Foto: Johannes Wittich

 

 

 

Gottesdienst aus der ref. Erlöserkirche,
Wien-Favoriten, 31. Jänner 2021
mit Pfr. Johannes Wittich


Spruch: Röm. 8,14:

Denn die vom Geist Gottes getrieben werden, das sind Söhne und Töchter Gottes.

Begrüßung:

Wir gehören dazu, wir sind Familie. Der Geist Gottes treibt uns an, er verbindet uns, auch wenn wir, so wie im Moment, nicht an einem Ort zusammenkommen können.

So feiern wir Gottesdienst, verbunden, und im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet:

Wir kommen in diese Kirche
auf ausgetretenen Pfaden.
Das war schon immer so, sagen Menschen.
Da kann man halt nichts machen.
Um Dinge zu ändern,
bräuchten wir mehr Mut, mehr Fantasie, mehr Kraft –
Gott, aus unserem Alltag, der nicht schlecht ist,
aber auch oft nicht gut, rufen wir zu dir.
Umkehr, ein altes Wort.
Viele wollen nicht umkehren, sondern vorwärts.
Und doch, wir kriegen sie nicht ganz aus dem Ohr,
die Stimme, die flüstert:
Hier läuft doch was falsch!
Gott, du siehst die Schwächen, kennst die Ausreden –
und du bist da für uns, wenn wir bereit sind, etwas zu ändern.
Heiliger und großer Gott, du bist in unsere Abgründe gestiegen.
Du hast dich zu uns gesellt, uns zugehört und mit uns geredet,
du hast uns angeschaut und dich sehen lassen.
Wir bitten dich: lass uns deine Nähe spüren,
lass uns im Vertrauen zu dir sprechen, dir zuhören;
hilf uns, uns durch deinen Blick zu sehen
und dich nicht aus dem Blick zu verlieren.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 153, 1-5:

1) Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt,
wenn einst Himmel und Erde vergehen
.

2) Der Himmel, der kommt, das ist der kommende Herr,
wenn die Herren der Erde gegangen
.

3) Der Himmel, der kommt, das ist die Welt ohne Leid,
wo Gewalttat und Elend besiegt wird
.

4) Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt,
und der Gott mit dem Antlitz des Menschen
.

5) Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist,
wenn die Liebe das Leben verändert
.

(Text: Kurt Marti)

Predigttext: Offenbarung 21, 1-5a:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
2 Und die heilige Stadt, ein neues Jerusalem, sah ich vom Himmel herabkommen von Gott her, bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.
3 Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen:
Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott.
4 Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein; denn was zuerst war, ist vergangen.
5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!.

Liebe Gemeinde!

Auf den Tag genau heute vor hundert Jahren wurde der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti geboren. Das gerade gesungene Kirchenlied stammt von ihm, eine Neufassung der Zeilen aus dem 21. Kapitel des Buches der Offenbarung, die dieser Predigt voranstehen: ein Blick in einen neuen Himmel, der einmal kommen wird, der dann eine neue Erde zur Folge haben wird.

Schon im biblischen Buch der Offenbarung geht es nicht um ein zukünftiges Jenseits, sondern in ein zukünftiges Diesseits. Dieses Buch ist entstanden in der Zeit der ersten grausamen Christenverfolgungen. Es ist ein Trostbuch, schildert in albtraumhaften Bildern den Ist-Zustand, um dann immer wieder zu betonen: was immer der römische Staat, der römische Kaiser euch antut, was immer an Krisen und Katastrophen die Welt erschüttert, nicht nur die der Christinnen und Christen, sondern die der Menschen überhaupt – Gott hat den Überblick, Gott hat die Macht, Gott weiß, was passiert, Gott weiß, wohin es geht.
.
Immer wieder ist dem Christentum vorgeworfen worden, es sei zu sehr am Jenseits orientiert. „Hast du im Diesseits schlechte Karten, musst du auf das Jenseits warten,“ hat die österreichische Popgruppe „EAV“ einmal spöttisch gedichtet.

Kurt Marti ist einer gewesen, der das ganz sicher nicht so gesehen hat. Tief verwurzelt in der reformierten Prägung des christlichen Glaubens, hat er, wie in seinem Lied, aus jenseitig schönen Bildern der Bibel diesseitige Schlüsse gezogen, für die Kirche, die Gesellschaft, die Politik, die Welt.

Von 1961 bis 1983 war Kurt Marti Pfarrer an der Nydeggkirche in Bern. Er hat sich der damals, in der Hauptstadt der Schweiz, nicht weit vom Sitz der Regierung, wichtiger Themen angenommen: Atomwaffen, Atomkraftwerke, die US-Intervention in Vietnam, Entwicklungspolitik. Das Alles in einer Zeit, wo man sich damit lieber nicht beschäftigen wolltes.

Nur: Wegschauen geht einfach nicht, wenn der christliche Glaube, die Botschaft Jesu Christi ernst genommen wird. Kurt Marti hat nicht einfach „politisiert“. Er hat den Glauben an die Auferstehung gelebt. In einem Osterlied von ihm heißt es: „Das könnte den Herren der Welt ja so passen,/ wenn erst nach dem Tod Gerechtigkeit käme,/ erst dann die Herrschaft der Herren,/ erst dann die Knechtschaft der Knechte/ vergessen wäre für immer.“ Auferstehung hat für Kurt Marti schon hier und jetzt begonnen: er hat nach Zeichen der Auferstehung im Augenblick gesucht, im Bewusstsein: wir Menschen haben die Gabe und die Möglichkeiten, selbst Zeichen der Auferstehung zu setzen.

Damit ist Kurt Marti angeeckt; es hat ihm aber auch Anerkennung verschafft, gerade unter denen, für die er seine Stimme erhoben hat. Oder unter denen, und zu diesen zähle auch ich mich, die nach einer Inspiration zum Nein-Sagen gesucht haben. „Nein“ zu einer Welt, wo die ganz oben oben bleiben und die ganz unten keine Chance haben, auch nur wenig ihre Situation zu verbessern.

„Ein neuer Himmel und eine neue Erde“ – eine schöne Vision! Aber eigentlich brauchen wir unbedingt etwas Neues. Was wir haben, ist gut. Es ist Gottes Schöpfung. Und dort, wo es nicht gut ist, gibt es eben etwas zu tun.

Amen.

Gebet:

ELiebender Vater,
im Vertrauen auf deine Güte wenden wir uns mit unseren Bitten an dich.
Wie Kinder, die nicht mehr weiterwissen,
obwohl sie so lange dachten, sie seien schon groß.
Wir sehen die Probleme deiner Schöpfung, die wir verursacht haben.
Viel zu groß, als dass wir sie alleine noch lösen könnten.
Wir hören die Stimmen all der Menschen, die leiden in der Welt.
Viel zu viele, als dass wir wüssten, wo wir beginnen.
Wir spüren die Mutlosigkeit, die um sich greift.
Viel zu lähmend, als dass wir sie verscheuchen könnten.
Wir verschließen die Sinne und hoffen, irgendwie wird das schon.
Wir bitten dich, Vater, schenke uns deinen Heiligen Geist,
der uns mit seinen Gaben beflügelt,
der uns umkehren lässt und handlungsfähig macht,
der uns hilft, Entscheidungen zu treffen und Menschen zu begeistern.
Den Geist, der uns zusammenbringt, als deine Kinder.
Amen.

Unser Vater im Himmel …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Nachspiel: Martin Seidl: Johann Caspar Ferdinand Fischer (1670-1746): Praeludium et Fuga ex a

(aufgenommen in der Herz-Jesu-Kirche Hunding)