Predig zum Karfreitag am 3. April 2026 in der Erlöserkirche

 

Predigttext – LUKAS 23,39-43:

„Einer aber von den Verbrechern, die am Kreuz hingen, verhöhnte ihn und sagte: Bist du nicht der Gesalbte? Rette dich und uns!

Da fuhr ihn der andere an und hielt ihm entgegen: Fürchtest du Gott nicht einmal jetzt, da du vom gleichen Urteil betroffen bist?

Wir allerdings sind es zu Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

Und er sagte: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.

Und er sagte zu ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Amen

Predigt:

Liebe Gemeinde,

drei Kreuze stehen auf Golgatha. Auf diesem Hügel in Jerusalem. Diesem Ort der Schmach, der Schmerzen, des Todes.

Drei Kreuze, die sich in den Nachmittagshimmel erheben – keine Orte des Sieges und des Triumphes, sondern Werkzeuge der Unterdrückung, der Hinrichtung, der Folter.

Drei Kreuze, die sich über die Menschen erheben, die dort anwesend sind.

Das sind: Die römischen Soldaten, die die ordnungsgemäße Hinrichtung überwachen sollen; Die gedungenen Knechte, die das Annageln und Aufrichten übernehmen, das Zerschlagen der Beine und das Abnehmen der Toten; Die Schaulustigen, die Vergnügen dabei empfinden, Menschen beim Sterben zuzusehen; Die Trauernden, die ihren Lieben in den letzten qualvollen Stunden beistehen wollen – bei Jesus sind das seine Mutter, Maria von Magdala, Maria Kleophas und der Lieblingsjünger Johannes – aber warum sollten nicht auch die beiden Verbrecher, die die Tradition Dismas und Gestas genannt hat, ihre Liebsten dabei gehabt haben. Warum sollte nicht auch um sie jemand geklagt haben, für sie jemand Leichentücher vorbereitet haben und für sie jemand tröstende Worte gesucht haben…

Drei Kreuze stehen auf Golgatha und zwischen den Männern die auf diesen Kreuzen sterben werden entspannt sich eines der berührendsten Gespräche der Weltgeschichte.

Ein Wortwechsel im Angesicht des Todes. Tatsächlich: nur wenige Worte spricht Jesus am Kreuz, bevor er stirbt. Nur wenige Sätze sagt er noch – bevor er seinen Geist in die Hände des himmlischen Vaters empfiehlt. Und auch den beiden Verbrechern werden wenig später die Beine gebrochen werden, damit sie noch rechtzeitig vor Beginn des heiligen Sabbats tot sind und keine hängenden Leichname den Feiertag entweihen.

Davor aber reden sie miteinander. Davor wenden sie sich aneinander und an Jesus. Und Jesus antwortet einem der beiden – aber hören tun es wohl beide.

Der Dialog zwischen diesen drei, die Worte die hier gewechselt werden, sie sind gesprächgewordene Erlösung, Worte, die den Weg zum Himmel weisen, sie sind eine Bahn ins Paradies.

Wenn wir sie nachvollziehen – dann können sie das auch für uns sein. Wenn wir uns angehen lassen, was diese drei dort besprechen, was Jesus den beiden sagt, aber auch die Umstände betrachten, dann kann hier auch für uns – die wir in unserem Leben maximal weit weg von der Schädelstätte in Jerusalem sind – der Weg zur Erlösung erkennbar sein.

Erlösung – das ist es was wir als Menschen suchen. Was uns versprochen ist in unserem Glauben. Was wir durch Jesus und sein Sterben, seinen Sühnetod, aus reiner Gnade und Güte Gottes erhalten.

Erlösung – die bedarf es nur dort, wo das Elend ist.

Das gilt für all das Gute, das unser Glaube für uns bereithält: Befreiung braucht es nur dort, wo Unfreiheit ist, Trost braucht es nur dort wo Traurigkeit ist.

