernisierung der Thomas-Geschichte. Mehr noch: er hat mir wieder deutlich werden lassen: in der Begegnung zwischen Jesus und Thomas geht es um eine echte Berührung, keine virtuelle. Thomas „liked“ Jesus nicht und bekommt im Gegenzug auch keine Freundschaftsanfrage. Nein, es geht um etwas ganz Reales. Den Finger in die Wunde legen. Sprichwörtlich geworden: etwas ansprechen, so wie es ist. Auch wenn es unangenehm ist, schmerzt.

Ich würde das gerne die „Thomas-Methode“ nennen, um an Dinge heranzugehen: Hineingreifen, hineinhören, hineinfühlen in die Wunden dieser Welt.

Wen oder was spüren wir, wenn wir in eine Wunde dieser Welt hineingreifen? Uns wirklich mit einem schweren, tragischen, belastenden, schockierenden Aspekt menschlicher Existenz beschäftigen. Wirklich beschäftigen, nicht nur mit dem Kopf, nicht nur theoretisch, nicht nur zur Erweiterung unseres Wissens darüber, was es so alles gibt, wie das manch eine voyeuristische Fernsehdokumentation tut. Sondern uns wirklich hineinbegeben in eine reale Lebenssituation: einen kranken Menschen pflegen. In einer Familienkrise vermitteln. Uns um einen Flüchtling kümmern. Einem Obdachlosen zuhören. Einem Jugendlichen abnehmen, dass er ganz einfach nicht weiß, wohin sein Leben geht und daher gar nicht anders kann, als sich seltsam zu benehmen.

Wen oder was spüren wir, wenn wir voll hineingreifen in eine Wunde dieser Welt?

Wir spüren Gott selbst. Der sich auf die Wunden dieser Welt einlässt. Das Leiden Jesu repräsentiert sozusagen fokussiert das Leiden in dieser Welt. Ist Beispiel dafür, auf Golgatha, welche Wunden Menschen einander zufügen können in ihrer Gemeinheit, Rücksichtslosigkeit, aber auch durch Wurschtigkeit und Mangel an Interesse füreinander. Körperliche Wunden, aber auch und besonders: seelische Wunden. Seit Jesu Tod ist das wichtiger Kernpunkt unseres Glaubens: Gott ist erst recht da, wenn es um die Wunden dieser Welt geht, um das Unverständliche und Inakzeptable, wenn gejammert und geklagt, ja auch geschimpft und protestiert wird. Gott ist da, wenn Menschen nur noch entsetzt den Kopf schütteln können, ebenso wie wenn sie wütend werden.

Je ernster die Auseinandersetzung mit dem, was nicht in Ordnung ist, desto mehr könnte man an dieser Welt verzweifeln. Manchmal denken wir uns doch alle: Besser wäre es doch, nicht alles mitzukriegen, Scheuklappen aufzusetzen, tun, als ob eh alles okay wäre, verdrängen, aus der Realität fliehen. Aber wir wissen: Es fehlt dann auch etwas. Glaube braucht eine „Erdung“ in dem, was tatsächlich und wirklich um uns herum los ist.

Auch bei Thomas geht es darum, eine greifbare Basis für seinen Glauben zu finden, den Körper Jesu anzugreifen und in den Wunden den sicheren Beweis zu haben, dass es auch tatsächlich dieser gekreuzigte Jesus ist, den er da vor sich stehen hat. Dass der, der vor ihm steht, wirklich der ist, der das alles mitgemacht hat. Aber es passiert ja noch mehr: Jesus kommt ja nicht zur Tür hereinspaziert. Er steht plötzlich im Raum, obwohl die Türen verrammelt sind. Im Augenblick des „Beweises“ tun sich ja eigentlich mehr und neue Fragen auf. Thomas, so denke ich, wird auch in diesem Augenblick gedanklich nicht zur Ruhe kommen. Gewiss: Er weiß jetzt, dass Jesus lebt. Wichtig, ja. Aber gleichzeitig weiß er eigentlich noch gar nichts. Warum Jesus leiden musste – der Sinn dieser Wunden. Was Gott damit zum Ausdruck gebracht hat, welche Handlung er damit gesetzt hat. Und was das alles jetzt für seine, Thomas‘, Zukunft, für die Zukunft seines Glaubens zu bedeuten hat.

