Predig am 7. Dezember 2025 in der Erlöserkirche

 

Kanzelgruß:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Einleitung:

Liebe Gemeinde,
Wir haben soeben von Glauben und Erlösung gesungen, und doch scheinen Kriege und Krisen kein Ende zu haben. Der heutige Predigttext beschreibt eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Die Anzeichen dafür sind an Sonne, Mond und Sternen abzulesen. Für die Menschen der Antike waren das nicht nur astronomische Phänomene. Die Gestirne waren Orientierungspunkte, Wegweiser und Ordnungsmächte. Dass sie ins Wanken geraten, heißt, dass die ganze Weltordnung ins Wanken gerät. Auch heute wanken die Sterne am politischen Himmel: Es wanken Systeme, die uns vermeintliche politische Orientierung gegeben haben. Es wanken Mächte, die die Welt strukturiert haben. Jesus glaubt, das alles kommen zu sehen, und spricht eine Warnung aus:

Predigttext:

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. 31 So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.
Lukas 21,25–33

Der Zusammenbruch der alten Ordnung:

„Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen…“
Ich erlaube mir zunächst eine geopolitische Analyse der gegenwärtigen weltweiten Situation — denn wie viele Prediger und Predigerinnen vor mir sehe auch ich eine Parallele zwischen dem biblischen Text und unserer Zeit. Wenn ich den heutigen „politischen Himmel“ betrachte, erkenne ich Erschütterung und Umbruch: Das imperiale Weltbild, das amerikanische Imperium, scheint zusammenzubrechen. Siebzig Jahre lang war Amerika der Ordnungshüter, wahrscheinlich nicht der beste, aber immerhin der Garant, der Stern, an dem sich die westliche Welt orientierte. Die USA scheinen zusammenzubrechen — aber nicht durch äußere Feinde, sondern durch innere Erschöpfung, durch den Willensverlust ihrer eigenen Bürger. Amerika zieht sich zurück, müde von der Welt und nostalgisch nach sich selbst. Sieben von zehn Amerikanern glauben nicht mehr an den amerikanischen Traum. Drei von zehn sind diagnostiziert depressiv. Das Vertrauen – die Grundlage jeder imperialen Macht – ist zerbrochen. Weder Verbündete noch Gegner betrachten die USA noch als den überlegenen, rationalen Mitspieler.

In diesem Vakuum entsteht ein Gefühl von „Alle gegen Alle.“ Ohne hegemoniale Ordnung bricht eine Zeit unkontrollierter Konflikte an. Kleine Mächte wollen mittlere werden, mittlere glauben sich groß. Großmächte und Größenwahn werden Synonyme. Russland ist von seinem Geschichtsverständnis berauscht und hat sich von einer unklaren chinesischen Unterstützung abhängig gemacht. China als großer Profiteur expandiert still und schweigend seine Macht, bislang ohne Kriege. Das Vakuum, das der alte Imperialismus hinterlässt, lädt zu Chaos ein. Die Kräfte des Himmels – die Ordnungsmächte – wanken.
Und Europa? Wir scheinen mitten im Sturm den Kompass verloren zu haben. Wir haben uns siebzig Jahre lang an Amerika orientiert. Wir haben es uns in seinem Schatten bequem gemacht. Wir haben die Last der Verantwortung abgegeben – für unsere Sicherheit, für unsere Verteidigung, für die Ordnung unserer Welt. „America First“ übersetzt sich nun in „Europe alone“. Gelähmt von der Illusion der europäischen Einheit, unfähig, eigenständig zu denken, torkelnd auf dem roten Teppich der Diplomatie.

Völker in Angst:

„… auf Erden wird den Völkern bange sein“
Die Angst hat Europa erreicht. Nicht die akute Panik vor dem unmittelbaren Angriff, sondern die diffuse, hemmende Ungewissheit. In Berlin – aber auch in Wien – atmet man heute eine andere Luft. In nur drei Jahren ist ein absolutes Tabu zum Mantra geworden: „Wir müssen uns auf den Krieg vorbereiten.“ Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz sagte Ende September: „Deutschland befindet sich aktuell nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.“ Und so rüstet Deutschland auf. Massiv. 150 Milliarden Euro bis 2029. So viel kostet das Löschen jahrzehntelanger Friedensbewegung. Das Land, das vom „Wandel durch Handel“ träumte, das glaubte, durch Wirtschaftsbeziehungen Russland zur Demokratie zu bewegen, das die Bundeswehr heruntergewirtschaftet hatte, dieses Land spricht jetzt davon, „kriegstüchtig“ zu werden. Wir Österreicher sprechen das neue deutsche Mantra nach, wissen aber nicht recht, wie wir das mit Neutralität und ohne Geld bewerkstelligen können – und hoffen immer noch, dass sich die Situation von allein löst.

