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Predig am 25. Dezember 2025 in der Erlöserkirche
Predigttext – Titus 3,4-7: „Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien, nicht aufgrund von gerechten Taten, die wir getan hätten, sondern weil er Erbarmen hatte mit uns, da rettete er uns durch das Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung im heiligen Geist, den er in reichem Masse über uns ausgegossen hat, durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir, durch seine Gnade gerecht gemacht, das ewige Leben erben, auf das wir unsere Hoffnung gesetzt haben.“ Predigt – Gerti Rohrmoser & Leopold Potyka: Liebe Gemeinde, nicht gerade knapp bemessen kommen hier die hohen theologischen Begriffe daher. Beinahe alle unserer zentralen Begrifflichkeiten und Fachausdrücke scheinen vertreten. Ein richtiges Fest der Theologie ist dieser kurze Abschnitt aus dem leider so selten genutzten und bepredigten Titusbrief. Interessanterweise haben wir einen der Verse auf einer unserer Abendmahlstischdecken – was für ein origineller Zufall! Ganz viel Theologie steckt in diesen Versen. Ganz viele Dinge, die für unseren christlichen Glauben so zentral sind. Die für Weihnachten so zentral sind. „Weihnachten in a nutshell“ – so hat ein Theologe diesen Abschnitt aus dem Brief an Titus genannt. Weil es das wirklich ist, weil hier in denkbar knapper und komprimierter Form alles ausgesagt wird, was in unserem Glauben, aber besonders auch am Fest der Geburt unseres Herrn, zentral und elementar ist. Und doch kann ich mir nicht helfen und stolpere beim Hören und Lesen (wir beide hatten ja das Privileg, diesen dichten Text lange und genau lesen zu können) – über eine zunächst recht banal anmutende Begrifflichkeit. Über das „Bad“. Genauer; das „Bad der Wiedergeburt“. Das klingt doch gar nicht nach Weihnachten, zumindest bringe ich es beim ersten Hören nicht gut zusammen…
Ja, lieber Leo, Du hast völlig recht, der Text ist im Grunde die Zusammenfassung der Guten Nachricht von Weihnachten schlechthin. – Auch wenn sich das nicht auf den ersten Blick erschließt. Ich selbst dacht beim Vorbereiten auch: „Pfff, na ja…“ aber nach einigem Nachdenken. … Weihnachten ist die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes und in unserem Text geht es quasi um ein riesiges Weihnachtsgeschenk, das Gott uns macht, Nicht weil wir so brav und folgsam waren, sondern einfach so. Weil er uns einfach wahnsinnig gern hat. Er schenkt uns… nennen wir es einen „Reisgutschein“ für eine tolle „Adventure-Tour“, unsere Lebensreise. Damit die aber so richtig gut wird, brauchen wir zwei – nennen wir es „Verkehrsmittel“. Das eine ist das Bad der Wiedergeburt. Mit dem tu ich mich ehrlich gesagt noch vergleichsweise leicht. Gemeint ist mit diesem Begriff natürlich nicht die Wiedergeburt, wie die Buddhisten sich das vorstellen, in dem Sinn also, dass wir so lang wiedergeboren werden bist wir vollkommen sind. Gemeint ist damit die Taufe. Zur Zeit als unser biblischer Text entstand, war das noch eine bewusste Entscheidung erwachsener Menschen. Heute lassen in aller Regel Eltern ihr Kind taufen und schaffen ihm damit schon einmal einen guten Anfang um sich mit dem geschenkten Reisegutschein auf den Weg zu machen. Sie können sich von Anfang an auf die Menschenfreundlichkeit Gottes verlassen und dürfen ohne schweres Gepäck aus Sünde und Schuld losmarschieren, im Vertrauen darauf, dass Gott ihnen gut ist und somit auch für sie alles gut werden kann. Mehr Kopfzerbrechen macht mir das 2. Verkehrsmittel, die Erneuerung im Heiligen Geist… Das klingt für mich so, als könnten wir das große weihnachtliche Geschenk tatsächlich nicht vom Sofa oder aus dem vollklimatisierten Comfort-Bus heraus genießen, sondern müssten uns bewegen, unsere Komfortzone immer wieder hinter uns lassen…