Und da, denke ich, wird klar: unser Glaube braucht beides: Die Erkenntnisse mit Hirn und Verstand, im Kopf, über Gott, seine Liebe zu uns, dass wir ihm vertrauen können. Und dann aber wieder auch die Erfahrungen und Erlebnisse, Gott gespürt, mit den Sinnen wahrgenommen. Möglich im Berühren der Wunden dieser Welt, nicht nur, aber auch. Nicht nur im Berühren, sondern im Erleben der Auswirkungen: Kontakt, Nähe, positive Reaktionen, Dankbarkeit, Freude, Zufriedenheit – in der Begegnung von Menschen nicht nur das Schwere, sondern auch das Tröstliche erleben. Boten Gottes füreinander werden, einander die Augen öffnen für Gottes Nähe.

Mit ein bisserl Wunden berühren ist es eben nicht getan. Schon damals bei Thomas nicht. Auch heute nicht. Erlebnisse der Begegnung mit Gott sind unendlich wichtig. Aber sie müssen dann auch wieder „verdaut“ werden. Verstanden werden als Zeichen, die uns im Glauben weiterbringen. Unser Denken als Glaubende wieder ein bisserl ordnet, Perspektiven verschiebt, Schwerpunkte, Wichtigkeiten neu setzt. Uns herausfordert. Und befähigt, beides zu tun, aus beidem gleich viel schöpfen zu können. Glauben zu können, ohne immer sehen uns spüren zu müssen. Aber uns auch umso mehr gestärkt und bestätigt zu fühlen, wenn wir Wunder unseres Glaubens sehen und spüren. Wunder der Nähe Gottes. Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 229, 1-3: Kommt mit Gaben und Lobgesang
Einführung zum Abendmahl: Jh. 6,35

Jesus Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“

Wir feiern Abendmahl miteinander, zusammengeführt durch den Geist Gottes an den Tisch Jesu Christi. So wollen wir daran denken, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, und was wir heute mit ihm erleben und erfahren können, wenn wir in seinem Namen essen und trinken.

Einsetzungsworte:

Jesus Christus,
in der Nacht, in der er verraten wurde,
nahm er das Brot, dankte, brach es und sprach:
Nehmt, esst, das ist mein Leib,
der für euch gegeben wird;
Das tut zu meinem Gedächtnis
.
Ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl und sprach:
Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.
Das tut, sooft ihr daraus trinkt,
zu meinem Gedächtnis.
Denn sooft ihr dieses Brot esst
und aus diesem Kelch trinkt,
verkündigt ihr den Tod Jesu Christi,
bis dass er kommt
.

Gebet:

Gott, lieber Vater und Schöpfer von allem,
wir bekennen dich als Anfang und Ende.
Dir verdanken wir unser Leben.
Auf dich hoffen wir in unserem Sterben.
Dir sind wir anvertraut in Ewigkeit.
Du hörst unser Gebet in Dank und Bitten.
Du, Gott, widersprichst dem Tod.
Wir danken dir für die hoffnungsvolle Botschaft.
Hilf uns, dass wir uns an dieser Botschaft ausrichten,
ihr ganz vertrauen.
Amen
.

Zuspruch: Jes. 54,10

Denn die Berge werden weichen und die Hügel wanken, meine Gnade wird aber nicht von dir weichen, und mein Friedensbund wird nicht wanken, spricht Gott, der sich deiner erbarmt.