Im Elend – dort sind diese drei an den Kreuzen. Und besonders elend hat sich wohl der Schächer zur Linken Jesu gefühlt, Gestas heißt er seit der Antike.

So elend, dass ihm nichts Anderes als ein Hilferuf im Spottgewand einfällt.

Bist du nicht der Gesalbte? Rette dich und uns!“ – als Verhöhnung Jesu hat uns Lukas diese Worte überliefert. Mir klingen sie – wenn man die Umstände bedenkt – mehr wie ein verzweifelter Schrei um Rettung. Getarnt vielleicht im Duktus ironischer Distanz, in der Sprache der Halbgläubigen – aber kann am Kreuz noch ein Ort für Ironie, für Zynismus, für Spott sein?

Gewiss, die biblische Schilderung dieses Satzes legt es nahe, dass Gestas es nicht ernst meint. Aber einen ernsteren Ort als den des eigenen nahenden Todes, des gewissen nahen Todes, vermag ich mir nicht vorzustellen.

Zweifel klingen hier mit. Und Unsicherheit über Jesus – verständlich im Angesicht dieses Elends.

Aber sollte das wirklich der Punkt sein? Ist dieser böse Schächer, der Verbrecher nur ein Abziehbild eines unbelehrbaren Spötters?

Es ist auffällig, dass wir nicht erfahren, ob und wenn ja was Jesus noch zu diesem Verbrecher Gestas gesagt hat. Vielleicht hatte er auch für ihn ein Wort des Trostes, eine Zusage der Hoffnung? Ich stelle mir das gerne vor. Oder vielleicht hat er auch nur das mitgehört, was Jesus zu dem anderen Leidensgenossen sagt; wir werden diese Worte gleich hören.

Sollte die Versöhnung die Gott in Jesus wirkt nicht auch hier gegriffen haben.

„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat.“ – so haben wir vorhin in den Worten des Apostels Paulus gehört.

Wir lesen hier: Jesus hat für uns, in allem Zweifel, sogar dann wenn wir uns in unserem Elend in Spott und Zynismus verlieren, sein rettendes Wort bereit. Die Botschaft Jesu, die Verheißung seiner Gnade gilt nicht nur den Treuen im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe – viel nötiger haben sie die Spötter und die Zweifler.

Und auch wir haben die Frohe Botschaft von der für uns gewirkten Erlösung am Kreuz dann besonders nötig, wenn wir elend sind, traurig, ohne Perspektive, von unseren Sünden schwer geplagt, an den Schicksalsschlägen schwer und überschwer tragend – im Elend, am Kreuz, das ist der Ort wo Jesus wirkt. Auch für uns.

Von des Menschen Elend“ so heißt der erste Abschnitt des Heidelberger Katechismus. Jeder Erlösung geht voran, ja muss voran gehen, dass wir erkennen, wo wir als Menschen unzureichend sind, fehlerhaft, sündhaft – unser Elend erkennen.

So wie das der zweite Verbrecher am Kreuz tut.

Denn die Geschichte des Gespräches am Kreuz geht dann weiter.

Der andere Verbrecher, Dismas wird er später genannt werden, bringt sich ein. Er tadelt den Spötter und weist auf das hin, was jeder echten Hinwendung zu Gott vorangehen muss.

Er erkennt seine eigene Schuld, sein selbstverschuldetes Elend: „Wir allerdings sind es zu Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ – ein Moment unglaublicher Klarheit. Am Ort des eigenen Todes, an der eigenen Hinrichtungsstätte erkennen, dass man nicht unschuldig ist, sondern böse gehandelt hat, der Sünde nachgegeben hat, sich nicht selber aus dieser Misere befreien kann.

Niemand von uns ist ein Verbrecher, niemand von uns ist ein Mörder, wie es die beiden wohl waren, oder ein Räuber – aber die Situation ist doch dieselbe.