Europa, nicht nur Deutschland, bereitet sich auf einen Krieg vor, den es nicht führen kann und nicht führen will. Ob das eher ein Segen als ein Fluch ist, kann ich nicht abschätzen. Jedenfalls fehlt es an Infrastruktur. Das Personal fehlt. Vor allem aber fehlt der Wille. Umfragen zeigen: Nur jeder sechste Deutsche wäre bereit, sein Land im Ernstfall zu verteidigen. Man will Kanonen und Butter zugleich – Verteidigung und Sozialstaat, Sicherheit ohne Opfer. Opferwillig war bislang die Ukraine, voraussichtlich ohne Happy End. Ein Beispiel, dem wir nicht folgen wollen. Am liebsten würden wir Europäer unsere Verteidigung outsourcen, weil wir zu bequem, zu satt, zu ängstlich geworden sind.

Die Haltung der Aufrichtung:

„Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Welche Erlösung erwarten wir eigentlich? Ich war im Oktober im Libanon und habe erlebt, wie Ohnmacht und Angst den Alltag prägen, wie Hoffnung dünn geworden ist. Kriegsstimmung inmitten eines vermeintlichen Friedensabkommens, das Unmögliches abverlangt. Der Nahe Osten zeigt mir immer wieder, dass eine politische Erlösung meistens eine Chimäre ist. Was ist mit einer religiösen Erlösung? Es fällt mir schwer, an die Wiederkunft Christi zu glauben – zumindest als ein kosmisches Spektakel, als würde sich der Himmel öffnen und eine herrliche Gestalt herabfahren. Nach zweitausend Jahren sei es mir gestattet, daran zu zweifeln. Ich glaube vielmehr: Gott kommt immer wieder. Nicht dramatisch, sondern leise. Nicht als kosmischer Eingriff, sondern mitten ins Jetzt. Eine Wiederkunft auf Raten, sozusagen. Viele, kleine, alltägliche Wiederkünfte. Und ich möchte diese „zweiten Wiederkünfte“ – diese kleinen Ankünfte Gottes – als Momente der Erlösung verstehen. Erlösung ereignet sich nicht im geopolitischen Wanken am Himmel, sondern mitten in unserer Realität auf Erden. So wird die Nähe dieser Erlösung kein Vertrösten auf später, vielmehr ein Anspruch an das Hier und Jetzt.

Was heißt dann Erlösung? Streng genommen hat Erlösung nur eine einzige „Zutat“: Gott selbst – Mensch geworden. Wir können somit Momente der Erlösung nicht machen, nicht erzwingen, nicht planen. Sie sind kein ausverhandelter Friede, sondern können in eine Zusage zusammengefasst werden: Wir sind nicht allein. Gott bleibt in den Krisen bei uns. Wo die Himmelskörper wanken und uns jedes politische Orientierungslicht erlischt, da hält Gott das Licht der Hoffnung. Erlösung befreit. Sie reißt unseren Blick los vom Starrwerden vor Angst und richtet ihn neu aus. Sie weckt uns aus der Betäubung des „Es hat ja doch alles keinen Sinn“ und lässt uns ahnen: Gottes Zukunft ist nicht fern – sie greift schon jetzt in unsere Gegenwart hinein. Erlösung ist nie nur privat. Sie geschieht, wo Menschen einander tragen, trösten, stärken. Wo Verantwortung wächst, wo Gerechtigkeit Raum bekommt, wo Frieden nicht nur herbeigesehnt oder gar durch Aufrüstung gefordert wird, sondern gelebt wird – dort lässt sich etwas von dieser Erlösung erkennen.

Schluss: Advent in der Krise:

Liebe Gemeinde, wir warten auf Weihnachten. In wenigen Wochen werden wir die Geburt Christi feiern, werden Kerzen anzünden und Lieder singen. Manche von uns warten mit Freude darauf. Andere wie ich mit gemischten Gefühlen. Wieder andere mit Sorge. Vieles trübt die Erwartung. Aber: Es ist auch die Zeit, in der wir großzügiger werden. Es ist die Zeit der Bescherungen, die Zeit der schönen Geste, die Zeit des Zusammenhalts. All das, was Weihnachten mit sich bringt, all diese Momente von zweiten Wiederkünften packen wir dann spätestens im Jänner wieder ein. Die Weihnachtslichter erlöschen, die Krippen mit dem Erlöser werden geräumt, die Spenden dem Finanzamt weitergeleitet. Das, was bleibt, ist der Alltag, der kalte und trübe Februar.

Aber vielleicht ist genau das die Botschaft, ja Gottes Bitte des Advents: Weihnachten nicht zu vergessen, die Kraft der weihnachtlichen Stimmung nicht verglühen zu lassen. All diese Momente der Erlösung, diese zweiten Wiederkünfte alltäglich zu machen. Ich meine damit nicht, dass wir das ganze Jahr lang Weihnachten feiern sollten. Das wäre eine unmögliche Forderung. Wenn wir aber auf Weihnachten hin, das Haupt unserer Menschlichkeit, unserer menschlichen Würde aufrichten, dann können wir diese Haltung beibehalten. Der Advent verleugnet die Angst nicht. Er verleugnet die Krise nicht. Er sagt nicht: Alles wird gut. Der Advent weist auf die Zeit nach Weihnachten hin: Richtet euch auf, hebt euer Haupt, denn euer Erlöser ist gekommen, um mitten unter euch zu bleiben und euch beizustehen.
Amen.

Angelo Comino