Einladung:

Wir sind eingeladen zum Tisch Jesu Christi. Kommt, es ist alles bereit;
seht und schmeckt, wie freundlich Gott ist.

Austeilung:

Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Dank- und Fürbittegebet:

Wir danken dir, gütiger Gott,
an deinem Tisch sind wir zusammengekommen,
ohne Unterschiede, ohne Angst.
Nun sind wir mit dir und miteinander verbunden.
Wir sind nicht allein.
Miteinander sind wir auf dem Weg des Glaubens,
der Liebe und der Hoffnung.
Hilf uns, freundlich und liebevoll miteinander umzugehen.
So werden wir deine Liebe weitergeben,
dein Lächeln verschenken und deine Geduld bei uns bewahren.

Wir bitten dich für alle,
denen der Glaube schwerfällt,
weil sie ängstigende und lebensbedrohende Erfahrungen gemacht haben.
Lass sie sich von Menschen begleitet sehen,
die ihnen liebevoll und achtsam beistehen.

Wir bitten dich für die Menschen,
die in Kriegs- und Elendsgebieten der Erde
nach Gerechtigkeit schreien und um ihr Überleben kämpfen müssen.
Lass Menschen mit Mut und Fantasie neue Wege suchen,
damit niemand mehr hungert
und alle am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Wir bitten dich heute besonders für alle,
denen der Tod von lieben Menschen immer noch nachgeht.
Schenke ihnen, dass sie sich selber als lebendig wahrnehmen können,
und gib ihnen das Zutrauen, dass ihre Lieben bei dir gut aufgehoben sind.

Wir bitten dich auch für alle, die Kranken und Sterbenden beistehen,
in den Hospizen, Heimen und Krankenhäusern, aber auch in vielen Familien.
Stärke und ermutige du dort, wo Müdigkeit oder alltägliche Routine
die Liebe zu ersticken drohen.

Alles, was wir auf dem Herzen haben, bringen wir vor dich, wenn wir beten:

Unser Vater im Himmel …

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 395, 1-2: Vertraut den neuen Wegen
Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 395, 3
Orgelnachspiel: Juliane Schleehahn: Praeludium in F-Dur von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

Foto: Franz Radner

 

 

 

Gottesdienst mit Abendmahl
aus der reformierten Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, am 15. April 2022,
Karfreitag mit Pfr. Johannes Wittich


Orgelvorspiel: Anton Brewis: Improvisation

Mit freundlicher Genehmigung des Komponisten.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 97, 1-3.6: Holz auf Jesu Schulter
Spruch: Jes. 53, 5b:

… auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren.

Begrüßung:

Dass es so viel braucht, damit unsere Beziehung zu Gott wieder heil wird, dass ist das schwer Begreifbare an der Botschaft des Karfreitags. Andererseits: wir wissen und spüren, wie sehr in diese Welt aus dem Lot ist, und das hat Einfluss auf unser Leben.

Bereits im „ganz Unten“ Jesu steckt das Potential für seinen Aufstieg, seine Auferstehung. Das ist kein Widerspruch, sondern zeigt uns nur die weite Dimension dieses Tages. Es geht um den schonungslosen Blick auf das Dunkle dieser Welt – der gleichzeitig durch seine Ehrlichkeit den Weg frei macht für Hoffnung.

So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet:

Guter Gott,
wir stehen unter dem Kreuz deines Sohnes
und tun uns schwer:
Es ist schwer zu verstehen, was geschieht.
Der Gedanke ist schwer,
dass dieses Leiden mit uns zu tun hat.
Es fällt uns schwer zu gestehen,
dass viele aus dieser Welt einen gnadenlosen Ort gemacht haben.
Es widerstrebt uns,
diesen Weg des Leidens mitzugehen.
Wir stehen unter dem Kreuz,
damit wir die Wahrheit aushalten lernen:
Deine Wahrheit und unsere Wahrheit.
Wir stehen heute unter dem Kreuz,
damit wir uns versöhnen lassen mit dir.
Öffne unsere Herzen
für das, was dein Sohn aus Liebe getan hat,
damit wir uns von dieser Liebe tragen lassen,
dem Tod das Leben entgegenstellen können.
Amen.

