Andacht aus der reformierten Erlöserkirche, Wien-Favoriten, 29. März 2020
mit Pfr. Johannes Wittich


Musik zur Einstimmung
Psalm 142, 4a: 

4 Wenn mein Geist in mir verzagt, kennst doch du meinen Pfad.

Begrüßung:

Wieder dürfen und können wir am Sonntag keinen Gottesdienst in unserer Erlöserkirche feiern. Das macht traurig. Vielen, so höre ich immer wieder in den letzten Tagen, die sonst gerne und hierher in die Kirche gekommen sind, fehlt etwas Wichtiges. Die Gemeinschaft, das gemeinsame Singen, Beten, Hören, der Austausch und das Gefühl: ich gehöre hierher. Ich gehöre dazu.

„Wenn mein Geist in mir verzagt, kennst du doch meinen Pfad“, betet der Verfasser des 142. Psalms. Wir beten, glauben, hoffen gegen das Verzagen an. Gegen Orientierungslosigkeit und daraus entstehende Sorgen. In der Gewissheit: Gott weiß, wohin es geht. In diesem Glauben feiern wir gemeinsam, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gebet:

Guter Gott!
Wie geht es weiter?
Wie lange noch?
Was steht uns noch bevor?
Mit unseren Fragen kommen wir zu dir.
Danken dir, dass du sie hörst.
Wissen sie bei dir am richtigen Ort.
Denn du kennst die Antworten.
Wir können sie nur erahnen.
Und doch: da und dort öffnest du uns eine Tür,
dringt ein Lichtschein in unser dunkles Grübeln.
Zeigst du, was geht.
Dafür danken wir dir.
Dafür – und dass wir uns wieder Zeit nehmen dürfen,
um zur Ruhe zu kommen.
Die Gedanken zu ordnen.
Still zu werden,
und auf dich zu hören.
Sprich uns an,
rede zu uns,
sei da.
Amen.

Lied: Evangelisches Gesangbuch 288, 1-2.4-5: Nun jauchzt dem Herren, alle Welt

1) Nun jauchzt dem Herren alle Welt!
Kommt her, zu seinem Dienst euch stellt,
kommt mit Frohlocken, säumet nicht,
kommt vor sein heilig Angesicht.

2) Erkennt, dass Gott ist unser Herr,
der uns erschaffen ihm zur Ehr,
und nicht wir selbst: durch Gottes Gnad
ein jeder Mensch sein Leben hat.

4) Die ihr nun wollet bei ihm sein,
kommt, geht zu seinen Toren ein
mit Loben durch der Psalmen Klang,
zu seinem Vorhof mit Gesang.

5) Dankt unserm Gott, lobsinget ihm,
rühmt seinen Namen mit lauter Stimm;
lobsingt und danket allesamt.
Gott loben, das ist unser Amt.

Kolosserbrief 3, 16-17:

16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum unter euch: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit, singt Gott, von der Gnade erfüllt, in euren Herzen Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder!
17 Und alles, was ihr tut, mit Worten oder Taten, das tut im Namen des Herrn Jesus – und dankt dabei Gott, dem Vater, durch ihn.

Liebe Schwestern und Brüder!

„Gott loben, das ist unser Amt,“ singen wir in der 5 Strophe des Liedes „Nun jauchzt dem Herren alle Welt.“ Dabei ist uns gar nicht zum Jauchzen zumute. Und auch der Kolosserbrief lädt uns zum Singen ein – vom Geist Gottes erfüllt. Jauchzen und Singen – in dieser Zeit. Hören wir das, so ist die erste Reaktion: falsches Thema. Was wir jetzt brauchen, sind Angebote, Hilfen, geistliche Stärkung. Nicht die Aufforderung zum fröhlichen Gesang. Der kann ja im Moment auch nur so klingen wie der des sprichwörtlichen Kindes im dunklen Keller: „Ich fürchte mich nicht, ich habe keine Angst, sieh nur, was immer mich hier bedrohen mag, ich kann immer noch singen, du kannst mir nichts tun.“

Wobei: vielleicht haben wir diese Strategie als Kinder tatsächlich einmal ausprobiert. Und gemerkt, dass sie durchaus funktioniert. Singen macht Lunge und Kopf frei, stärkt das trotzige: „Ich lass mich nicht einschüchtern.“

Ähnliches lässt sich vom Lachen sagen. Zahllose Cartoons, Witze und Sprüche kursieren augenblicklich über das Coronavirus und seine Folgen. Sie erheitern mich immer wieder, ich teile sie über soziale Medien und bekomme dann neue von anderen Menschen geschickt. Was mir bei den „Corona – Witzen“ aufgefallen ist: es gibt besser und schlechtere – aber ich habe noch keinen gesehen, der unpassend, gemein, oder menschenverachtet gewesen wäre. Das sind nur die Bemerkungen mancher Politiker, die das Coronavirus mit Flüchtlingen in Zusammenhang bringen oder im Interesse der Wirtschaft durchaus bereit sind, Menschenleben zu opfern.

