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Predig zum Palmsonntag am 29. März 2026 in der Erlöserkirche
Predigttext – Mk 14, 1-9: 1Es war aber zwei Tage vor dem Fest des Passa und der ungesäuerten Brote. Und die Hohen Priester und Schriftgelehrten suchten Mittel und Wege, wie sie ihn mit List festnehmen und töten könnten. 2Sie sagten nämlich: Nicht am Fest, damit kein Aufruhr entsteht im Volk. Predigt: Liebe Gemeinde, den Ort, an dem diese Geschichte sich zuträgt, kennen wir gut: Bethanien, ein Dorf nah bei Jerusalem. Hier hatte Jesus viele Freunde. Darunter auch die Geschwister Marta, Maria und Lazarus. Viele Male war er Gast in ihrem Haus gewesen. Und Lazarus, den hatte Jesus sogar von den Toten auferweckt. Seither kannte vermutlich jeder Mann und jede Frau in Bethanien Jesus. Das Essen an sich ist ja vielleicht nichts so Besonderes. Besonders ist der Zeitpunkt: Jesus ist zwei Tage und ganz wenige Kilometer von der Stunde und dem Ort seines Todes entfernt. Der Abend im Haus des Simon unter all den gut gelaunten Gästen an einem wahrscheinlich üppig gedeckten Tisch, er ist ein letztes Verweilen, eine Atempause, wie der Moment der Stille, bevor ein Unwetter losbricht. Aber das spürt wohl nur Jesus selbst. Die anderen, vor allem die Jünger, erzählen laut und immer noch begeistert von dem triumphalen Empfang, den man ihnen und vor allem natürlich ihrem Rabbi vor einigen Tagen in Jerusalem bereitet hat. Es sei beinahe kein Durchkommen gewesen, so dicht gedrängt habe die Menschenmenge gestanden. Und wie sie gerufen und gewinkt hätten! „Hosianna!“ hätten sie geschrien und mit Palmzweigen gewinkt; ja, wie einem König hätten sie ihm gehuldigt. – Sie sind immer noch ganz aufgeregt, die Jünger; ihre Wangen glühen. Es ist, als sei eine Last von ihnen abgefallen. Die ganze Bedrückung, die düsteren Ahnungen, die in den letzten Tagen so schwer auf ihnen gelastet hatten, je näher sie der Stadt Jerusalem kamen: sie sind wie weggeblasen. Der triumphale Einzug in Jerusalem hat das alles verscheucht. Sie fühlen sich von der Begeisterung des Volkes getragen: Es wird alles gut werden! Und so ist die Atmosphäre am Tisch heiter und gelöst wie schon lange nicht mehr. Nur einer sitzt ganz still mit am Tisch: Jesus. Er spürt mit jeder Faser des Leibes und der Seele, wie das Unheil herankriecht. Nein, es wird nicht gut werden. Nicht für ihn. Jesus weiß das, und er hat es seinen Jüngern immer wieder angedeutet, es ihnen sagen wollen. Aber sie wollten oder konnten es nicht verstehen. Und so ist Jesus mitten in diesem fröhlichen Mahl unendlich allein: so wie einer, der an einer schrecklichen Krankheit leidet, von der die anderen noch nichts ahnen. Mit der ganzen Last seines Wissens sitzt er da: es wird nicht gut werden, kein Happyend geben. Und die Jünger, die doch seine nächsten Menschen und seine Freunde sind: sie merken nicht einmal, was in ihm vorgeht. Oder – und das meine liebste Vorstellung von ihr – ist es eine der Mütter, die zu ihm kamen mit ihren kleinen Kindern auf dem Arm und ihn baten, ihre Kinder zu segnen? Die Jünger wollen sie wegschicken: „Das passt jetzt gerade überhaupt nicht!“ Da wird er zornig, nicht auf die Frauen, sondern auf die Jünger: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, denn ihnen gehört das Reich Gottes.“ – Und ist es nicht auch denkbar, dass eins der Kinder ein bisschen anders aussah als die andern? Vielleicht eins mit Down Syndrom? Und die Mutter, die so viel auszustehen hat von den Nachbarn und Verwandten wegen dieses Kindes: sie hört ihn sagen, während er das Kind auf den Arm nimmt: „Du! Du bist ein Kind Gottes! Wie schön, dass es dich gibt!