Lesung: Ps. 22 (in Auswahl):

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Du aber bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,
du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.
Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,
alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst;
mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.
Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe,
und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.
Sie teilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los um mein Gewand.
Aber du, Herr, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 85, 1-4: O Haupt voll Blut und Wunden

1) O Haupt voll Blut und Wunden,
Voll Schmerz und voller Hohn,
O Haupt, zum Spott gebunden
Mit einer Dornenkron;
O Haupt, sonst schön gezieret
Mit höchster Ehr’ und Zier,
Jetzt aber höchst frech verhönet:
Gegrüßet sei’st du mir!

2) Du edles Angesichte,
Davor sonst schrickt und scheut
Das große Weltgewichte,
Wie bist du so bespeit!
Wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
Dem sonst kein Licht nicht gleichet,
So schändlich zugericht?

3) Die Farbe deiner Wangen,
Der roten Lippen Pracht
Ist hin und ganz vergangen;
Des blassen Todes Macht
Hat alles hingenommen,
Hat alles hingerafft,
Und daher bist du kommen
Von deines Leibes Kraft
.

4) Was du, Herr, hast erduldet,
Ist alles meine Last;
Ich, ich hab’ es verschuldet,
Was du getragen hast.
Schau her, hier steh’ ich Armer,
Der Zorn verdienet hat;
Gib mir, o mein Erbarmer,
Den Anblick deiner Gnad
.

Predigt: Matthäus 27, 33-55:

33 Und als sie an den Ort namens Golgota kamen – das heisst ‹Schädelstätte› -, 34 gaben sie ihm Wein zu trinken, der mit Wermut vermischt war, und als er gekostet hatte, wollte er nicht trinken. 35 Nachdem sie ihn aber gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider unter sich, indem sie das Los warfen; 36 und sie sassen dort und bewachten ihn. 37 Und sie brachten über seinem Haupt die Inschrift an, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden. 38 Dann wurden mit ihm zwei Räuber gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. 39 Die aber vorübergingen, verwünschten ihn, schüttelten den Kopf 40 und sagten: Der du den Tempel niederreissen und in drei Tagen wieder aufbauen willst, rette dich selbst, wenn du der Sohn Gottes bist, und steig herab vom Kreuz! 41 Ebenso spotteten die Hohen Priester mit den Schriftgelehrten und den Ältesten und sagten: 42 Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Der König Israels ist er doch: So steige er jetzt vom Kreuz herab, und wir werden an ihn glauben. 43 Er hat auf Gott vertraut; der soll ihn jetzt retten, wenn er will, er hat ja gesagt: Ich bin Gottes Sohn. 44 Ebenso verhöhnten ihn die Räuber, die mit ihm gekreuzigt wurden. 45 Von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani!, das heisst: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! 47 Als einige von denen, die dort standen, das hörten, sagten sie: Der ruft nach Elija. 48 Und sogleich lief einer von ihnen hin und nahm einen Schwamm, tränkte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihn rettet. 50 Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme und verschied. 51 Und siehe da: Der Vorhang im Tempel riss entzwei von oben bis unten, und die Erde bebte, und die Felsen barsten, 52 und die Gräber taten sich auf, und die Leiber vieler entschlafener Heiliger wurden auferweckt. 53 Nach der Auferweckung Jesu kamen sie aus den Gräbern hervor und zogen in die heilige Stadt und erschienen vielen. 54 Als aber der Hauptmann und seine Leute, die Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und was da geschah, fürchteten sie sich sehr und sagten: Ja, der war wirklich Gottes Sohn! 55 Es waren dort viele Frauen, die von ferne zuschauten; sie waren Jesus aus Galiläa gefolgt und hatten ihn unterstützt. 56 Unter ihnen waren Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

Liebe Gemeinde!