Aus unseren Fehlern und Verfehlungen, unseren Versäumnissen und falschen Entscheidungen, unserem Spott, unseren Sünden können wir uns nicht selber retten: „Rette uns!“ – sagt der böse Verbrecher; sollten wir alle sagen – an Christus gewandt. Der uns retten will und wird.

Diese Klarheit im Glauben und im Vertrauen können wir hier sehen, können wir hier lernen. Denn der Weg zur Erlösung geht notwendigerweise zuerst davon aus, dass wir unser Elend auch erkennen – uns es vor Gott, vor dem gekreuzigten Jesus benennen.

Benennen – indem wir uns an ihn wenden. Und wieder ist der gute Schächer Vorbild. Mit einer Bitte an Jesus, die von großem Glauben und großer Hoffnung zeugt und die ich, besonders in Anbetracht der Umstände, als einen der berührendsten Sätze der Bibel ansehe: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst“.

Nur „denk an mich“ – das „Rette dich und uns!“, das dem Anderen zum Verhängnis wird, ihm den Ruf als bösen Schächer einbringt, weil es spöttisch und dreist anmutet, ist hier eine bescheidene Bitte; „Denk an mich“.

Und dabei die Anerkennung: Jesus hat ein Reich. Nicht im Hier – und gewiss im damaligen Jetzt. Aber er hat einen Ort, an dem er herrscht und König ist – an dem er lebt und sein wird.

Von der Auferstehung Jesu konnte noch niemand ahnen, wohl am Wenigsten dieser Verbrecher. Aber er weiß, er glaubt – Jesus ist ein Herrscher, er kann mir Gutes tun, auch wenn sich in diesem Moment wohl kaum vorstellen lässt, was das sein könnte.

Dismas anerkennt seine eigene Begrenztheit im konkreten Wollen – anders als Gestas, der zu wissen glaubt, was er will. Er aber überantwortet sein Schicksal in demütiger Weise dem gekreuzigten Jesus – er befiehlt sich ganz ihm, ohne wissen zu können, was das für ihn heißt.

In Not und Elend ganz auf Gott vertrauen. In den dunkelsten Momenten sich hingeben, sich in die bergenden Arme dessen zu werfen, der hier für uns leidet.

Jesus, denk an mich“ – wenn wir selber nicht mehr weiterwissen, keinen Ausweg sehen, ja vielleicht eines Tages dem Tod ins Auge blicken.

Denn wie herrlich zahlt es sich aus, für den der glaubt und vertraut.

Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Die Liebesbotschaft Jesu ist nirgends in solcher Herrlichkeit zutage getreten wie hier. Wo dem reuigen und glaubenden Verbrecher das Paradies versprochen wird.

Der Akt der unendlichen Liebe Gottes kulminiert in diesem Wort, findet hier seine tiefste und höchste Form. Nicht eine manchmal nur abstrakt vorstellbare Erlösung der gesamten Menschheit ist es, die das Wunder des Sühnetodes Jesu, die Hingabe am Kreuz, greifbar macht – sondern diese Antwort.

Sie gilt dem reuigen Schächer, dem gläubigen Verbrecher – sie gilt auch uns.

Das Paradies ist uns nicht nur vor Augen gestellt. Es ist uns aufgetan durch das Kreuz Jesu. Die Ewigkeit ist uns nicht nur vage zugesagt, sie ist uns versprochen durch die Übernahme unserer Schuld durch den gekreuzigten Heiland. Der Himmel steht uns offen, wie er sich öffnet über dem Schächer. Über den drei Kreuzen damals auf Golgatha.

Im Moment tiefsten Elends tut sich der Himmel auf. Die Erlösung geschieht, wird Wirklichkeit.

Gott wendet sich seiner Welt zu. Drei Kreuze stehen auf Golgatha – und weisen auch uns den Weg in die Ewigkeit.

Denn: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Gebe Gott, dass wir diese unendliche Gnade, diese unerschöpfliche, radikale Liebe immer wieder erfahren dürfen.

Amen

Leopold Potyka