“ Alle diese Frauen waren namenlos und die meisten auch stumm. Sie standen nur für einen winzigen Augenblick im Licht biblischer Erzählungen. Auch diese Frau; aber sie war nicht gekommen, um von Jesus etwas Großes und Gutes zu erfahren. Heute nicht. Nein, sie handelt, und er empfängt. Sie ahnt wohl tief in ihrem Inneren: sie kann ihn nicht retten, ihm nichts ersparen. Sie kann nichts abwenden, nur in einer Geste etwas zeigen. Etwas von sich und etwas über ihn. – Und sie tut nun allerdings das Ungeheuerlichste, was ihr überhaupt in den Sinn kommen konnte. Wäre sie Jesus um den Hals gefallen oder hätte sie seine Füße mit ihren Tränen benetzt und mit den Haaren getrocknet –großzügig und gönnerhaft hätte man es ihr nachgesehen, weil man ja wusste: Jesus übt auf die absonderlichsten Gestalten eine geradezu magische Anziehungskraft aus; und von Frauen ist man eine gewisse Gefühligkeit und Überschwang ohnehin gewohnt. – Diese Frau aber tut etwas schlechthin Skandalöses, Ungehöriges, Unglaubliches: sie verschwendet Geld! Wie sie es verprasst, haben die andern am Tisch wahrscheinlich nicht gleich gemerkt. Sie sind glänzender Laune, in Gespräche vertieft. Die Luft ist schwer vom Duft des Weines und des Essens. Plötzlich mischt sich unter die vertrauten Gerüche ein fremder Duft, breitet sich aus im ganzen Raum. Betörend! Gesehen haben sie die Frau nicht, da im Halbdunkel hinter Jesus, nicht mitbekommen, wie sie dem kostbaren Alabastergefäß die Spitze abbricht, etwas in ihre Hand gießt und Jesus damit über das Haar streicht, sehr sanft und zärtlich. Wieder und wieder gießt sie aus dem Gefäß etwas in ihre Handfläche, gießt und streichelt mit unendlich zarten Bewegungen, ohne Hast, ganz hingegeben an diesen Augenblick, als gäbe es nur noch zwei Menschen auf der Welt: Jesus und sie. – Und er? Er lässt es sich gefallen, als könnte es gar nicht anders sein. Er lässt sich salben wie ein König; ja, er wird in diesem Augenblick der Gesalbte, der Christos; der Christus. Nur Könige hat man so gesalbt – und Tote. Dies alles merken die andern nicht. Und es mag sogar sein, dass sie zunächst, als ihnen der aromatische Duft allmählich in die Nasen zieht, sich noch angenehmer, noch behaglicher fühlen. – Aber dann werden sie aufmerksam, einer nach dem andern. Die Gespräche verstummen, und jetzt starren sie hinüber zu Jesus und zu dieser Frau, die hinter ihm steht und ihm über das Haar streicht. Einer muss dann den kostbaren, schweren Duft erkannt haben: „Das ist ja Nardenöl!“ Sündhaft teuer; exotisch: aus Indien wird das importiert! Ein ganzes Jahr müsste ein Bauer dafür arbeiten oder ein Fischer dafür fischen! Und diese Frau verschwendet eine solche Kostbarkeit, für die ihr Mann oder ihr Vater sich vielleicht abgerackert hat, bis zum Umfallen, in einem Augenblick?! Was für ein Leichtsinn! Und wie dumm von ihr, diese Narde gerade an Jesus zu verschwenden – wo doch jeder weiß, dass Jesus die Nächstenliebe predigt und den Luxus der Reichen verdammt! – Liebe Gemeinde, man weiß gar nicht, ob man über diese Reaktion lachen oder weinen soll – oder sich nur darüber wundern, wie wenig wir Menschen uns doch im Lauf der Jahrtausende geändert haben. Unsere Sucht, alles sofort in Geldwert umzurechnen und nur das als ‚wertig’ zu erachten, was einen hohen Geldwert hat: sie ist so alt wie die Erfindung des Geldes selbst, und die kam ja auch nicht von ungefähr. Diese Sicht auf das Leben, sie steckt offenbar in unseren Genen, auch in den religiösen – wenn es die denn geben mag. Das Geld zum Gott machen, der