Predig am 19. Oktober 2025 in der Erlöserkirche zur  Amtseinführung

 

Predigttext – Kolosser 3,12-17:

„So bekleidet euch nun als von Gott auserwählte Heilige und Geliebte mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut und Geduld!
Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben!
Über all dem aber vergesst die Liebe nicht: Darin besteht das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi regiere in euren Herzen; zum Frieden seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Und dafür sollt ihr dankbar sein.
Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum unter euch: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit, singt Gott, von der Gnade erfüllt, in euren Herzen Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder!
Und alles, was ihr tut, mit Worten oder Taten, das tut im Namen des Herrn Jesus – und dankt dabei Gott, dem Vater, durch ihn.“

Predigt:

Liebe Gemeinde,

neuer Pfarrer auf der Stelle, Amtseinführung und dann komme ich gleich mit etwas unglaublich altmodischem, etwas, das sogar in den erstrangigen Opernhäusern zunehmend unüblich wird und in unseren Kirchen sowieso – mit einer Kleiderordnung.

Mit einer Aufforderung, sich mit Bestimmten zu bekleiden. Allerdings geht es hier natürlich nicht um Abendgarderobe, Anzug oder Krawattenpflicht.

Es geht überhaupt nicht um Gewand, es geht um Eigenschaften, die uns hier im Kolosserbrief begegnen, wo wir gehört haben: „So bekleidet euch nun als von Gott auserwählte Heilige und Geliebte mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut und Geduld!“

Das sind die Eigenschaften, das sind die Bekleidungen, die Gott uns hier in seinem Wort nahelegt, ja die als Tugenden, als Haltungen, als gelebter und ausgelebter Glaube unser Leben bestimmen sollen.

Die man an uns auch sehen soll – so wie Kleidung von außen erkennbar ist.

Wir als Gottes auserwählte Heilige, als seine Geliebten – kurz: als seine Gemeinde – sollen uns so bekleiden und so verhalten. Und ich als Prediger dieser Gemeinde darf uns das immer wieder zusagen und in Erinnerung rufen.

Ein großer Anspruch, der hier an unser Auftreten, unser von außen sichtbares und erkennbares Verhalten, gelegt wird. Eine wirklich göttliche Zumutung, die wir hier lesen und in unserem Leben umsetzen sollen.

Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Geduld – wie oft wünsche ich mir, von all dem mehr zu haben und wie oft werden wir alle uns das wünschen oder denken.

Und wie oft werden wir uns schulterzuckend mit dem zufrieden geben, was wir in diesen Tugenden und Eigenschaften ohnehin zusammenbringen oder vermeintlich erreicht haben. Denken wir uns nicht oft: Ich bin eh so oft geduldig, jetzt kann mir einmal der Geduldsfaden reißen. Ich bin eh in der Regel so sanft, jetzt kann ich verbal ruhig einmal hinhauen. Ich bin doch ohnehin so gütig, jetzt kann ich auch einmal nur an mich denken. Uns allen werden solche Situationen einfallen und wenn wir mit uns ehrlich sind, geht es uns doch oft so, dass wir den Herausforderungen biblischer Verhaltensweisen mit dem Verweis oder der Ausrede auf unsere menschliche Unzulänglichkeit oder unser ohnehin sicherlich ausreichendes Tun begegnen.

Zumal bei der Begegnung mit diesen Versen, wo es nach der „Kleiderordnung“ ähnlich zumutend weitergeht.

„Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben!“

Und hier wird es besonders anspruchsvoll – nicht nur weil ertragen und vergeben manchmal furchtbar schwer ist, sondern weil hier Jesus selber als Orientierungspunkt genommen wird. Als der, an dem wir uns ausrichten sollen – nämlich nicht abstrakt, sondern ganz konkret in diesen Verhaltensweisen. In der Demut, in der Güte, im Erbarmen, in der Vergebung.

Die Nachfolge Christi, die „Imitatio“, wird hier ganz handfest, ganz anschaulich – und damit ganz schön schwierig.

Und gerade dann, wenn wir an dieser Herausforderung, an diesen Anforderungen verzweifeln mögen, wird die „Kleiderordnung“ um ihren zentralen Inhalt, ihren Kern ergänzt.