Das ist ganz sicher so! Leben im Glauben und aus dem Glauben ist nie etwas, das sich aus der Bequemlichkeit heraus tun lässt. „Losmarschieren“ hast du vorhin gesagt – das ist ja auch etwas, das immer damit verbunden ist, sich aufzuraffen, die Schuhe anzuziehen, die Couch oder das Bett zu verlassen, hinauszugehen wo es wahlweise zu kalt oder zu warm ist. Der Glaube und die Gaben Gottes sind etwas, das immer damit verbunden ist, etwas hinter sich zu lassen, etwas vielleicht auch loszulassen, in jedem Fall aber weiterzukommen – nicht am Sofa, aber auch nicht im Hamsterrade zu verweilen. „Erneuerung“ heißt’s schließlich. Und das geht nie ohne eine gewisse Anstrengung – gleich, worum es konkret geht. Das schöne an dieser Erneuerung von der hier die Rede ist, ist dabei, dass wir all das Anstrengende das damit verbunden ist; das Loskommen, das Aufraffen, das Dranbleiben, nicht alleine bewerkstelligen müssen, dass es nicht unser eigenes Tun ist, das hier alleine gefragt ist. Es ist keine Erneuerung die wir wirken – weil wir so innovativ, kreativ, modern oder geistig beweglich sind. Es ist zunächst etwas, das überhaupt nicht von uns kommt, sondern das Gott wirkt und bewirkt. Es geht am Anfang von ihm aus, von Gott und seinem Heiligen Geist; er ist der Sender dieser Erneuerung, die uns, wie es heißt „errettet hat“ – das Verkehrsmittel, um in deinem Bild zu bleiben, kommt vom Himmel und ist nicht von uns gebaut und konstruiert. Aber wir dürfen einsteigen. Dürfen mitfahren, mitmachen bei dieser Erneuerung. Sind nicht bloß Zaungäste und Beobachter, sondern voll drin, ganz beteiligt. Weil es dabei nicht um Reformen und Modernisierungen geht – sondern um uns und unser Leben im Glauben. Zugleich sind es nicht unsere „gerechten Taten“, nicht unser eigener Verdienst – den Fahrschein für dieses Verkehrsmittel bezahlen wir nicht selber aus dem Guten, das wir hoffentlich getan haben. Wie verhält sich das nun zueinander? Finden wir dafür ein Bild?….
Also … Erneuerung, das finden wir ja zuallermeist ziemlich gut. Denn von Neuem erwarten wir meist, dass es besser ist als das Alte. Außer das Neue ist so neu, so ungewohnt und fremd, dass wir uns schwer damit tun. Zum Beispiel wenn es nicht unsere Komfortzone vergrößert, sondern uns persönlichen Einsatz abverlangt. Eine schlechte Gewohnheit zu ändern zum Beispiel. In ein paar Tagen werden wir das vielleicht wieder mit unseren Neujahrsvorsätzen erleben. Wir wissen genau, dass es gesünder wäre, wenn wir uns mehr bewegen, oder weniger hochverarbeitete Lebensmittel essen. Wir versuchen uns mit viel Eifer zu ändern, aber dann siegt doch die Bequemlichkeit und bald haben wir hunderttausend Ausreden, warum wir wieder in alte Muster fallen. Weißt Du, ja, die Menschen lieben die Veränderung, den Reiz des Neuen, vor allem dann, wenn sie dabei nichts verändern müssen. So funktioniert es aber halt nicht. Erneuerung im Heiligen Geist – da muss ich mich bewegen, mich hinterfragen. Überlegen, wie denn das, was ich denke, sage und praktisch anstelle, zu dem passt, was von mir will. Ein Leben, in dem ich Gottes Liebe erleben will und das ewige Leben erben möchte, ist nicht nur ein Abenteuer, sondern auch eine große Herausforderung.