Wir hören vom Tod eines Menschen, den wir gut kannten. Ein Schulfreund, eine Arbeitskollegin, ein Nachbar, die Verkäuferin, die uns immer so freundlich bedient hat. Wir kontaktieren Freunde oder Angehörigen, kondolieren, drücken unser Mitgefühl aus. Und fragen dann oft nach: Wie ist es dem Verstorbenen, der Verstorbenen, in den letzten Monaten, Wochen, Tagen seines Lebens gegangen? Wie ist er, wie ist sie gestorben? Und hoffen auf eine Antwort wie: Er ist ganz friedlich hinübergegangen. Sie konnte ganz gelöst loslassen. Wir bitten um einen Bericht über das Sterben dieser Person, und hoffen, dass genau dieser Bericht uns trösten kann, den Schrecken nimmt, uns zeigt: Der Tod ist nicht nur schlimm. Berichte von friedlichem, gelassenem Sterben, die sind wichtig. Wir erkennen darin Hoffnungszeichen, selbst im Schrecken, den jede Todesnachricht in uns auslöst.

Auch hier, im Matthäusevangelium, ist es ein Bericht über ein Sterben. Auch so ein Bericht, der trotz Allem Hoffnung macht? Was wird uns da erzählt, über den Sterbenden, über die Menschen, die ihm begegnen? Tröstliches selbst im Dunkeln?

Auf den ersten Blick sicherlich nicht. Aber schauen wir einmal näher hin. Welche Menschen begegnen uns da, welche Reaktionen, welcher Umgang mit dem Tod?

Da sind die römischen Soldaten. Sie tun ihre Pflicht. Ihr Auftrag ist die Vollstreckung der Todesstrafe. Dabei werden sie von ihren Vorgesetzten durchaus ermutigt, besonders sadistisch zu sein. Abgebrüht und zynisch veranstalten sie unter den Augen Jesu ein Würfelspiel um seine Kleider. Nach römischem Brauch wird der Schuldspruch des Verurteilten zur Abschreckung für andere ans Kreuz geheftet. Da steht nun:: “Jesus von Nazareth, der König der Juden”. Nicht wirklich ernst, sondern nur boshaft ironisch gemeint; kein Römer glaubt, dass hier ein jüdischer König hingerichtet wird.

Und dann sind da die Zuschauer, das sensationsgierige Publikum. Wie war das noch vor wenigen Tagen: „Hosianna“ haben sie gerufen, Palmzweige auf den Weg gestreut. Warum kommen sie jetzt zur Hinrichtungsstätte? Erwarten sie eine weitere Sensation? Vielleicht hat Jesus sie zuvor beeindruckt. Jetzt müssen sie wieder Distanz zwischen sich und ihm errichten. Zu bedrängend ist der Anblick dessen, der da am Kreuz hängt. Und sie schützen sich selbst vor ihren wahren Gefühlen mit spöttischer Distanz: “Hilf dir doch selbst, wenn du Gottes Sohn bist!”

Auch das religiöse „Establishment“ hat sich eingefunden. Ihnen ist Jesus seit langem ein Dorn im Auge. Dieser Zimmermannssohn aus Nazareth. Was der sich eingebildet hat! Dieser überhebliche Mensch wollte Gott einfach so ins Alltagsleben ziehen. “Das Reich Gottes ist mitten unter uns”, hat er gepredigt. Und er tat so, als hätte er ein ganz besonders enges Verhältnis zum Allmächtigen, zum Ewigen, zum Schöpfer der Welt. „Vater“ hat er ihn genannt. Die Traditionen, das, was von alters her Autorität hatte, das hat er dadurch in Frage gestellt. Wenn Gott es wollte, könnte er diesen Jesus jetzt retten. Offensichtlich will er das aber nicht. Also doch Recht gehabt mit der Skepsis diesem angeblichen Messias gegenüber.