„Über all dem aber vergesst die Liebe nicht: Darin besteht das Band der Vollkommenheit.“

All die Demut, Sanftmut und Güte, all das Erbarmen und die Vergebung erhalten erst von der Liebe her gedacht und verstanden ihren tieferen Sinn.

Sie sind Akte und Taten und Haltungen unserer Liebe. Als Gemeinde untereinander, als Zeichen und Ausdrücke unserer Verbundenheit. Als Menschen gegenüber Anderen, als eine von außen erkennbare Kleidung und ein an uns sichtbares Verhalten. Als Gesten unserer Dankbarkeit gegenüber Gott.

Aber mehr noch als das ist jedes Bemühen, nach diesen hohen Anforderungen christlicher Ethik zu leben, von der Liebe Gottes her zu betrachten.

Von der Liebe des Schöpfergottes, der uns geschaffen hat und noch erhält, unser Leben lenkt, regiert und Anfang, Ziel und Mitte dieses Lebens ist.

Von der Liebe des Sohnes, dessen Vergebung uns zugesprochen und verheißen ist – die wir in jedem Gottesdienst, besonders bei der Feier des Abendmahls, erfahren und erleben, uns zusagen lassen und weitersagen dürfen (das ist kein pfarrerliches Privileg, sondern Aufgabe aller Christinnen und Christen).

Von der Liebe des Heiligen Geistes, der uns zu seiner Kirche zusammenschließt und in unseren Herzen das Feuer des Glaubens entzündet, das erst solches christliche Verhalten ermöglicht.

Diese Liebe, die wir erfahren und aus der wir leben dürfen, ist es, die aus all diesen Haltungen und Taten, den gesagten und ungesagten Worten, erst christliches Agieren macht. Ohne sie wären all das edle humanistische Wertvorstellungen – sicherlich theoretisch mehrheitsfähig, aber halt auch ziemlich unkonkret und abstrakt.

Von der Liebe her betrachtet, von ihr als höchstem Gut, da spiegelt sich darin wirklich christliches Leben und Handeln. Das Leben in einer idealen christlichen Gemeinde.

„Leben als Gemeinde“ – so ist dieser Abschnitt in der Zürcher Bibel überschrieben. Und das – wiewohl die Überschriften sekundär sind – drückt das aus, worum es hier geht. Das ist der Grund, warum ich heute, an einem Fest der Gemeinde, mit diesen so schönen wie herausfordernden und zumutenden Versen daherkomme.

Weil hier geschildert wird, wie wir als Christinnen und Christen in der Gemeinschaft, das heißt in der Gemeinde, leben sollen.

In einer Gemeinschaft der Demut, der Güte, des Erbarmens, der Vergebung, auch des Ertragens (!) – vor allem aber: der Liebe. Zueinander und zu Gott.

Eine solche Gemeinschaft ist der Ort, an dem der Friede wohnt. Ist ein Ort, ist eine Gruppe, in der der Friede Christi, den nur die Liebe Gottes wirken kann, wirklich eine Heimat findet. Wirklich gelebt werden kann. Wirklich in den Herzen regiert – wie es heißt.

Was für eine wunderschöne Vorstellung! Ideal? Warum eigentlich? Utopie? Warum nicht Realität?

Geht das einfach, das alles umzusetzen, ganz ohne Anstrengung, ohne Beschwerlichkeiten? Sicher nicht.

Aber traut Gott uns das zu – auf diese Art als Gemeinde zu leben? – Ganz gewiss, sonst würden wir es nicht in seinem Wort lesen.

Und wir; wollen wir so Gemeinde sein, wie es hier verkündigt wird? – Ich hoffe, dass das so ist. Das wir uns das immer wieder vornehmen, uns immer wieder auch daran messen lassen, ob es wirklich die Liebe ist, die bei uns regiert, die uns zusammenhält und befähigt, die der Kern und die Grundlage unseres Leben uns Handelns als Gemeinde wie als Einzelne ist.

Was hier formuliert wird, ist eine Art Grundsatzerklärung eines wirklich christlichen Gemeindelebens. Und die Liebe ist eben der wirkliche Grundstein, das tragende und ertragende Fundament, auf dem alles Andere aufbaut und von dem her es verstanden und lebbar wird.

Weil es Liebe ist, die uns hilft, geduldig zu sein, sanftmütig, gütig. Weil es Liebe ist, die uns vergeben lässt, und manchmal auch Dinge ertragen, die uns eigentlich stören und gegen den Strich gehen.