Absolut. Und eigentlich greift es ja sehr schön den Begriff auf, mit dem der Abschnitt des Briefes gestartet ist und den wir bislang vielleicht noch ein wenig abseits gelassen haben. Die „Menschenfreundlichkeit Gottes“ – die Zuwendung also, die er uns erweist. Und Freundlichkeit ist genau nicht, wenn einem alles egal ist und man den Anderen einfach tun lässt, gegebenenfalls in sein selbstverschuldetes Unglück rennen; sondern Freundlichkeit ist genau dieses „Abduschen“, das auch mal ein Stoppschild zum richtigen Zeitpunkt sein kann, damit kein Crash passiert. So wie Eltern – um dein Bild aufzugreifen – ihren Kindern hoffentlich „Kinderfreundlichkeit“ erweisen, so erweist uns Gott seine „Menschenfreundlichkeit“. Das ist auch nur folgerichtig, denn er ist ja – wir werden’s gleich nachher wieder sprechen – unser „Vater im Himmel“. Der uns liebt uns unterstützt, man könnte jetzt auch gut reformiert sagen: der in seinem Ratschluss vor aller Zeit den Gang unserer Leben bestimmt hat. Nicht aus Tyrannei oder Herrschsucht oder absolutistischem Willen, sondern aus seiner Menschenfreundlichkeit heraus. Dazu gehört auch, dass er in seinem Heiligen Geist an uns wirkt. Den er, wie wir gehört haben, in „reichem Maße“ über uns ausgegossen hat. Von dem er uns also reichlich gibt, nicht knausrig und geizig – menschenfreundlich eben. Daraus sollen und dürfen wir Kraft und Zuversicht schöpfen. Dazu, dass es eben nicht nur wir selber sind, ja zuerst gar nicht besonders wir, die ewiges Leben erwirken oder irgendwie erarbeiten müssen. Es ist Gott durch seinen Geist aus reiner Menschenfreundlichkeit und Güte! Diese zeigt sich in der Erneuerung, in diesen Hilfsanweisungen Gottes für ein gelingendes Leben, diesen Ratschlägen zur rechten Zeit, diesen Korrekturen, wenn es einmal in die falsche Richtung geht (vorhin haben wir ja aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört – die Prophetenwörter waren solche Korrekturen Gottes für sein Volk). Unser Zutun dabei ist doch im Kern, das Wirken Gottes zuzulassen. Ihn an uns handeln zu lassen – uns erneuern zu lassen. Dabei dürfen wir nicht stumpf und taub all die Zeichen und Hinweise die Gott uns gibt an uns abprallen lassen – dann wird es wohl eher nichts werden damit. Sondern uns erneuern zu lassen heißt, auch damit zu rechnen, dass Gott an uns handelt, dass sein Geist an uns wirkt und uns führt und leitet. Wie das sein kann, das hast du vorhin schon angesprochen. Die Tage die wir gerade feiern erinnern uns dabei an eine ganz besondere Tatsache unseres Glaubens. Dass nämlich all diese Güte Gottes, all sein Gnadenwille, all seine Liebe nicht ein abstraktes Phänomen bleiben, all das, wovon wir die ganze Zeit sprechen nicht nur im Himmel passiert, sondern auch zu uns auf die Erde gekommen ist. Sondern dass Gott in seiner Menschenfreundlichkeit selbst Mensch geworden ist. Ganz katechismusmäßig könnte man da jetzt natürlich fragen: „Was nützt mir das?“
Hm…also ich kann Dir das jetzt nicht in so einem schönen kompakten Abschnitt beantworten, wie unser Heidelberger Katechismus das tut, sondern gerade eigentlich nur aus meiner weihnachtlichen Freude darüber, dass Gott aus ganz unerforschlichen Gründen beschlossen hat, seine renitenten Menschenkinder nicht zu strafen, wofür es viel Grund gegeben hätte, und sie auch nicht länger der Vorstellung vom allmächtigen aber unnahbaren Gott auszuliefern, der aus seinem himmlischen Thronsaal streng auf uns herunterschaut und alles was wir sind und tun mit „mangelhaft“ oder „nicht genügend“ beurteilt. Deshalb tat er etwas gänzlich undenkbares ganz und gar Ungöttliches: er verließ den Himmel und, entschuldige wenn ich das jetzt ganz untheologisch und plakativ sage, seine Komfortzone. Um uns helfen und uns aus unserer gefühlten Gottverlassenheit und selbstverschuldeten Gottferne einen Ausweg zu zeigen, beschloss er zu erfahren, wie es ist als Mensch zu leben. Einmal nicht „Gott“ zu sein, sondern Mensch! Seine göttliche Herrlichkeit an der Schwelle zu einem Stall abzulegen, und sich als Mensch durch das menschliche Leben zu schlagen. Gott, der in Jesus Mensch war, weiß, was wir brauchen und was wir können und was wir nie hinbekommen. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendetwas gibt, was uns mehr „nützen“ könnte um frei und aufrecht unsere Lebensreise genießen zu können! Amen Gerti Rohrmoser & Leopold Potyka |