die Welt regiert; Geld und Geldwert zum obersten und mit der Zeit sogar einzig gültigen und absoluten Wert auf der Skala unserer Werte und Maßstäbe erheben: wie klein und kümmerlich uns das macht! Nein, Jesus lobt sie nicht, die da im gestreckten Galopp auf ihren schönen Prinzipien dahergeritten kommen. Er versucht auch nicht, sie milde gegen die Frau zu stimmen, indem er sich mit ihnen gemeinsame Sache macht und sich über die Frau erhebt, etwa in der Tonart: „Ach, nun nehmt das nicht tragisch. Ihr habt ja Recht, aber Frauen sind nun mal so, so – gefühlsbetont und neigen zur Übertreibung. Mir ist das ja eher peinlich, wie ich jetzt vor mich hin dufte!“ Jesus bleibt ganz ruhig sitzen. Aber innerlich steht er auf und tritt neben die Frau. Es ist das vorletzte Mal in seinem irdischen Leben, dass er sich schützend vor einen Menschen und ihm an die Seite stellt. Das letzte Mal wird sein, als er am Kreuz hängt und einem Verbrecher sagt: ‚Heute wirst du mit mir im Paradies sein.’ Und es werden Frauen sein, die am Ende den gefährlichen Platz unter seinem Kreuz einnehmen und ihn begleiten bis zum Tod. „Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie! Sie hat ein schönes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun. Mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Den letzten Satz wird er wohl sehr leise gesagt haben. Mit feiner Ironie hebt er die Musterschüler von ihrem Sockel. Da waren sie so schnell bei der Hand mit ihrem „Man“: man hätte, man sollte, man müsste. Wie wir das ja alle gut können, Männer wie Frauen. Was man tun sollte, das wissen wir im Prinzip genau. Und Jesus widerspricht ihrer Sorge um die Armen auch nicht. „Wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun.“ Und er meint natürlich: ‚Von eurem eigenen Geld, von eurer eigenen Zeit und nach euren eigenen Möglichkeiten. Nicht vom Geld und der Zeit und den Möglichkeiten anderer Leute. Es liegt ganz bei euch und an euch. Niemand hindert euch, Gutes zu tun.’ Jesus rückt die Nächstenliebe an ihren richtigen Platz. Ganz nach oben. Direkt neben die Gottesliebe. Aber er sagt auch: Alles hat seine Zeit. Jetzt und hier bin ich der Nächste. Jetzt habe ich es nötig, von jemandem geliebt zu werden. „Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ Die Tat dieser Frau ist ihm ein Zeichen geworden: ‚Ja, ich werde sterben, und mir graut davor. Aber ich werde nicht aus der Liebe des Vaters fallen. Er wird mir sagen: Es ist gut. Es ist vollbracht. In der Liebe dieser Frau ist mir der Vater im Himmel nah. Hautnah und herznah.’ Was kann man tun, wenn man nichts mehr tun kann? Öfter, als uns lieb ist, stehen wir vor dieser Frage. Die Geschichte von der Salbung in Bethanien zeigt: die Liebe weiß es. Und der Glaube weiß es auch. Beides gehört zusammen, Glaube und Liebe. Und beide zusammen kommen auf Ideen, wo sonst nichts mehr zu machen ist. Da wird gewacht und gebetet. Da wird gesungen und gesalbt und gesegnet. Da lässt man Gefühle zu und findet Worte der Nähe, die einen selbst überraschen. Da rennt man nicht weg, aus lauter Angst, keine Worte mehr zu finden. Wer liebt, bleibt an der Seite dessen, der ihn braucht. SO können wir Menschen auch sein. „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“, heißt es im 1. Johannesbrief. Die unbekannte Frau in Bethanien hat diesen Satz nicht gekannt – und hätte ihn vermutlich auch nie ausgesprochen. Große Worte sind nicht ihre Sache. Aber große Liebe. Deshalb wird, wie Jesus es gesagt hat, ihrer bis heute gedacht, wenn das Evangelium weitergesagt wird. Es ist Unsinn Es ist Unglück Gerti Rohrmoser |