Und seine Freunde? Die haben es mit der Angst zu tun bekommen. Die haben die Flucht ergriffen. Nur aus der Ferne, berichtet Matthäus, beobachten einige Frauen das grausige Spiel auf Golgatha. Sie sind ihm aus Galiläa bis hierhin nach Jerusalem gefolgt. Haben sich damit Rechte genommen, die Frauen zu damaligen Zeit nicht zugestanden wurden. Hier enden mit dem Leben Jesu auch ihre Hoffnungen. Sie haben ihm vertraut. Sie haben Zeichen und Wunder gesehen. Sie haben in seiner Gegenwart erfahren, wie nahe Gott sein kann. Der Traum von Jesus als dem Messias, dem Retter, von dem, der Gott ganz zu den Menschen bringt, und Menschen dazu ermutigt, ihren Weg selbstbestimmt zu gehen, scheint ausgeträumt.

Jesus hängt am Kreuz. In der schwersten Stunde sieht es so aus, als wäre keiner da. Wirklich keiner. Auch Gott nicht. Stockfinster ist es um Jesus; Jesus, der Licht in das Leben der Menschen gebracht hat. Jesus, der von sich selbst gesagt hat: “Ich bin das Licht der Welt.”

Andere haben bei ihm die Nähe Gottes gespürt. Nichts lässt ihn jetzt selbst die Gegenwart Gottes fühlen. Es schreit zum Himmel. Und er schreit zum Himmel in seiner Gottverlassenheit: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Aber der scheint zu schweigen.

Keine erlösende Antwort in Sicht? “Mein Gott, warum hast du mich verlassen?” – kann das einer rufen, der keine Beziehung zu Gott mehr hat? Wohl kaum. Auch der Schrei des Verlassenen hat noch einen Adressaten. Auch in der Einsamkeit hält Jesus daran fest, dass Gott ihn hört und wahrnimmt. Auch in der Beziehungslosigkeit beharrt der Gekreuzigte darauf, dass da einer ist. Dass Gott da ist.

Gott wird angerufen, beklagt, angeklagt. Die Verbindung ist nicht abgebrochen. Mit seinem Kreuz, am Kreuz hängend, zieht Jesus Gott in die dunkelsten Niederungen unserer Wirklichkeit hinein, einer Wirklichkeit, die so tut, als sei Gott nicht mehr da. Am Kreuz konfrontiert Jesus in seinem Ruf nicht nur uns Menschen, sondern auch Gott mit der dunkelsten Realität, die nur denkbar ist. Und zeigt damit: Gott selber lässt sich anrufen, anklagen, ansprechen. Er lässt sich nicht nur ins Leben, sondern auch in den Tod ziehen. Er lässt sich ein auf das, was keiner will und jeder erleiden muss: das Sterben, das Ende, den letzten Atemzug. Gott kennt den Tod.

Jesus schreit und stirbt. Die Sonne verfinstert sich. Über den Soldaten, dem Volk, den Frommen und den drei Kreuzen auf Golgatha geht das Licht aus. Gott hüllt die Welt ins Dunkel. Die Erde bebt. Gräber öffnen sich. Der Vorhang im Tempel zerreißt und gibt den Blick frei auf das Allerheiligste, den Bereich, den sonst nur der Hohepriester betreten durfte. Jesus stirbt – und der Zugang zu Gott öffnet sich. Der Tempel wird ein offenes Heiligtum.

Im Gekreuzigten auf Golgatha zeigt sich: Gott ist uns nahe! Im Leben und im Tod. Im Licht und im Dunkel. Im Glück und im Leid. In der Solidarität und der Einsamkeit: Gott lässt sich hineinziehen in das Leben – ganz so, wie Jesus es erlebt und gepredigt hat. Vom ersten bis zum letzten Atemzug.