Singen gegen die Krise, Lachen gegen die Krise. Das geht, das geht gut, und, vor allem: solange wir noch singen und lachen können, geben wir deutliche Lebenszeichen von uns. Hat uns die Krise noch nicht im Griff.

Trotzdem: im Lied „Nun jauchzt dem Herren, alle Welt“, einer Neudichtung des Psalm 100, wird nicht nur von einem aufbauenden und stärkenden Singen gesprochen. Nein, das Thema ist: Singen aus Dankbarkeit. Singen als Lob Gottes.

Haben wir dazu Anlass? Ich denke, die Belastungen durch die Corona-Krise sind sehr unterschiedlich verteilt. Manche Teile unserer Erde hat es schon schlimm getroffen, bei manchen schein das wirklich Schlimme erst noch zu kommen. In machen Ländern schafft man es, mit der Wahl der Maßnahmen wirkungsvoller die Verbreitung einzudämmen, in anderen scheint Alles außer Kontrolle geraten zu sein. Manche von uns haben ein festes Einkommen, dass ihnen nicht genommen werden kann, andere gute Regelungen mit ihrem Dienstgeber gefunden. Dagegen gibt es solche, die um ihren Arbeitsplatz bangen, ihn vielleicht schon verloren haben, sehen ihre wirtschaftliche Existenz ernsthaft bedroht.

„Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist,“ hat Friedrich Torberg seine „Tante Jolesch“ einmal sagen lassen. Ich zähle zu denen, die in dieser Krise ganz oft zugeben muss: bei allem, was jetzt weltweit passiert – was habe ich, was haben wir nur ein Glück.“

Torberg’s Tante Jolesch hat mit ihre berühmt gewordenen Satz den Zweckoptimismus auf’s Korn genommen. „Es hätte ja noch schlimmer kommen können“, kann ja auch heißen: ich nehme das Schlimme, das da ist, nicht wahr. Das ist auch jetzt eine gefährliche Einstellung, zu sagen: „Es könnte schlimmer sein.“ Gerade dann, wenn ich in einer vergleichsweise sicheren Position bin: nicht zur größten Risikogruppe gehörend, nicht in einem Beruf, in es nötig ist, auch jetzt unbedingt weiter zu arbeiten, vom Pfleger bis zur Ärztin, von der Supermarktkassiererin bis zum Polizist. Da lässt sich leicht entspannt sein.

Nein, es sind schwieriger Zeiten. Und ihre Lasten sind ungleich verteilt. Aber unabhängig davon, ob wir zu den mehr oder wenig Geforderten gehören: wir können, gemeinsam, das sehen, was an Gutem da ist. An Gutem – nicht nur nach wie vor, sondern gerade erst recht: an Nachbarschaftshilfe, Zusammenarbeit, Rücksicht. An freiwilligem Engagement. An Verantwortungsbewusstsein.

Und wenn wir das sehen, dann lässt sich doch das eine oder andere Loblied anstimmen. Leise summend, oder laut und mit Begeisterung. Je nachdem, was gerade um uns herum los ist. Je nachdem, wozu wir in der Lage sind.

Ein Loblied auf Gott. Aus Dankbarkeit dafür, dass er da ist. Dass wir ihn haben. Und einander. Amen.

Gebet: Guter Gott!

Danke,
dass du uns Anlass und Grund gibst,
auch in dieser Zeit zu singen und dich zu loben.
Zeig uns, was da ist,
immer noch
und immer wieder.

Für die Menschen,
die durch ihr Reden und Tun zeigen,
dass du da bist,
fähig machst und motivierst.
beten wir:
für Menschen, die in den Krankenhäusern arbeiten,
unsere Versorgung mit Nahrung sichern,
für Ruhe und Sicherheit sorgen,
mit Kindern sich beschäftigen,
den Überblick bewahren,
Strategien entwickeln,
Verantwortung übernehmen.
In ihnen sehen wir dich am Werk.

Wir bitten dich für uns selbst.
Dass auch wir sehen,
wo unser Platz ist,
wo wir gebraucht werden,
einfach da sein sollen.

Alle diese Zeichen,
die du durch Menschen setzt,
sind Anlass zum Singen und zum Loben.
Und so beten wir gemeinsam:

Unser Vater im Himmel …

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.
Amen.

Erlöserkirche Gospel Choir: Martin Seidl: Alles, was Odem hat (Psalm 150)
(mit freundlicher Genehmigung des Komponisten)