Eine Liebe, die nicht in unserer eigenen Perfektion liegt, die sich nicht daraus speist, das wir als Individuen all derartige Idealmenschen sind.

Sondern die in Gottes Wirken, in Gottes Handeln in Jesus Christus begründet liegt.

„Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ – wie es in Johannes 3,16 heißt.

Aus dieser Liebe leben wir, sie stärkt uns und befähigt uns erst, bei allen menschlichen Schwächen die wir haben, wirklich christlich und als Gemeinde zu leben. Dem Ideal, das hier gezeichnet wird, wirklich zu entsprechen.

Diese Liebe ist das „Band der Vollkommenheit“ die uns mit Gott und miteinander verbindet, wenn wir sie nur unter uns wirken lassen.

Neben dieser Liebe sind wir hier in diesem Wort noch zu einem zweiten aufgerufen. Etwas, das ich als Haltung und Handlung gegenüber Gott gar nicht oft genug betonen kann – und ihr habt es im vergangenen Jahr schon oft gehört.

Die Dankbarkeit.

„Und dafür sollt ihr dankbar sein“ – heißt es, und das umfasst all das Gute, das Gott wirkt – an uns, an seiner Gemeinde, in seiner Welt und Schöpfung.

Die Dankbarkeit für das Wort Gottes, das wir hören dürfen – nach dem wir leben und handeln dürfen, das uns Zusage, Ermutigung, Verheißung, auch Ermahnung sein kann. Das für uns zur Weisung und zur Frohen Botschaft wird. „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“ – steht auf unserer Fassade, sollte in unseren Herzen eingeschrieben sein, soll Dankbarkeit für diese große und gute Gabe Gottes wecken.

Dankbarkeit für den Frieden aus dem wir leben dürfen. Hier in dieser so harmonischen Gemeinde, aber darüber hinaus, der Friede in unseren Herzen. In unserem Umfeld und Familien und in unserem Land. Dieser Friede, der wenn er wahrhaftig sein soll, aus dem Wirken Gottes kommt – sein Werk ist, für das wir dankbar sein dürfen.

Dankbarkeit, die auch ich – ganz persönlich – heute aussprechen möchte. Dankbar gegenüber Gott, der mich an diesen Ort gestellt hat, der mich hierher gebracht hat, mich geführt und geleitet hat – dem ich, wie ich in der Ordination gesagt habe, immer meinen Weg anbefehlen darf (s. Ps 37,5).

Dankbar auch gegenüber euch, die ihr diese Gemeinde seid, oder heute diese Gottesdienstgemeinde. Die ihr euch einbringt zum Wohl der Gemeinde, zur Ehre Gottes, zum Dienst am Nächsten. Ohne die jedes Predigtamt unnütz und albern wäre – ohne Gemeinde braucht‘s keine Pfarrer.

Dankbar auch gegenüber dir, lieber Johannes, der du hier einen guten Boden bereitet hast, in treuem, langem Dienst am Wort und an der Gemeinde. Dafür darf und möchte ich dir an dieser Stelle – ganz persönlich – Danke sagen!

Liebe und Dankbarkeit. Wenn diese beiden unter uns wohnen. In unseren Herzen, in unseren Gottesdiensten, in unserem Leben, in unserem Handeln – dann können wir wirklich dieses Idealbild von Gemeinde erleben, erfüllen, ausfüllen.

Wenn wir uns immer wieder diese Dankbarkeit, diese Liebe in Erinnerung rufen und gegenwärtig halten. Und nie vergessen, wer es ist, dem wir all das zu verdanken haben. Und in wessen Namen wir feiern, leben, handeln und sein dürfen.

Wie heißt es im Predigttext: „Und alles, was ihr tut, mit Worten oder Taten, das tut im Namen des Herrn Jesus – und dankt dabei Gott, dem Vater, durch ihn.“

Möge das uns gelingen, dazu gebe Gott seinen Segen.

Und im Predigttext kam etwas vor, von dem ich jetzt noch gar nicht geredet habe, aber das für unsere Gemeinde doch so prägend ist – „singt Gott, von der Gnade erfüllt, in euren Herzen Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder!“

Darum darf ich jetzt unseren Chor bitten.

Amen

Leopold Potyka