Auch bei Jesus bleibt die Frage nach dem “Warum”. Das macht ihn sehr menschlich. Ein Mitmensch im Leiden. Ein Mitmensch im Fragen. Ein Mensch, der den Zweifel kennt und die Angst und den Schmerz des Verlassenseins. Ein Mensch, der Fragen und Zweifel, Klage und Trauer nicht für sich behält, sondern herausschreit in der Hoffnung: Gott hört. Gott ist da. Gerade da, wo sonst keiner sein will. Mitten im Tod.

„Seht, welch ein Mensch“, sind auch wir versucht zu sagen. Seht, welch ein Mensch! – Gottes Sohn, Gott mitten unter uns, ganz tief unten, ganz da. Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 228, 1-3: Er ist das Brot
Abendmahl:

Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

So hören wir seine Einladung, wie er mit seinen Jüngern das Mahl gehalten hat und was er uns darin aufträgt und verspricht.

Einsetzungsworte:

Jesus Christus, in der Nacht, in der er verraten wurde, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Nehmt, esst, dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird; solches tut zu meinem Gedächtnis.

Ebenso nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; solches tut, sooft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr des Herrn Tod, bis dass er kommt.

Abendmahlsgedanken:

Wir sind hineingenommen in die Geschichte Jesu Christi. Sein Leiden, Karfreitag, sein Tod, ist auch unsere Geschichte. Geht unter die Haut, weil sie sozusagen alle unerklärlichen Fragen, Sorgen, Nöte unseres Lebens bündelt.

Wir bleiben aber nicht stehen beim unerklärlich Angstmachenden und Schrecklichen. Der Weg Jesu ist weitergegangen – durch den Tod zum Leben. Zum unvergänglichen Leben.

Und wir können diesen Weg mit ihm gehen. Im gemeinsamen Feiern an seinem Tisch.

Austeilung:

Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Dankgebet:

Guter Gott, wir danken dir,
dass du uns an diesem Tag stärkst
mit dem Brot des Lebens und dem Kelch des Heils.
In Brot und Wein kam uns dein Sohn Jesus Christus ganz nahe.
Mit ihm leben wir.
So stärke uns immer neu diesen Glauben
und erhalte ihn lebendig durch deinen Geist.
Schenke uns die Zuversicht,
dass uns nichts scheiden kann von deiner Liebe.

Bleibe bei allen, die leiden, weil sie sich zu dir bekennen.
Bleibe bei allen, denen es schwer fällt,
sich zu versöhnen und auf andere zuzugehen.
Bleibe bei allen, die krank sind an Leib oder Seele,
die verzweifelt sind und ohne Hoffnung.
Bleibe bei allen, die versuchen, das Leid in der Welt zu lindern.
Bleibe bei den Sterbenden und bei denen, die sie begleiten und um sie trauern.
Bleibe du bei uns und hilf uns denen beizustehen,
an die du uns gewiesen hast.

Und gemeinsam beten wir:

Unser Vater im Himmel …

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 79, 1-2: Wir danken dir, Herr Jesu Christ

1) Wir danken dir, Herr Jesu Christ,
dass du für uns gestorben bist
und hast uns durch dein teures Blut
gemacht vor Gott gerecht und gut

2) und bitten dich, wahr Mensch und Gott:
Durch deine Wunden, Schmach und Spott
erlös uns von dem ewgen Tod
und tröst uns in der letzten Not.

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch, 79, 3-4

3) Behüt uns auch vor Sünd und Schand
und reich uns dein allmächtig Hand,
dass wir im Kreuz geduldig sein,
uns trösten deiner schweren Pein

4) und schöpfen draus die Zuversicht,
dass du uns wirst verlassen nicht,
sondern ganz treulich bei uns stehn,
dass wir durchs Kreuz ins Leben gehn.

Orgelnachspiel: Anton Brewis: Ancient Hymn, “Alla Trinita Beata.” von John Hiles (1810 – 1882)